Über den "Denkraum"

Der folgende Text wurde im März 2007 bei Einrichtung des Blogs geschrieben, der dann jedoch – das Problem von „Anspruch und Wirklichkeit“ lässt grüßen – eine andere, mehr auf aktuelle Ereignisse bezogene Richtung nahm. Der Text wird demnächst ausgetauscht.

Einen Eindruck von den Themenschwerpunkten und der politischen Ausrichtung (im weitesten Sinne) des „Denkraums“ bekommt man am besten bei den „Ideen für das 21. Jahrhundert“ und den „Populären Denkraum-Beiträgen“.

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Dies ist der Versuch, einen neuen Denkraum in die Welt zu setzen.

Es ist reizvoll, dieses Medium zu nutzen, um einen virtuellen Ort zum Nachdenken zu gestalten. Hoffentlich bald gemeinsam mit anderen, denn allein denken ist ein einsames Vergnügen. Mitdenker sind also hoch willkommen.

Natürlich werde ich den Denkanstoß geben: wer einen Blog startet, ist der Aufschläger.

Ein Denkraum über uns Menschen und die kulturellen Formen, in denen wir uns heute vorfinden, soll es werden. Über die menschliche Natur, wie sie sich im Laufe der Evolution entwickelt hat, und über die Zutaten der Zivilisation.

Über die unterschiedlichen Kulturen, die sich herausgebildet haben – und die in der globalisierten Welt heute intensiver aufeinanderstoßen als je zuvor. Manche kommen recht gut miteinander aus, andere nicht. Warum? Kann man das ändern? Was wäre zu tun?

Das Besondere dieses Denkraums ist die Verbindung der Blickrichtungen: Auf unsere Natur,unsere Zivilisation, und auf deren Zusammenspiel. Nicht nur um Betrachtungen auf der politischen, gesellschaftlichen und soziologischen Ebene soll es hier gehen, sondern immer auch die Frage gestellt werden, wie die menschliche Natur in das Geschehen hineinspielt – welche Phänomene des politischen Weltgewebes und unseres gesellschaftlichen Alltags von dieser Seite her erhellt werden können.

Das Problem ist, wie wir so darüber sprechen können, dass natur- und geistes- bzw. sozialwissenschaftliche Betrachtungen aneinander anschließen, sich ergänzen und befruchten. Dass wir uns trotz unterschiedlicher Perspektiven auf das Ganze verständigen können, über die Grenzen der Weltbilder hinweg, in denen wir denken und verstehen gelernt haben – und nun mit einem gewaltigen „Babel“ scheinbar inkompatibler Modelle und Jargons leben müssen. Dieser Denkraum soll zur Übersetzungs- und Verständigungsarbeit beitragen.

Natürlich sind es immer die Tiefenstrukturen, die interessieren – z.B. hinsichtlich der Formen, die unsere Zivilisation angenommen hat. Welche Triebkräfte gestalten sie? Welche grundlegenden Muster sind zu erkennen? An welchen können wir weiter „weben“, und welche sollten wir besser beenden, weil sie uns ins Verderben zu führen drohen.

Ist unsere Welt überhaupt noch zu retten, oder ist es aussichtslos? Läuft das ganze komplexe System aus dem Ruder, ohne dass wir es noch in den Griff bekommen können? Bleibt uns nur, das bewusste Apfelbäumchen zu pflanzen?

Dies jedenfalls ist eins. Möglichst soll es mehr werden: eine Mischung aus eWorkshop, Chautauqua und virtuellem Salon vielleicht. Wenn`s denn gelingt.

Markus Wichmann

(„Markus Wichmann“ ist ein Pseudonym. Der Autor ist Psychotherapeut und Psychoanalytiker in Berlin.)

Lizenz der Denkraum-Inhalte:

Alle Texte können, sofern nicht anders angegeben, unter der Creative Commons By-NC-SA Lizenz weiterverwendet werden. Sollte sich jemand durch diese Lizenz an der Weiterverwendung behindert fühlen, bitte ich um einen Hinweis.

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6 Kommentare

  1. oglokea

     /  7. März 2012

    Dieser „Denkraum“ ist eine großartige Idee! (Obwohl ich mich nicht auf einer Couch liegen sehen möchte – hmmm…) Bei „Natur … Zivilisation … Zusammenspiel…“ und bei „… über die menschliche Natur … und über den Zutaten der Zivilisation“ denke ich, dass das „Geschlecht“ als Komponente in der Reihe fehlt. Ich finde, wegen des gewaltigen Unterschieds im Gehirn (Emotion usw.) und wegen der Körperkraft und der angeborenen verschiedenen Instinkte beider Geschlechter hätte das Geschlecht schon einen berechtigten Platz finden müssen in den von Ihnen gestellten Fragen und Ihren Aussagen. Wenn wir zum Beispiel nur die „Zivilisation“ sehen, nicht die gesamte, sondern den betrachteten Bereich begrenzen auf eine Strasse, so tritt schon in dieser „Einheit“ das „Zusammenspiel“ verschiedener Eigenschaften zutage. Und ich finde (ich bin sehr altmodisch), schon in der Familie müssen Natur und Zivilisation „zusammenspielen“ mit allen „Zutaten“. Politik und Wirtschaft und Staatsformen sind „nur“ eine Rahmenbedingung dafür, dass wir unsere persönliche Zufriedenheit finden. Dieses „nur“ ist aber sehr, sehr wichtig!
    Darüber nachzudenken, was Sie hier vorstellen und vorgestellt haben, finde ich wirklich sehr bemerkenswert. Aber ich bin eine praxisorientierte Frau, und mich interessiert auch, ob es verwirklicht werden kann, worüber wir hier reden. Also: „Abwarten“ angesagt. LG.oglokea
    (Um eine bessere Verständlichkeit zu erreichen habe ich den Kommentar von oglokea ein wenig an ein normales Schriftdeutsch angepasst. MW)

    Antworten
    • oglokea

       /  8. März 2012

      Herzlichen Dank dafür, oglokea – mit einer Verwunderung darüber, dass hier so wenig Kommentar vorzufinden ist, obwohl das Thema nicht zum Alltag gehört .. oder das ist eben genau der Vermeidungsgrund. (o)

      Antworten
      • Markus Wichmann

         /  8. März 2012

        Na ja, wie ich oben schrieb, habe ich diese hochgesteckten, zweifellos interessanten, aber auch schwierigen Themen in meinem Blog ursprünglich zu behandeln beabsichtigt, aber dazu ist es kaum gekommen. Daher gibt es wohl auch keine Kommentare dazu. Am ehesten finden sich Anklänge an grundlegendere psychologische und kulturwissenschaftliche Themen in meinem zweiten (ursprünglich ersten) Blog PsychoNeuro, in dem ich jedoch seit Herbst 2008 nicht mehr geschrieben habe.

        Das Blogschreiben muss ja in den Alltag eingegliedert werden und darf nicht allzu viel Zeit kosten. Wohl auch aus diesem Grunde hat es sich so ergeben, dass im „Denkraum“ jetzt alltagsnähere politische Themen im Vordergrund stehen. Die sind ja auch mehr „praxisorientiert“.

        Herzlichen Gruß, Markus Wichmann

  2. oglokea

     /  9. März 2012

    Zu Ihrem ersten Absatz – Zitat:

    „Drum, Söhne Deutschlands, auf! nicht scheues Denken,
    Nicht müß`ger Worte eitel leeres Tönen!
    Nein kräft`ger Taten müßt ihr kühn gedenken.“

    (Adalbert von Chamisso: Flecks Gedächtnis)
    LG.oglokea

    Antworten
  3. oglokea

     /  10. März 2012

    Grübelei über „unterschiedliche Kulturen…manche kommen recht gut miteinander aus, andere nicht“ – warum?

    Ich denke, die gesellschaftlichen und religiösen Traditionen der jeweiligen Bevölkerungsgruppen sind maßgebend. Sie müssen im Großen und Ganzen zueinander passen.

    Nehmen wir zB. China: Dort gibt es eine sehr alte und außerdem eine neue gesellschaftliche Ordnung. Zum Beispiel versorgt dort die jüngere Generation die ältere, was uns in diesem Maße fremd ist. Aber in China ist die Lehre des Konfuzius noch immer sehr lebendig. Religion war dort nicht so dominant, zu keiner Zeit, als dass sie eine bestimmende Rolle hätte haben können in Bezug darauf, ob die Chinesen mit anderen Kulturen gut oder weniger gut auskommen. Vergessen wir jetzt einmal Tibet – Tibet ist ein Problem wegen seiner geopolitischen Lage. Aber die gesellschaftliche Ordnung war immer ein sehr bestimmender Faktor. Man denke nur an die mehr oder weniger erfolglose englische Kolonisation: hin und wieder ein „Füßchen“ in China, aber ohne nachhaltigen Einfluss auf die chinesische Kultur und Gesellschaft. (Wenn wir z.B. den „Großen Marsch“ ansehen, … (?). Trotz der vielen verschiedenen Volksgruppen innerhalb der Grenzen…; so entscheidende Tugenden wie: Gehorsam, persönliche Opferhaltung in aussichtslosen Situationen, Hoffnung und Erfüllung finden im gemeinsamen Tun usw.)

    China ist – jetzt natürlich ohne Krieg – noch nie mit Japan, Vietnam und anderen asiatischen Ländern gut ausgekommen. Mit Indien war die Situation teilweise anders.

    Jetzt ist China unumstritten eine wirtschaftliche Großmacht geworden. Frau Merkel bittet um Investitionen von China in der EU, und was hat China etwa 6-7 Wochen vorher gemacht? Es hat seine eigene kleine Währungs“union“ ins Leben gerufen. China ist fast der einzige Staat, in dem die Handelsbilanz schwarze Zahlen schreibt. Und China verfügt über xxx Billionen Devisenreserven. Aber China wird mit Recht seine Handelsbeziehungen mit der EU und dem Rest der Welt so gestalten, dass sein Gewinn wächst, weil das eine Pflicht ist für einen Staat, und wird keine Rücksicht auf die EU-Staaten nehmen. Natürlich wird das traditionelle Hin und Her öffentlich einen schönen Eindruck machen, aber auf die stahlharten finanziellen Beziehungen wird es kaum einen Einfluss haben.

    Summa summarum: der Mensch hat eine Gruppenmentalität, nur in Gruppen kann er überleben, und in China hat man das immer gewusst: die Nation hält zusammen. Im Europa ziehen wir links – rechts, drücken und schubsen. Und wenn wir Glück haben, laufen wir nicht dem Unglückswort „Wirtschaftswachstum“ nach, das um jeden Preis her muss. China hat sich erstmal wirtschaftlich konsolidiert vor dem großen wirtschaftlichen Sprung (anno 1998), der jetzt relevant ist. Wir in der EU haben es geschafft, uns in eine sehr instabile wirtschaftliche Lage hineinzumanövieren: Griechenland, Spanien, Portugal, Irland, Italien… In Island, Ungarn, Rumänien, Bulgarien gibt es noch keinen Euro, und diese Länder sind noch nicht in Konkurs gegangen, aber die Wirtschaft sackt – wohin?

    Zurück zu der theoretischen Frage: kommen die „Kulturen“ miteinander aus? Im wirtschaftlichen Bereich müssen wir einfach mit dem zusammenarbeiten (China mit uns?!), vor dem wir auf die Knie gehen. LG. oglokea

    Antworten
  4. Ich würde Ihren Beitrag „Über den Denkraum“ nicht austauschen, er hat meine ich so was improvisiertes und gerade in der Improvisation bzw. freien Assoziation, findet man doch oft die vielsagensten Formulierungen. (Nur Worte wie „weben“ und „gestalten“ würde ich mir sparen, sie haben finde ich so was schrecklich pathetisch-erhabenes.)

    Vor 200 Jahren haben die Brüder Grimm u. a. ihr „Rotkäppchen“ herausgegeben. Das Märchen zählt für mich „zu den universellsten Aussagen unserer Zivilisation, die unmittelbar aus ihr über sie entstanden ist.“ Es geht dabei meine ich geradezu in naiver Klarheit auf zentrale Fragen Ihres Beitrags ein: „Über die menschliche Natur, wie sie sich im Laufe der Evolution entwickelt hat, und über die Zutaten der Zivilisation.“ Und: “ Natürlich sind es immer die Tiefenstrukturen, die interessieren – z.B. hinsichtlich der Formen, die unsere Zivilisation angenommen hat. Welche grundlegenden Muster sind zu erkennen?“ Diese Fragen sind wirklich existentiell geworden:

    Siehe dazu bitte

    200 Jahre Kinder- und Hausmärchen http://www.fuehlenunddenken.de/2011/12/27/200-jahre-kinder-und-hausmarchen/ und „Der Weg von Rotkäppchen“ http://www.fuehlenunddenken.de/texte/der-weg-von-rotkappchen/

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