Absturzgefahr: Ikarus und der fragile Kapitalismus

Wussten Sie, dass unser Wirtschafts- und Finanzsystem derart leicht zerbrechlich ist, wie es sich jetzt zeigt? Banken verlieren mal eben das Vertrauen in ihre gegenseitige Kreditwürdigkeit, hören einfach auf, sich untereinander Geld zu leihen, und schon droht das ganze System zu kollabieren. Dass Finanzkonzerne heutzutage weltweit eng vernetzt sind und dies Risiken birgt, war uns ja klar – aber doch mehr abstrakt. Die Brisanz der Lage, die Größenordnung des drohenden Problems, das sich da im Stillen aufgebaut hat, haben wir massiv unterschätzt. Dass einige wenige Bankpleiten und -schieflagen eine fatale Kettenreaktion auslösen und das gesamte Finanzsystem zur Implosion führen können, und der entscheidende Transmissionsriemen ist das fehlende Vertrauen der Banker in ihre eigene Branche – das überrascht die meisten von uns doch kalt.

Dabei wird vor einem Crash der Finanzmärkte seit langem gewarnt. Seit Jahrzehnten bemüht sich eine kleine Schar von Ökonomen und Wirtschaftsjournalisten, uns derartige Szenarien nahezubringen. Die gigantischen Schuldenberge, die sich angehäuft haben, würden das System eines Tages überfordern und in den Untergang führen, so prophezeiten sie gebetsmühlenartig. Irgendwann einmal könnten die Verbindlichkeiten nicht mehr bedient werden, und die entsprechenden Kredite müssten von den Banken wertberichtigt werden. Auch die Asset-Bewertungen der Finanzkonzerne – Immobilien, Aktien etc. – würden einbrechen und Wertberichtigungen in den Bilanzen nach sich ziehen. Die unvermeidlichen Insolvenzen von Banken und Finanzkonzernen würden eine Dominowirkung entfalten und infolge des hohen internationalen Vernetzungsgrades der Märkte die gesamte Weltwirtschaft in eine Abwärtsspirale ziehen. Eine tiefe weltweite Rezession, so die unheilvolle Prognose, wäre die Folge.

Ich für meinen Teil habe die Untergangspropheten und ihre Argumente zwar registriert, aber wirklich ernst genommen habe ich sie nicht. Zumal sie – „tausend Mal ist nichts passiert…“ – jahrzehntelang falsch lagen. Zwar platzten immer mal irgendwelche Blasen, meistens in Form von exzessiv überhöhten Immobilienpreisen, aber die Folgen blieben doch eher lokal begrenzt. Und die Globalisierungskritiker – Attac und Co. – warnten vorwiegend vor der Ungerechtigkeit des gegenwärtigen Weltwirtschaftssystems und vor seinen schädlichen Auswirkungen für die Entwicklung der Dritten Welt, nicht aber vor einer Finanzkrise, wie wir sie jetzt erleben.

Denn sie wissen nicht, was sie tun

Die weit überwiegende Mehrheit der Kommentatoren war der festen Überzeugung, die Notenbanken hätten die Lage voll im Griff. Moderne Notenbanker wüssten, wie sie die Märkte zu behandeln und auch in Krisenzeiten am Laufen zu halten hätten. Ihnen stünden heute eine Vielzahl von Steuerungsmechanismen zur Verfügung, und sie beherrschten dieses Instrumentarium virtuos. Allen voran Alan Greenspan, fast 19 Jahre an der Spitze der US-Notenbank. Der heute 82jährige, immer noch munter im Geschäft, wurde kürzlich in einem Fernsehinterview gefragt, ob denn dies die schwerste Finanzkrise sei, die er persönlich erlebt habe. „Oh yes, by far“ war seine Antwort, und Sie hätten die weitaufgerissenen Augen sehen sollen. Dass seine jahrelange Niedrigzinspolitik, die „Politik des leichten Geldes“, die Blase am US-Immobilienmarkt erst ermöglicht und zur jetzigen Krise wesentlich beigetragen hat, wollte er nicht wahrhaben.

Nicht die Notenbanker, so Greenspan, die Investmentbanker hätten das Problem heraufbeschworen mit ihren schwer verständlichen Kreationen, die sich nun als so toxisch erwiesen haben: Finanzinnovationen wie Kreditderivate und Collateralized Debt Obligations (CDOs), „bei denen die Kreditausfallrisiken vom eigentlichen Kredit abgekoppelt und als separate Wertpapiere gehandelt werden, wobei die Papiere oft gehebelt sind, sodass der Ausfall eines Emittenten von 100 Millionen Euro bei den Investoren Verluste von mehreren Hundert Millionen Euro verursachen kann“ (Die Zeit 38/2008, „Das dicke Ende kommt erst noch“); oder Forderungsbesicherte Wertpapiere wie Mortgage Backed Securities, mit denen Forderungen gebündelt und als Wertpapiere auf Sekundärmärkten gehandelt wurden. Dass die zugrundeliegenden Forderungen – meist aus Subprime-Hypothekendarlehen – leicht uneinbringlich werden können und die darauf aufbauenden Wertpapiere dann eben nicht mehr forderungsbesichert sind, sondern wertlos, und in den gehandelten Größenordnungen in diesem Fall eine außerordentlich giftige Wirkung an den Finanzmärkten entfalten würden: all das hätte man wissen können, aber die Sucht nach dem schnellen Geld war größer.

Die archetypischen Muster der Fallen, in die wir da getappt sind, sind gut bekannt. Wir haben ein typisches Zauberlehrling-Problem – „die ich rief, die Geister, werd‘ ich nun nicht los“. Die Banker berauschten sich an ihren neugewonnenen Handlungsspielräumen und ignorierten das toxische Potenzial ihrer Konstruktionen für das Gesamtsystem. Auch die staatlichen Bankenaufseher, für Risiken und Nebenwirkungen in diesem Bereich eigens zuständig, übersahen die Gefahr, dass die potenziell schädlichen Bestandteile der neugeschaffenen Finanzderivate sich akkumulieren könnten und so ganz real eine Situation entstehen könnte, die nicht mehr kontrollierbar wäre – ähnlich einer zu einem Supergau führenden Kettenreaktion in einem Kernkraftwerk. Wie dieses „Übersehen“, dieses sorglose Nicht-Wahrhaben-Wollen, ganz konkret abgelaufen ist, schildert die New York Times eindrucksvoll am Beispiel der amerikanischen Regulierungsbehörde SEC.

Aber auch Ikarus finden wir wieder: allzu hoch hinaus wollte man. Die problematischen Innovationen wurden auch deshalb entwickelt, um mit immer gigantischeren Summen und Hebelwirkungen an den Finanzmärkten jonglieren und spekulieren zu können. Die Welt, auch die Fachwelt, sah dem Treiben zu, und wer irgendwie konnte, beteiligte sich am großen Gewinnspiel. Jetzt bricht all das zusammen wie ein Kartenhaus. Am Ende haben die Crashpropheten Recht behalten.

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Ludwig Poullain, 88, in den 1970er Jahren Chef der Westdeutschen Landesbank, hat seinen heutigen Berufskollegen mal wieder gehörig die Leviten gelesen. In einem gestern erschienenen Interview mit der FAZ„Die Banker haben die Marktwirtschaft verraten“ – nimmt er kein Blatt vor den Mund und erläutert prägnant die wesentlichen Ursachen der gegenwärtigen Finanzkrise, die er im übrigen als außerordentlich bedrohlich einschatzt. Zuletzt war der streitbare Altbanker vor vier Jahren durch die Schlagzeilen gegangen, als er zur Verabschiedung eines Berufskollegen eine Festrede halten sollte, die jedoch abgesagt wurde, nachdem Ausschnitte daraus bekannt wurden.  Man wollte sich die Feier nicht verderben lassen. Diese „Ungehaltene Rede eines ungehaltenen Mannes“ wurde daraufhin ebenfalls in der FAZ veröffentlicht – mit großer Resonanz.

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