„Es gibt einen Ausweg aus dem Nordkorea-Konflikt“

Fareed Zakaria ist einer der profiliertesten politischen Journalisten der USA. Er moderiert jeden Sonntag eine einstündige politische Magazinsendung auf CNN, Fareed Zakaria GPS, die weltweit ausgestrahlt wird und nach Angaben von Wikipedia ca. 200 Mill. Haushalte erreicht. Außerdem schreibt er u.a. eine wöchentliche Kolumne für die Washington Post, die er unter dem Titel „Fareed’s Take“ jeweils zu Beginn seiner CNN-Sendung vorträgt.

Am 28. September 2017 befasste sich seine Kolumne mit der gegenwärtigen Nordkorea-Politik der Vereinigten Staaten. Dieser Primitivversion des Umgangs mit einem brandgefährlichen Konflikt stellte er einen elaborierten politischen Lösungsansatz gegenüber, der von einem intimen Kenner der Region und der Konfliktparteien entwickelt wurde.

Diese beiden politischen Ansätze trennen Welten. Es wird schlagartig deutlich, dass der derzeitige, vorwiegend emotionsgesteuerte amerikanische Präsident kaum in der Lage sein wird, die differenzierten politischen Lösungsstrategien nachzuvollziehen (geschweige denn anzuwenden), die allein der Komplexität der unterschiedlichen Interessenlagen der an dem Konflikt Beteiligten gerecht werden und eventuell ermöglichen würden, Bewegung in die starren Fronten zu bringen.

Ich habe diese in meinen Augen besonders interessante Kolumne Fareed Zakarias übersetzt. Den (gekürzten) Vortrag des amerikanischen Originals (Fareed’s Take: „Trump likes to be the tough guy“) durch den Journalisten finden Sie hier.

Es gibt einen Ausweg aus dem Nordkorea-Konflikt

Die Konfrontation zwischen den Vereinigten Staaten und Nordkorea ist derzeit an einem gefährlicheren Punkt angelangt als jemals in den letzten Jahrzehnten. Jede Seite proklamiert harte Positionen, verkündet Drohungen und unterstreicht, ihre Standpunkte seien nicht verhandelbar. Jede Seite hat sich festgelegt und kaum noch Spielraum. Wie bricht man aus diesem gefährlichen Weg aus?

Die Trump-Regierung hat einen kolossalen Fehler begangen, indem sie ohne solide Absicherungsstrategie ihre Rhetorik hochgefahren hat. Warum, bleibt unklar. Teilweise scheint es, dieses Weiße Haus will jede Politik der Obama-Ära umkehren. Teilweise ist es der gleiche undisziplinierte Ansatz, der so viele Aktionen dieser Regierung kennzeichnet: Top-Leute, die eigenmächtig und großspurig handeln. Zum Beispiel scheint Nikki Haley, US-Botschafterin bei den Vereinten Nationen, eine harte Linie auch deshalb einzuschlagen, um Außenminister Rex Tillerson zu überflügeln – und sich effektvoll für sein Amt zu empfehlen.

Aber das wichtigste ist vielleicht, dass Präsident Trump es liebt, der harte Kerl zu sein. Frühere Präsidenten reagierten mit Besonnenheit auf angriffslustige Statements von Führern wie Nikita Chruschtschow und Mao Tsetung. Die Vereinigten Staaten waren immer diszipliniert und vorsichtig; es waren die Jungs der Gegenseite, die verrückte Reden geschwungen haben. Aber Trump scheint entschlossen, auch bei den Beleidigungen das letzte Wort zu haben.

Wir müssen die Rhetorik zurückfahren und eine Strategie formulieren. Nordkorea hat eine – seit Jahrzehnten. Vor dem Hintergrund seiner Isolation und Gefährdungslage hat Nordkorea entschieden, nukleare Abschreckung zu benötigen. Und Pyongyang hat auf diesem Weg erstaunliche Fortschritte gemacht. Atomwaffen sind das einzige, das Kim Jong Un davor bewahrt, das Schicksal von Saddam Hussein oder Muammar al-Gaddafi zu erleiden. Das Regime wird diese Versicherung nicht aufgeben. Würden Sie es tun, wenn Sie in Kims Position wären?

Eine Denuklearisierung Nordkoreas zum gegenwärtigen Zeitpunkt ist eine Wunschfantasie. Sie wird nicht stattfinden, es sei denn, die Vereinigten Staaten würden einen Krieg auf der koreanischen Halbinsel führen. Jeder weiß dies, aber kein Offizieller in Washington ist bereit, es öffentlich zuzugeben. Die Vereinigten Staaten verfolgen eine Zombie-Politik, die keine Chance auf Erfolg hat, aber gleichwohl angewandt wird. Das bedeutet, dass wir keinerlei Fortschritte in Richtung auf ein wünschenswertes und tatsächlich erreichbares Ziel machen können: das nordkoreanische Atomwaffenarsenal einzufrieren, weitere Atomtests zu stoppen und die Atomwaffen unter internationale Kontrolle zu bringen.

Ein Ausweg aus dieser lähmenden Situation wäre, die Problematik in einem neuen Rahmen zu betrachten und den Lösungshorizont zu erweitern. Josua Cooper Ramo, Co-Direktor von Henry Kissingers Beratungsfirma, hat einen Plan entwickelt, der in Washington zirkuliert, mit dem Ziel, eine internationale Konferenz über die Nichtweitergabe von Atomwaffen einzuberufen. Alle bestehenden Atomwaffenstaaten sollen zustimmen, ihre Arsenale für einige Zeit nicht zu testen oder zu erweitern – etwa 36 Monate lang. Inspektoren würden die Einhaltung überwachen. Alle anderen Nationen würden versichern, dass sie nicht beabsichtigen, Atomwaffen zu erwerben. Entscheidend wäre, dass Nordkorea eingeladen würde, sich dieser Vereinbarung anzuschließen, jedoch als Atomwaffenstaat, mit dem Ziel, den gegenwärtigen Entwicklungsstand einzufrieren und das Land möglicherweise später zu denuklearisieren.

Nach Ramos Auffassung sind die Vorteile dieses Ansatzes, dass er das Nordkorea-Problem in den breiteren Kontext der globalen Proliferation stellt, so dass jede Partei eine gesichtswahrende Möglichkeit erhält, ehemals starre, als nicht verhandelbar geltende Standpunkte zu verlassen. Auf diese Weise entstünde eine globale Koalition, die in die Lage versetzt würde, Sanktionen gegen Nordkorea zu verhängen, falls das Land seinen Verpflichtungen nicht nachkommen würde, und China ermächtigen würde, gegen seinen Verbündeten rigoros durchzugreifen. Dieser Plan berücksichtigt auch Pekings zentrale Sicherheitsbedenken: ein Kollaps Nordkoreas würde abgewendet, außerdem würde verhindert, dass Japan und Südkorea in den Besitz von Atomwaffen kämen. Ramo, ein exzellenter China-Kenner, ist überzeugt, dass dieser breitere Ansatz es der chinesischen Regierung ermöglichen würde, ihre Position zu ändern.

Die Details eines solchen Plans könnten bei Bedarf angepasst werden. Eventuell könnte mit dieser Konferenz auch der Versuch verbunden werden, den Vertrag über die Nichtweitergabe von Atomwaffen, der in seiner gegenwärtigen Form nicht mehr dem derzeitigen Stand der Dinge entspricht, zu aktualisieren und zu erweitern. (Der Vertrag, der 1968 ausgearbeitet wurde, ging noch von einer eindeutigen Unterscheidbarkeit von friedlicher Nutzung der Kernenergie und deren Verwendung zum Bau von Atomwaffen aus, die aber heute kaum noch gegeben ist.)

Vielleicht könnte die Konferenz in Form eines regionalen Forums stattfinden, wobei die Beteiligung von Japan und Südkorea besonders zu betonen wäre, damit deren Verpflichtung, keine Atomwaffen zu erwerben, als Schlüsselelement angesehen würde – ebenso wie die implizite Bedrohung, dass diese Länder frei wären, sich in eben diese Richtung zu bewegen, wenn es keine entsprechende Vereinbarung gäbe.

Es existiert keine wirklich gute – geschweige denn perfekte – politische Lösung für das Nordkorea-Problem. Aber die Trump-Regierung muss auf jeden Fall mit den Beleidigungen aufhören, Vernunft annehmen und versuchen, einen Weg zu finden, um die Situation zu stabilisieren. Andernfalls sind wir auf einem Weg, der Washington dazu zwingen wird, entweder in den Krieg zu ziehen oder stillschweigend seine Niederlage gegen den kleinen Rocket Man einzuräumen.

Außerdem:
  • Nordkorea und USA wollen Trumps Geisteszustand ergründen – Analyse von Manuel Escher – Der Standard, 03.10.2017 (mit weiteren Links zum Thema)
    • „Provoziert Trump planvoll oder impulsiv? Die Antwort hat Folgen für Krieg und Frieden.“
    • „Donald Trump will laut Medienberichten als unberechenbarer „Madman“ wahrgenommen werden. Das ist gefährlich, sagen Experten: Gelangt Nordkorea etwa zu der Auffassung, dass ein Angriff der USA unabwendbar sei, könnte das Land einen Erstschlag gegen Südkorea oder Japan starten.“
    • „Donald Trump, schrieb die Internetseite „Axios“ jüngst, soll seinen Mitstreitern kürzlich einen ungewöhnlichen Befehl gegeben haben: Man solle ihn in den Verhandlungen über ein Handelsabkommen mit Südkorea möglichst als Verrückten darstellen, der die Vereinbarung jederzeit in der Luft zerreißen könnte. Die Autoren von „Axios“ schließen daraus, dass Trump auch in anderen Politikbereichen dem Leitfaden folgt, den US-Präsident Richard Nixon einst im Vietnam-Krieg alsMadman-Theorie bekannt gemacht hat: Andere Staaten sollen glauben, dass die USA auch zu irrationalen Handlungen bereit seien, wenn man auf ihre Bedingungen nicht ausreichend eingehe. Trumps teils ungewöhnliches Verhalten wäre demnach Teil seiner Verhandlungstaktik.“
    • „Nicht alle halten diese Erklärungsversuche aber für glaubhaft, auch abseits jener demokratischen Politiker, Medien und Mediziner, die als Ursache für das teils bizarre Verhalten des militärischen Oberbefehlshabers eine medizinische Erklärung – etwa eine Erkrankung an Neurosyphilis– vermuten und daher eine Offenlegung von Trumps medizinischen Befunden fordern. „Man sollte nicht versuchen, etwas durch Bosheit zu erklären, was sich auch hinreichend durch Dummheit erklären lässt“, schrieb etwa der Experte für Meinungsforschung, Nate Silver, auf der vielgelesenen Plattform „Fivethirtyeight“ am Montag. Er sehe Trumps Verhalten nur in den wenigsten Fällen als berechnend, vielmehr lasse sich vieles auch dadurch erklären, dass der Präsident eben ein emotionaler und impulsiv handelnder Mensch sei, der rassistische und sexistische Vorurteile habe und diesen entsprechend handle. Zu selten, so Silver, ergebe sich aus dem Wüten des Präsidenten ein politischer Vorteil.“
  • Kim Jong Un and the Place of PrideAndray Abrahamian – 38 North, 02.10.2017
    • 38 North is a website devoted to informed analysis of North Korea – a project of The US-Korea Institute (About) at Johns Hopkins School of Advanced International Studies (SAIS).
    • „By making it personal, both Kim Jong Un and Donald Trump are boxing themselves in.“
    • „If a cataclysm on the Korean peninsula is to be avoided, President Trump must dial back the personal nature of his rhetoric. What worked well on the campaign trail will not yield results with Kim Jong Un. Kim will push back. He may even stumble into a war for the sake of his personal pride.“
  • Hemmungslos bloßgestellt – Oliver Kühn – FAZ, 02.10.2017
    • „Der amerikanische Präsident Donald Trump macht seinen Außenminister Tillerson öffentlich lächerlich. Er scheint ein Hollywood-Klischee falsch verstanden zu haben.“
    • „Diese Politik mag bei Trumps Anhängern funktionieren, im Fall Nordkoreas jedoch wirkt sie nicht. Genauso wie der amerikanische Präsident will Kim Jong-un nach innen Stärke demonstrieren. Er will seinen Anhängern klar machen, dass er es sogar mit dem amerikanischen Präsidenten aufnehmen kann und sich nicht einschüchtern lässt. Trumps Äußerungen dürften Kim deshalb eher noch darin bestärken, seine Politik fortzuführen. Nur die glaubwürdige Abschreckung mit funktionstüchtigen Atomraketen, die auch das amerikanische Festland erreichen könnten, wird von Kim als Überlebensgarantie angesehen. Seine Drohung, den ersten Test einer Atombombe in der Atmosphäre seit 37 Jahren durchzuführen, muss also durchaus ernst genommen werden. – Schon jetzt würde eine kriegerische Auseinandersetzung nur Verlierer produzieren. Denn militärisch verfügt Kim durchaus über ein ansehnliches Potential. Seine Artillerie kann die südkoreanische Hauptstadt Seoul erreichen und seine Raketen die großen Städte in Japan. Außerdem kann Kim die Granaten und Raketen noch mit chemischen Waffen bestücken, was Millionen Opfer zur Folge hätte.“
  • The best hope for peace in Northeast Asia is that North Korea does not take Trump seriouslyDaniel W. Drezner – Washington Post, 02.10.2017
    • Daniel W. Drezner is a professor of international politics at the Fletcher School of Law and Diplomacy at Tufts University
    • „Trump wants the rest of the world to think he is a madman. Fortunately and unfortunately, the rest of the world thinks he is a blowhard (Angeber, Sprücheklopfer).
  • The Media Needs To Stop Rationalizing President Trump’s BehaviorNate Silver – FiveThirtyEight, 30.09.2017
    • „His outburst on Hurricane Maria and Puerto Rico shows that not everything is a clever ploy to rally his base.“

Atomkriegsspielereien

Atombabies

(edelstudio)

Offenbar kein Erwachsener da zum Aufpassen…

Konflikteskalation nach Glas

(Konflikteskalation nach Friedrich Glasl)

Gegenwärtig: Eskalationsstufe 6.

  • Kim verweigert Gespräche mit den USA – oe24, 01.10.2017
    • „Nordkorea lässt US-Außenminister Tillerson abblitzen.“
  • Trump nennt Gespräche mit Nordkorea „Zeitverschwendung“ – FAZ, 01.10.2017
    • „Sein Außenminister streckt die Fühler nach Pjöngjang aus, da grätscht ihm Donald Trump dazwischen: Für ihn haben Gespräche mit Nordkorea keinen Sinn, wie er wissen lässt.“
  • Cohen: Yes, war with North Korea is a real possibility – Andrew Cohen – Ottawa Citizen, 26.09.2017
    • Andrew Cohen is a journalist, professor and author of „Two Days in June: John F. Kennedy and the 48 Hours That Made History“.
    • „We are hurtling toward war with North Korea. It may be as early as next month. It may not be deliberate. It may be what no one wants or expects. It may be mischance, misperception and misfortune. With each day of threats and cries from leaders on both sides, it becomes more likely. (…) The prospects of nuclear war today are the greatest since the Cuban Missile Crisis in October 1962, the closest we have ever come to Armageddon. Wars often start as a succession of irreversible incidents. A runaway train of events. A clash of vanity, honour, affront, anger, anxiety, revenge, stupidity. Soon we are in a narrow place with few options.“
    • „Now, in a breathtaking fusillade of insults, epithets and threats, the commander-in-chief uses the same rhetoric that Kim does. His platform is Twitter. Or, worse, the United Nations. This has never happened. No one in the nuclear age in the Oval Office has talked like Donald Trump. No one with nuclear missiles has threatened “fire and fury,” to “totally destroy ” North Korea, or has warned its leadership they may “not be around much longer.” Or called his opponent “little rocket man.”
    • „My God, it has come to this: a naïve, blithe confidence that the United States can hit first and get away with it. It can’t. The moment Kim sees that he will lose everything, he will go nuclear.“
  • Bericht: Nordkorea verlegt Kampfflugzeuge an die Ostküste – Zeit Online, 26.09.2017
    • „Im schärfer werdenden Konflikt mit den USA baut Nordkorea nach Medienberichten seine Verteidigungsstellung an der Ostküste aus und hat Kampfflugzeuge dorthin verlegt.“
  • Nine charts which tell you all you need to know about North Korea – BBC, 26.09.2017
    • „As North Korea and the United States continue to trade threats, we have little idea how the war of words is perceived to the people of North Korea because the regime of Kim Jong-un maintains an iron grip over the population, carefully controlling access to the outside world.“
  • Here are the options for dealing with North Korea – Stanford University, 25.09.2017
    • Michael R. Auslin is a research fellow in contemporary Asia at the Hoover Institution at Stanford University, who specializes in global risk analysis, US security and foreign policy strategy, and security and political relations in Asia. Gi-Wook Shin is a professor of sociology, a senior fellow at the Freeman Spogli Institute for International Studies, and director of the Shorenstein Asia-Pacific Research Center. The two scholars recently talked about the escalating situation between the two countries and what real options the two leaders have on the table.“
  • Nordkorea droht mit Abschuss von US-Bombern – Zeit Online, 25.09.2017
    • „Die USA haben Militärflugzeuge vor die Küste Nordkoreas fliegen lassen, jetzt antwortet das Regime: Man könne diese Maschinen auch im internationalen Luftraum abschießen.“
  • Nuclear war isn’t North Korea’s only threat – Eric O’Neill – CNN, 25.09.2017
    • „North Korea has long been investing in creating a dedicated cyber army.
      Battleground for future conflicts will be found in both kinetic and cyberwar theaters.“
  • Nordkorea wertet Trumps Worte als Kriegserklärung – Spiegel Online, 25.09.2017
    • „Der Konflikt mit Nordkorea spitzt sich weiter zu: Donald Trump habe dem Land mit seinem jüngsten Statement den Krieg erklärt, sagt der nordkoreanische Außenminister – und droht mit dem Abschuss von US-Flugzeugen.“
  • Trump gegen Nordkorea – „Sie werden nicht mehr lange da sein“ – Spiegel Online, 24.09.2017
    • „Die USA haben Bomber an die Küste Nordkoreas entsendet – und Präsident Trump schickt eine verbale Attacke hinterher. Zudem spekuliert er über eine Zusammenarbeit Irans mit dem Regime von Kim Jong Un.“
  • DONALD TRUMP IS A THREAT TO SURVIVAL OF LIFE ON EARTH – Helena Wright – Newsweek, 24.09.2017
  • Welche Folgen hätte Nordkoreas Kernwaffentest über dem Pazifik? – Markus Brauer – Stuttgarter Nachrichten, 22.09.2017
    • „Nicht nur die Rhetorik zwischen Pjöngjang und Washington hat eine neue Eskalationsstufe erreicht. Auch die Drohgebärden. Wird Nordkorea seinen martialischen Worten bald Taten folgen lassen?“
  • „Nur ein verängstigter Hund bellt lauter“Antwort Kim Jong-Uns im Wortlaut auf die Rede Donald Trumps vor der UNO  – FAZ, 22.09.2017
    • „Nordkoreas Führer Kim Jong-un hat auf die Rede des amerikanischen Präsidenten Donald Trump vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen geantwortet. Es soll die erste direkte Stellungnahme eines nordkoreanischen Führers sein. Die staatliche Nachrichtenagentur KCNA veröffentlichte am Freitag diese Stellungnahme.“

Von der „blutigen Mathematik, die über uns herrscht“ (Albert Camus)

Einer der schönsten Texte von Kurt Tucholsky ist der über die „fünfte Jahreszeit“:

„Wenn der Sommer vorbei ist und die Ernte in die Scheuern gebracht ist, wenn sich die Natur niederlegt, wie ein ganz altes Pferd, das sich im Stall hinlegt, so müde ist es – wenn der späte Nachsommer im Verklingen ist und der frühe Herbst noch nicht angefangen hat –: dann ist die fünfte Jahreszeit.

Nun ruht es. Die Natur hält den Atem an; an andern Tagen atmet sie unmerklich aus leise wogender Brust. Nun ist alles vorüber: geboren ist, gereift ist, gewachsen ist, gelaicht ist, geerntet ist – nun ist es vorüber. Nun sind da noch die Blätter und die Gräser und die Sträucher, aber im Augenblick dient das zu gar nichts; wenn überhaupt in der Natur ein Zweck verborgen ist: im Augenblick steht das Räderwerk still. Es ruht. Mücken spielen im schwarz-goldenen Licht, im Licht sind wirklich schwarze Töne, tiefes Altgold liegt unter den Buchen, Pflaumenblau auf den Höhen … kein Blatt bewegt sich, es ist ganz still. Blank sind die Farben, der See liegt wie gemalt, es ist ganz still. Boot, das flußab gleitet, Aufgespartes wird dahingegeben – es ruht. So vier, so acht Tage – und dann geht etwas vor.

Eines Morgens riechst du den Herbst. Es ist noch nicht kalt; es ist nicht windig; es hat sich eigentlich gar nichts geändert – und doch alles. Es geht wie ein Knack durch die Luft – es ist etwas geschehen: so lange hat sich der Kubus noch gehalten, er hat geschwankt…, na … na…, und nun ist er auf die andere Seite gefallen. Noch ist alles wie gestern: die Blätter, die Bäume, die Sträucher… aber nun ist alles anders. Das Licht ist hell, Spinnenfäden schwimmen durch die Luft, alles hat sich einen Ruck gegeben, dahin der Zauber, der Bann ist gebrochen – nun geht es in einen klaren Herbst. Wie viele hast du? Dies ist einer davon. Das Wunder hat vielleicht vier Tage gedauert oder fünf, und du hast gewünscht, es solle nie, nie aufhören.

Es ist die Zeit, in der ältere Herren sehr sentimental werden – es ist nicht der Johannistrieb, es ist etwas andres. Es ist: optimistische Todesahnung, eine fröhliche Erkenntnis des Endes.

Spätsommer, Frühherbst und das, was zwischen ihnen beiden liegt. Eine ganz kurze Spanne Zeit im Jahre. Es ist die fünfte und schönste Jahreszeit.“

Etwas in dieser Art gibt es auch im Menschenleben: aus dem gewöhnlichen Fluss der Zeit herausgehobene Übergänge von einem Lebensalter zum nächsten. Die Psychologen, die oft das sagen, was wir alle längst wissen, nur in Worten, die wir nicht verstehen, sprechen von „Initiationserlebnissen“ und „Schwellensituationen“: Das Kleinkind, das mit einem Mal stehen und die ersten Schritte laufen kann; das Schulkind, das eine erste Ahnung von dem auch ihm irgendwann bevorstehenden Leben in der Welt der Erwachsenen bekommt; das beginnende Aufblühen erotischer Liebesgefühle; dann, meist irgendwann im dritten Lebensjahrzehnt, das Gewahrwerden, für sich und sein eigenes Leben selbst verantwortlich zu sein, was gleichzeitig bedeutet, jetzt zur Erwachsenenwelt zu gehören und deren Regeln und Bedingungen anerkennen zu müssen.

In diesem Bewusstsein lebt man nun drei, vielleicht vier Jahrzehnte, möglicherweise mal von einer „midlife crisis“ heimgesucht, bis der berufliche Ruhestand einen gravierenden Einschnitt im täglichen Lebensablauf mit sich bringt. Aber eben zumeist nur dies: der Alltag ist neu zu organisieren, die Zeit mit neuen Aktivitäten zu füllen. Indes, mit dem Gefühl des Altwerdens hat das zumeist wenig zu tun. Viele Menschen gehen heutzutage mit noch gut erhaltener Lebenskraft in den Ruhestand.

Dann aber, vielleicht mit Ende sechzig oder Anfang der Siebziger, empfindest Du das Altwerden plötzlich auch körperlich. Mit einem Mal spürst Du den Lastcharakter des Lebens in den Knochen. Deine physischen Kräfte lassen nach, vielleicht auch die geistigen. Namen, die Dir bestens vertraut sind, fallen Dir plötzlich nicht mehr ein. Sie liegen Dir auf der Zunge, aber Dein Geist will sie partout nicht freigeben.

Und plötzlich ist die Frage da, laut und unüberhörbar: Wie viele Frühlinge hast Du noch? Wie viele Spätsommer wirst Du noch erleben? Zwanzig, wenn Du Glück hast? Eine lange Zeit – aber so lang nun auch wieder nicht. Vielleicht sind es aber auch nur zehn, oder fünf. Und Du wirst gebrechlicher werden. Anders als bei Tucholsky bist Du in diesem Augenblick keineswegs sentimental, Dir wird unbehaglich. Du weißt nun nicht nur um Deine Vergänglichkeit, mit einem Mal spürst Du sie. Und anders als bei Tucholsky ist diese so deutlich empfundene „Erkenntnis des Endes“ keineswegs fröhlich, die Todesahnung mitnichten optimistisch.

Das Bewusstsein, das sich Dir nun aufdrängt und nicht wieder vergehen will, hat Albert Camus, der Philosoph des Absurden und der Revolte dagegen, bewundernswert nüchtern und klarsichtig beschrieben (zitiert nach Rainer Thurnheer, „Albert Camus“, in: Thurnheer u.a., „Die Philosophie des ausgehenden 19. und des 20. Jahrhunderts“, Band 3, Beck Verlag, S. 304):

„Einer blutigen Mathematik gemäß, die über uns herrscht, müssen wir erkennen, dass unser Leben jederzeit und unwiederbringlich zu Ende sein kann. Dem Aufbegehren des Fleisches steht der Tod gegenüber, angesichts dessen sich klar sehende Seelen, die keinen Trost brauchen, keiner Täuschung hingeben. Er ist eine zuschlagende Tür. Ich sage nicht: eine Schwelle, die es zu überschreiten gilt – er ist ein furchtbares und schmutziges Abenteuer, mit dem die Herrlichkeit dieser Welt für immer vorbei ist.“

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Vertiefendes zum psychischen Gesundheitszustand Donald Trumps

In mehreren Beiträgen hat sich der „Denkraum“ mit der Frage auseinandergesetzt, ob Donald Trump trotz auffälliger, für jedermann offenkundiger „narzisstischer“ Persönlichkeitseigenschaften die Fähigkeit besitzt, das Amt des US-Präsidenten auszuüben. Nun wurde – angestoßen durch verschiedene in der New York Times veröffentlichte Leserbriefe amerikanischer Psychiater – die weitergehendere Frage, ob es sich bei diesen besorgniserregenden Eigenschaften Trumps um eine psychische Krankheit handelt, in den letzten Tagen in der Weltpresse eifrig diskutiert (z.B. hierhier und hier), und zwar kontrovers und zum wiederholten Mal. Die Süddeutsche Zeitung berichtete darüber ebenfalls und heute auch die FAZ.

Die Kontroversen psychiatrischer Experten über den psychischen Gesundheitszustand des amerikanischen Präsidenten hinterlassen die Öffentlichkeit mehr oder weniger ratlos, da sie zu keinen eindeutigen Ergebnissen führen. Warum dies so ist, warum also auch Fachleute so unterschiedlich darüber urteilen, ob es sich bei den psychischen Auffälligkeiten Trumps um krankheitswertige Störungen handelt oder nur um bizarre Persönlichkeitseigenschaften, die aber nicht das Etikett „Krankheit“ rechtfertigen, diese Problematik soll im Folgenden näher aufgeklärt werden. Der Autor dieses Blogartikels ist selbst Psychotherapeut und Psychoanalytiker, sollte zu einer solchen Klärung also beitragen können.

Gibt es eindeutige Kriterien, durch die psychische Krankheit von psychischer Gesundheit zu unterscheiden ist?

Stellen Sie sich vor, Sie sind erkältet. Sind Sie dann krank? Das hängt von dem Ausmaß ab, von dem Schweregrad der Erkältung, werden Sie sagen. Einen leichten Schnupfen wird man kaum als Krankheit bezeichnen. Liegt man aber mit starkem Husten, Fieber und Gliederschmerzen im Bett, so dürfte die Sache klar sein und eine ärztliche Krankschreibung kein Problem darstellen. Wo aber verläuft die Grenze? Gibt es eine solche Grenze überhaupt, existieren also klare, eindeutige Kriterien, anhand derer zu entscheiden ist, in welchen Fällen Ihre gesundheitliche Beeinträchtigung als Krankheit zu werten ist und in welchen nicht? Oder hängt es in einer gewissen Grauzone vielleicht vorwiegend von der Großzügigkeit und Tageslaune Ihres Arztes oder Ihrer langjährigen Beziehung zu ihm ab, ob er Sie krank schreibt oder nicht?

Aber einige Kriterien gibt es schon, werden Sie sagen, denn schließlich ist es doch ein Unterschied, ob ich nur einen Schnupfen habe oder eben auch Fieber, Gliederschmerzen und womöglich Schüttelfrost. OK, in den Extremzonen des Kontinuums, auf dem man Ihre Erkältungssymptome anordnen kann, fällt die Entscheidung nicht schwer. Aber lässt sich auch außerhalb der Extrembereiche exakt definieren, wann ein Arzt eine Erkältung von Krankheitswert diagnostizieren würde (die er dann vermutlich grippalen Infekt nennen würde)? Existieren trennscharfe Kriterien, die diese Grenze zu definieren erlauben?

Offenbar gibt es hinsichtlich der Bewertung „noch gesund“ oder „schon krank“ bei zahlreichen gesundheitlichen Problemen, die hinsichtlich ihres Schweregrads auf einem Kontinuum angesiedelt sind (natürlich nicht, wenn Sie sich Hals und Bein gebrochen haben), eine Grauzone und einen gewissen ärztlichen Ermessensspielraum. Und ich sage Ihnen schon jetzt, im Bereich psychischer Störungen ist die entsprechende Beurteilung noch schwieriger. Allerdings gilt auch dort: die Entscheidung wird umso einfacher, je stärker ausgeprägt die Symptomatik ist. Aber das haben Sie sich wahrscheinlich schon selbst gedacht.

Die Klassifikationssysteme medizinischer Diagnosen – des Rätsels Lösung?

In dem Bemühen, Krankheitsdiagnosen objektiver und einheitlicher zu gestalten, wurden Diagnoseklassifikationen bzw. -manuale entwickelt, die von Fachkommissionen immer mal wieder überarbeitet und weiterentwickelt werden. Die wichtigste, weltweit angewandte Klassifikation ist die von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) herausgegebene „International Statistical Classification of Diseases“ (ICD – aktuelle Ausgabe ICD-10).  Kapitel V der ICD-10 behandelt die Psychischen und Verhaltenstörungen. Während europäische Psychiater noch vorwiegend mit dieser Klassifikation arbeiten, werden psychische Störungen in den Vereinigten Staaten ausschließlich anhand des im Auftrag der American Psychiatric Association   entwickelten „Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders“ diagnostiziert, das seit 2013 in der fünften Version vorliegt (DSM-5). Aber auch in Europa wird das DSM in den letzten Jahren zunehmend populär.

Einer der Experten, der die gegenwärtige Kontroverse mit seinem Leserbrief an die New York Times, den auch die FAZ heute abdruckte, wesentlich beeinflusst hat, ist Allen Frances, ein international bekannter Professor für Psychiatrie, der die Expertenkommission leitete, die das 1994 veröffentlichte DSM IV entwickelte. Prof. Frances war es, der Donald Trump am 13. Februar 2017 in der New York Times mit den Worten gesund schrieb: I wrote the criteria that define this disorder, and Mr. Trump doesn’t meet them.“ („Ich schrieb die Kriterien, die diese Krankheit definieren, und Mr. Trump erfüllt sie nicht.“).  Und weiter: „Er ist vielleicht ein Weltklasse-Narzisst, aber das bedeutet nicht, dass er psychisch krank („mentally ill“) ist, denn er leidet nicht unter den Belastungen und Beeinträchtigungen, was erforderlich wäre, um eine psychische Erkrankung („mental disorder“) zu diagnostizieren. Mr. Trump verursacht eher schwerwiegende Belastungen als dass er sie erlebt, und ist für seine Grandiosität, Selbstbezogenheit und das Fehlen von Empathie reich belohnt worden, nicht bestraft.“ Nach Überzeugung von Prof. Frances ist also eine notwendige Bedingung für die Diagnose einer psychischen Erkrankung, dass der Betroffene unter den Symptomen seiner Störung selbst leidet bzw. einen persönlichen Leidensdruck empfindet.

Dazu sollten Sie jedoch wissen, dass Prof. Frances seit Jahren eine ganz eigene Agenda verfolgt. Er ist nämlich der Auffassung, dass seine Kollegen, die das DSM-5 entwickelt haben, die Nachfolgeversion der von ihm verantworteten DSM IV, einen Riesenfehler begangen haben: Sie erhöhten die Zahl legitimer psychiatrischer Diagnosen drastisch. Sein dazu auch bei uns erschienenes Buch richtete sich daher schon im Untertitel „gegen die Inflation psychiatrischer Diagnosen“, und eine Schweizer Zeitung nannte Allen Frances einen „Kämpfer wider den Diagnosewahn“. Klar also, dass der in jedem Fall dagegen ist, Donald Trump als psychisch krank zu bezeichnen.

Um es vorwegzunehmen, ich bin ebenfalls dagegen, aber vor allem deshalb, weil ich dies im Fall des US-Präsidenten für eine unergiebige Frage halte (es sei denn, man will versuchen, ihn mit dieser Begründung abzusetzen, was man aber nicht tun wird). Die Begründung, die Prof. Frances in seinem scheinbar so einleuchtenden und weltweit rezipierten Leserbrief für seine Feststellung gegeben hat, Trump erfülle nicht die Kriterien für eine Persönlichkeitsstörung, ist jedoch falsch.

Schauen wir uns die Kriterien an, die nach dem derzeit gültigen DSM-5 erfüllt sein müssen, um eine Persönlichkeitsstörung zu diagnostizieren, unabhängig davon, um welche Art es sich handelt. Demnach ist eine Persönlichkeitsstörung…

…ein überdauerndes Muster von innerem  Erleben und Verhalten, das merklich von den Erwartungen der soziokulturellen Umgebung abweicht. Dieses Muster manifestiert sich in mindestens zwei der folgenden Bereichen:

  • Kognition (d.h. die Art, sich selbst, andere Menschen und Ereignisse wahrzunehmen und zu interpretieren),

  • Affektivität (d.h. die Variationsbreite, Intensität, Labilität und Angemessenheit emotionaler Reaktionen),

  • Gestaltung zwischenmenschlicher Beziehungen.

  • Impulskontrolle.

  • Das überdauernde Muster führt in klinisch bedeutsamer Weise zu Leiden oder Beeinträchtigungen in sozialen, beruflichen oder anderen wichtigen Funktionsbereichen.

  • Das Muster ist stabil und lang andauernd, und sein Beginn ist mindestens bis in die Adoleszenz oder ins frühe Erwachsenenalter zurückzuverfolgen, es lässt sich nicht besser als Manifestation oder Folge einer anderen psychischen Störung erklären, ist nicht Folge der physiologischen Wirkung einer Substanz oder eines medizinischen Krankheitsfaktors (z. B. Hirnverletzung) und es ist unflexibel und tiefgreifend in einem weiten Bereich persönlicher und sozialer Situationen.

Das fettgedruckte Kriterium ist natürlich deshalb fettgedruckt, weil es den casus knacksus enthält: Das betreffende überdauernde Erlebens- und Verhaltensmuster, das merklich von den Erwartungen der soziokulturellen Umgebung abweicht, muss, um gemäß DSM-5 eine Persönlichkeitsstörung darzustellen, „in klinisch bedeutsamer Weise zu Leiden oder Beeinträchtigungen in sozialen, beruflichen oder anderen wichtigen Funktionsbereichen“ führen.

Zu Leiden oder Beeinträchtigungen, nicht zu Leiden und Beeinträchtigungen, wie Prof. Frances in seinem Leserbrief schreibt, und sich dabei ausschließlich auf subjektives Leiden bezieht. Das sei aber bei Mr. Trump nicht erkennbar, der sei doch im Gegenteil für seine narzisstischen Charakterzüge reich belohnt worden. Wie indes jedermann weiß, können Beeinträchtigungen bestimmter Persönlichkeitsfunktionen eines Menschen jedoch in den verschiedensten Lebensbereichen auftreten, ohne dass der Betroffene subjektiv darunter leidet. Gehen Sie mal in Gedanken all die Menschen durch, die Sie als schwierig empfinden, und fragen sich, welche davon unter den betreffenden „schwierigen“ Eigenschaften selbst subjektiv leiden, und in welchen Fällen es eher die Anderen sind, die leiden.

Deshalb fordert das DSM-5 als notwendige Voraussetzung für die Diagnose einer Persönlichkeitsstörung – wie übrigens auch die ICD-10 – ausdrücklich nicht „subjektives Leiden“ des Betroffenen, sondern lässt auch  „Beeinträchtigungen in sozialen, beruflichen oder anderen wichtigen Funktionsbereichen“ gelten, ob der Betroffene nun subjektiv darunter leidet oder nicht. 

Nach eben diesem Kriterium hat man in der Psychiatrie bzw. klinischen Psychologie lange Zeit eine sehr bedeutsame Unterscheidung getroffen, nämlich die zwischen Symptom- und Charakterneurosen. Als Symptomneurosen wurden diejenigen neurotischen Störungen bezeichnet, die von den Betroffenen als störend, fremd und nicht zu ihrer Persönlichkeit gehörend empfunden werden (ich-dyston) und die Leidensdruck mit sich brachten (Ängste, Zwangsgedanken oder -handlungen wie z.B. ein Waschzwang etc.). Charakterneurosen – heute als Persönlichkeitsstörungen bezeichnet – waren dadurch charakterisiert, dass die Betroffenen ihr von anderen Personen als störend und abweichend erlebtes Verhalten selbst als normal und zu ihrer Persönlichkeit gehörig erlebten (ich-synton). Die soziale Umgebung der Betroffenen hatte unter deren Verhalten zu leiden, sie selbst aber nicht. 

Doch schauen wir weiter, wie das DSM-5 nun den speziellen Fall einer Narzisstischen Persönlichkeitsstörung definiert. Dabei kommt es im wesentlichen auf diejenigen Persönlichkeitseigenschaften an, die in den fettgedruckten Zeilen beschrieben werden:

A. Signifikante Beeinträchtigung in der Funktionalität der Persönlichkeit, die zum Ausdruck kommt durch:

1. Beeinträchtigung der Selbstfunktionen (a oder b):
a. Identität: Exzessive Bezugnahme auf andere für die Selbst-Definition und für die Regulierung des Selbstwertgefühls; übertriebene Selbsteinschätzung, kann überhöht oder abgesenkt sein oder zwischen Extremen schwanken; emotionale Regulierung spiegelt Schwankungen im Selbstwertgefühl wider.
b. Selbstlenkung: Ziele werden abhängig von der Zustimmung anderer gesetzt; persönliche Standards sind unvernünftig hoch, damit man sich selbst als außergewöhnlich ansehen kann, oder zu niedrig, jeweils abhängig von den Ansprüchen, zu denen man sich berechtigt fühlt.
und
2. Beeinträchtigung der interpersonalen Funktionen (a oder b):
a. Empathie: Beeinträchtigte Fähigkeit, die Gefühle und Bedürfnisse anderer wahrzunehmen oder zu erkennen; übermäßig auf die Reaktionen anderer abgestimmt, jedoch nur, wenn diese Reaktionen als relevant für einen selbst wahrgenommen werden; Über- oder Unterschätzung der eigenen Wirkung auf andere.
b. Intimität: Beziehungen weitgehend oberflächlich und werden unterhalten, soweit sie der Regulation des Selbstwertgefühls dienen; beschränkte Gegenseitigkeit, weil kein echtes Interesse an den Erfahrungen anderer besteht, und Überwiegen des Bedürfnisses nach persönlichem Gewinn.

B. Pathologische Persönlichkeitszüge in den folgenden Bereichen:

1. Zwiespältigkeit, charakterisiert durch:
a. Überzogenes Selbstwertgefühl: Berechtigungsdenken, entweder offen oder verdeckt; Selbst-Zentriertheit; fest davon überzeugt, dass man selbst besser ist als andere; herablassend gegenüber anderen.
b. Aufmerksamkeit heischend: Übermäßiges Bemühen, die Aufmerksamkeit anderer zu erringen und zu erhalten; Heischen von Bewunderung.

C. Die Beeinträchtigungen der Persönlichkeitsfunktionalität und des Ausdrucks der Persönlichkeit sind über die Zeit und über unterschiedliche Situationen hinweg relativ stabil. (Die im Original noch folgenden Punkte D und E sind für unsere Betrachtung nicht relevant.)

Ich will Sie um Gottes Willen nicht verleiten, aufgrund dieser Beschreibung einschlägiger, von Experten entwickelter und weltweit verwendeter Kriterien für eine Narzisstische Persönlichkeitsstörung nun Ihrerseits – vermutlich im wesentlichen auf Basis der Fernsehnachrichten über Trump – eine Ferndiagnose zu stellen. Allemal dann nicht, wenn Sie nicht wie ich viel CNN schauen, wo man erheblich mehr Trump live erlebt als auf unseren Sendern. Aber niemand hindert Sie natürlich, mal ganz en passent ein wenig darüber nachzudenken, welche der oben aufgeführten Eigenschaften sich Ihrer Beobachtung nach bei Mr. Trump finden und welche nicht.

Und dann fragen Sie sich nicht, ob der Präsident aufgrund dieser Eigenschaften denn nun ärztlicherseits als psychisch krank zu erklären ist, sondern überlegen Sie doch besser, ob Sie ihn für fähig halten, das Präsidentenamt auszuüben. Denn das ist doch der entscheidende Punkt. Zur Frage der Abgrenzung einer krankheitswertigen von einer nicht-krankheitswertigen Persönlichkeitsstörung gibt es unter den Experten die unterschiedlichsten Ansichten, und die im Bereich der Psyche rein symptomorientiert aufgebauten Diagnosemanuale werden von vielen Fachleuten ganz grundsätzlich kritisiert.

So schrieb der ehemalige langjährige Direktor des National Institutes of Mental HealthThomas Insel, anlässlich der Einführung des DSM-5 im Jahr 2013 in seinem Blog über dieses Diagnosesystem (Hervorhebungen von mir):

„Das Ziel dieses neuen Manuals, wie auch aller vorhergehenden Versionen, ist es, eine gemeinsame Sprache zur Beschreibung der Psychopathologie zur Verfügung zu stellen. Obwohl das DSM oft als „Bibel der Psychiatrie“ bezeichnet wird, ist es bestenfalls ein Wörterbuch, das eine Gruppe von Etiketten [für psychische Störungen] kreiert und jedes Etikett definiert. Die Stärke aller Versionen des DSM liegt in ihrer Reliabilität, d. h., es wurde sichergestellt, dass die Ärzte dieselben Begriffe auf die gleiche Weise benutzen. Seine Schwäche ist jedoch der Mangel an Validität. Im Unterschied zu den Definitionen [körperlicher Erkrankungen] beruhen die DSM-Diagnosen auf einem Expertenkonsens über Bündel (cluster) klinischer Symptome, nicht auf objektiven Laborbefunden. In der restlichen Medizin wäre diese Vorgehensweise damit gleichbedeutend, diagnostische Systeme auf der Grundlage der Natur von Brustschmerzen oder der Qualität von Fieber zu entwickeln. Symptombasierte Diagnosen wurden in den letzten 50 Jahren weitgehend ersetzt (…)“ 

Mein Fazit: Anstatt sich mit dem Problem zu beschäftigen, ob man einen mit wahrlich bemerkenswert auffälligen Persönlichkeitseigenschaften ausgestatteten Menschen wie Donald Trump nun als krank bezeichnen will, sollte man sich mit der viel näherliegenden Frage befassen, ob man ihn für fähig hält, den Anforderungen, die das Amt des Präsidenten der USA an die Person stellt, die es ausübt, gerecht zu werden. Hat er die entsprechenden fachlichen und persönlichen Qualifikationen oder nicht? Ist Donald Trump in der Lage, Amerika zu regieren? Ein Urteil darüber ist das Wesentliche, und ich persönlich finde es auch nicht schwierig.

Für noch interessanter halte ich indes die Frage, wie es möglich war, dass ca. 63 Mill. wahlberechtigte Amerikaner Mr. Trump den Job offenbar zutrauten und ihn gewählt haben. Oder haben ihn möglicherweise viele gewählt, ohne auf die Frage der Qualifikation den geringsten Gedanken zu verwenden? Und wenn ja, warum ist das so?

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Ist Donald Trump psychisch krank, nur persönlichkeitsgestört oder gesund?

Nachdem die Psychiater, Psychologen und Psychoanalytiker der Vereinigten Staaten, die „Mental Health Professionals“, zur Frage der psychischen Verfassung des derzeitigen Präsidenten bisher weitestgehend geschwiegen hatten, ihrer 1973 selbstgesetzen Goldwater Rule folgend, gibt es in den letzten Tagen eine Kontroverse über den psychischen Gesundheitszustand des Präsidenten auf den Opinion Pages der New York Times.

Am 13. Februar 2017 teilten 33 Mental Health Professionals in einem Offenen Brief an die Zeitung ihre Auffassung mit, Donald Trump sei aufgrund seiner gravierenden emotionalen Instabilität außerstande, in zuverlässiger Weise als amerikanischer Präsident zu fungieren (vgl. Amerikanische Psychiater bezweifeln öffentlich Trumps Amtsfähigkeit, Denkraum-Beitrag vom 15. Februar 2017).

Einen Tag später widersprach der Vorsitzende der Expertenkommission, die das Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders IV (DSM-IV) entwickelt hatte – viele Jahre lang die Bibel der amerikanischen Psychiater (seit 2013 gibt es das DSM V). Allen Frances, inzwischen emeritierter Professor für Psychiatrie am Duke University Medical College, erklärte zur üblichen Diagnose des Präsidenten – Narzisstische Persönlichkeitsstörung – klipp und klar: „I wrote the criteria that define this disorder, and Mr. Trump doesn’t meet them.“ Trump sei vielleicht ein Weltklasse-Narzisst, aber das bedeute mitnichten, dass er psychisch krank („mentally ill“) sei, denn er leide nicht an den Belastungen und Beeinträchtigungen, die erforderlich seien, um eine psychische Krankheit („mental disorder“) zu diagnostizieren.

„Mr. Trump verursacht eher schwerwiegende Belastungen als dass er sie erlebt, und er wurde für seine Grandiosität, Selbstbezogenheit und das Fehlen von Empathie reich belohnt, nicht bestraft.“ Es sei, so Prof. Frances, eine stigmatisierende Beleidigung gegenüber psychisch Kranken, die meistens wohlmeinend seien und sich gesittet benehmen würden, mit Mr. Trump in einen Topf geworfen zu werden, auf den dies nicht zutreffe.

Nach Auffassung des prominenten Nervenarztes sei „die Zuschreibung psychiatrischer Diagnosen eine unzweckmäßige Methode, Trumps Angriff auf die Demokratie entgegenzutreten.“ Er könne und solle angemessener „wegen seiner Ignoranz, Inkompetenz, Impulsivität und seinem Streben nach diktatorischer Macht angeprangert werden“.

Der Professor schließt mit dem Gedanken, die psychologischen Motive Trumps seien zu offensichtlich, als dass sie interessant wären, und sie zu analysieren werde „seine plötzliche Machtergreifung nicht beenden. Das Gegengift gegen ein dunkles, dystopisches trumpsches Zeitalter ist politisch, nicht psychologisch.“

Hintergrund der Kontroverse der Mental Health-Experten über die Frage, ob gewisse charakterliche Besonderheiten des derzeitigen US-Präsidenten lediglich extreme Ausprägungen weit verbreiteter Persönlichkeitseigenschaften sind oder aber Symptome einer krankheitswertigen psychischen Störung, ist das letztlich ungelöste Problem, wie psychische Krankheit definiert und abgegrenzt werden sollte. Über die betreffenden Kriterien sind die Fachleute, die zumeist entweder dem Lager der verhaltenstheoretisch orientierten oder aber der psychoanalytischen Schulrichtung angehören, alles andere als einig.

Allen Frances vertritt seit Jahren sehr engagiert und exponiert die Auffassung, psychischen Auffälligkeiten nur ausgesprochen restriktiv Krankheitswert zuzuerkennen und kritisiert vor allem die Ausweitung psychiatrischer Diagnosen in dem 2013 fertiggestellten DSM V im Vergleich zu dem unter seiner Leitung erarbeiteten DSM IV.

Außerdem:
  • Ein Kämpfer wider den Diagnosewahn – Felix Straumann – Der Bund, 08.12.2012
    • „Allen Frances war einst einer der einflussreichsten Psychiater der Welt. Heute kritisiert er, seine Kollegen würden immer mehr normale Verhaltensweisen zu psychischen Störungen erklären.“
  • Allen Frances: Normal – Gegen die Inflation psychiatrischer Diagnosen – DuMont Verlag, 2013
    • „Vor einer Inflation der Diagnosen in der Psychiatrie warnt (…) der international renommierte Psychiater Allen Frances. Er zeigt auf, welche brisanten Konsequenzen die Veröffentlichung (des DSM-5) haben wird: Alltägliche und zum Leben gehörende Sorgen und Seelenzustände werden als behandlungsbedürftige, geistige Krankheiten kategorisiert. Verständlich und kenntnisreich schildert Allen Frances, was diese Änderungen bedeuten, wie es zu der überhandnehmenden Pathologisierung allgemein menschlicher Verhaltensweisen kommen konnte, welche Interessen dahinterstecken und welche Gegenmaßnahmen es gibt. Ein fundamentales Buch über Geschichte, Gegenwart und Zukunft psychiatrischer Diagnosen sowie über die Grenzen der Psychiatrie – und ein eindrückliches Plädoyer für das Recht, normal zu sein.“
    • Amazon-Seite von Allen Frances
  • Andreas Heinz: Der Begriff der psychischen Krankheit – Suhrkamp, 2014
    • „Im Rahmen der Überarbeitung zentraler Handbücher zur Diagnose und Einordnung psychischer Erkrankungen wird momentan heftig darüber gestritten, wie lange beispielsweise ein Mensch nach dem Tod eines nahen Angehörigen trauern darf, ohne als depressiv oder anderweitig psychisch krank zu gelten. In der Debatte stehen Versorgungsansprüche der Betroffenen sowie deren Ängste vor Pathologisierung und Bevormundung einer medizinischen Wissenschaft gegenüber, die festlegen muss, was als »normal« gelten darf. Der Mediziner und Philosoph Andreas Heinz plädiert angesichts der Diversität menschlicher Lebensformen für einen philosophisch informierten Krankheitsbegriff, der Krankheit als Störung wesentlicher Organfunktionen definiert, die für die betroffene Person schädlich sind oder erhebliches Leid verursachen.“

Amerikanische Psychiater bezweifeln öffentlich Trumps Amtsfähigkeit

 

In einem Schreiben an die New York Times, das die Zeitung am 13. Februar 2017 veröffentlichte, bringen 33 US-amerikanische Psychiater und Psychoanalytiker ihre Überzeugung zum Ausdruck, Donald Trump sei infolge seiner gravierenden emotionalen Instabilität außerstande, das Präsidentenamt auszuüben.

Sie beziehen sich zunächst auf einen Meinungsbeitrag des New-York-Times-Kolumnisten Charles M. Blow vom 9. Februar 2017 (s.u.), der Trumps fortwährendes Bedürfnis beschrieben hatte, Opposition gegen ihn „am Boden zu zermahlen“ („He always wants to grind the opposition underfoot“). Diese Besorgnis würden sie als „mental health professionals“ teilen.

Das Schweigen der Mental-Health-Organisationen des Landes sei auf eine selbstauferlegte Entscheidung der American Psychiatric Association aus dem Jahre 1973 zurückzuführen, Personen des öffentlichen Lebens nicht psychiatrisch zu beurteilen – die sogenannte Goldwater Rule. Aber dieses Schweigen habe zur Folge, dass man es in dieser kritischen Zeit unterlasse, die eigene Expertise besorgten Journalisten und Kongressabgeordneten zur Verfügung zu stellen. „Wir fürchten, es steht zuviel auf dem Spiel, als dass weiteres Schweigen gerechtfertigt wäre.“

Die Psychiater fahren fort,

Mr. Trumps Reden und Handlungen zeigen die Unfähigkeit, Ansichten zu tolerieren, die von seinen eigenen abweichen, was [bei ihm stattdessen] wütende Reaktionen nach sich zieht. Seine Äußerungen und sein Verhalten legen eine tiefgreifende Unfähigkeit nahe, sich [in andere Menschen] einzufühlen. Personen mit diesen Eigenschaften verzerren die Realität, damit sie ihrem psychischen Zustand entspricht, indem sie Tatsachen nicht wahr haben wollen und diejenigen angreifen, die diese Fakten offenlegen (Journalisten, Wissenschaftler).

Bei einer mächtigen Führungspersönlichkeit nehmen diese Angriffe wahrscheinlich weiter zu, wenn sich ihr persönlicher Größenmythos zu bestätigen scheint. Wir glauben, dass die gravierende emotionale Instabilität, die sich in Mr. Trumps Redeweise und in seinen Handlungen äußert, ihn unfähig macht, zuverlässig als Präsident zu fungieren. („We believe that the grave emotional instability indicated by Mr. Trump’s speech and actions makes him incapable of serving safely as president“).

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Präsident Donald Trump: Chronik eines vorhersehbaren Scheiterns

Aus psychologischer Sicht wird die Prognose begründet, Donald Trump werde noch vor Ende seiner Amtszeit scheitern, weil er aufgrund seiner gravierenden Persönlichkeitsstörungen dem Präsidentenamt nicht gewachsen sein wird, was im Laufe der Zeit auch für eine breite Öffentlichkeit zunehmend erkennbar werden wird. Die Folgen der narzisstischen und paranoiden Persönlichkeitsanteile Donald Trumps für seine Amtsführung werden beschrieben, ebenso seine erheblichen Arbeitsstörungen.

Die Erfordernisse, die das Amt des Präsidenten der Vereinigten Staaten an den Amtsinhaber notwendigerweise stellt und die Persönlichkeit Donald Trumps sind inkompatibel. Trump wird dem Amt nicht gewachsen sein. Das Diktum „Man wächst mit seinen Aufgaben“ wird auf ihn nicht zutreffen, weil seine Erlebens- und Verhaltensschemata weitgehend durch seine gravierende narzisstische Persönlichkeitsstörung in Verbindung mit erheblichen paranoiden Tendenzen festgelegt („constrained“) sind. Er wird sich nur in höchst begrenztem Maße als lernfähig erweisen und daher auch nicht in der Lage sein, in das Präsidentenamt hineinzuwachsen.

Die Aufgabe, ein Land zu regieren und internationale Beziehungen zu gestalten, erfordert Kompetenzen, die im Regelfall bereits über die Fähigkeiten eines psychisch gesunden, erfolgreichen Immobilienunternehmers weit hinausgehen (einen Berufsstand, den man bei uns im Volksmund auch als „Baulöwen“ bezeichnet). Donald Trump verfügt über diese Kompetenzen schon deshalb nicht, weil seine Anpassungsfähigkeit an die Aufgaben, die sein Amt mit sich bringt, infolge tiefgreifender psychopathologischer Persönlichkeitskomponenten erheblich eingeschränkt ist. Insbesondere seine selbstherrliche Egozentrik und die damit verbundene Unfähigkeit, die Dinge auch aus der Perspektive der Anderen – seiner Verhandlungspartner, politischen Gegenspieler etc. – wahrnehmen zu können und die eigene Perspektive dadurch verändern zu lassen, werden einem erfolgreichen politischen Agieren im Wege stehen.

Psychologisch ausgedrückt fehlt Trump weitgehend die Fähigkeit zur kognitiven Akkomodation: „Wenn eine bestimmte Wahrnehmung nicht mehr in die bestehenden Schemata eingeordnet werden kann (Assimilation), modifiziert das Individuum bestehende Schemata oder schafft neue, passt also sein Inneres an die sich verändernde Außenwelt an.“ [Akkommodation (Lernpsychologie)]. Diese Fähigkeit zur Anpassung der eigenen Denkschemata an Wirklichkeitsaspekte, die mit den vorhandenen, gewohnten Interpretationen der Realität nicht angemessen zu verstehen und zu bewältigen sind (eine grundlegende Form, aus Erfahrungen zu lernen), steht einem Menschen, der wie Trump ganz darauf ausgerichtet ist, seiner Umwelt das eigene Denken, die eigene Sichtweise aufzuoktoyieren, nur höchst eingeschränkt zur Verfügung.


Narzisstische Persönlichkeitseigenschaften (Zusammenfassung nach Wikipedia): Menschen mit einer Narzisstischen Persönlichkeitsstörung sind durch folgende Eigenschaften in ihrer persönlichen Funktionsfähigkeit eingeschränkt:

  • Überzogenes Selbstwertgefühl: Gefühl der Großartigkeit der eigenen Person; grandioses Verständnis der eigenen Wichtigkeit; Überzeugung, „besonders“ und einzigartig zu sein; Talente und Leistungen werden übertrieben; Erwartung, auch ohne entsprechende Leistungen als überlegen anerkannt zu werden. Viele Narzissten sind jedoch, zumeist im Berufsleben, sehr erfolgreich und rechtfertigen damit ihre hohe Selbsteinschätzung.
  • Phantasien grenzenlosen Erfolgs, grenzenloser Macht und Brillanz.
  • Bedürfnis nach exzessiver Aufmerksamkeit und Bewunderung („narzisstische Zufuhr“)
  • Hohe Kränkbarkeit: Auf Kritik, Niederlagen, Zurückweisung oder Beschämung  („narzisstische Kränkungen“) reagieren Narzissten intensiver als andere Menschen. Die Reaktion auf Kritik besteht meist in einer scharfen Attacke gegen die kritisierende Person.
  • Selbstbezogenheit; Mangel an Empathie bzw. Einfühlungsvermögen; kein echtes Interesse an den Bedürfnissen und Gefühlen Anderer; die Bereitschaft fehlt, darauf Rücksicht zu nehmen bzw. einzugehen.
  • Anspruchs- und Berechtigungsdenken; Erwartung an eine bevorzugte Behandlung und das Gefühl, dazu berechtigt zu sein. Infolge ihres mangelnden Einfühlungsvermögen und ihres Berechtigungsdenken sind Narzissten für zwischenmenschliche Konflikte prädestiniert, die schnell eskalieren und in Wutanfälle münden können.
  • Ausbeuterischer Beziehungsstil; Mangel an gleichberechtigter Gegenseitigkeit; Andere dienen allein dazu, eigene Ziele zu erreichen.
  • Arrogant und hochmütig; herablassend gegenüber anderen.

Der Rest der Welt wird nicht bereit sein, sich den eigenwilligen, teilweise bizarren Spielregeln zu unterwerfen, nach denen Trump Politik zu machen gedenkt. Man wird ihn zu umgehen versuchen, ihn auflaufen lassen oder ausbremsen, aber sich nicht den Bedingungen und Implikationen einer simplifizierenden „America first“-Machtpolitik beugen. Trump wird von der Komplexität des realpolitischen Alltags weitgehend überfordert sein und diese Komplexität weder rational erfassen und analysieren können, noch ihr mit dem Methodenrepertoire, das ihm aus dem Geschäftsleben vertraut ist, gerecht werden können. Er wird versuchen, sie auf undifferenzierte, holzschnittartige Weise zu vereinfachen, die in aller Regel von seinen grundlegenden, charakterbedingten Überzeugungen eingefärbt sein wird (aktuelles Beispiel:“75 % aller gesetzlichen Auflagen und Regularien für Unternehmer können abgeschafft werden, wenn nicht mehr“).

Trumps Urteilsbildung wird nicht auf der Grundlage sorgfältiger Analysen der Konsequenzen erfolgen, die seine Entscheidungen nach sich ziehen, nicht zu reden von der Berücksichtigung möglicher Neben- und Sekundärfolgen. Das Durchspielen verschiedener Szenarien, die vorausschauende, abwägende Beschäftigung mit den Schachzügen, mit denen die anderen politischen Player auf seine Entscheidungen reagieren könnten, das nüchterne Einkalkulieren auch unerwünschter Handlungsfolgen und deren Berücksichtigung bereits im Vorfeld der eigenen Entscheidung: all das wird die Sache Trumps nicht sein, und sollte er entsprechende Briefings mit seinen Mitarbeitern überhaupt durchführen oder deren vorbereitende Papiere lesen, so wird er sich darüber hinwegsetzen und seinen eigenen Einschätzungen und Urteilen den Vorzug geben. Trumps Urteilsbildung wird weitgehend von seiner Lust an Machtausübung und der Demonstration eigener Stärke geprägt sein, und sein Handeln wird Züge von ideosynkratischer Willkür aufweisen, wie bereits in seiner ersten Arbeitswoche im Amt des Präsidenten überdeutlich wurde.

Man mag sich nicht vorstellen, wie die Kubakrise verlaufen wäre, wenn damals Trump anstatt Kennedy US-Präsident gewesen wäre.


„He could be a daring and ruthlessly aggressive decision maker who desperately desires to create the strongest, tallest, shiniest, and most awesome result—and who never thinks twice about the collateral damage he will leave behind.“ (Dan P. McAdams, The Mind of Donald Trump, The Atlantic, Juni 2016)


Im Wahlkampf hat er es immer wieder gesagt: er will, „dass Amerika wieder gewinnt“. So wie er als Unternehmer in zahllose Rechtsstreitigkeiten verstrickt war und, wie er sagte, kein „Settler“ sei, also keine Vergleiche schließen, sondern die Prozesse gewinnen wollte, so will er auch politische Konflikte aus einer Position der Stärke heraus „gewinnen“ – notfalls auch militärisch. Die politische Arena erscheint ihm als Kampfplatz, auf dem es darum geht, als Sieger vom Platz zu gehen. Nicht von ungefähr bekannte seine Frau in einem Interview freimütig, oft unter dem Eindruck zu stehen, es zuhause mit zwei 10jährigen zu tun zu haben.

Trump ist somit das absolute Gegenteil eines Friedenspolitikers wie z.B. Willy Brandt, und es würde mich keineswegs wundern, wenn er die Vereinigten Staaten wieder in einen Krieg führen würde. Folgerichtig ist eine massive militärische Aufrüstung der USA eines seiner vorrangigsten Ziele.

Eine weitere Eigenschaft des gegenwärtigen amerikanischen Präsidenten führt tief in den Bereich der Psychopathologie: Er neigt dazu, Verschwörungstheorien anzuhängen, von denen er jahrelang überzeugt sein kann und sich auch öffentlich für die betreffenden Thesen engagiert. So war er über mehrere Jahre ein prominenter Vertreter der sogenannten Birther-Bewegung in den Vereinigten Staaten, die behauptete, Barack Obama sei kein natural born citizen und daher nicht wählbar. Derzeit schlägt die Überzeugung Trumps in den USA hohe Wellen, bei der Präsidentenwahl hätten ca. 3 – 5 Millionen illegale Wählerstimmen den Ausschlag dafür gegeben, dass er nicht auch die sog. „popular vote“ gewonnen habe. Die These, es habe bei den Präsidentenwahlen Wahlbetrug in einer nennenswerten Größenordnung gegeben, wird in den USA von Fachleuten und Politikern einmütig für abwegig gehalten. Trump will nun eine offizielle Untersuchung in Auftrag geben, die seine Überzeigung bestätigen soll.

Der Begriff „Verschwörungstheorie“ ist insofern irreführend, als die betreffenden paranoiden Vorstellungen in vielen Fällen nicht um konspirative Verschwörungen im engeren Sinn kreisen, sondern in allgemeinerer Form auf der Überzeugung einer Vielfalt von verborgenen, verdeckten feindseligen Tendenzen in der Welt beruhen, die dann bestimmten Akteuren zugeschrieben werden: „the dishonest press“, „the mexicans“, „the muslims“ etc.. Ein Mensch mit einer paranoiden Mentalität geht ständig davon aus, andere wollten ihn, seinen Besitz oder sein Land bedrohen, schädigen oder betrügen. Er präsentiert dafür dann auch„Beweise“, die ihm völlig überzeugend erscheinen, auch wenn er mit Tatsachen konfrontiert wird, die seine Vorstellungen widerlegen.


 – 30.01.2017


Derartige Überzeugungen haben zumeist den Charakter überwertiger Ideen, sie erscheinen den Betroffenen als außerordentlich bedeutungsvoll und haben für ihr geistig-seelisches Leben einen hohen Stellenwert. Die Vorstellung, dass der amerikanische Präsident zu solcherart bizarren, realitätsfernen Vorstellungen neigt und seine Entscheidungen und sein Handeln davon beeinflusst werden, ja dass er davon geradezu besessen sein kann, diese Erkenntnis ist außerordentlich beunruhigend.


Einige Charakteristika paranoider Persönlichkeitseigenschaften (nach Rainer Sachse, Persönlichkeitsstörungen sowie Wikipedia):

  • Allgemeines Gefühl der Bedrohung von nicht näher spezifizierten „Mächten“; die Art der Bedrohung ist oft kaum konkretisierbar („something is going on…“)
  • Misstrauen: Argwohn gegenüber Anderen, denen feindselige und böswillige Motive unterstellt werden; dies kann sich habituell auf weite Teile der sozialen Umwelt des Betroffenen beziehen oder sich weitgehend auf bestimmte Personengruppen (Feindbilder) beschränken, wie Farbige, Muslime, Juden oder Journalisten; Neigung zur Fehlinterpretation des Verhaltens Anderer als feindselig und bedrohlich („the muslims hate us“); aufgrund dieser Missdeutungen reagiert das paranoide Individuum seinerseits feindselig, und es entstehen Teufelskreise im Sinne von sich selbst erfüllenden Prophezeihungen
  • Neigung, sich hintergangen, ausgenutzt, geschädigt oder getäuscht zu fühlen
  • häufige Beschäftigung mit unbegründeten Gedanken an Verschwörungen als Erklärungen für Ereignisse in der näheren oder weiteren Umwelt
  • überhöhtes Selbstwertgefühl und ausgeprägte Selbstbezogenheit; Erleben eigener Stärke in Verbindung mit dem Gefühl, sich nur auf sich selbst verlassen zu können; Überheblichkeit
  • starkes Bedürfnis nach Autonomie und der Definition und Verteidigung eigener Grenzen bzw. des eigenen Territoriums (Besitzes, Landes etc); das eigene Territorium muss von anderen unbedingt respektiert werden, seine Grenzen dürfen nicht unbefugt überschritten werden („we will build the wall“); in Bezug darauf permanenter Alarmzustand und ständige Kampfbereitschaft 
  • Tendenz zu übermäßiger Empfindlichkeit und Kränkbarkeit, daher häufige Konflikte mit dem sozialen Umfeld; die Betroffenen fühlen sich extrem leicht angegriffen und reagieren zornig bzw. mit Gegenangriff („Counterpuncher“)
  • Neigung zu lang andauerndem Groll; nachtragend; subjektiv erlebte Kränkungen, Beleidigungen oder Herabsetzungen werden nicht verziehen
  • Streitbarkeit; Rechthaberei bis hin zu querulatorischen Tendenzen; beharrliches, situationsunangemessenes Bestehen auf eigenen Rechten;
  • Neigung zu Schwarz – Weiß-Denken; „für mich oder gegen mich“
  • Tendenz zu hartem, kompromisslosen Vorgehen

Last not least gibt es erste Berichte über gravierende Arbeitsstörungen des Präsidenten (s.u. „Trump struggles to shake his erratic campaign habits“) wie die Tendenz, sich bei der Erörterung komplexer Themen rasch zu langweilen und viel Zeit mit exzessivem Fernsehkonsum zu verbringen. Er habe eine geringe Aufmerksamkeitsspanne und tue sich schwer, sich längere Zeit konzentriert mit einem Thema zu befassen. Wenn die Dinge nicht so laufen, wie er es sich vorstellt, werde er schnell wütend und neige dann zu impulsiven aggressiven Reaktionen. Es sei ausgeschlossen, ihn mit Irrtümern zu konfrontieren, wenn Dritte im Raum sind, da er in einer solchen Situation einen Irrtum oder Fehler niemals einräumen werde. Allenfalls in Gesprächen unter vier Augen sei er dafür ansatzweise aufnahmebereit. Von Insidern wird er nach seiner ersten Woche im Amt mit einem launischen Teenager verglichen.

Überdies halte ich es für wahrscheinlich, dass der neugewählte Präsident Leichen im Keller hat, die im Laufe der Zeit auffliegen dürften (vgl. den Aufruf von WikiLeaks an potenzielle Whistleblower hinsichtlich der von Trump unter Verschluss gehaltenen Tax Returns).

Die bereits in der Endphase des Wahlkampfs von seinem engsten Umfeld, im wesentlichen von seiner Familie, praktizierte enge Begleitung durch einen persönlichen Vertrauten Donald Trumps als permanenten Einflüsterer und Aufpasser wird auf die Dauer nicht tragfähig sein. Es ist eine Illusion zu glauben, ein Präsident Trump sei gewissermaßen als Marionette seiner Tochter Ivanca oder seines Schwiegersohns Kushner politisch überlebensfähig.

Ebenso halte ich den Gedanken, sein Kabinett oder sein Stab könnten ihn lenken und leiten, für eine Illusion. Eine derartige tendenzielle Entmachtung würde ein von Grandiositäts- und Omnipotenzvorstellungen durchdrungener Narzisst nicht zulassen. Der Einwand, die eigentliche Politik werde ohnehin von der Administration gemacht, der Präsident selbst sei nur das Aushängeschild, verkennt ebenfalls, dass Trump sich darauf nicht reduzieren lassen wird. Zudem ist es der Präsident selbst, der von den Medien auf Schritt und (Fehl-) Tritt beobachtet und kommentiert werden wird, und der zumindest als Aushängeschild einigermaßen „funktionieren“ müsste, wie es z.B. Ronald Reagan in hervorragender Weise gelang. Von Trump hingegen ist eher zu erwarten, dass er kaum ein Fettnäpfchen auslassen wird.

Es bleibt abzuwarten, wie sich die Stimmung in der amerikanischen Öffentlichkeit entwickelt, wenn zunehmend deutlich wird, dass der drastische Autoritarismus (s. auch hier), der Donald Trumps Persönlichkeit prägt, von einer rechtsextremen Mentalität und faschistoiden Tendenzen (s. auch hier) kaum mehr zu unterscheiden ist. Es ist gut denkbar, dass ein erheblicher Teil derjenigen Wähler, die ihm ihre Stimme nur deshalb gegeben haben, weil sie das Washingtoner Establishment abwählen wollten, die aber keine genuinen Trump-Anhänger sind, sich von ihm abwendet, wenn das ganze Ausmaß an Irrationalität und Psychopathologie zutage tritt, das die Persönlichkeit und das Handeln des amerikanischen Präsidenten bestimmt.

Aufgrund dieser – hier nur kursorisch umrissenen – Faktoren prognostiziere ich ein Scheitern Trumps noch vor dem Ende seiner Amtszeit. Schritte auf diesem Weg werden an dieser Stelle weiterhin dokumentiert und kommentiert werden.

Diese Prognose bezieht sich auf die Person Donald Trump. Für den Fall, dass er eines Tages gezwungen sein würde, zurückzutreten (wie Nixon wegen der Watergate-Affaire) und Vizepräsident Mike Pence Präsident werden würde, würden die hier genannten Faktoren entfallen und die Karten neu gemischt werden.

  • Zur Persönlichkeit Donald Trumps
  • Zunehmend werden in den Vereinigten Staaten Stellungnahmen von Psychotherapeuten („shrinks“) veröffentlicht, die Donald Trump eine „mental illness“ bescheinigen und es als ihre Aufgabe ansehen, die Öffentlichkeit angesichts Machtfülle des amerikanischen Präsidenten über die Gefahren aufzuklären, die damit verbunden sind, wenn eine Person mit gravierenden Persönlichkeitsstörungen dieses Amt bekleidet. 
  • President Trump exhibits classic signs of mental illness, including ‚malignant narcissism,‘ shrinks say – Gersh Kuntzman – New York Daily News, 29.01.2017
    • „The time has come to say it: there is something psychologically wrong with the President.“
    • „(…) frightened by the President’s hubris, narcissism, defensiveness, belief in untrue things, conspiratorial reflexiveness and attacks on opponents, mental health professionals are finally speaking out. The goal is not merely to define the Madness of King Donald, but to warn the public where it will inevitably lead.“
    • A top psychotherapist affiliated with the esteemed Johns Hopkins University Medical School said Trump „is dangerously mentally ill and temperamentally incapable of being president.” The expert, John D. Gartner, went on to diagnose Trump with “malignant narcissism.”
    • In an earlier effort just after the election, thousands of shrinks joined a new group called „Citizen Therapists Against Trumpism,“ which quickly released a „Public Manifesto“ to warn America about its leader’s apparent psychosis.
    • „We cannot remain silent as we witness the rise of an American form of fascism,“ the manifesto states. The psychological warning signs? „Scapegoating …, degrading, ridiculing, and demeaning rivals and critics, fostering a cult of the Strong Man who appeals to fear and anger, promises to solve our problems if we just trust in him, reinvents history and has little concern for truth (and) sees no need for rational persuasion.“
  • Zur Möglichkeit eines Amtsenthebungsverfahrens (impeachment):
  • Trumps erste Skandale an „day two
    • sein misslungener Auftritt bei der CIA
      • Trumps hat eine in geradezu grotesker Weise unpassende Rede vor den CIA-Mitarbeitern u.a. dazu verwendet, über die „unehrenhaften Medien“ herzuziehen, die falsche Angaben über die Zuschauerzahlen bei seiner Amtseinführung gemacht hätten, damit zu prahlen, wie oft er im letzten Jahr auf dem Titelblatt des Time-Magazins abgebildet war, und zu bedauern, dass man seinerzeit nicht Iraks Öl „genommen“ hat – aber vielleicht werde es eine zweite Chance geben. Sein Auftritt brachte ihm u.a. eine vernichtende Kritik des ehemaligen CIA-Direktors Brennan ein („he should be ashamed of himself“).
    • sein wahrheitswidriges Bestehen darauf, das Publikum bei seiner Inauguration sei zahlenmäßig größer gewesen als bei allen anderen Präsidenten.
  • Dear Mr President: welcome to the real world – David A. Andelman, CNN, 20.01.2017
    • David A. Andelman, editor emeritus of World Policy Journal and member of the board of contributors of USA Today, is the author of „A Shattered Peace: Versailles 1919 and the Price We Pay Today.“
    • „The US could lose the new Cold War before it’s even started“
  • Trumps erster Tag: Narziss und Schoßhund – Kolumne von Christian Stöcker – Spiegel Online, 22.01.2017
    • „Donald Trump ist ein Narzisst, das war klar. Wie kränkbar der neue US-Präsident ist, verblüfft dann aber doch. Wie sein Sprecher für ihn lügen muss, auch. Trumps erster Tag in Zitaten.“
  • Streit über Amtseinführung: Trumps Kampf um die Bilder – Tagesschau, 22.02.2017
    • „Enttäuschend wenige Besucher bei der Amtseinführung? Der neue US-Präsident Trump findet derlei Berichte empörend. Sein Sprecher drohte der Presse mit Konsequenzen. Und auch ein versöhnlich gemeinter Besuch bei der CIA löst eine Kontroverse aus.“
  • Trumps Pressesprecher: Vier Falschaussagen in fünf Minuten – Bayerischer Rundfunk, 22.01.2017
    • „Es war ein denkwürdiger Auftritt: Knapp fünf Minuten redete der neue Pressesprecher des Weißen Hauses bei seiner Premiere. Dabei verdrehte Sean Spicer mindestens vier mal die Fakten zu seinen Gunsten.“
  • Ex-CIA-Chef: Trump sollte sich schämen – ntv, 22.01.2017
    • „Der frühere CIA-Direktor Brennan ist tieftraurig und verärgert über Donald Trumps verabscheuenswürdige Darstellung der Selbstverherrlichung vor der CIA-Gedenkwand mit den Helden der Agentur“, twitterte der frühere stellvertretende CIA-Stabschef Nick Shapiro. „Brennan sagt, dass Trump sich schämen solle.“

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Wie die Demokraten Donald Trump besiegen wollen

Mit welchen Argumenten die Demokraten den voraussichtlichen republikanischen Präsidentschaftskandidaten Donald Trump besiegen und als nächsten Präsidenten der Vereinigten Staaten verhindern wollen, kann man sehr schön an einer Serie von Tweets erkennen, mit der Elizabeth Warren, hochrespektierte demokratische Senatorin von Massachusetts und als „running mate“ von Hillary Clinton im Gespräch, gestern auf den Sieg Trumps bei den Vorwahlen in Indiana reagierte.

Elizabeth Warren ‏@elizabethforma  14 Std.

@realDonaldTrump is now the leader of the @GOP. It’s real – he is one step away from the White House.

Here’s what else is real: @realDonaldTrump has built his campaign on racism, sexism, and xenophobia.

There’s more enthusiasm for @realDonaldTrump among leaders of the KKK than leaders of the political party he now controls.

@realDonaldTrump incites supporters to violence, praises Putin, and is „cool with being called an authoritarian.“

@realDonaldTrump attacks vets like @SenJohnMcCain who were captured & puts our servicemembers at risk by cheerleading illegal torture.

And @realDonaldTrump puts out out contradictory & nonsensical national security ideas one expert called „incoherent“ & „truly bizarre.“

What happens next will test the character for all of us – Republican, Democrat, and Independent.

It will determine whether we move forward as one nation or splinter at the hands of one man’s narcissism and divisiveness.

I’m going to fight my heart out to make sure @realDonaldTrump’s toxic stew of hatred & insecurity never reaches the White House.

Das ist alles nett zusammengefasst, allerdings sind die von rational denkenden, politisch einigermaßen sachkundigen Menschen für absurd gehaltenen Standpunkte und Äußerungen Trumps in den USA bereits bestens bekannt, ebenso seine narzisstische Persönlichkeit, die wahrlich alles andere als „presidential“ ist.

Seinen eindrucksvollen Erfolg in den republikanischen Vorwahlen hat dies jedoch nicht im mindesten beeinträchtigen können. Trumps Wähler interessiert das alles nicht. Sie lieben und bewundern ihn genau so, wie er ist. So wie die Italiener lange Zeit Silvio Berlusconi toll fanden.

Während Trump im direkten Vergleich mit Hillary Clinton in den Umfragen bisher immer unterlegen war, gibt es inzwischen eine erste Umfrage zur Wahl im November, die Trump mit zwei Prozent Vorsprung vor Clinton ins Weiße Haus einziehen sieht. Hillary hat nämlich ein gravierendes Handicap: Viele Amerikaner mögen sie einfach nicht.

Was also, wenn es Trump tatsächlich gelingen sollte, der nächste Präsident der Vereinigten Staaten zu werden?

Dann werden, das sage ich hier voraus, seine angekündigten Erfolge nicht eintreten, sondern sich bald als Luftschlösser erweisen. „The Donald“ wird kläglich versagen. Wegen seiner absehbar nicht einzulösenden Versprechungen wird er sich binnen relativ kurzer Zeit so unbeliebt machen, dass man ihn alsbald wieder vom Hofe jagen wird. Gründe werden sich finden lassen.

Außerdem:
  • Donald Trump: Hat er eine Persönlichkeitsstörung? – Johannes Werner – GMX-Magazin, 03.05.2016
    • „Donald Trump präsentiert sich im Wahlkampf machthungrig, egozentrisch und rücksichtslos. Sein Verhalten ist unkalkulierbar und befremdlich. Seine Aussagen sind oft wirr und verstörend. Und statt Inhalten geht es Trump vorrangig um eines: sich selbst. Nach Meinung von Psychologen weist der republikanische Präsidentschaftskandidat eindeutige Merkmale einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung auf.“

„Auszug aus dem Register der 927 ewigen Wahrheiten“ (Sheldon B. Kopp)

In den 1970er Jahren war das Buch „Triffst du Buddha unterwegs…“ des amerikanischen Psychotherapeuten Sheldon B. Kopp eine Art Kultbuch. (Ein anderes Kultbuch in jener Zeit, also vor etwa 40 Jahren, war Pirsigs „Zen und die Kunst, ein Motorrad zu warten“.)

Im Anhang fand sich ein „Auszug aus dem Register der 927 (oder waren es 928?) ewigen Wahrheiten“, vom Verfasser auch als eschatologischer Waschzettel“ bezeichnet (zuerst erschienen in: Voices 6, Nr. 2 (Herbst 1970) S.29). 

Ob es an dem Orkan liegt, der gerade über Deutschland hinwegfegt – jedenfalls kam mir das heute wieder in den Sinn. Obwohl es sich jenseits jeglicher Politik im engeren Sinn bewegt, nehme ich es hier mit auf, sozusagen in einer Rubrik „mal ganz was anderes…“ .

Falls Sie annehmen sollten, ich würde die folgenden Statements auch allesamt für „ewige Wahrheiten“ halten: dies ist nicht der Fall. Diejenigen Aussagen, denen ich zustimmen würde, habe ich kursiv gesetzt.

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„Gemeinsam gegen den neuen Totalitarismus“ – Anti-Islamistisches Manifest von Salman Rushdie u.a.

Der indo-britische Schriftsteller Salman Rushdie, die aus Somalia stammende Politikerin und Autorin Ayaan Hirsi Ali, die im französischen Exil lebende iranische Schriftstellerin Chahla Chafiq, der französische Philosoph Bernard-Henri Lévy und weitere Intellektuelle unterzeichneten im Jahr 2006 ein Manifest “gegen den neuen Totalitarismus: den Islamismus”, das seinerzeit in dem französischen satirischen Wochenmagazin “Charlie Hebdo” veröffentlicht wurde. “Charlie Hebdo” hatte nach den weltweiten Protesten gegen die dänischen Mohammed-Karikaturen schon damals mit dem Abdruck eigener Karikaturen gegen den Islamismus Front gemacht.

Gemeinsam gegen den neuen Totalitarismus

Nachdem die Welt den Faschismus, den Nazismus und den Stalinismus besiegt hat, sieht sie sich einer neuen weltweiten totalitären Bedrohung gegenüber: dem Islamismus.

Wir Schriftsteller, Journalisten, Intellektuellen rufen zum Widerstand gegen den religiösen Totalitarismus und zur Förderung der Freiheit, Chancengleichheit und des Laizismus für alle auf.

Die jüngsten Ereignisse nach der Veröffentlichung der Mohammed-Karikaturen in europäischen Zeitungen zeigt die Notwendigkeit des Kampfes für diese universellen Werte. Dieser Kampf kann nicht mit Waffen, sondern muß auf dem Feld der Ideen gewonnen werden. Es handelt sich nicht um ein Aufeinanderprallen der Kulturen oder einen Gegensatz von Okzident und Orient, sondern um einen weltweiten Kampf der Demokraten gegen die Theokraten.

Wie alle Totalitarismen nährt sich der Islamismus aus der Angst und der Frustration. Auf diese Gefühle setzen die Haßprediger, um mit ihren Bataillonen eine Welt der Unfreiheit und Ungleichheit zu erzwingen. Wir aber sagen laut und deutlich: Nichts, nicht einmal Verzweiflung, rechtfertigt Massenverdummung, Totalitarismus und Haß. Der Islamismus ist eine reaktionäre Ideologie. Überall, wo er sich breit macht, zerstört er Gleichheit, Freiheit und Laizismus. Wo er erfolgreich ist, führt er nur zu einer Welt des Unrechts und der Unterdrückung: Der Frauen durch die Männer und aller anderen durch die Integristen.

Wir lehnen den “kulturellen Relativismus” ab, der im Namen der Achtung der Kulturen und der Traditionen hinnimmt, daß den Frauen und Männern der muslimischen Kultur das Recht auf Gleichheit, Freiheit und Laizität vorenthalten wird.

Wir weigern uns, wegen der Befürchtung, die “Islamophobie” zu fördern, auf den kritischen Geist zu verzichten. Dies ist ein verhängnisvolles Konzept, das die Kritik am Islam als Religion und die Stigmatisierung der Gläubigen durcheinanderbringt.

Wir plädieren für allgemeine Meinungsfreiheit, damit sich der kritische Geist auf allen Kontinenten gegen jeden Mißbrauch und gegen alle Dogmen entfalten kann.

Wir richten unseren Appell an die Demokraten und freien Geister aller Länder, damit unser Jahrhundert eines der Aufklärung und nicht eines der Verdummung wird.

Ayaan Hirsi Ali, Chahla Chafiq, Caroline Fourest, Bernard-Henri Lévy; Irshad Manji, Mehdi Mozaffari, Maryam Namazie, Taslima Nasreen; Salman Rushdie, Antoine Sfeir, Philippe Val, Ibn Warraq

Aus dem Französischen von Jochen Hehn.

Die zwölf Unterzeichner des Manifestes sind:

  • Ayaan Hirsi Ali, niederländische Schriftstellerin, Politikerin und Frauenrechtlerin somalischer Herkunft
  • Chahla Chafiq, iranische Schriftstellerin im französischen Exil
  • Caroline Fourest, französische Schriftstellerin, Journalistin und Feministin
  • Bernard-Henri Lévy, französischer Philosoph und Publizist
  • Irshad Manji, Schriftstellerin, Journalistin und Feministin ugandischer Herkunft
  • Mehdi Mozaffari, Professor der Politikwissenschaft in Dänemark
  • Maryam Namazie, iranische Kommunistin im britischen Exil
  • Taslima Nasreen, Schriftstellerin und Ärztin aus Bangladesh
  • Salman Rushdie, indisch-britischer Schriftsteller
  • Antoine Sfeir, in Frankreich lebender libanesischer Schriftsteller, Politologe und Journalist
  • Philippe Val, Chefredakteur des Magazins Charlie Hebdo, das das Manifest veröffentlicht hat
  • Ibn Warraq (Pseudonym), indischer Schriftsteller und Islamkritiker

Auftritt eines grandiosen Egomanen: Wolf Biermann im Bundestag

Eineinhalb lange Minuten spielt er sich erstmal ein auf der Gitarre, zeigt, wie bravourös er auch mit knapp 78 das Instrument noch beherrscht. Dann, ganz weich, fast schmeichlerisch, wendet er sich an den, der jetzt zunächst zu überwinden ist, den er sich gewogen machen muss für das, was er gleich vorhat:

„Herr Lammert, ich freu‘ mich, dass Sie mich hierher gelockt haben – und ich ahne schon, weil ich Sie ja als Ironiker kenne, dass Sie hoffen, dass ich den Linken ein paar Ohrfeigen verpasse…“

Natürlich ist nicht Herr Lammert, der wegen seiner eigenmächtigen, trickreich verschleierten Einladung an Biermann schon erheblichen Ärger mit der Linken-Fraktion bekommen hat und nun bloß inständig hofft, dass alles glatt über die Bühne geht, natürlich ist nicht er der Ironiker, sondern Biermann selbst ist es, indem er coram publicum den Finger mitten in die Wunde legt und genau das unterstellt, was auf keinen Fall sein darf: dass nämlich der zur Neutralität verpflichtete Bundestagspräsident klammheimliche Freude empfinden würde, sollte Biermann seinen Auftritt nutzen, um den Linken Ohrfeigen zu verpassen.

„…aber, das kann ich ja nicht liefern – mein Beruf war doch Drachentöter!“

Es beginnt nun die von grandiosem Narzissmus nur so triefende Selbstdarstellung eines alternden Egomanen, zum 25jährigen Jahrestag des Mauerfalls in den Deutschen Bundestag eingeladen als Gast, um ein Lied vorzutragen. „Drachentöter“ – wer mag ihm dieses Etikett irgendwann einmal angeheftet haben? Er selbst? Jedenfalls taucht es in „Adieu Berlin“ auf, einem seiner späten Lieder.

Im Osten war ich Drachentöter.
Im Westen Wolf – doch niemals Köter,
hing nie an keiner Kette fest.
Ich brach mit blutigen Genossen,
die Gift mir in die Seele gossen.
Schrie all das aus und sang und schwieg.
Im allerbesten Sinn Verräter.
Nicht Opfer, lieber bin ich Täter.

Ein meisterhafter, ein brillanter Lyriker und Liedermacher, das zeigen schon diese wenigen Zeilen. Nun, mit 78 im Bundestag, genügt ihm das aber nicht. Hier will Biermann sich als Mann der Tat präsentieren, was in einem Parlament bedeutet, als Redner, und nicht nur mit einer Gesangseinlage. In einem Parlament wird gestritten, attackiert, bewertet und beurteilt, auch verurteilt. Da geht es um richtig und falsch, gut und schlecht, manchmal auch um gut und böse. Was passt da besser, als das Drachentöter-Selbstbild in Szene zu setzen, und warum den selbstgestrickten Mythos um die eigene Person nicht gleich zur Berufsbezeichnung machen? „Wolf Biermann, Drachentöter“. Einer wie Siegfried, Herakles oder Perseus – Heldenfiguren, die das Ungeheuer, Sinnbild des menschenfeindlichen Bösen, entweder mit List und Tücke oder in mutigem, heroischem Kampf besiegt haben. Das ist die Liga, in der er jetzt spielt.

Und eben so, wie er sich selbst grandios überhöht und idealisiert, wird er gleich die Besiegten erniedrigen und demütigen, voll Hohn und Häme zur „Drachenbrut“ herabwürdigen, zum „elenden Rest dessen, was überwunden wurde“. Überwunden von wem? Na, von ihm höchstselbst, dem Drachentöter: „Ich habe Euch zersungen mit den Liedern, als Ihr noch an der Macht wart.“ Nicht das Volk, nein: Wolf, der Volksheld. „Es fehlte nicht viel,“ schreibt die „Welt“, „so schien es, und Biermann hätte sich daran erinnert, wie er damals die Mauer allein niedergerissen hat.“

Lammert ahnt, dass die Sache aus dem Ruder zu laufen droht und unternimmt einen Versuch, möglichst humorvoll, den aus der Rolle fallenden Gast der Feierstunde zu bremsen, einer Feier, die schließlich der Versöhnung, der deutschen Einheit dienen soll und nicht dem Ressentiment.

„Ich kann Ihnen auch, Herr Biermann, mit einem Hinweis auf unsere Geschäftsordnung helfen. Sobald Sie für den Deutschen Bundestag kandidieren und gewählt werden, dürfen Sie hier auch reden. Heute sind Sie zum Singen eingeladen.“

Was Lammert wohl nicht ahnt: dass er damit dem alternden Barden, der es nochmal allen zeigen will, eine Steilvorlage liefert. „Ja“, antwortet der in aller Seelenruhe und dem sicheren Bewusstsein, dass dieser Punkt an ihn geht, „aber natürlich habe ich mir in der DDR das Reden nicht abgewöhnt, und das werde ich hier schon gar nicht tun.“ Damit hat er die Lacher auf seiner Seite, die Abgeordneten klatschen stürmisch Beifall. Den Schlagabtausch mit Lammert hat Biermann gewonnen, der Bundestagspräsident ist für’s erste zum Schweigen gebracht.

Könnte man bis hierher vielleicht noch einen Funken „Mannesmut vor Königsthronen“ entdecken und goutieren, so entlarvt sich der selbsternannte Held mit seinem nächsten Satz als boshafter, arroganter Mütchenkühler, als schadenfroher Heimzahler, der seiner Unversöhnlichkeit, seinem ganzen eitlen Ressentiment freien Lauf lässt:

„Ein Drachentöter kann nicht, mit großer Gebärde, die Reste der Drachenbrut tapfer niederschlagen. Die sind geschlagen. Und es ist für mich Strafe genug, dass Sie hier sitzen müssen, dass Sie das anhören müssen…

Und:

Also, Ihr seid dazu verurteilt, das hier zu ertragen, ich gönne es Euch, und ich weiß ja, dass die, die sich Linke nennen, nicht links sind, auch nicht rechts, sondern reaktionär – dass diejenigen, die hier sitzen, der elende Rest dessen sind, was zum Glück überwunden ist.

Losgesprungen als Drachentöter, gelandet als schäbiger Nachtreter, der große Liedermacher. Peinlichkeit macht sich breit, zumindest unter den sensibleren Zuhörern. Die meisten scheinen sich indes damit aus der Affäre des unangenehmen Fremdschämens ziehen zu wollen, dass sie sich emotional auf die Seite des Aggressors schlagen.

„Kein Abgeordneter einer anderen Partei hätte gewagt, die Linke so genießerisch fertigzumachen wie der Mann ohne Rederecht. Wolf Biermann war immer zu eitel, um sich an die Spielregeln für andere zu halten. Diesmal hatte er die Mehrheit der versammelten Volksvertretung auf seiner Seite. Und er genoss es huldvoll wie ein Monarch.“ („Eins in die Fresse, mein Herzblatt“ – Uwe Schmitt, Die Welt, 07.11.2014)

Am nächsten Tag gab Biermann noch ein Konzert im Berliner Ensemble. Dazu ebenfalls die „Welt“:

„Wenn Biermann Verwunderung mimt angesichts der Liebkosungen des Publikums oder auch, mit vor den Mund geschlagener Hand, vor den freien Kräftespielen des Quartetts, wenn er die Linke über die Augen krümmt, um das Scheinwerferlicht abzuwehren, und in die Runde schaut, als wollte er sagen „Was findet ihr nur so verdammt genial an mir?“, wenn er chaplinesk Verblüffung spielt über die Ehre – kurz, wenn Wolf Biermann gespreizt den uneitlen Kerl mimt, ist er schwer zu ertragen. (…) 

‚Frühzeitig hat man mich geehrt/ Nachttöpfe auf mir ausgeleert/ Die Dornenkrone mir verehrt/ Ich hab sie liegen lassen‘. So sang Biermann und bog die Balken. Dornenkronen, die ihm standen, hat er immer gern getragen. Ein bisschen Blut im Gesicht konnte nie schaden. Er ist furchtlos und schamlos, die Welt dreht sich um ihn und soll das gefälligst wissen.

Manchmal plaudert sich Biermann, der Obrigkeit wie uns andere sämtlich duzt, aus der feinen Unverschämtheit in die Peinlichkeit. Auch darauf ist Verlass. Im Berliner Ensemble gelang ihm das, als er einen hohen polnischen Würdenträger erst grob anredete („Wo ist denn der Oberpole?“) und dann aufklärte, dass seine Nationalhymne „Noch ist Polen nicht verloren“ ja nicht gerade ein Hurra-Gesang sei. Eins in die Fresse, mein Herr, nett gemeint. („Was findet Ihr nur so genial an mir?“ – Uwe Schmitt, Die Welt, 09.11.2014)

Seine Lieder, seine Lyrik, durchaus. Als Mensch ist er, zumindest bei seinen öffentlichen Auftritten, oft neben der Spur. Viele Künstler sind Narzissten und Egomanen. Die meisten verstehen indes, die unangenehmen Seiten ihrer Persönlichkeit in der Öffentlichkeit zu verbergen. Biermann nicht – er will es wohl auch gar nicht. Sein Narzissmus gehört mit zur Performance. Leider.

Siehe auch:
  • „Ich sollte die Menschheit retten“Christoph Heinemann spricht mit Wolf Biermann über seine Lebensgeschichte – Deutschlandfunk, 12.08.2011
    • „Als er 16 Jahre alt war ging Wolf Biermann von Westdeutschland in die DDR. Er habe zunächst zu jenen gehört, die für den Bau der Mauer waren, bekennt der Liedermacher. Heute befalle ihn aus diesem Grund ein „Gefühl der Scham“.“
  • Wolf Biermanns Mauerfall: „Wie ein historisches Drama ohne Haupthelden!“Axel Schröder interviewt Biermann über die Zeit zwischen seiner Ausbürgerung und dem Mauerfall 1989 – Deutschlandfunk, 05.11.2014
    • „Heute sagt Wolf Biermann, das sei mehr Angeberei gewesen und seine hilflose Wut „auf die Bonzen im Osten“, wenn er in seinen Liedern den Mauerfall besang. Als es dann passierte, musste er von Hamburg aus zuschauen. „Ein verrücktes Missverständnis, denn eigentlich war ich doch der große Drachentöter“.“
  • „Drachentöter“ von Lammerts Gnaden Willi Winkler gibt auch einen Abriss von Biermanns Lebensgeschichte – Süddeutsche Zeitung, 07.11.2014
    • „Demut ist ihm wesensfremd – deswegen ignoriert Wolf Biermann die Hinweise von Bundestagspräsident Lammert und redet im Parlament. Er geht auf die Linksfraktion los und beschimpft sie als „Drachenbrut“. Zum „Drachentöten“ hatte er zuletzt wenig Gelegenheit.“
  • Viel Selbstgefälligkeit, wenig Gelassenheit – Frank Capellan über Biermanns Bundestagsrede – Deutschlandfunk, 07.11.2014
    • „Mit bedröppelten Mienen mussten die Mitglieder der Linkspartei Wolf Biermanns Kritik über sich ergehen lassen. Doch ihre Abgeordneten seien keinesfalls das, als was Biermann sie verteufeln möchte, kommentiert Frank Capellan. Mit seinen Hasstiraden habe sich der Sänger keinen Gefallen getan.“
    • „Für viele Wähler – vor allem Osten – ist die Linkspartei immer noch das soziale Gewissen der Republik. Ihre Abgeordneten sind keinesfalls das, als was Biermann sie verteufeln möchte (…). Die wenigsten von ihnen waren in der SED, manche waren beim Mauerfall noch Kinder oder Jugendliche, viele sind im Westen aufgewachsen, so wie Richard Pitterle, der heute im Bundestag mitsang, als Biermann sein Lied „Die Ermutigung“ anstimmte, ein Lied das er einst den Häftlingen in den Kerkern der DDR widmete. Ich konnte das auch als Linker im Westen immer mitsingen, ich habe Biermann immer gemocht, ich kann ihn verstehen, auch wenn seine Attacken auf meine Fraktion unbegründet sind – so hat sich Pitterle heute im Deutschlandfunk geäußert. Ein bisschen von dieser Gelassenheit hätte dem 77-jährigen Dissidenten heute ganz gut gestanden. Etwas Größe zum Jahrestag, etwas mehr Versöhnen statt immer nur Spalten.“
  • Biermann-Auftritt: Linke will gegen Lammert vorgehenMatthias Meisner – Tagesspiegel, 11.11.2014
    • „Der spektakuläre Auftritt des Liedermachers Wolf Biermann im Bundestag im Rahmen der Mauerfall-Debatte hat ein Nachspiel. Die Linksfraktion will, dass sich der Ältestenrat des Parlaments mit ihrem Ärger befasst.“
  • Wolf Biermann ist ein Wendehals – Friedrich Schorlemmer – der Freitag, 13.11.2014
    • „Der Bürgerrechtler Friedrich Schorlemmer ist über Wolf Biermanns Auftritt im Bundestag wütend, wo der Liedermacher auf seine Rolle als politischer „Drachentöter“ pochte.“

Was verboten, gestattet oder Pflicht ist: Islamgelehrte widerlegen ISIS-Doktrin

In einem Offenen Brief „an Dr. Ibrāhīm ʿAwwād al-Badrī alias ‚Abū Bakr al-Baġdādī‘ und die Kämpfer und Anhänger des selbsternannten ‚Islamischen Staates'“, in deutscher Übersetzung 51 Seiten umfassend, begründen 126 hochrangige sunnitische Islamgelehrte detailliert, warum die Doktrin und das Vorgehen von ISIS in eklatantem Gegensatz zur Religion Mohammeds stehen. In theologischer Auseinandersetzung mit 24 zentralen Aspekten des Islam widerlegen die Geistlichen die radikal-fundamentalistische ISIS-Auffassung Punkt für Punkt.

Wie alle Distanzierungen moderater Muslime von Djihadisten und Salafisten ist auch diese Initiative zu begrüßen – allein, sie wird bei den Adressaten wenig bewirken.

Denn es sind keine theologischen Überlegungen, die junge Männer für die Propaganda der Brutalo-Islamisten anfällig machen, sondern machtvolle psychische Motive: der Wunsch nach klaren, eindeutigen Regeln, an denen man sich ambivalenzfrei orientieren kann; nach religiösen Vorschriften, die fortwährende individuelle Entscheidungen ersetzen, wie sie beim mühsamen, selbstverantwortlichen Aufbau eines erfolgreichen Lebenswegs in der komplexen Wirklichkeit kapitalistischer Leistungsgesellschaften erforderlich sind; statt Konkurrenz und Wettbewerb klare Freund-Feind-Verhältnisse und ein brüderlich-kameradschaftliches Wir-Gefühl im Kreise Gleichgesinnter; vor allem aber das Versprechen, das bisherige Ohnmachtserleben hinter sich zu lassen und stattdessen an kollektiver Machtausübung teilzuhaben, ja im Kampf gegen (angebliche) Feinde zum Helden werden zu können. All dies abgesegnet von einer Illusion – der Phantasie eines allmächtigen, väterlichen Gottes als höchster Autorität: auch die brutalsten Grausamkeiten werden im Namen Allahs begangen, der diesen Weg belohnen wird, so glaubt man, und sei es im paradiesischen Jenseits nach dem Märtyrertod.

Die Verfasser des Offenen Briefs haben ihm ein „Executive Summary“ (sic!) vorangestellt, eine Zusammenfassung, in der sie die 24 Punkte benennen, die den wahren Islam von der ISIS-Irrlehre unterscheiden. Dem koranunkundigen Nicht-Muslim ermöglicht diese Kurzfassung einen ersten Eindruck, worum es dabei geht.

1. Es ist im Islam verboten, ohne die dafür jeweils notwendige Bildung und Kenntnis zu haben, fatwā (Rechtsurteile) zu sprechen. Sogar diese Fatwās müssen der islamischen Rechtstheorie, wie sie in den klassischen Texten dargelegt wurde, folgen. Es ist ebenfalls verboten, einen Teil aus dem Koran oder eines Verses zu zitieren, ohne auf den gesamten Rest zu achten, was der Koran und die Hadithe über diese Angelegenheit lehren. Mit anderen Worten gibt es strikt subjektive und objektive Vorbedingungen für Fatwās. Bei der Sprechung einer Fatwā, unter Verwendung des Korans, können nicht „die Rosinen unter den Versen herausgepickt“ werden, ohne Berücksichtigung des gesamten Korans und der Hadithe.

2. Es ist im Islam vollkommen verboten, Recht zu sprechen, wenn die Arabische Sprache nicht gemeistert wurde.

3. Es ist im Islam verboten, Scharia Angelegenheiten zu stark zu vereinfachen und festgelegte islamische Wissenschaften zu missachten.

4. Es ist im Islam [den Gelehrten] gestattet, Meinungsverschiedenheiten über bestimmte Angelegenheiten zu haben, außer in all jenen, welche als die Fundamente der Religion gelten, die allen Muslimen bekannt sein müssen.

5. Es ist im Islam verboten, bei der Rechtsprechung die Wirklichkeit der Gegenwart zu missachten.

6. Es ist im Islam verboten, Unschuldige zu töten.

7. Es ist im Islam verboten, Sendboten, Botschafter und Diplomaten zu töten; somit ist es auch verboten, alle Journalisten und Entwicklungshelfer zu töten.

8. Jihad ist im Islam ein Verteidigungskrieg. Er ist ohne die rechten Gründe, die rechten Ziele und ohne das rechte Benehmen verboten.

9. Es ist im Islam verboten, die Menschen als Nichtmuslime zu bezeichnen, außer sie haben offenkundig den Unglauben kundgetan.

10. Es ist im Islam verboten, Christen und allen „Schriftbesitzern“ – in jeder erdenklichen Art – zu schaden oder zu missbrauchen.

11. Es ist eine Pflicht, die Jesiden als Schriftbesitzer zu erachten.

12. Die Wiedereinführung der Sklaverei ist im Islam verboten. Sie wurde durch universellen Konsens aufgehoben.

13. Es ist im Islam verboten, die Menschen zur Konvertierung zu zwingen.

14. Es ist im Islam verboten, Frauen ihre Rechte zu verwehren.

15. Es ist im Islam verboten, Kindern ihre Rechte zu verwehren.

16. Es ist im Islam verboten, rechtliche Bestrafungen sowie Körperstrafen (ḥudūd) ohne dem Folgen des korrekten Prozedere, welches Gerechtigkeit und Barmherzigkeit versichert, auszuführen.

17. Es ist im Islam verboten, Menschen zu foltern.

18. Es ist im Islam verboten, Tote zu entstellen.

19. Es ist im Islam verboten, Gott – erhaben und makellos ist Er – böse Taten zuzuschreiben.

20. Es ist im Islam verboten, die Gräber und Gedenkstätten der Propheten und Gefährten zu zerstören.

21. Bewaffneter Aufstand ist im Islam in jeglicher Hinsicht verboten, außer bei offenkundigem Unglauben des Herrschers und bei Verbot des Gebets.

22. Es ist im Islam verboten, ohne den Konsens aller Muslime ein Kalifat zu behaupten.

23. Loyalität zur eigenen Nation ist im Islam gestattet.

24. Nach dem Tod des Propheten – Frieden und Segen seien auf ihm – verpflichtet der Islam niemanden irgendwohin auszuwandern.

Wie halten Sie’s mit der Religion?

Gewiss macht es für christlich erzogene Menschen einen wesentlichen Unterschied aus, ob sie auch als Erwachsene noch gläubig sind, sich also mit den christlichen Glaubensinhalten identifizieren, oder nicht. Wer in der einen oder in der anderen Richtung eine klare, eindeutige Position gefunden hat, sei es als gläubiger Christ oder als ungläubiger Atheist, hat diese Haltung vermutlich in sein geistiges und seelisches Leben integriert und ist in diesem Punkt mit sich im Reinen.

Wie steht es aber mit der großen Gruppe derjenigen, die nicht so recht wissen, was Sie von Gott und der Religion halten sollen? Die zahlreichen Zeitgenossen, die am christlichen Glauben zwar elementare Zweifel hegen, ihm aber niemals wirklich Lebewohl gesagt haben und die Frage nach ihrem Verhältnis zur Religion am liebsten unbeantwortet in der Schwebe belassen würden? Die vielen Schwankenden, die in ihrer Kindheit und Jugend ganz selbstverständlich in eine christliche Glaubenswelt hineingewachsen sind, sich im Laufe ihrer späteren Entwicklung aber ein rational geprägtes Weltbild angeeignet haben, in dem Jesus Christus und der liebe Gott nur noch schwer einen Platz finden.

Für viele Menschen ist es eine selbstverständliche, vertraute Gewohnheit, sich auch dann noch als Christen zu verstehen, wenn ihr Glaube mit ihrer erwachsenen, rational denkenden Persönlichkeit nicht mehr übereinstimmt. Im Alltag wird dies Spannungsverhältnis vermutlich zumeist kaum wahrgenommen; oft bedarf es existenzieller Grenzsituationen, um den schlummernden geistig-seelischen Konflikt bewusst werden zu lassen.

Falls auch Sie zu denjenigen gehören, die sich aus alter Gewohnheit als Christ betrachten, die Glaubensinhalte der christlichen Religion jedoch genau genommen nicht mehr für wahr halten, weil ihr Verstand ihnen recht eindeutig sagt, „ein Schmarren, das Ganze“: Würden Sie offen und ehrlich dazu stehen, sich selbst und anderen gegenüber?

Stellen Sie sich vor, Sie geraten in einen Gottesdienst und die Gemeinde betet das Vaterunser oder spricht das Apostolische Glaubensbekenntnis  – wie verhalten Sie sich dann? Beten Sie mit, oder bleiben Sie stumm?

Gehen wir einmal spielerisch davon aus, es sticht Sie der Hafer und Sie sprechen das Glaubensbekenntnis laut mit, bringen Ihren rational vorhandenen Unglauben dabei aber deutlich vernehmbar zum Ausdruck:

Ich glaube nicht an Gott, den Vater,
einen allmächtigen Schöpfer des Himmels und der Erde.

Und nicht an Jesus Christus,
seinen angeblichen Sohn, mitnichten unser Herr,
nie und nimmer empfangen durch den Heiligen Geist, sondern auf die bekannte, ganz natürliche Weise,
geboren von Maria, der Frau Josephs,
gelitten unter Pontius Pilatus,
gekreuzigt, gestorben und begraben,
allenfalls im metaphorischen Sinn hinabgestiegen in das Reich des Todes,
am dritten Tage jedoch keinesfalls auferstanden von den Toten
geschweige denn aufgefahren in den Himmel;
wo nichts und niemand sitzt,
außer ein paar Raumfahrer in ihrer Kapsel,
weshalb er weder von dort noch von sonstwo kommen wird,
zu richten die Lebenden und die Toten.

Ich glaube weder an den Heiligen Geist,
noch an die heilige christliche Kirche,
oder die Gemeinschaft der Heiligen,
auch nicht an die Vergebung der Sünden,
schon gar nicht an die Auferstehung der Toten
oder gar das ewige Leben.

Amen

Die erstaunte Aufmerksamkeit der Umstehenden wäre Ihnen gewiss, und die Reaktionen würden sich vermutlich im Bereich von amüsiert über indigniert bis entrüstet bewegen. Sie selbst würden eine derart offene Bekundung Ihres Unglaubens in einem Gottesdienst indes vermutlich für allzu groben Schabernack halten und die Verneinungsvarianten allenfalls im Stillen einfügen.

Was aber, wenn Sie überzeugter Christ sind?

Nehmen wir aber einmal an, Sie halten sich auch heute noch durch und durch für einen waschechten, gläubigen Christen. Dann ist Ihnen ja bekannt, dass das Apostolische Glaubensbekenntnis – das in sämtlichen katholischen Gottesdiensten zur üblichen Liturgie gehört, auf evangelischer Seite jedoch nur in Taufgottesdiensten gesprochen wird – die Kernaussagen des christlichen Glaubens in Kurzform enthält.

Welche der Aussagen dieses Glaubensbekenntnisses können Sie aber wirklich ernsthaft und guten Gewissens unterschreiben? Dass Jesus Christus der „eingeborene Sohn“ Gottes ist – geboren von der Jungfrau Maria, nachdem sie ihn durch den Heiligen Geist empfangen hatte? Ganz ohne Mitwirkung von Joseph oder eines anderen männlichen Samenspenders? Dass er am dritten Tag nach seinem Tod von den Toten auferstanden und in den Himmel aufgefahren ist (was uns immerhin die Osterfeiertage beschert hat)? Dass er dort jetzt zur Rechten Gottes sitzt, „des allmächtigen Vaters“, und eines Tages von dort kommen wird, um „die Lebenden und die Toten (…) zu richten“?

Hand auf’s Herz: Könnten Sie auf Ihren Eid nehmen, dass Sie diese Aussagen tatsächlich vollen Ernstes glauben, also für wahr halten?

Falls Sie jetzt einwenden, ich würde das zu eng sehen, darum gehe es doch gar nicht beim christlichen Glauben, sondern mehr um Ihre ganz persönliche Entscheidung, sich auf Gott und Jesus Christus einzulassen, ihnen zu vertrauen (also um das, was die Philosophen einen fiduziellen Glauben nennen und die Engländer „faith“ im Gegensatz zu „belief“), so würde ich meinerseits zu bedenken geben, dass Ihr emotional geprägter Glaube an Gott die Variante des Für-Wahr-Haltens, den sogenannten doxastischen Glauben, jedoch voraussetzt: Gottvertrauen können Sie nur haben, wenn Sie erst einmal davon überzeugt sind, dass es einen Gott gibt, dem Sie vertrauen können; dass er – wo und wie auch immer, aber jedenfalls außerhalb Ihres Kopfes – tatsächlich existiert und nicht nur ein Produkt der Phantasie ist wie Frau Holle oder die „Herrn der Ringe“. (Ob man ihn indessen „der“ oder lieber geschlechtsneutral „das Gott“ nennt, wie unsere Familienministerin Schröder vorziehen würde, ist vergleichsweise unwichtig.)

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Steinbrücks Fall

Vor gut drei Monaten schrieb ich hier über die problematische Persönlichkeit des SPD-Kanzlerkandidaten: seine Neigung zu Arroganz und Zynismus, seinen grimmigen Ernst, die latente Aggressivität und intellektuelle Selbstgefälligkeit, den fehlenden Charme. Ich kam zu dem besorgten Ergebnis, dass Steinbrück wegen seiner wenig gewinnenden Ausstrahlung schlechte Voraussetzungen mitbringt, ein erfolgreicher Kanzlerkandidat zu sein.

Dass sich der Kandidat jedoch derart schnell und in einem Maße selbst demontiert, wie dies in der Geschichte der Bundestagswahlkämpfe einmalig ist: ein Absturz der Sympathiewerte innerhalb weniger Wochen auf ein Niveau unterhalb von Westerwelle – das überstieg mein Vorstellungsvermögen.

Steinbrücks Fall ist die glasklare Folge seiner Selbstherrlichkeit, psychologisch formuliert: seiner ausgeprägten narzisstischen Persönlichkeitstendenz. Was jetzt mühsam als Ehrlichkeit und Geradlinigkeit verkauft werden soll, ist in Wahrheit die Unfähigkeit des Kandidaten, sein dickschädeliges Ego zu drosseln und sich um eines größeren Zieles willen an die Erwartungen der Wähler anzupassen. Es zeugt von einer erheblichen egozentrischen Borniertheit, nach dem Desaster der millionenschweren Honorareinnahmen mit Vorträgen, die der frühere Finanzminister neben seiner Abgeordnetentätigkeit gehalten hat, nun auch noch die relativ geringe Vergütung des deutschen Bundeskanzlers, gemessen an den in der freien Wirtschaft gezahlten Gehältern für Topmanager, zu kritisieren.

Mit seiner Haltung, „ich sage, was ich denke, egal, wie es in der Bevölkerung ankommt“, zeigt Steinbrück, dass er die mit der Übernahme der SPD-Kanzlerkandidatur verbundene Verantwortung für seine Partei nicht verstanden hat, die auf sein zielführendes Wohlverhalten angewiesen ist.

Vielleicht hätte man ihn vorab Gracians „Handorakel der Weltweisheit“ lesen lassen sollen, das voll mit guten Ratschlägen für in der Öffentlichkeit stehende Personen ist. Aber: es hätte nichts genutzt. Eigenschaften, die derart tief im Charakter eines Menschen verankert sind, sind resistent gegen gute Ratschläge.

Während die CDU durch einen Merkel-Bonus gestützt wird, lastet auf der SPD nun ein Steinbrück-Malus. Für das ursprünglich durchaus aussichtsreiche Projekt einer rot-grünen Bundesregierung nach den nächsten Wahlen und für die SPD als Partei ist der dramatische Absturz  des Kandidaten in der Wählergunst – aus Gründen, die allein in seiner Person liegen – äußerst bitter. Die Folge ist, dass ein großer Teil der aus politischen Gründen eigentlich wechselbereiten Schwarz-Gelb-Wähler nun doch wieder Merkel den Vorzug geben, weil sie Peer Steinbrück auf keinen Fall zum Kanzler wählen wollen.

Nur ein höchst unkonventioneller Schritt könnte jetzt noch eine Trendwende einleiten: Steinbrücks Rücktritt als Kandidat (am besten auch gleich der von Wowereit als Berlins Regierender Bürgermeister) und die Kandidatenkür von Frank-Walter Steinmeier. Da aber die Wahlkampfvorbereitungen – die Plakate, Werbespots etc. – in den letzten Wochen ganz auf den derzeitigen Kandidaten zugeschnitten wurden, würde das die SPD teuer zu stehen kommen.

Finanziell. Andernfalls politisch.

Siehe auch:
  • Clowns-Äußerung – Napolitano sagt Gespräch mit Steinbrück ab – Spiegel Online, 27.02.2013
    • „Italiens Staatspräsident Giorgio Napolitano hat kurzfristig ein Treffen mit Peer Steinbrück abgesagt. Zuvor hatte der SPD-Kanzlerkandidat über die Wahl in Rom gesagt, es hätten „zwei Clowns“ gewonnen.“
    • „Die Äußerungen könnten in der italienischen Politik für erhebliche Verärgerung sorgen. Auch in der SPD wird der flapsige Spruch als äußerst ungeschickt bezeichnet. Jemand, der Kanzler werden wolle, sollte sich damit zurückhalten, gegen ausländische Politiker zu sticheln, mit denen er später womöglich zu tun haben werde, hieß es in der Partei.“
  • Steinbrücks Klartext-ProblemVeit Medick – Spiegel Online, 27.02.2013
    • „Zwei „Clowns“ als Sieger: Die Äußerungen von Peer Steinbrück über den Wahlausgang in Italien sorgen für diplomatische Spannungen und Irritationen in seiner eigenen Partei. Der Fall zeigt: Der SPD-Kanzlerkandidat schätzt die Wirkung seiner Worte noch immer falsch ein.“
  • FDP schmäht Steinbrück als „Peerlusconi“ – Spiegel Online, 28.02.2013
    • „Mit markigen Worten zur Italien-Wahl hat Peer Steinbrück den Präsidenten des Landes verärgert – nun muss er selbst Spott ertragen: FDP-Politiker Wissing bezeichnet ihn als „Peerlusconi“ – in Anlehnung an Silvio Berlusconi, den der SPD-Kanzlerkandidat einen Clown genannt hatte.“
  • Um Kopf und KragenHans Monath & Elisa Simantke – Tagesspiegel, 01.03.2013
    • „Das Motto lautet: „Klartext reden“. So will sich Peer Steinbrück als Kanzlerkandidat empfehlen. Doch seine lockeren Sprüche bringen immer öfter Ärger mit sich. Kann er sich noch ändern?“
  • Deutsch-italienische Verstimmung: Wut auf die CrautiHans-Jürgen Schlamp (Rom) – Spiegel Online, 01.03.2013
    • „Da sind sie wieder, die bösen Deutschen und die faulen Italiener. Die wütenden Vorwürfe nach Peer Steinbrücks „Clown“-Sprüchen zeigen, dass Vorurteile in beiden Ländern noch immer tief sitzen. Die gegenseitigen Schimpftiraden haben schon Tradition.“
  • Steinbrücks Beliebtheitswerte sacken ab – Zeit, 04.04.2013
    • „Noch 32 Prozent sind mit der Arbeit von Steinbrück zufrieden – der schlechteste Wert seit acht Jahren. Äußerungen zum Sportunterricht für Muslime sorgen für neue Kritik.“

Das Grass-Gedicht: Was zutrifft und was nicht (1)

Wie Stahl Konjunktur hat, hat Lyrik ihre Konjunktur.
Die Herstellungskosten sind gering.
Man nehme: ein Achtel gerechten Zorn,
zwei Achtel alltäglichen Ärger
und fünf Achtel, damit sie vorschmeckt, ohnmächtige Wut.

Günter Grass: „Irgendwas machen“ (1967)
Auszug aus einem Spottgedicht von Grass
zu politischen Protestgedichten

Analyse des Gedichts „Was gesagt werden muss“ von Günter Grass: 1. Abschnitt

(1) Warum schweige ich, verschweige zu lange, was offensichtlich ist und in Planspielen geübt wurde, an deren Ende wir als Überlebende allenfalls Fußnoten sind. Es ist das behauptete Recht auf den Erstschlag, der das von einem Maulhelden unterjochte und zum organisierten Jubel gelenkte iranische Volk auslöschen könnte, weil in dessen Machtbereich der Bau einer Atombombe vermutet wird.

Diese zwei Sätze enthalten die folgenden sechs Aussagen:

  1. Israel behauptet, ein Recht auf einen Erstschlag gegen den Iran zu haben, weil der Bau einer iranischen Atombombe vermutet wird.
  2. Dieser Erstschlag könnte das iranische Volk auslöschen. (Somit ist impliziert, dass Israel das Recht zu einem atomaren Erstschlag behauptet.)
  3. Die Behauptung Israels, ein Recht auf einen (atomaren) Erstschlag zu haben, ist offensichtlich; dieser wurde in Planspielen geübt.
  4. An deren Ende sind wir als Überlebende allenfalls Fußnoten.
  5. Das iranische Volk wird von einem Maulhelden unterjocht und zum organisierten Jubel gelenkt.
  6. Der Autor fragt sich, warum er zu all dem schweigt bzw. diese Sachverhalte zu lange verschwiegen hat.

Die erste Aussage ist nahezu täglich in der Presse zu lesen, wobei allerdings nicht vom Einsatz von Kernwaffen die Rede ist. Grass unterstellt Israel jedoch implizit, einen Erstschlag mit Atomwaffen zu planen, denn – wenn überhaupt – könnte das iranische Volk nur auf diese Weise ausgelöscht werden. Zudem ist der Begriff „Erstschlag“ ausschließlich im Zusammenhang mit dem Adjektiv „atomar“ gebräuchlich. Bei einem präventiven Angriff mit konventionellen Waffen würde man von einem Präventivschlag oder -krieg sprechen. Diese zweite Aussage, ein israelischer Erstschlag könnte das iranische Volk auslöschen, beruht allein auf einer Phantasie des Schriftstellers und hat keinerlei Realitätsgehalt. Die israelische Iran-Politik ist ausschließlich auf die Verhinderung bzw. Ausschaltung eines möglichen iranischen Atomwaffenpotentials gerichtet und nicht auf das Auslöschen der iranischen Bevölkerung. Diese Behauptung ist absurd. Selbst ein Erstschlag mit Atomwaffen würde sich gegen die iranischen Atomanlagen richten, und würde zwar zu grauenhaften Opferzahlen in der iranischen Bevölkerung führen, sie aber nicht auslöschen.

Was mag Grass bewogen haben, eine derart infame Unterstellung in seinen Text aufzunehmen? Vermutlich wollte er ein Gegengewicht schaffen zu den (angeblichen – s.u.) Drohungen aus dem iranischen Regime, Israel zu vernichten. Da die Grass’sche Behauptung jedoch jeder realen Grundlage entbehrt, ist sie in meinen Augen eine perfide Form von Desinformation und Agitation. Mit seiner Auslöschungsphantasie malt Grass den Teufel an die Wand, in der durchsichtigen Absicht, Israel als Feindbild aufzubauen und zu dämonisieren. Iranische Vernichtungsdrohungen gegen Israel erwähnt Grass in seinem gesamten Text übrigens nicht. (Vgl. hierzu jedoch die Debatte darüber, ob es derartige Drohungen überhaupt gibt – s. auch hier und hier, aber auch die betreffenden Äußerungen des religiösen Führers des Iran, Chamenei, zu Israel.)

Die vierte Aussage, wir (die Deutschen? die Europäer?) seien am Ende der Planspiele – diesen Bezug stellt der Text her – als Überlebende nur Fußnoten, passt zu der von Grass beabsichtigten Dramatisierung der Lage. Die israelische Auffassung, berechtigt zu sein, über eine militärische Zerstörung der iranischen Atomanlagen allein zu entscheiden, könnte uns indes tatsächlich zu Fußnoten degradieren – jedoch als Überlebende der durch einen israelischen Angriff ausgelösten kriegerischen Auseinandersetzungen, nicht der Planspiele.

Dass das iranische Volk „von einem Maulhelden“ (Staatspräsident Ahmadinedschad) „unterjocht“ und „zum organisierten Jubel“ gelenkt wird, ist gleich in mehrfacher Hinsicht unzutreffend. Das iranische Volk wird von einem Regime geführt und unterdrückt, das sich komplexe Herrschaftsstrukturen geschaffen hat, und die Position des Staatspräsidenten (Regierungschefs) ist innerhalb der Führung beileibe nicht die mächtigste. Davon unabhängig ist es eine die tatsächliche Situation völlig verzerrende, irreführende Bagatellisierung, einen aggressiven Judenhasser, fanatischen Antizionisten und Holocaust-Leugner wie Ahmadinedschad auf einen „Maulhelden“ zu reduzieren. Auch diese schönfärberische Charakterisierung ist reinste Demagogie.

Fazit: dieser erste Abschnitt des Gedichts mit der Unterstellung, Israel könnte mit einem atomaren Erstschlag die Auslöschung des iranischen Volkes betreiben oder zumindest billigend in Kauf nehmen, und mit der gleichzeitigen Verharmlosung des Bedrohungspotentials der iranischen Seite ist eine groteske, boshafte Verfälschung der tatsächlichen Verhältnisse im Interesse anti-israelischer Agitation.

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