Wie geht’s dem WulffPlag-Wiki?

Schlecht. Er besteht jetzt seit knapp drei Wochen, hatte sich zunächst ganz ordentlich entwickelt, scheint nun aber von internen Auseinandersetzungen dominiert zu sein.

Von den anfänglich vier Admins ist lediglich noch einer aktiv – der Gründer selbst. Zwei Admins haben ihre Mitarbeit offenbar eingestellt, dem dritten wurden vom Gründer die Rechte entzogen. Hintergrund scheinen Differenzen über die Einhaltung der selbstverordneten inhaltlichen Neutralität zu sein.

Quo vadis, Crowd?

Insbesondere gibt es Streit zwischen dem Wiki-Gründer und dem abberufenen Admin über einen ehemals von diesem betreuten Artikel über die Medienberichterstattung in der Affäre Wulff. In diesem Artikel waren zahlreiche Beispiele medienkritischer Kommentare zur Wulff-Berichterstattung von Seiten der Medien selbst gesammelt worden, wurden referiert bzw. Kernsätze daraus zitiert. Dies gefiehl dem Gründer nicht, daher ersetzte er den Artikel kurzerhand durch eine von ihm erstellte Kurzform. Zudem löschte er Diskussionsseiten, die Kritik an seinem Vorgehen enthielten.

Machtmissbrauch im Wiki

„Versachlichung durch kollektive Intelligenz“ – das war die Hoffnung, die sich mit diesem Internetprojekt nach dem Vorbild des GuttenPlag-Wiki verband. Es scheint, als hätte sich in diesem Fall eher kollektive Unintelligenz durchgesetzt. Bei der Umsetzung des Projekts wurden offenbar grundlegende „Hygiene-Regeln“ einer gedeihlichen Zusammenarbeit der Teilnehmer nicht beachtet – das Vorgehen untereinander abzustimmen, bei Unstimmigkeiten Meinungsbilder herbeizuführen, fertige Texte nicht eigenmächtig umfangreich zu ändern oder zu löschen.

Essentielle Wikiquette

Bei gemeinschaftlichen Wiki-Projekten ist es essentiell, den Mitarbeitern faire, demokratische Bedingungen zu garantieren, sonst gibt es rasch böses Blut. Man sollte stets berücksichtigen, dass die Möglichkeit einer informellen Klärung von Streitfragen im persönlichen Gespräch nicht oder allenfalls eingeschränkt (Chat) gegeben ist, und dass Differenzen unter diesem Umständen dazu tendieren, sich rasch auszuweiten und zu verschärfen. Wikipedia hat ein umfangreiches Regelwerk für den Umgang der Teilnehmer miteinander entwickelt, auch im Konfliktfall, in das jahrelange Erfahrungen eingeflossen sind. Es ist neuen Wiki-Projekten wie dem WulffPlag-Wiki unbedingt zu empfehlen, sich daran zu orientieren. Andernfalls ist die Gefahr groß, dass bald nicht kollektive Intelligenz, sondern Zank und Streit das Geschehen dominieren.

Der WulffPlag – Versachlichung durch kollektive Intelligenz?

Zur Versachlichung der Debatte um Bundespräsident Christian Wulff dürfte das Wiki-Projekt WulffPlag beitragen, das soeben gegründet wurde (offenbar am 10.01.2012). Bisher gibt es ca. 40 Benutzer, die mit Hilfe eines MediaWiki-Wikis Licht in die unübersichtliche Fakten- und Diskussionslage bringen wollen. Die Zahl der Mitwirkenden wird in den nächsten Tagen vermutlich sprunghaft ansteigen. Deren kollektive Intelligenz sollte – ähnlich wie im Fall des bereits legendären, mit dem Grimme-Preis ausgezeichneten GuttenPlag-Wiki – eine nüchterne, sachorientierte Aufklärung der Vorwürfe gegen Christian Wulff ermöglichen.

Wichtig ist, dass das Projekt um ein rationales, vorurteilsfreies und möglichst objektives Herangehen bemüht ist, eine entsprechende Kultur entwickelt und insofern ein Gegengewicht zum Skandalisierungsvorgehen der Boulevardpresse bildet. Im Interesse dieses Ziels sollten jegliche Skandalisierungs- und Emotionalisierungstendenzen vermieden werden.

Vorbild „Justitia“

In diesem Zusammenhang sei die symbolträchtige Ikonographie der Justitia im Mittelalter und in der Neuzeit in Erinnerung gerufen und der betreffende Wikipedia-Text zitiert:

„Im Mittelalter und in der Neuzeit ist das Bild der Justitia ein vollkommen anderes als im römischen Altertum: nun wird Justitia meist als Jungfrau dargestellt, die in der linken Hand eine Waage, in der Rechten das Richtschwert hält. Dies soll verdeutlichen, dass das Recht ohne Ansehen der Person (Augenbinde), nach sorgfältiger Abwägung der Sachlage (Waage) gesprochen und schließlich mit der nötigen Härte (Richtschwert) durchgesetzt wird.

Seit Ende des 15. Jahrhunderts wird die Justitia aus Spott über die Blindheit der Justiz zuweilen mit einer Augenbinde dargestellt; um 1520 wandelt sich die Interpretation der Binde: sie wird nunmehr als Symbol für die Unparteilichkeit, also das Richten ohne Ansehen der Person gesehen, und wird zum stehenden Attribut der Justitia.

Die Waage der neuzeitlichen Justitia ist die Waage des Richters, mit deren Hilfe Für und Wider gegeneinander abgewogen wird, und deren Rolle letztlich der Rolle der Waage im ägyptischen Totengericht entspricht; entsprechend dem Grundsatz In dubio pro reo („im Zweifel für den Angeklagten“) steht der Waagbalken – anders als in römischen Darstellungen – oft schräg. In älteren Darstellungen trägt die Göttin des Rechtsfriedens anstatt des Schwertes einen Ölzweig als Symbol des Friedens.

Causa Wulff: Kesseltreiben und/oder präsidiales Versagen? – Interessante Stellungnahmen

  • Dossier „Bundespräsident Wulff: Sein Credo ist Ehrlichkeit“Cicero – Magazin für Politische Kultur
    • „Mit dem Leitspruch „Ehrlich, mutig, klar“ stieg er auf, jetzt droht er an seinen eigenen Maßstäben zu fallen: Bundespräsident Christian Wulff, der Privatkredit und seine Unternehmerfreunde“
  • Kommunikationsberater: „Kai Diekmann spielt Gott“W&V, 05.01.2012
    • „‘Kai Diekmann spielt Gott.’ Diesen Vorwurf macht Kommunikationsberater Hasso Mansfeld dem Bild-Chefredakteur im Umgang mit der Affäre Christian Wulff. Diekmann wolle mit der ‘Kampagne gegen Wulff‘ der Republik beweisen, dass man Politik ohne Bild nicht betreiben könne. ‘Medien sind die vierte Macht im Staat und haben damit eine sehr wichtige Aufgabe. Sie sollen aber nicht selbst Politik machen – wie es Kai Diekmann mit der Bild gerade macht’, kritisiert Mansfeld.“

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Kommentar MW:  Er macht Politik mittels einer gezielt inszenierten Skandalisierungskampagne der Affäre Wulff.

Skandalisierung bedeutet immer gezieltes Schüren von Empörung („Aufhetzen“) durch

  • emotionalisierte und dramatisierende Berichterstattung,
  • selektive, verkürzende und verzerrende Darstellung von Sachverhalten und Fakten,
  • Vorenthalten vollständiger Informationen (Halbwahrheiten),
  • Aufbauschen und Überspitzen von Negativaspekten,
  • Polemisierung und Entrüstungsrhetorik,
  • jeglichen Verzicht auf eine faire, ausgewogene oder gar wohlwollende Betrachtung
  • sowie auf Beachtung des Verhältnismäßigkeitsaspekts bei den vorgenommenen Bewertungen.

Stattdessen…

  • die genüssliche Verwendung von Häme, Spott, Schadenfreude
  • und zahlreicher weiterer Spielarten von Entwertung der skandalisierten Person, ihrer Eigenschaften und Handlungen.

Kurzum:

  • Gerechtfertigt scheinbar durch ein Fehlverhalten der skandalisierten Person wird ein höchst boshafter kommunikativer Prozess in Gang gesetzt mit dem Ziel, der Person Schaden zuzufügen bzw. sie zu Fall zu bringen, und gleichzeitig die Aggressionslust des Massenpublikums zu bedienen, das für Derartiges nur allzu empfänglich ist.
  • Auf der Strecke bleiben unsere besseren Eigenschaften: Sachlichkeit; Fairness; Fehlerfreundlichkeit; der Grundsatz „in dubio pro reo“; Ausgewogenheit, Wohlwollen, eventuell Milde im Urteil.

Fazit: Skandalisierung im beschriebenen Sinn bedeutet Kulturverlust und Primitivierung. Sie lässt Niedertracht gerechtfertigt erscheinen und macht sie auf diese Weise salonfähig.

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  • „Diekmanns Anmaßung – Der Feldzug der ‘Bild’ passt ins Bild der eitlen Medien“ – Kommentar von Ulrich Schultetaz, 07.01.2012
  • „Denn sie wissen nicht, was sie tun“Martin Eiermann über psychodynamische Hintergründe des Medienumgangs mit der Wulff-Affäre – The European, 08.01.2012
    • Christian Wulff steht vor einer medialen Phalanx. Es zeigt sich: Wenn’s hart auf hart kommt, haben harte Kerle immer noch bessere Karten als der nette Präsident von nebenan. (…) Nettigkeit schafft es höchstens ins kollektive Kurzzeitgedächtnis der Nation. Und nicht nur das Volk liebt seine kampf- und gelgestählten Helden, auch die Medien tun es. (…) Wer sich als Präsident von nebenan präsentiert, bekommt spätestens in der Krise die Quittung dafür – dann hat auch die Liebe der Medien schnell ein Ende. Dann kommt es eben doch wieder auf Beißer-Qualitäten an, und auf den Willen der Medien, dieses Beißer-Image auch zu replizieren und dem Helden zur rechten Zeit zur Seite zu springen. Sp – ätestens seit dem Showdown zwischen Wulff und Axel Springer dürfte dieser Wille gen null tendieren. Übrig bleibt als Bodensatz allein das Bild des tragischen Verlierers.“
  • „Bellevue ist keine Lehranstalt zur Charakterformung“Jan-Eric Peters (Chefredakteur der „Welt“) beschreibt den auf Wunsch des Bundespräsidenten zustandegekommenen Besuch des „Welt“-Reporters Uwe Müller im Schloss Bellevue am 25.06.2011 zu einem Hintergrundgespräch über eine geplante Veröffentlichung über die Familie von Christian WulffWelt, 08.01.2012
  • „Causa Wulff – was PR-Profis dazu sagen“PR-Journal, 09.01.2012
  • „Am Tropf von BILD“Michael Spreng über das „sich täglich neu selbst anschiebende Medienkarussell“, die bislang fehlende „kritische Aufarbeitung der Rolle von BILD“ und das „Versagen des kritischen Medienjournalismus“ im Fall Wulff – Sprengsatz, 09.01.2012
  • „Vom Glück, ‘Bild’ zu sein“Stefan Niggemeier über die trickreiche Rolle der „Bild“-Zeitung bei der Skandalinszenierung – Blog Stefan Niggemeier, 09.01.2012
    • „Ich frage mich, ob man als „Bild“-Zeitung-Macher manchmal darunter leidet, dass man es zu leicht hat. Man kann heute alle Register eines unseriösen Schmuddelblattes ziehen, und sich morgen wieder als seriöse Zeitung geben. Man hat die Wahl, Dinge zu veröffentlichen, Dinge nicht zu veröffentlichen und Dinge zu veröffentlichen, ohne sie zu veröffentlichen. Man kann es mit der Wahrheit ganz genau nehmen oder schon das Konzept „Wahrheit“ an sich als eine Erfindung von Korinthenkackern abtun. Man muss niemandem Rechenschaft ablegen oder tut es einfach nicht. Und keine Sekunde muss man sich um sein dummes Geschwätz von gestern kümmern.“
  • „Wider die Maßlosigkeit“Heribert Prantl über den Verlust des Maßes bei Präsident und Presse, Süddeutsche Zeitung, 09.01.2012
    • „So gnädig Christian Wulff in der Kreditaffäre zu sich selbst ist, so gnadenlos sind die Medien im Umgang mit dem Bundespräsidenten. Dabei wiederholen sich die Kritiker und verbreiten teils blühenden Unsinn. Gefährlich wird es, wenn aus dem Streit eine Machtprobe zwischen Presse und Bundespräsident wird.“
  • „WulffPlag“ stochert im Nebel – „Im Internet wollen sich User jetzt einen eigenen Reim auf die Affäre machen.“ – RP online, 10.01.2012
    • Ausschnitt: „Inzwischen beschäftigen sich auch die Medien mit ihrem Vorgehen in Sachen Wulff. Der Bundesvorsitzende des Deutschen Journalisten-Verbandes (DJV), Michael Konken, sieht die „dominante Medienberichterstattung“ inzwischen kritisch. Diese sei vielleicht auch etwas übers Ziel hinausgeschossen, sagte er Deutschlandradio Kultur. Kampagnen-Journalismus sehe er im Moment zwar noch nicht, aber man müsse aufpassen, dass es nicht dazu komme, meinte Konken. Konkret sprach er die „Bild“-Zeitung an. Diese versuche vielleicht, die „seriösen Medien“ für sich zu benutzen, um „die Botschaft zu platzieren: Dieser Bundespräsident ist nicht mehr haltbar“.
  • Wulff schickte WeihnachtspostFelix Dachselüber detaillierte Fragen der taz an Bild und noch detailliertere Antworten – 25.01.2012
    • „Welche Rolle spielt Bild-Chef Kai Diekmann in der Mailbox-Affäre? Die taz hat nachgehakt. Die ‘Bild’ antwortet mit einer Flut aus Details. Im Anhang: die vollständige Dokumentation.“
  • LBBW-Prüfungsausschuss: Kreditvergabe an Herrn Wulff erfolgte regelkonform- Presseinformation der Landesbank Baden-Württemberg, 26.01.2012
    • „Als Ergebnis der internen Prüfung wurde vom Prüfungsausschuss in der heutigen Sitzung festgehalten, dass die Kreditvergabe gemäß den internen und banküblichen Regelungen erfolgte; ein Fehlverhalten in der Bank wurde nicht festgestellt.“

Causa Wulff: Kesseltreiben und/oder präsidiales Versagen? – Basics

Skandal (aus: Wikipedia)

Ein Skandal bezeichnet ein Aufsehen erregendes Ärgernis und die damit zusammenhängenden Ereignisse oder Verhaltensweisen. Das Wort ist im Deutschen seit dem Ende des 16. Jahrhunderts belegt. Es wurde aus dem gleichbedeutenden französischen scandale entlehnt, das auf das kirchenlateinische scandalum zurückgeht, dieses wiederum auf das griechische skandalon „Fallstrick, Anstoß, Ärgernis“.[1] Das abgeleitete Adjektiv skandalös mit der Bedeutung „ärgerniserregend, anstößig“ sowie „unerhört, unglaublich“ findet sich seit Anfang des 18. Jahrhunderts.[2]

Skandal wird häufig synonym zum Begriff Affäre verwendet. Affäre bezeichnet – neben der Liebesaffäre – heute vor allem als skandalös beurteilte Angelegenheit in Politik und Wirtschaft.[3] Der Begriff des Skandals kann demgegenüber ein breiteres Spektrum der öffentlichen Wahrnehmung ansprechen, beispielsweise auch einen Skandal innerhalb der Kunst.

Skandal und Gesellschaft 

Bei einem Skandal handelt es sich um eine (allgemeine) Entrüstung oder Empörung im Sinne eines moralischen Gefühls. Zu wissen, worüber sich eine Gesellschaft empört, lässt ablesen, wo und wie die überschrittenen Grenzen liegen. Insofern lassen sich über Skandale Rückschlüsse auf die jeweiligen Norm- und Wertvorstellungen bzw. Konventionen einer Gesellschaft ziehen.

Ein Vorgang, der in einem bestimmten Region oder einer bestimmten Gesellschaft einen Skandal hervorruft, muss dies nicht zwangsläufig auch in einer anderen bewirken. Was früher einen Skandal hervorgerufen hat, muss heute nicht wieder zu einem führen. Ein häufig genanntes Beispiel in diesem Zusammenhang ist der damalige „Skandal“ um den Film Die Sünderin in der Bundesrepublik Deutschland der frühen 1950er-Jahre. Die beiden schwedischen Skandalfilme Das Schweigen und 491 riefen in den 1960er die „Aktion Saubere Leinwand“ auf den Plan und erlangten so kulturhistorische Bedeutung.

Skandal und Medien 

In der Regel bedingt ein Skandal eine allgemeine gesellschaftliche Aufmerksamkeit, die heute überwiegend durch die Massenmedien erreicht wird. Bei der Aufdeckung von Skandalen und Vorgängen wie Korruption, Bestechung und persönlicher Vorteilsnahme von Amtsträgern in Politik und Wirtschaft spielen Medien und Journalismus, insbesondere als Investigativer Journalismus, eine bedeutende Rolle. Nicht zuletzt hieraus leitet sich die Rolle von Medien und Presse als Korrektiv und sogenannte „Vierte Gewalt“ ab.[4]

Da Medien und Presse auch an hohen Zuschauer-, Hörer- und Leserzahlen interessiert sind, kann es dazu kommen, dass einzelne Vorgänge über ihre Bedeutung hinaus „skandalisiert“ werden. Wo die Grenze zwischen „legitimer Empörung“ und „künstlicher Aufgeregtheit“ liegt, ist vom Betrachter und dessen sozialen, religiösen und politischen Hintergrund abhängig.

Skandalisierung geht oft einher mit Kommerzialisierung, Boulevardisierung bzw. Entertainisierung von Medieninhalten (siehe auch „Popkultur„).

Ablauf 

Medienskandale beruhen auf einem tatsächlichen oder vermuteten Missstand. Sie verlaufen meist ähnlich:

  • In der Latenzphase wird ein Missstand bekannt; die Anzahl der Medienberichte zum Thema nimmt schlagartig zu. Die Protagonisten des Skandals werden vorgestellt. Die Phase endet mit einem
  • Schlüsselereignis. Dieses führt dazu, dass der Konflikt zu einem Skandal eskaliert. In der darauf folgenden Aufschwungphase werden weitere Fakten bekannt, die in eine Verbindung zum ersten Missstand gesetzt werden. Ist diese Ausweitung geglückt, beginnt die
  • Etablierungsphase. In dieser Phase erreicht der Skandal den Höhepunkt. Nun wird über die Schuld oder Unschuld der Protagonisten gerichtet; Konsequenzen werden gefordert. Zu Beginn der Abschwungphase knickt die skandalierte Person oder Organisation unter dem öffentlichen Druck ein und zieht Konsequenzen aus den Vorkommnissen (z.B. Rücktritt)
  • In der medialen Wahrnehmung ist der Konflikt damit gelöst. Die Intensität der Berichterstattung nimmt schnell ab.
  • In der Rehabilitationsphase wird die Ordnung des Gesellschaftssystems wieder hergestellt. Die Medien berichten nur noch vereinzelt. Mit den fünf Phasen entspricht der Aufbau eines Medienskandals weitgehend demjenigen eines antiken Dramas.[5]

Literatur

  • Jens Bergmann/Bernhard Pörksen (Hg.),“Skandal! – Die Macht öffentlicher Empörung„, Köln: Halem Verlag 2009
  • Frank Bösch: Öffentliche Geheimnisse. Skandale, Politik und Medien in Deutschland und Großbritannien 1880-1914, München: Oldenbourg 2009.
  • Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland (Hg.), Skandale in Deutschland nach 1945, Bielefeld 2007.
  • Steffen Burkhardt, Medienskandale. Zur moralischen Sprengkraft öffentlicher Diskurse, Köln 2006.
  • Rolf Ebbighausen/Sighard Neckel (Hg.), Anatomie des politischen Skandals, Frankfurt a.M. 1989.
  • Stefan Volk: Skandalfilme – Cineastische Aufreger gestern und heute, Marburg: Schüren Verlag 2011.
  • Marc Polednik und Karin Rieppel: Gefallene Sterne – Aufstieg und Absturz in der Medienwelt, Klett-Cotta, Stuttgart 2011

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2011 in review

Die WordPress.com Statistikelfen fertigten einen Jahresbericht dieses Blogs für das Jahr 2011 an.

Hier ist eine Zusammenfassung:

The concert hall at the Sydney Opera House holds 2,700 people. This blog was viewed about 23.000 times in 2011. If it were a concert at Sydney Opera House, it would take about 9 sold-out performances for that many people to see it.

Klicke hier um den vollständigen Bericht zu sehen.

Presseschau: …und täglich grüßt die Eurokrise (4)

Aus der Presseschau des Handelsblatt-Newsletters „Finance Today“:

Merkozys Euro-Selbstmord-Pakt

Zum Jahresende ist und bleibt die zentrale Frage der internationalen Medien: Hat Europa noch eine Zukunft? Die » Japan Times gibt den Ökonomen Rückendeckung, deren Einschätzung nach das beim Brüsseler EU-Gipfel unter Federführung von „Merkozy“ geschnürte Fiskalpaket komme einem Selbstmord-Pakt gleich. Es ziele darauf ab, selbstauferlegte Sparsamkeit als Heilmittel einzusetzen, um Schulden abzutragen. Europa riskiere, in einen „teuflischen Kreislauf“ hineingezogen zu werden – trotz Sparmaßnahmen. Im » Handelsblatt blickt Stefan Homburg, Finanzprofessor an der Uni Hannover, pessimistisch in die Zukunft: „Sicher ist: Meine Beerdigungskosten werden nicht in Euro bezahlt werden. Die Eurozone hat keine Zukunft.“ Doch die Krise könne sich gut und gern noch einige Jahre hinziehen.

Europa sei gerade wieder angekommen, wo seine Irrfahrt begonnen habe, stellt die » Wirtschaftswoche fest: in Maastricht. Alle neuen Regeln seien im Gründungspakt zum Euro 1992 schon vorgesehen gewesen. Doch jetzt teile sich die Euro-Zone wieder still und heimlich in nationale Währungsräume auf. „Deutsche Beiträge werden nur in deutschen Vermögenswerten angelegt, spanische nur in Spanien.“ Die Politik verstärke die Desintegration.

Euro-Blues zum Jahres-Finale

Die internationalen Wirtschaftsmedien bilanzieren das Euro-Krisenjahr 2011 und blicken voraus – und überbieten sich dabei im Pessimismus. Wieder mal hätten Europas Führer beim Lösen der Eurokrise versagt, lamentiert der britische » Economist.

Politische statt persönliche Gründe

Jürgen Stark, Chefvolkswirt der Europäischen Zentralbank, tritt zum Jahresende zurück. Warum eigentlich? Zunächst hieß es: „persönliche Gründe“. In der » Wirtschaftswoche korrigiert sich Stark: „Ich bin nicht zufrieden damit, wie sich diese Währungsunion entwickelt hat.“ Konkreter: Der ungebremste Kauf von Staatsanleihen durch die Währungshüter sei keine Lösung. Weitere Links: » Financial Times » Handelsblatt

Der Griechen-Retter

Horst Reichenbach, Leiter der Task-Force der EU-Kommission für Griechenland, will mit rund 25 Mitarbeitern in Brüssel und einem guten Dutzend in Athen dem Land helfen, die notwendigen Reformen durchzuführen und die brachliegende Wirtschaft anzukurbeln. Reichenbach ist freundlich und zurückhaltend – es sei denn, jemand nennt ihn „Gauleiter“ » Zeit.

Und täglich grüßt die Eurokrise (3)

Aus der Presseschau des Handelsblatt-Newsletters „Finance Today“:

Euro-Blues zum Jahres-Finale

Die internationalen Wirtschaftsmedien bilanzieren das Euro-Krisenjahr 2011 und blicken voraus – und überbieten sich dabei im Pessimismus. Wieder mal hätten Europas Führer beim Lösen der Eurokrise versagt, lamentiert der britische » Economist. Früher oder später werde der Euro nicht mehr zu retten sein. Der jüngste Gipfel drohe, die Natur der EU zu verändern – nicht zum Guten. Eine EU ohne Großbritannien werde provinzieller und weniger liberal sein, glaubt das Blatt. Nein, mehr Europa sei nicht per se die Lösung, meint die britische » Financial Times. Die erweiterte EU habe sich in eine perverse Richtung bewegt. Seine regierenden Geister kombinierten einen Hang zur Mikro- und Industriepolitik, die mit deflationärer Makropolitik Jobs zerstöre. Die zentralisierte Wirtschafts- und Finanzpolitik werde die Unausgewogenheiten in Europa nicht korrigieren, meint » Bloomberg.Das zugrundeliegende Problem schwachen Wirtschaftswachstums in der Eurozone wird nicht gelöst und könnte sich durch jahrelange Sparmaßnahmen verschlimmern.“ Einen klaren Krisengewinner sieht das » Wall Street Journal: In den USA und Europa gewinne die Regierung das Krisenspiel, mit höheren Steuern, mehr Regierungsmacht und ganz neuen Institutionen. » Businessweek erinnert: Ein Zusammenbruch der Eurozone werde dazu führen, dass Deutschland seine 495-Milliarden-Euro-Forderung verlieren werde – diese Zahl sei selbst bei der Bundesbank nur mit Mühe zu finden. Deutschlands Dilemma: Gutes Geld schlechtem Geld hinterherwerfen, um den Schuldner flüssig zu halten – oder den Stöpsel zu ziehen und die Konsequenzen zu tragen?

Verträge verwässert

Was wird aus dem zwischenstaatlichen Vertrag über eine Fiskalunion in Europa? Laut » Financial Times Deutschland soll die Vereinbarung verwässert werden. In den EU-Institutionen wolle niemand eine Klage Großbritanniens riskieren. Ergo werde es statt verbindlicher Vorschriften in einigen Punkten nicht viel mehr als Selbstverpflichtungen geben.

In Syrien militärisch intervenieren?

Eine aufschlussreiche Analyse zur Frage einer militärischen Intervention in Syrien veröffentlicht heute  STRATFOR Global Intelligence (Homepage) über den wöchentlichen Newsletter: The Syria Crisis: Assessing Foreign Intervention.

EU-Gipfel: Zum Erfolg verdammt (für Minimalisten)

Kurzkommentare zum Handelsblatt-Newsletter „Finance Today“ (08.12.2011):

EU-Gipfel: Ausweg oder „Mission Impossible“?

Angela Merkel will auf dem heute beginnenden Brüssler EU-Gipfel auf eine Durchsetzung der deutsch-französischen Vorschläge zur Euro-Rettung pochen. In Brüssel werde sie „keine faulen Kompromisse“ eingehen (» HB » FT ). Mit dem undiplomatischen Ton beweise Berlin diplomatisches Geschick, lobt die » Börsen-Zeitung. Dies sei zwar riskant, aber es wäre noch riskanter, sich wie üblich kompromissbereit zu zeigen und sich auf geschickte Schachzüge in der EU-Gipfelnacht zu verlassen.“

Wie wäre es mit sachlicher Vernunft:  freundlich, aber bestimmt; an der Sache orientierte Überzeugungsarbeit. Arroganz und Kraftmeierei verärgern die Verhandlungspartner und erzeugen emotionale Widerstände, die zu rationalen Einwänden hinzukommen. Die Gegenposition wird so unnötig verfestigt.

„Die Operation Euro-Rettung könnte gründlich schief gehen, wenn die Regierungen versuchen sollten, am eigenen Volk oder ihren parlamentarischen Vertretungen vorbei etwas zu beschließen, kommentiert das » Handelsblatt. Dann werde aus der Mission, die sich Merkel und Nicolas Sarkozy vorgenommen haben, eine „Mission Impossible“.

Im » Spiegel warnt Wolfgang Münchau vor dem deutsch-französischen Vorschlag, europaweit eine Schuldenbremse nach deutschem Modell einzuführen. Ökonomisch drohe eine Abwärtsspirale.“

    • Merkels und Sarkozys Rettungsplan - Es wird ungemütlich in Europa Wolfgang Münchau - Spiegel, 07.12.2011
      • „Der deutsch-französische Rettungsplan ist nicht die Lösung, im Gegenteil: Er droht Europa zu spalten. Die geplanten Vertragsänderungen lassen sich nur mit rechtlichen Tricks durchsetzen. Noch gefährlicher sind die ökonomischen Konsequenzen – denn die Strategie basiert auf einer Fehldiagnose.“

„Auch die britische » Financial Times ist gegen den „Merkozy“-Plan. Ein nachhaltiger Plan könne nicht nur auf Sparmaßnahmen beruhen, sondern müsse auch die Ungleichgewichte der Eurozone angehen.

Das » Wall Street Journal sieht den britischen Premier David Cameron in der Pflicht, endlich staatsmännisches Verhalten zu beweisen. 

Bild macht einmal mehr Front gegen die Griechen, deren Kapitalflucht absurde Züge annehme. 18 arbeitslose Griechen hätten jetzt jeweils mehr als eine Million Euro ins Ausland überwiesen, die Herkunft des Geldes sei unklar.“

Dazu auch: „Neue Studie - OECD hält Griechenland für völlig reformunfähig“ - Spiegel, 08.12.2011

„Beamte, die nicht miteinander sprechen, Ausgabenpläne nach Gutdünken, fehlende Datenbanken - zwei Jahre nach Beginn der Griechen-Krise bescheinigt die OECD dem Regierungsapparat komplettes Versagen. Laut OECD fehlt jede Form von Kontrolle, die Experten drängen nun auf eine ‘Big-Bang-Reform’.“

Cooler Notengeber auf heißem Stuhl

„Moritz Kraemer, Europa-Chef der US-Ragingagentur Standard & Poor’s (S&P), kennt den öffentlichen Druck, dem er aktuell wegen der Androhung, Ländern und großen Banken die höchste Bonitätsnote „AAA“ zu entziehen, ausgesetzt ist. Seit zehn Jahren arbeitet er laut » Capital für S&P, davor war er für die Interamerikanische Entwicklungsbank in Washington tätig. Der Ökonom trete bestimmt und freundlich auf, wirke aber in der Sache und im Urteil hart.“

Nachdem ich anfänglich dachte, „was erlauben die sich“, ziehe ich inzwischen den Hut vor Herrn Kraemer. Man kann unsere Brüsseler Verhandlungskünstler, ob sie dort nun als Bulldogge oder als Miss Piggy auftreten, gar nicht genug unter Druck setzen, damit sie sich zusammenraufen und zu einem Ergebnis kommen, das „die Finanzmärkte“ überzeugt. Es wäre sinnlos und gefährlich, vor dieser fatalen Abhängigkeit die Augen zu verschließen. Schlimm genug, dass man blind war, als man sich  in diese Lage begeben hat.

Bravo, Ministerin Fornero!

Die tapfere italienische Sozialministerin Elsa Fornero hat meinen tiefgehenden Respekt. Bei der Vorstellung des Sparpakets der Regierung Monti brach sie in Tränen aus, als sie die psychologische Situation der italienischen Rentner schildern wollte, die nun weitere Opfer bringen müssen. Die „Rheinische Post“ beschreibt den Hintergrund:

Am ärgsten trifft aber voraussichtlich viele Italiener die Rentenreform. Das Eintrittsalter soll um mehrere Jahre angehoben werden. Ab 2014 können die Italiener erst mit 66 in den Ruhestand. Es ist der Bereich, für den die neue Sozialministerin zuständig ist. Als aber Elsa Fornero auch noch verkünden soll, dass die meisten Renten in Zukunft nicht mehr an die Inflation gekoppelt sind und damit faktisch sinken werden, versagt ihr die Stimme.

„Die finanzielle Situation unseres Landes ist ernst. Keine Reform bringt im Jahr ihrer Einführung große Ersparnisse, das ist ein sehr langer Prozess. Deshalb müssen wir, und das hat uns viel Überwindung gekostet, Opfer verlangen…“ – dann bricht Fornero ab und beginnt zu weinen.“

Es ist allerdings zum Heulen, wenn man an die vielen „kleinen Leute“ in den überschuldeten Staaten denkt, die an der Krise absolut unschuldig sind, von den bisherigen Verhältnissen keineswegs profitiert haben, aber jetzt Opfer der harten Sparprogramme werden.

Krisenherd Iran: eine Recherche

Ganz offensichtlich spitzt sich der Konflikt zwischen Israel und den westlich orientierten Staaten einerseits und dem nach Atomwaffen strebenden Iran andererseits zu. Auslöser der gegenwärtigen Eskalation war der offizielle Lagebericht der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) vom 08.11.2011 zur Frage, ob der Iran an der Entwicklung von Atomwaffen arbeitet, und wie weit er damit ggf. inzwischen vorangekommen ist. In dem Report werden zahlreiche Hinweise aufgeführt, nach denen Teheran zumindest bis 2010 versuchte, Nuklearwaffen zu entwickeln. Dies würde eine Verletzung des Vertrags zur Nichtverbreitung von Kernwaffen bedeuten. 10 Tage später verabschiedete der Board of Govorners der IAEA  eine Resolution, mit der die iranische Regierung aufgefordert wird, alle offenen Fragen zu seinem Atomprogramm „unverzüglich und vollständig“ aufzuklären.

Im März 2012 soll dem Board of Governors der IAEA erneut berichtet werden, wie weit man mit der Umsetzung dieser Resolution gekommen ist, ob der Iran also kooperiert und den erforderlichen Kontrollen durch IAEA-Inspekteure zustimmt oder nicht. Dies dürfte dann das nächste entscheidende Datum auf einem Weg sein, der im schlimmsten, aber nicht unrealistischen Fall zu einem sehr ernsthaften, den Weltfrieden bedrohenden Konflikt führen kann.

Da Israel jedoch nur noch ein Zeitfenster von etwa einem halben bis einem Jahr sieht, um zu verhindern, dass der Iran über Atomwaffen verfügt, begann Mitte November von dieser Seite ein gewaltiges Säbelrasseln. Wie schon bei früheren Gelegenheiten drohte Israel, die iranischen Atomanlagen – notfalls im Alleingang – mittels Bomben und Raketen zu zerstören, was einen Krieg im Nahen Osten mit unabsehbaren Folgen bedeuten würde. Selbstverständlich fürchtet der Westen dieses Szenario und verschärfte stattdessen seine Sanktionen gegen den Iran. Die Folge war die gewaltsame Erstürmung der britischen Botschaft in Teheran durch regierungstreue, besser regierungsgesteuerte iranische Demonstranten vor einigen Tagen. Daraufhin gab es einen engen Schulterschluss der EU-Staaten und anderer westlicher Staaten mit Großbritannien und abermals verschärfte Sanktionen.

Da ich die Lage im Iran bisher nur oberflächlich verfolgt habe, fragte ich mich, wie ich mich relativ rasch tiefergehend über den Konflikt informieren kann. Mir war daran gelegen, nicht nur journalistisch aufbereitete Presseartikel zu finden, z.B. via Google News oder auf den einschlägigen Themenseiten von Spiegel, Zeit etc., sondern auch Studien, Analysen und Kommentare von Experten.

In diesem Artikel las ich von einem Iran-Experten bei der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP – finanziert vom Bundeskanzleramt), Walter Posch. Auf dessen Webseite fanden sich einige Artikel, die mir interessant und und auch aktuell genug schienen (s.u.). Auf der SWP-Webseite entdeckte ich zudem den Link zu IREON – einem Fachportal für Internationale Beziehungen und Länderkunde („Ihr zentraler Rechercheeinstieg für wissenschaftliche Literatur“) mit einer Suchfunktion in mehreren einschlägigen Datenbanken. Dort gab ich „Iran“ ein, Erscheinungsjahr „2011″ und aktivierte das Kästchen „Suche nur nach Volltexten“. Das Ergebnis waren 82 Treffer. Einige davon sind unten aufgeführt und verlinkt.

Lies den vollständigen Artikel »

Denkanstöße aus dem Netz (4)

Presseschau des Handelsblatt-Newsletters „Finance Today“ 01.12.2011:

Die große Geldspritze – Hoffnung ohne Heilung

Die eintägigen Einlagen der Geschäftsbanken bei der EZB nähern sich der Marke von 300 Milliarden Euro – die Banken sind nervös wie lange nicht mehr (» HB ). Doch wichtige Zentralbanken sind gestern weltweit zur Hilfe geeilt. Notenbanken wie die Federal Reserve in den USA und die EZB erleichtern Währungsgeschäfte untereinander, um Finanzierungsengpässe bei Banken und damit auch bei Unternehmen zu verhindern – was die Börsen beflügelte (» HB » FTD » WSJ ). Der Schritt sei zwar eine logische Fortsetzung der Politik, ein aufgeblähtes Bankensystem durch Drucken von immer mehr Geld flüssig zu halten. Sollte die Krise irgendwann einmal ausgestanden sein, müsse dieses Geldsystem aber grundlegend reformiert werden, fordert das » Handelsblatt. Das Liquiditätsproblem der Banken sei nur ein „Nebengeschwür“ der Finanz- und Schuldenkrise, nicht der Krebsherd, meint die » FTD. Die Zentralbanken bescherten Hoffnung, aber keine Heilung, meldet das » Wall Street Journal Zweifel an. In der » Financial Times befürchtet Pimco-Chef Mohamed El-Erian, dass die Zentralbanker einer Reihe von politischen Enttäuschungen vorwegkommen wollen. Die konzertierte Aktion beruhige zwar die Märkte, aber Notenbanken könnten die Krise nicht lösen, meint die » Wirtschaftswoche. Dies sei Aufgabe der Politik. Es gebe nur noch zwei politische Optionen: Bankrott oder Ruin. Und Schuld daran sei Angela Merkel, schreibt Wolfgang Münchau für den » Spiegel. Die Kanzlerin habe uns ruiniert. In der Kraftprobe zwischen Merkel und dem Rest der Euro-Welt bleibe die Kanzlerin starrsinnig, schimpft der » Nouvel Observateur Und SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier legt nach: „Es gibt eine am Abgrund lavierende Kanzlerin, bei der in Europa-Fragen Unehrlichkeit inzwischen zum Markenzeichen geworden ist.“ (» HB )

Denkanstöße aus dem Netz (3)

Externe Themenseiten zu Eurokrise (Denkraum-Blogseite)

Eurokrise:

  • „In der Euro-Zone wächst die Angst vor dem nächsten Paukenschlag an den Finanzmärkten in der Schuldenkrise. EU-Ratspräsident Herman Van Rompuy forderte in Brüssel eindringlich eine „systemische“ Antwort der Euro-Staaten auf die inzwischen systemische Krise. „Wir haben eine handfeste Vertrauenskrise“, sagte er. EU-Währungskommissar Olli Rehn zufolge läuft der Countdown: In den nächsten zehn Tagen müsse eine Lösung der Krise gefunden werden.“
  • Coordinated central bank action 
to address pressures in global money markets – Presseerklärung der EZB zur gemeinsamen Aktion der Notenbanken – EZB, 30.11.2011
    • „The Bank of Canada, the Bank of England, the Bank of Japan, the European Central Bank, the Federal Reserve and the Swiss National Bank are today announcing coordinated actions to enhance their capacity to provide liquidity support to the global financial system. The purpose of these actions is to ease strains in financial markets and thereby mitigate the effects of such strains on the supply of credit to households and businesses and so help foster economic activity.“
  • Die ruinöse KanzlerinWolfgang Münchau geht mit dem Euro-Krisenmanagement der Bundesregierung hart ins Gericht und sagt uns allen schwere Zeiten voraus – Spiegel, 30.11.2011
    • „Die Chance auf eine bezahlbare Euro-Rettung ist vertan – und schuld ist die Bundeskanzlerin. Angela Merkel wird uns alle ruinieren, weil sie mit ihrem Zaudern die Krise verschärft. Jetzt hat sie nur noch zwei politische Optionen: Bankrott oder Ruin. (…) Es ist die große Ironie des Euro-Desasters: Die Kanzlerin, die sich anschickte, den finanziellen Schaden für Deutschland streng in Grenzen zu halten, hat mit ihrer Politik des Zauderns und des Neinsagens genau das Gegenteil bewirkt. Egal, was jetzt passiert: Es wird ruinös teuer für Deutschland. So oder so. (…)
    • Warum ein baldiger Zusammenbruch wahrscheinlich ist? Große Teile der Finanzmärkte funktionieren überhaupt nicht mehr. Der Markt für Staatsanleihen ist beinahe völlig zusammengebrochen. Auch die Banken hängen erneut am Geldtropf der Europäischen Zentralbank. Ein weiterer Grund ist die sich abzeichnende Rezession.
    • Der Mechanismus des Zusammenbruchs ist der klassische Bank-Run. In einigen Ländern hat der Andrang auf die Banken schon eingesetzt. Wer in Südeuropa lebt und sich gut informiert, hat sein Geld nicht mehr bei griechischen, spanischen oder italienischen Kreditinstituten. Da jeder Staat für seine eigenen Banken haftet, kommt man auch mit Sparpaketen nicht aus der Krise.
    • Aufgrund der Vernetzung der Finanzmärkte würde mit einem Kollaps des Euro ein Großteil der deutschen und französischen Banken und Versicherungen untergehen. Dann käme es wahrscheinlich auch zum Infarkt des internationalen Finanzsystems. Ein gewaltsames Ende des Euro wäre die womöglich größte volkswirtschaftliche Katastrophe aller Zeiten. Wir zählen dann die Kosten nicht mehr in Milliarden. Die Standardeinheit ist dann die Billion. (…) 
    • Der einzige Ausweg, der uns beide Optionen erspart, steht momentan nicht zur Debatte: eine weitreichende Denationalisierung der gesamten Wirtschaftspolitik. Denn wenn man gemeinsame Staatsanleihen auf den Markt wirft, dann sollte man auch die gesamte Bankenaufsicht europäisieren – einschließlich der Einlagenversicherung und der Abwicklung im Fall einer Insolvenz.
    • Die wirtschaftlichen Ungleichgewichte kann man nicht auf nationaler Ebene regeln. Denn wenn ein Land einmal im Konsumrausch steckt, so wie Spanien vor zehn Jahren, dann wird kaum jemand aus eigenem Antrieb die Party beenden. Umgekehrt gilt das auch für Länder wie Deutschland mit stetigen Leistungsbilanzüberschüssen. In einer Währungsunion, die sich zu einer echten Wirtschaftsunion entwickeln will, sollte man exzessive permanente Ungleichgewichte verhindern. 
    • Das Problem unserer Währungsunion – in der Tat jeder Währungsunion – ist nicht allein die fehlende kollektive Haushaltsdisziplin. Es ist vor allem die realwirtschaftliche Anpassung. Da der Wechselkurs als Mechanismus ausfällt, braucht man Alternativen. Zwischen Ländern wie Deutschland und Österreich ist das kein Problem. Sie sind sich strukturell und politisch so ähnlich, dass hier nicht viel koordiniert werden muss. Zur Not kopiert man die Politik des größeren Nachbarn. Wenn man aber Finnland und Griechenland in eine Währungsunion zwingt, dann muss man die Anpassung politisch organisieren. Und das geht nur durch eine weitreichende Übertragung wirtschaftspolitischer Kompetenzen an eine zentrale Behörde.
    • Beim Euro-Gipfel am 9. Dezember wird es nichts dergleichen geben. Noch ist nicht klar, ob Merkel als Retterin oder als Totengräberin des Euro in die Geschichte eingehen wird. So oder so wird sie uns ruinieren.“
  • Europaexpertin Guérot: „Deutschland will kein Zuckerbrot, nur die Peitsche“ – Interview mit Ulrike Guérot, European Council on Foreign Relations (Berlin) – Frankfurter Rundschau, 24.11.2011
    • „Deutschland leistet sich zurzeit eine apolitische und ahistorische Debatte. Die Rechenschiebermentalität, mit der wir derzeit diskutieren, wird Deutschlands Rolle in Europa und der Welt nicht gerecht. Die deutschen Eliten müssten ein Mentalitätswandel vollziehen. Deutschland ist Europa. Kein Land kann die Richtung der EU so bestimmen wie Deutschland. Gleichzeitig ist klar, dass Europa nicht einfach „deutscher“ werden kann, denn das deutsche Wirtschafts- und Gesellschaftsmodell ist nicht eins zu eins auf andere übertragbar. Wir fahren alle besser damit, wenn wir unsere individuellen Stärken anerkennen, anstatt uns gegenseitig die Schuld zuzuschieben.“

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    Denkanstöße aus dem Netz (2)

    Presseschau des Handelsblatt-Newsletters „Finance Today“ 29.11.2011:

    Bundesregierung bringt EU-Partner gegen sich auf

    Die politische Führung der Euro-Zone hat es immer wieder versprochen: Der griechische Schuldenschnitt soll ein einmaliger Vorgang bleiben. „Das machen wir nur für Griechenland, wir werden es für kein anderes Land der Euro-Zone machen“, sagte Frankreichs Staatspräsident Nicolas Sarkozy nach dem Euro-Sondergipfel am 22. Juli. Griechenland sei ein „Sonderfall“, bekräftigte Kanzlerin Angela Merkel am 17. November. Ob die Euro-Zone Wort hält, ist nicht sicher. Hinter den Brüsseler Kulissen ist ein heftiger Streit darüber entbrannt, wie mit privaten Gläubigern anderer hochverschuldeter Euro-Staaten verfahren werden soll. Dabei steht Deutschland alleine gegen alle anderen Euro-Länder. » Handelsblatt Auch die internationale Wirtschaftspresse sieht die Schuld an der Eskalation bei der deutschen Regierung. Die»  Börsen-Zeitung erkennt in der aktuellen Schuldenkrise manisch-depressive Züge, denn die Stimmung wechsele zwischen übertriebenen Erwartungen und tiefer Ernüchterung. Der australische » Business Spectator sieht es als Zeichen der Verzweiflung, dass der zwischenzeitlich gescheiterte Plan, per Hebel mit den Schulden fertig zu werden, wieder hervorgeholt werde. Selbst der jüngste Dreh, die ersten 20 bis 30 Prozent der möglichen Verluste der Anleihekäufer zu versichern, würde nicht ausreichen, um Investoren anzulocken, da selbst Deutschland Probleme bei der Bonds-Emission bekomme. Die Eurozone nähere sich ihrem Ende, ist die Wirtschaftsagentur » Bloomberg überzeugt und verweist ebenfalls auf die enttäuschende Auktion deutscher Anleihen. Die » New York Times kritisiert Deutschland und die EZB, die es ablehnten, Schulden von Krisenländern im großen Stil aufzukaufen. Die Politik der Deutschen wirke verrückt. Sie schauten mit Verachtung auf die Griechen, die es ihrer Meinung nach lernen müssten, im Rahmen der eigenen Mittel zu leben, wie die Deutschen es tun.

    Planspiele für den Zusammenbruch der Euro-Zone

    Der weltgrößte Devisen- und Staatsanleihen-Händler ICAP hat seine elektronischen Systeme den Zusammenbruch der Euro-Zone und die Wiederbelebung nationaler Währungen durchspielen lassen.
    » Presse

    Düstere Moody’s-Warnung

    Die Ratingagentur Moody’s fürchtet um den Fortbestand der Euro-Zone. „Die Wahrscheinlichkeit von Pleiten mehrerer Euro-Staaten ist nicht mehr unerheblich“, schreiben die Bonitätswächter in einem Sonderbericht zur Schuldenkrise. Damit steige auch das Risiko, dass einzelne Euro-Staaten die Währungsunion verlassen müssten.
    » FTD »  Presse

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    Denkanstöße aus dem Netz (1)

    Presseschau des Handelsblatt-Newsletters „Finance Today“:

    Endspiel um den Euro

    Vorbei die Zeit, in der Detail-Fragen wie die nach der Zukunft Griechenlands im Fokus standen. Notenbanker und Regulierer u.a. in Großbritannien und der Schweiz fordern die Geldhäuser auf, sich auf den schlimmsten Fall vorzubereiten (» HB » Cash ). Auch immer mehr Leitartikler gehen ins Grundsätzliche. Panik an den Finanzmärkten, schlechte Wirtschaftswachstumsaussichten und sture, waghalsige Politik der EU-Verantwortlichen brächten den Euro immer näher an den Abgrund, meint der » Economist. » Bloomberg erwartet Bank Runs und Kapitalflucht in großem Ausmaße. „Eine Tragödie erwartet uns.“ Die britische » Financial Times denkt das „Undenkbare“ und erwägt eine geordnete Zerschlagung der Euro-Zone. Auch andere Währungsräume seien aufgelöst worden, ohne dass der Himmel herabgefallen sei. Das Ringen um den Euro sei in ein finales Stadium eingetreten, schreibt die » Süddeutsche Zeitung – und plädiert für den von Angela Merkel favorisierten Ausweg, erst zu sparen und dann zu retten. Auch die » Börsen-Zeitung gibt Berlin Rückendeckung. Je schneller die von Merkel geforderten Strukturreformen der EU angegangen würden, umso eher werde die europäische Schuldenkrise überwunden sein. Die » Zeit hofft darauf, dass Europas „historisch beispiellose Kultur der Solidarität“ bestehen bleibt. „Der Euro muss überleben“, mahnt der US-Ökonom Robert Shiller im » Handelsblatt Und hofft auf eine Rettung durch die EZB. In der » Frankfurter Rundschau wiederholt Nobelpreisträger Paul Krugman seinen Appell an die EZB, den „Teufelskreis des finanziellen Kollapses“ zu durchbrechen.

    Welche Rolle spielt Deutschland in Europa?

    Im deutschen Klammergriff sieht » Challenges aus Frankreich mittlerweile die Eurozone und die EU: „Europa scheint nur noch nach deutschem Takt zu leben, das Land ist isoliert und allein, die Deutschlandphobie in der EU nimmt zu.“ Zuletzt habe sich der britische Premier David Cameron als Unzufriedener geoutet, in Griechenland sei man noch heute wütend auf die ewige Hinhaltetaktik der Deutschen. Die Troika-Vertreter wagten sich nicht mehr ohne Wachpersonal auf die Straßen Athens, überall seien Fotomontagen mit Angela Merkel in Naziuniform zu sehen. Frankreich hänge dagegen immer noch an ihrem Zipfel, in der Hoffnung, weiter zur Spitze Europas gehören zu dürfen. „Arrogant und dominierend“ wirke Merkel. Ihr Land sei tatsächlich erfolgreich, doch sie kalt: „Wenn alle EU-Staaten das deutsche Modell anwenden, würde das Wirtschaftswachstum in der Summe sinken.“ Und die deutsche Stabilitätsmanie gefährde auch die EZB: „Wenn diese angeschlagenen EU-Staaten nicht helfen darf, haben diese keine Zeit, um notwendige Reformen umzusetzen und werden von den Kosten zur Finanzierung ihrer Schulden aufgefressen.“

    Eurokrise:

    • „It’s time to think what hitherto markets have regarded as unthinkable – that the euro really is on its last legs.“

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