Nobelpreisträger Stiglitz: „Schlimmer als die Große Depression“

Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stiglitz gab der ZDF-Sendung Frontal21 in dieser Woche ein Interview, in dem er Banken, Aufsichtsbehörden und der US-Regierung Versagen vorwarf. Hier die Kernaussagen:

Schuld an der Krise sind vor allem die Banken. Ihre Aufgabe ist es, Kapital zu sammeln, es aufzuteilen und die Risiken zu beherrschen. Dafür wurden sie belohnt. Mehr als 30 Prozent aller Unternehmensgewinne in den USA sind in die Finanzbranche geflossen. Aber ihre Aufgabe haben sie nicht erfüllt. Sie haben das Kapital verteilt, in Häuser investiert, die die Menschen nicht bezahlen konnten. Sie haben das Risiko nicht beherrscht, sie haben es erst geschaffen.

Die Finanzwelt muss dafür zahlen, was sie angerichtet hat. In der Umweltökonomie gilt das Verursacherprinzip: Wer verschmutzt, muss für die Beseitigung sorgen. Auf das Finanzsystem übertragen heißt das: Die Banken haben die Weltwirtschaft mit vergifteten Hypothekenkrediten verseucht. Jetzt müssen sie für die Säuberung bezahlen. Sie haben in den vergangenen Jahren Abermilliarden Gewinne gemacht. Jetzt müssen sie die Reparatur der amerikanischen Wirtschaft bezahlen.

Schuld tragen aber auch die Aufsichtsbehörden, die US-Notenbank und ihr früherer Chef Alan Greenspan. Als mehr Regulierung gefordert wurde, als vor einer Blase gewarnt wurde, lehnte er das ab mit der Begründung, es sei nur ein bisschen Schaum. Er hat gesagt: Das kriegen wir hin. Aber er sagte nicht, dass es den Steuerzahler Milliarden Dollar kostet.

Schuld ist auch die Regierung von Präsident Bush mit ihrer Mentalität des Freien Marktes. Diese Haltung wurde besonders von den Republikanern gefördert, aber fand oft auch Unterstützung in beiden Parteien. Und Wall Street kaufte sich diese Politik, um noch mehr Geld zu machen. Das alles auf Kosten der amerikanischen Arbeiter, der Hausbesitzer, der Steuerzahler und der Weltwirtschaft.

Wir haben besonders in den USA einen völligen Mangel an Kompetenz, an Führungskompetenz an der Spitze. Der Präsident weigert sich, das Nötige zu tun. Kern des Problems ist die enorm hohe Zahl von Zwangsvollstreckungen. Drei Millionen Amerikaner haben bereits ihre Häuser verloren und es werden weitere zwei Millionen dazukommen. Dennoch lehnt es der Präsident ab, dagegen etwas zu tun. Das Rettungspaket wird da wenig ausrichten.

Ich gehe davon aus, dass die Krise noch schlimmer werden wird. Das Rettungspaket, das vom US-Kongress verabschiedet wurde, ist nicht gut konzipiert. Das Hauptproblem ist ein Loch in der Bilanz der Banken, das Ergebnis der Vergabe fauler Kredite. Damit handelt es sich nicht nur um eine Vertrauenskrise, nicht nur um ein psychologisches Problem – es war etwas ganz Reales geschehen. Das Loch in der Bilanz muss gefüllt werden – und das Rettungspaket erfüllt diese Anforderung nicht. Bei weiter fallenden Immobilienpreisen, bei der Ausweitung wirtschaftlicher Schwierigkeiten, von den USA nach Europa, wird das nicht reichen, Vertrauen wieder herzustellen.

Das ist ganz offensichtlich die schlimmste Krise seit der Großen Depression. In mancher Hinsicht ist sie noch schlimmer. Bei der Großen Depression gab es auch einen Vertrauensverlust gegenüber den Banken. Aber die Banken hatten sichere und einfache Produkte. Jetzt aber haben wir ein globales Wirtschaftssystem, ein hohes Maß an Wechselbeziehungen und komplexe Produkte.

Wenn der Fall der Berliner Mauer das Ende des Kommunismus bedeutete, dann bedeuten diese Septembertage das Ende des Marktfundamentalismus, des Glaubens, dass der Markt sich selbst reguliert, ohne den Staat auskommt.

Ausführlicher äußert sich Stiglitz in einem sehr lesenswerten Interview mit der Berliner Zeitung vom 9. Oktober 2008.

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