Bizarre Pegida-Demo in Potsdam: 40 Demonstranten, 800 Polizisten

Eine skurille Pegida-Demonstration (genauer „Pogida“ wg. „Potsdam“) fand am gestrigen Dienstag  in Potsdam statt. Sie begann mit einer kurzen Kundgebung an der Glienicker Brücke, die jedoch im Lärm der Gegendemo des SV Babelsberg 03 mehr oder weniger unterging.Pogida-Demo Route

Die Pogida-Anmelder hatten ihre Aktion, die 9. dieser Art, mit der Befürchtung begründet, die aktuelle Asylpolitik könne die deutschen und europäischen Werte zerstören, daher müsse man „den Protest auf die Straße bringen“. Das Motto der Veranstaltung lautete: „Abendspaziergang für den Erhalt unserer Heimat.“ Denn, wie es in dem Aufruf hieß, „wir verlieren unsere Heimat Stück für Stück – als würde aus einem modrigen Dorftümpel ein stürmischer Ozean werden, der alles in sich verschlingt.“ Unsere Heimat ein „modriger Dorftümpel“ – welchem Pogida-Poeten mag dieses bemerkenswerte Bild eingefallen sein?

Als der „Abendspaziergang“ sich schließlich auf dem seeseitigen Gehweg der Berliner Strasse in Marsch setzte, wurden sage und schreibe 23 Demonstranten gezählt – am Ende sollen es ca. 40 gewesen sein. Um Krawalle zu verhindern, hatte Potsdams Polizeidirektor seinerseits 800 (!) Polizisten aus ganz Brandenburg aufmarschieren lassen, die unter anderem mit mehreren Wasserwerfern ausgestattet waren.

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Die Potsdamer Lokalpresse hatte bereits seit Tagen vor einem Verkehrschaos gewarnt, das jedoch allein dem völlig überdimensionierten Polizeiaufgebot geschuldet war. Die drei angemeldeten Gegendemonstrationen wurden weiträumig ferngehalten, zumal deren Teilnehmerzahl das Häuflein der 23 bis 40 Abendlandretter ca. um das Zwanzigfache übertraf.

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Nachdem sie sich in Bewegung gesetzt hatten, begannen die heimatliebenden Pegida-Leute, „wir sind das Volk“ zu skandieren und warnten vor der „Islamisierung Europas“. 

IMG_4056Sie mussten jedoch alle an einem beherzten Anwohner vorbei, der ihnen mit einem selbstgebastelten Megaphon gehõrig zusetzte, als er ihnen aus nächster Nähe zurief:IMG_4035

„Ihr seid nicht das Volk, Ihr seid des Volkes Schande!“ Wegen der höchst überschaubaren Zahl der Demonstranten muss er den Begriff „Volk“ dann wohl als unpassend empfunden haben, denn bald wandelte er seinen Slogan ab in „…. ein Häuflein Schande“.

Angesichts der mehrheitlich verdrießlich dreinblickenden Pogida-Anhänger gewann der Chronist jedenfalls den nachhaltigen Eindruck, dass diese Bewegung zumindest in Potsdam auf dem absteigenden Ast ist.

Außerdem:
  • Kulturbewahrer? – Kommentar von Henri Kramer – Potsdamer Neueste Nachrichten, 17.05.2016
    • „Pogida hat es bisher nicht geschafft, sich in Potsdam zu etablieren. Einer der möglichen Gründe: Stumpfsinn.“
    • „Sie wollen „unsere Kultur und unsere Werte“ retten, wie es die Potsdamer gegen die Islamisierung des Abendlandes vollmundig im sozialen Netzwerk „Facebook“ erklären. Für diesen hehren Anspruch wäre aber zunächst einmal ein simpler Kurs in deutscher Rechtschreibung angebracht, wie die aktuelle Einladung zum Pogida-Spaziergang am morgigen Mittwoch zeigt. Für das Rahmenprogramm folgt ein Satz, in dem so ziemlich jedes Wort falsch geschrieben ist: „Mit Musikalische Unterhaltung verschiedenen Redenern über Aktuelle Themen von Politik und Gesellschaft.“ (…)

      Lächerlich haben sich die Pogida-Fremdenfeinde zuletzt allerdings auch ohne ihre Aufzüge gemacht, etwa durch ein im Internet aufgetauchtes Telefonat, in dem der Pogida-Begründer und mehrfach vorbestrafte Gewalttäter Christian Müller unter anderem fantasierte, er sei an der Tötung von Osama bin Laden beteiligt gewesen. Bei so viel schon fast mitleiderregendem Stumpfsinn ist es kein Wunder, dass die Bemühungen der Chaos-Truppe, in Potsdam nennenswert zu mobilisieren, bisher gescheitert sind – was aber auch an einer Zivilgesellschaft liegt, die konsequent gegen die vermeintlichen Kulturbewahrer auf die Straße geht.“

Das Israel-Gedicht von Günter Grass…

… rief im April 2012 weltweit Empörung hervor. Gleich nach seiner Veröffentlichung unterzog ich es im Denkraum einer eingehenden Analyse und Kritik. Das Besondere dieser Analyse war die vorgängige Decodierung der zahlreichen Einzelaussagen, die Grass in seinem Prosagedicht in höchst verschachtelter Form verpackt hatte. Ich schrieb damals:

Der Sache angemessen ist allein eine am realen Grass-Text mit seinen zahlreichen Thesen, Behauptungen und Argumenten und an den sonstigen Fakten orientierte differenzierte Interpretation und Beurteilung des Gedichts. Grundlage einer kritischen Analyse muss zunächst der Textgehalt sein – das, was in “Was gesagt werden muss” tatsächlich gesagt wird. Um dem näher zu kommen und die mühsam verschachtelte (Prosa-) Gedichtform des Literaturnobelpreisträgers lesbarer zu machen, wird der Text hier in einem ersten Schritt zu einer erläuternden und bewertenden Kommentierung zunächst in Prosaform wiedergegeben. (…)

Gedichttypische Satzbauformen wurden an einigen Stellen um der besseren Verständlichkeit willen einem Prosatext angepasst, ohne jedoch den propositionalen Aussagegehalt zu verändern. Den gesamten Text habe ich unter inhaltlichen Gesichtspunkten in 5 Abschnitte unterteilt, die in weiteren Blogbeiträgen auf ihren Wahrheitsgehalt hin geprüft und auf dieser Grundlage kommentiert werden.

Eine vergleichbare Analyse des israel-kritischen Gedichts von Grass, nämlich dessen Aufschlüsselung in Einzelaussagen und deren Untersuchung auf ihren jeweiligen Wahrheitsgehalt, ist mir nicht bekannt. Die Textanalyse wurde bis heute immer wieder rezipiert, daher weise ich aus Anlass des Todes von Günter Grass noch einmal darauf hin.

Ausserdem:
  • Kaum siebzig Zeilen, weltweite Empörung – FAZ, 14.04.2015
    • „Was gesagt werden muss“, die politische Intervention von Günter Grass in Zeilenform, sorgte im April 2012 für weltweite Aufregung: Repliken, Stellungnahmen – und eine entlarvende Interpretation.
  • Die Grass-Würdigungen der Neuen Zürcher Zeitung (13. & 14.04.2015):
  • Durch Günter Grass habe ich verstanden, was Literatur bedeutet – Rosarote Zeilen, 13.04.2015
    • Eine ziemlich außergewöhnliche Liebeserklärung an Günter Grass von Evelyn Rosar (30, Single, Berlin)
    • „Ich habe Angst, dass Literatur jetzt tot ist. Denn Günter Grass ist tot. – Mit verlaufener Schminke und verquollenen Augen sitze ich auf der Arbeit und versuche zu erklären, warum es so schlimm ist, dass ein 87-jähriger Mann gestorben ist. (…) Durch ihn habe ich verstanden, was Literatur ist, welche Macht Worte haben. Wer das Wort hat, hat die Macht. Wer schreiben kann, ist mächtig. Und ja, er war mächtig, jedes einzelne seiner Worte haut mich um. Meine Mitschülerinnen haben sich 2002 mit 17 im Normandie-Urlaub in den 20-jährigen Kellner verliebt. Ich habe mich in den 74-jährigen Günter Grass verliebt. In jeden endloslangen Satz auf 819 Seiten ‚Blechtrommel‘.“

Auftritt eines grandiosen Egomanen: Wolf Biermann im Bundestag

Eineinhalb lange Minuten spielt er sich erstmal ein auf der Gitarre, zeigt, wie bravourös er auch mit knapp 78 das Instrument noch beherrscht. Dann, ganz weich, fast schmeichlerisch, wendet er sich an den, der jetzt zunächst zu überwinden ist, den er sich gewogen machen muss für das, was er gleich vorhat:

„Herr Lammert, ich freu‘ mich, dass Sie mich hierher gelockt haben – und ich ahne schon, weil ich Sie ja als Ironiker kenne, dass Sie hoffen, dass ich den Linken ein paar Ohrfeigen verpasse…“

Natürlich ist nicht Herr Lammert, der wegen seiner eigenmächtigen, trickreich verschleierten Einladung an Biermann schon erheblichen Ärger mit der Linken-Fraktion bekommen hat und nun bloß inständig hofft, dass alles glatt über die Bühne geht, natürlich ist nicht er der Ironiker, sondern Biermann selbst ist es, indem er coram publicum den Finger mitten in die Wunde legt und genau das unterstellt, was auf keinen Fall sein darf: dass nämlich der zur Neutralität verpflichtete Bundestagspräsident klammheimliche Freude empfinden würde, sollte Biermann seinen Auftritt nutzen, um den Linken Ohrfeigen zu verpassen.

„…aber, das kann ich ja nicht liefern – mein Beruf war doch Drachentöter!“

Es beginnt nun die von grandiosem Narzissmus nur so triefende Selbstdarstellung eines alternden Egomanen, zum 25jährigen Jahrestag des Mauerfalls in den Deutschen Bundestag eingeladen als Gast, um ein Lied vorzutragen. „Drachentöter“ – wer mag ihm dieses Etikett irgendwann einmal angeheftet haben? Er selbst? Jedenfalls taucht es in „Adieu Berlin“ auf, einem seiner späten Lieder.

Im Osten war ich Drachentöter.
Im Westen Wolf – doch niemals Köter,
hing nie an keiner Kette fest.
Ich brach mit blutigen Genossen,
die Gift mir in die Seele gossen.
Schrie all das aus und sang und schwieg.
Im allerbesten Sinn Verräter.
Nicht Opfer, lieber bin ich Täter.

Ein meisterhafter, ein brillanter Lyriker und Liedermacher, das zeigen schon diese wenigen Zeilen. Nun, mit 78 im Bundestag, genügt ihm das aber nicht. Hier will Biermann sich als Mann der Tat präsentieren, was in einem Parlament bedeutet, als Redner, und nicht nur mit einer Gesangseinlage. In einem Parlament wird gestritten, attackiert, bewertet und beurteilt, auch verurteilt. Da geht es um richtig und falsch, gut und schlecht, manchmal auch um gut und böse. Was passt da besser, als das Drachentöter-Selbstbild in Szene zu setzen, und warum den selbstgestrickten Mythos um die eigene Person nicht gleich zur Berufsbezeichnung machen? „Wolf Biermann, Drachentöter“. Einer wie Siegfried, Herakles oder Perseus – Heldenfiguren, die das Ungeheuer, Sinnbild des menschenfeindlichen Bösen, entweder mit List und Tücke oder in mutigem, heroischem Kampf besiegt haben. Das ist die Liga, in der er jetzt spielt.

Und eben so, wie er sich selbst grandios überhöht und idealisiert, wird er gleich die Besiegten erniedrigen und demütigen, voll Hohn und Häme zur „Drachenbrut“ herabwürdigen, zum „elenden Rest dessen, was überwunden wurde“. Überwunden von wem? Na, von ihm höchstselbst, dem Drachentöter: „Ich habe Euch zersungen mit den Liedern, als Ihr noch an der Macht wart.“ Nicht das Volk, nein: Wolf, der Volksheld. „Es fehlte nicht viel,“ schreibt die „Welt“, „so schien es, und Biermann hätte sich daran erinnert, wie er damals die Mauer allein niedergerissen hat.“

Lammert ahnt, dass die Sache aus dem Ruder zu laufen droht und unternimmt einen Versuch, möglichst humorvoll, den aus der Rolle fallenden Gast der Feierstunde zu bremsen, einer Feier, die schließlich der Versöhnung, der deutschen Einheit dienen soll und nicht dem Ressentiment.

„Ich kann Ihnen auch, Herr Biermann, mit einem Hinweis auf unsere Geschäftsordnung helfen. Sobald Sie für den Deutschen Bundestag kandidieren und gewählt werden, dürfen Sie hier auch reden. Heute sind Sie zum Singen eingeladen.“

Was Lammert wohl nicht ahnt: dass er damit dem alternden Barden, der es nochmal allen zeigen will, eine Steilvorlage liefert. „Ja“, antwortet der in aller Seelenruhe und dem sicheren Bewusstsein, dass dieser Punkt an ihn geht, „aber natürlich habe ich mir in der DDR das Reden nicht abgewöhnt, und das werde ich hier schon gar nicht tun.“ Damit hat er die Lacher auf seiner Seite, die Abgeordneten klatschen stürmisch Beifall. Den Schlagabtausch mit Lammert hat Biermann gewonnen, der Bundestagspräsident ist für’s erste zum Schweigen gebracht.

Könnte man bis hierher vielleicht noch einen Funken „Mannesmut vor Königsthronen“ entdecken und goutieren, so entlarvt sich der selbsternannte Held mit seinem nächsten Satz als boshafter, arroganter Mütchenkühler, als schadenfroher Heimzahler, der seiner Unversöhnlichkeit, seinem ganzen eitlen Ressentiment freien Lauf lässt:

„Ein Drachentöter kann nicht, mit großer Gebärde, die Reste der Drachenbrut tapfer niederschlagen. Die sind geschlagen. Und es ist für mich Strafe genug, dass Sie hier sitzen müssen, dass Sie das anhören müssen…

Und:

Also, Ihr seid dazu verurteilt, das hier zu ertragen, ich gönne es Euch, und ich weiß ja, dass die, die sich Linke nennen, nicht links sind, auch nicht rechts, sondern reaktionär – dass diejenigen, die hier sitzen, der elende Rest dessen sind, was zum Glück überwunden ist.

Losgesprungen als Drachentöter, gelandet als schäbiger Nachtreter, der große Liedermacher. Peinlichkeit macht sich breit, zumindest unter den sensibleren Zuhörern. Die meisten scheinen sich indes damit aus der Affäre des unangenehmen Fremdschämens ziehen zu wollen, dass sie sich emotional auf die Seite des Aggressors schlagen.

„Kein Abgeordneter einer anderen Partei hätte gewagt, die Linke so genießerisch fertigzumachen wie der Mann ohne Rederecht. Wolf Biermann war immer zu eitel, um sich an die Spielregeln für andere zu halten. Diesmal hatte er die Mehrheit der versammelten Volksvertretung auf seiner Seite. Und er genoss es huldvoll wie ein Monarch.“ („Eins in die Fresse, mein Herzblatt“ – Uwe Schmitt, Die Welt, 07.11.2014)

Am nächsten Tag gab Biermann noch ein Konzert im Berliner Ensemble. Dazu ebenfalls die „Welt“:

„Wenn Biermann Verwunderung mimt angesichts der Liebkosungen des Publikums oder auch, mit vor den Mund geschlagener Hand, vor den freien Kräftespielen des Quartetts, wenn er die Linke über die Augen krümmt, um das Scheinwerferlicht abzuwehren, und in die Runde schaut, als wollte er sagen „Was findet ihr nur so verdammt genial an mir?“, wenn er chaplinesk Verblüffung spielt über die Ehre – kurz, wenn Wolf Biermann gespreizt den uneitlen Kerl mimt, ist er schwer zu ertragen. (…) 

‚Frühzeitig hat man mich geehrt/ Nachttöpfe auf mir ausgeleert/ Die Dornenkrone mir verehrt/ Ich hab sie liegen lassen‘. So sang Biermann und bog die Balken. Dornenkronen, die ihm standen, hat er immer gern getragen. Ein bisschen Blut im Gesicht konnte nie schaden. Er ist furchtlos und schamlos, die Welt dreht sich um ihn und soll das gefälligst wissen.

Manchmal plaudert sich Biermann, der Obrigkeit wie uns andere sämtlich duzt, aus der feinen Unverschämtheit in die Peinlichkeit. Auch darauf ist Verlass. Im Berliner Ensemble gelang ihm das, als er einen hohen polnischen Würdenträger erst grob anredete („Wo ist denn der Oberpole?“) und dann aufklärte, dass seine Nationalhymne „Noch ist Polen nicht verloren“ ja nicht gerade ein Hurra-Gesang sei. Eins in die Fresse, mein Herr, nett gemeint. („Was findet Ihr nur so genial an mir?“ – Uwe Schmitt, Die Welt, 09.11.2014)

Seine Lieder, seine Lyrik, durchaus. Als Mensch ist er, zumindest bei seinen öffentlichen Auftritten, oft neben der Spur. Viele Künstler sind Narzissten und Egomanen. Die meisten verstehen indes, die unangenehmen Seiten ihrer Persönlichkeit in der Öffentlichkeit zu verbergen. Biermann nicht – er will es wohl auch gar nicht. Sein Narzissmus gehört mit zur Performance. Leider.

Siehe auch:
  • „Ich sollte die Menschheit retten“Christoph Heinemann spricht mit Wolf Biermann über seine Lebensgeschichte – Deutschlandfunk, 12.08.2011
    • „Als er 16 Jahre alt war ging Wolf Biermann von Westdeutschland in die DDR. Er habe zunächst zu jenen gehört, die für den Bau der Mauer waren, bekennt der Liedermacher. Heute befalle ihn aus diesem Grund ein „Gefühl der Scham“.“
  • Wolf Biermanns Mauerfall: „Wie ein historisches Drama ohne Haupthelden!“Axel Schröder interviewt Biermann über die Zeit zwischen seiner Ausbürgerung und dem Mauerfall 1989 – Deutschlandfunk, 05.11.2014
    • „Heute sagt Wolf Biermann, das sei mehr Angeberei gewesen und seine hilflose Wut „auf die Bonzen im Osten“, wenn er in seinen Liedern den Mauerfall besang. Als es dann passierte, musste er von Hamburg aus zuschauen. „Ein verrücktes Missverständnis, denn eigentlich war ich doch der große Drachentöter“.“
  • „Drachentöter“ von Lammerts Gnaden Willi Winkler gibt auch einen Abriss von Biermanns Lebensgeschichte – Süddeutsche Zeitung, 07.11.2014
    • „Demut ist ihm wesensfremd – deswegen ignoriert Wolf Biermann die Hinweise von Bundestagspräsident Lammert und redet im Parlament. Er geht auf die Linksfraktion los und beschimpft sie als „Drachenbrut“. Zum „Drachentöten“ hatte er zuletzt wenig Gelegenheit.“
  • Viel Selbstgefälligkeit, wenig Gelassenheit – Frank Capellan über Biermanns Bundestagsrede – Deutschlandfunk, 07.11.2014
    • „Mit bedröppelten Mienen mussten die Mitglieder der Linkspartei Wolf Biermanns Kritik über sich ergehen lassen. Doch ihre Abgeordneten seien keinesfalls das, als was Biermann sie verteufeln möchte, kommentiert Frank Capellan. Mit seinen Hasstiraden habe sich der Sänger keinen Gefallen getan.“
    • „Für viele Wähler – vor allem Osten – ist die Linkspartei immer noch das soziale Gewissen der Republik. Ihre Abgeordneten sind keinesfalls das, als was Biermann sie verteufeln möchte (…). Die wenigsten von ihnen waren in der SED, manche waren beim Mauerfall noch Kinder oder Jugendliche, viele sind im Westen aufgewachsen, so wie Richard Pitterle, der heute im Bundestag mitsang, als Biermann sein Lied „Die Ermutigung“ anstimmte, ein Lied das er einst den Häftlingen in den Kerkern der DDR widmete. Ich konnte das auch als Linker im Westen immer mitsingen, ich habe Biermann immer gemocht, ich kann ihn verstehen, auch wenn seine Attacken auf meine Fraktion unbegründet sind – so hat sich Pitterle heute im Deutschlandfunk geäußert. Ein bisschen von dieser Gelassenheit hätte dem 77-jährigen Dissidenten heute ganz gut gestanden. Etwas Größe zum Jahrestag, etwas mehr Versöhnen statt immer nur Spalten.“
  • Biermann-Auftritt: Linke will gegen Lammert vorgehenMatthias Meisner – Tagesspiegel, 11.11.2014
    • „Der spektakuläre Auftritt des Liedermachers Wolf Biermann im Bundestag im Rahmen der Mauerfall-Debatte hat ein Nachspiel. Die Linksfraktion will, dass sich der Ältestenrat des Parlaments mit ihrem Ärger befasst.“
  • Wolf Biermann ist ein Wendehals – Friedrich Schorlemmer – der Freitag, 13.11.2014
    • „Der Bürgerrechtler Friedrich Schorlemmer ist über Wolf Biermanns Auftritt im Bundestag wütend, wo der Liedermacher auf seine Rolle als politischer „Drachentöter“ pochte.“

Was verboten, gestattet oder Pflicht ist: Islamgelehrte widerlegen ISIS-Doktrin

In einem Offenen Brief „an Dr. Ibrāhīm ʿAwwād al-Badrī alias ‚Abū Bakr al-Baġdādī‘ und die Kämpfer und Anhänger des selbsternannten ‚Islamischen Staates'“, in deutscher Übersetzung 51 Seiten umfassend, begründen 126 hochrangige sunnitische Islamgelehrte detailliert, warum die Doktrin und das Vorgehen von ISIS in eklatantem Gegensatz zur Religion Mohammeds stehen. In theologischer Auseinandersetzung mit 24 zentralen Aspekten des Islam widerlegen die Geistlichen die radikal-fundamentalistische ISIS-Auffassung Punkt für Punkt.

Wie alle Distanzierungen moderater Muslime von Djihadisten und Salafisten ist auch diese Initiative zu begrüßen – allein, sie wird bei den Adressaten wenig bewirken.

Denn es sind keine theologischen Überlegungen, die junge Männer für die Propaganda der Brutalo-Islamisten anfällig machen, sondern machtvolle psychische Motive: der Wunsch nach klaren, eindeutigen Regeln, an denen man sich ambivalenzfrei orientieren kann; nach religiösen Vorschriften, die fortwährende individuelle Entscheidungen ersetzen, wie sie beim mühsamen, selbstverantwortlichen Aufbau eines erfolgreichen Lebenswegs in der komplexen Wirklichkeit kapitalistischer Leistungsgesellschaften erforderlich sind; statt Konkurrenz und Wettbewerb klare Freund-Feind-Verhältnisse und ein brüderlich-kameradschaftliches Wir-Gefühl im Kreise Gleichgesinnter; vor allem aber das Versprechen, das bisherige Ohnmachtserleben hinter sich zu lassen und stattdessen an kollektiver Machtausübung teilzuhaben, ja im Kampf gegen (angebliche) Feinde zum Helden werden zu können. All dies abgesegnet von einer Illusion – der Phantasie eines allmächtigen, väterlichen Gottes als höchster Autorität: auch die brutalsten Grausamkeiten werden im Namen Allahs begangen, der diesen Weg belohnen wird, so glaubt man, und sei es im paradiesischen Jenseits nach dem Märtyrertod.

Die Verfasser des Offenen Briefs haben ihm ein „Executive Summary“ (sic!) vorangestellt, eine Zusammenfassung, in der sie die 24 Punkte benennen, die den wahren Islam von der ISIS-Irrlehre unterscheiden. Dem koranunkundigen Nicht-Muslim ermöglicht diese Kurzfassung einen ersten Eindruck, worum es dabei geht.

1. Es ist im Islam verboten, ohne die dafür jeweils notwendige Bildung und Kenntnis zu haben, fatwā (Rechtsurteile) zu sprechen. Sogar diese Fatwās müssen der islamischen Rechtstheorie, wie sie in den klassischen Texten dargelegt wurde, folgen. Es ist ebenfalls verboten, einen Teil aus dem Koran oder eines Verses zu zitieren, ohne auf den gesamten Rest zu achten, was der Koran und die Hadithe über diese Angelegenheit lehren. Mit anderen Worten gibt es strikt subjektive und objektive Vorbedingungen für Fatwās. Bei der Sprechung einer Fatwā, unter Verwendung des Korans, können nicht „die Rosinen unter den Versen herausgepickt“ werden, ohne Berücksichtigung des gesamten Korans und der Hadithe.

2. Es ist im Islam vollkommen verboten, Recht zu sprechen, wenn die Arabische Sprache nicht gemeistert wurde.

3. Es ist im Islam verboten, Scharia Angelegenheiten zu stark zu vereinfachen und festgelegte islamische Wissenschaften zu missachten.

4. Es ist im Islam [den Gelehrten] gestattet, Meinungsverschiedenheiten über bestimmte Angelegenheiten zu haben, außer in all jenen, welche als die Fundamente der Religion gelten, die allen Muslimen bekannt sein müssen.

5. Es ist im Islam verboten, bei der Rechtsprechung die Wirklichkeit der Gegenwart zu missachten.

6. Es ist im Islam verboten, Unschuldige zu töten.

7. Es ist im Islam verboten, Sendboten, Botschafter und Diplomaten zu töten; somit ist es auch verboten, alle Journalisten und Entwicklungshelfer zu töten.

8. Jihad ist im Islam ein Verteidigungskrieg. Er ist ohne die rechten Gründe, die rechten Ziele und ohne das rechte Benehmen verboten.

9. Es ist im Islam verboten, die Menschen als Nichtmuslime zu bezeichnen, außer sie haben offenkundig den Unglauben kundgetan.

10. Es ist im Islam verboten, Christen und allen „Schriftbesitzern“ – in jeder erdenklichen Art – zu schaden oder zu missbrauchen.

11. Es ist eine Pflicht, die Jesiden als Schriftbesitzer zu erachten.

12. Die Wiedereinführung der Sklaverei ist im Islam verboten. Sie wurde durch universellen Konsens aufgehoben.

13. Es ist im Islam verboten, die Menschen zur Konvertierung zu zwingen.

14. Es ist im Islam verboten, Frauen ihre Rechte zu verwehren.

15. Es ist im Islam verboten, Kindern ihre Rechte zu verwehren.

16. Es ist im Islam verboten, rechtliche Bestrafungen sowie Körperstrafen (ḥudūd) ohne dem Folgen des korrekten Prozedere, welches Gerechtigkeit und Barmherzigkeit versichert, auszuführen.

17. Es ist im Islam verboten, Menschen zu foltern.

18. Es ist im Islam verboten, Tote zu entstellen.

19. Es ist im Islam verboten, Gott – erhaben und makellos ist Er – böse Taten zuzuschreiben.

20. Es ist im Islam verboten, die Gräber und Gedenkstätten der Propheten und Gefährten zu zerstören.

21. Bewaffneter Aufstand ist im Islam in jeglicher Hinsicht verboten, außer bei offenkundigem Unglauben des Herrschers und bei Verbot des Gebets.

22. Es ist im Islam verboten, ohne den Konsens aller Muslime ein Kalifat zu behaupten.

23. Loyalität zur eigenen Nation ist im Islam gestattet.

24. Nach dem Tod des Propheten – Frieden und Segen seien auf ihm – verpflichtet der Islam niemanden irgendwohin auszuwandern.

Das NBC-Interview mit Edward Snowden

Edward Snowden hat der amerikanischen Fernsehgesellschaft NBC ein ausführliches Interview gegeben, das der Sender am 28. Mai 2014 ausstrahlte. Hier das Video mit dem kompletten Interview, so wie es von NBC gesendet wurde.

Ein hochintelligenter junger Mann, der genau weiß, was er tut. Und dass er das Richtige tut. Eindrucksvoll – sehr zu empfehlen.

Ich wurde den Gedanken nicht los, dass Edward Snowden in mancherlei Hinsicht mit Martin Luther vergleichbar ist – und fand dieses Interview mit der Pastorin und ehemaligen Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages, Antje Vollmer:

Siehe auch:

Moderne Lyrik

Zum Jahresausklang: ein Gedicht…

Ein Mensch, modern, kulturerpicht,
denkt, „heut schreib ich mal ein Gedicht.
Worüber, weiß ich noch nicht recht,
doch jedenfalls wird es nicht schlecht.“

Denn nach den Plänen dieses Herrn
steht eines fest: „ich schreib’s ‚modern‘!
Klar, das verlangt Inspiration,
doch keine Angst, ich mach‘ das schon.“

Moderne Lyrik, denkt der Meister,
das ist was für ganz große Geister.
Da braucht es, fühlt er feierlich,
brillante Sprachgenies wie mich.

Noch fehlt die zündende Idee –
vielleicht zunächst ein Exposé?
Lyrik beginnt mit Konzeption,
dann findet sich schon die Diktion.

Für so ein Gegenwartsgedicht
gibt’s klare Regeln eben nicht.
Doch andrerseits, und fast noch schlimmer,
ein paar Prinzipien gelten immer:

Von Anfang an mach’s kompliziert,
dann wirkt es gleich hochkultiviert.
Gib ihm etwas Geheimnisvolles,
so ahnt man, hier entsteht was Tolles.

Verzichte streng auf jede Logik
(zu reden nicht von Pädagogik),
und unterdrücke gleich im Keim
den schnöden Wunsch nach einem Reim.

Der letzte Schrei der Dichtstilistik
ist schräge Zeilenbruchartistik.
Reimen kann jeder I-di-ot
von Wilhelm Busch bis Eugen Roth.

Vermeide jeglichen Humor,
der passt nicht ins Gedichtressort.
Der Dichter wäre arg blamiert,
falls sich der Leser amüsiert.

Und wenn die Leut‘ am Ende lachen,
es wär nicht wiedergutzumachen.
Lass dunkel Deinen Geist aufblitzen –
die Welt ist voll von schlechten Witzen.

Lässt Du den Sinn weitgehend offen,
so sei gewiss, dass tief betroffen
der Leser fühlt, „das hat Substanz,
denn ich begreif‘ es nicht so ganz.“

Und suchst Du den besond’ren Zauber,
dann schreib es gänzlich undurchschaubar.
Vermeide jede Sinnausrichtung –
so spürt man: „Ah, moderne Dichtung“!

Gesiegt hast Du mit dem Gedicht,
wenn jeder denkt: „Versteh‘ ich nicht.“
Nun steigst Du in der Leser Gunst
und die Kritik schwärmt: „Das ist Kunst!“

Der Mensch, nachdem er dies bedacht,
es ist jetzt schon fast Mitternacht,
entscheidet, dies Gedicht macht Sorgen –
am besten, ich verschieb’s auf morgen.

Nach all den schwierigen Gedanken
die Augenlider niedersanken.
Er löscht gerade noch die Lichter,
und schon umfängt der Schlaf den Dichter.

Markus Wichmann

Das Gedicht bezieht sich genau genommen auf Gegenwartslyrik – sagen wir, aus den letzten 30 Jahren. Keinesfalls etwa auf Rilke, Gottfried Benn oder Paul Celan. Den Anstoß gab die Lektüre von Laute Verse – Gedichte aus der Gegenwart.

Wie halten Sie’s mit der Religion?

Gewiss macht es für christlich erzogene Menschen einen wesentlichen Unterschied aus, ob sie auch als Erwachsene noch gläubig sind, sich also mit den christlichen Glaubensinhalten identifizieren, oder nicht. Wer in der einen oder in der anderen Richtung eine klare, eindeutige Position gefunden hat, sei es als gläubiger Christ oder als ungläubiger Atheist, hat diese Haltung vermutlich in sein geistiges und seelisches Leben integriert und ist in diesem Punkt mit sich im Reinen.

Wie steht es aber mit der großen Gruppe derjenigen, die nicht so recht wissen, was Sie von Gott und der Religion halten sollen? Die zahlreichen Zeitgenossen, die am christlichen Glauben zwar elementare Zweifel hegen, ihm aber niemals wirklich Lebewohl gesagt haben und die Frage nach ihrem Verhältnis zur Religion am liebsten unbeantwortet in der Schwebe belassen würden? Die vielen Schwankenden, die in ihrer Kindheit und Jugend ganz selbstverständlich in eine christliche Glaubenswelt hineingewachsen sind, sich im Laufe ihrer späteren Entwicklung aber ein rational geprägtes Weltbild angeeignet haben, in dem Jesus Christus und der liebe Gott nur noch schwer einen Platz finden.

Für viele Menschen ist es eine selbstverständliche, vertraute Gewohnheit, sich auch dann noch als Christen zu verstehen, wenn ihr Glaube mit ihrer erwachsenen, rational denkenden Persönlichkeit nicht mehr übereinstimmt. Im Alltag wird dies Spannungsverhältnis vermutlich zumeist kaum wahrgenommen; oft bedarf es existenzieller Grenzsituationen, um den schlummernden geistig-seelischen Konflikt bewusst werden zu lassen.

Falls auch Sie zu denjenigen gehören, die sich aus alter Gewohnheit als Christ betrachten, die Glaubensinhalte der christlichen Religion jedoch genau genommen nicht mehr für wahr halten, weil ihr Verstand ihnen recht eindeutig sagt, „ein Schmarren, das Ganze“: Würden Sie offen und ehrlich dazu stehen, sich selbst und anderen gegenüber?

Stellen Sie sich vor, Sie geraten in einen Gottesdienst und die Gemeinde betet das Vaterunser oder spricht das Apostolische Glaubensbekenntnis  – wie verhalten Sie sich dann? Beten Sie mit, oder bleiben Sie stumm?

Gehen wir einmal spielerisch davon aus, es sticht Sie der Hafer und Sie sprechen das Glaubensbekenntnis laut mit, bringen Ihren rational vorhandenen Unglauben dabei aber deutlich vernehmbar zum Ausdruck:

Ich glaube nicht an Gott, den Vater,
einen allmächtigen Schöpfer des Himmels und der Erde.

Und nicht an Jesus Christus,
seinen angeblichen Sohn, mitnichten unser Herr,
nie und nimmer empfangen durch den Heiligen Geist, sondern auf die bekannte, ganz natürliche Weise,
geboren von Maria, der Frau Josephs,
gelitten unter Pontius Pilatus,
gekreuzigt, gestorben und begraben,
allenfalls im metaphorischen Sinn hinabgestiegen in das Reich des Todes,
am dritten Tage jedoch keinesfalls auferstanden von den Toten
geschweige denn aufgefahren in den Himmel;
wo nichts und niemand sitzt,
außer ein paar Raumfahrer in ihrer Kapsel,
weshalb er weder von dort noch von sonstwo kommen wird,
zu richten die Lebenden und die Toten.

Ich glaube weder an den Heiligen Geist,
noch an die heilige christliche Kirche,
oder die Gemeinschaft der Heiligen,
auch nicht an die Vergebung der Sünden,
schon gar nicht an die Auferstehung der Toten
oder gar das ewige Leben.

Amen

Die erstaunte Aufmerksamkeit der Umstehenden wäre Ihnen gewiss, und die Reaktionen würden sich vermutlich im Bereich von amüsiert über indigniert bis entrüstet bewegen. Sie selbst würden eine derart offene Bekundung Ihres Unglaubens in einem Gottesdienst indes vermutlich für allzu groben Schabernack halten und die Verneinungsvarianten allenfalls im Stillen einfügen.

Was aber, wenn Sie überzeugter Christ sind?

Nehmen wir aber einmal an, Sie halten sich auch heute noch durch und durch für einen waschechten, gläubigen Christen. Dann ist Ihnen ja bekannt, dass das Apostolische Glaubensbekenntnis – das in sämtlichen katholischen Gottesdiensten zur üblichen Liturgie gehört, auf evangelischer Seite jedoch nur in Taufgottesdiensten gesprochen wird – die Kernaussagen des christlichen Glaubens in Kurzform enthält.

Welche der Aussagen dieses Glaubensbekenntnisses können Sie aber wirklich ernsthaft und guten Gewissens unterschreiben? Dass Jesus Christus der „eingeborene Sohn“ Gottes ist – geboren von der Jungfrau Maria, nachdem sie ihn durch den Heiligen Geist empfangen hatte? Ganz ohne Mitwirkung von Joseph oder eines anderen männlichen Samenspenders? Dass er am dritten Tag nach seinem Tod von den Toten auferstanden und in den Himmel aufgefahren ist (was uns immerhin die Osterfeiertage beschert hat)? Dass er dort jetzt zur Rechten Gottes sitzt, „des allmächtigen Vaters“, und eines Tages von dort kommen wird, um „die Lebenden und die Toten (…) zu richten“?

Hand auf’s Herz: Könnten Sie auf Ihren Eid nehmen, dass Sie diese Aussagen tatsächlich vollen Ernstes glauben, also für wahr halten?

Falls Sie jetzt einwenden, ich würde das zu eng sehen, darum gehe es doch gar nicht beim christlichen Glauben, sondern mehr um Ihre ganz persönliche Entscheidung, sich auf Gott und Jesus Christus einzulassen, ihnen zu vertrauen (also um das, was die Philosophen einen fiduziellen Glauben nennen und die Engländer „faith“ im Gegensatz zu „belief“), so würde ich meinerseits zu bedenken geben, dass Ihr emotional geprägter Glaube an Gott die Variante des Für-Wahr-Haltens, den sogenannten doxastischen Glauben, jedoch voraussetzt: Gottvertrauen können Sie nur haben, wenn Sie erst einmal davon überzeugt sind, dass es einen Gott gibt, dem Sie vertrauen können; dass er – wo und wie auch immer, aber jedenfalls außerhalb Ihres Kopfes – tatsächlich existiert und nicht nur ein Produkt der Phantasie ist wie Frau Holle oder die „Herrn der Ringe“. (Ob man ihn indessen „der“ oder lieber geschlechtsneutral „das Gott“ nennt, wie unsere Familienministerin Schröder vorziehen würde, ist vergleichsweise unwichtig.)

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Benedikt und die Teufelsaustreiber

Joseph Ratzinger, derzeit noch Papst Benedikt XVI., ist wahrlich eine widersprüchliche Figur. Einerseits hat er durchaus kluge Reden gehalten, wie die vor dem Deutschen Bundestag über die Grundlagen des freiheitlichen Rechtsstaats. Auch sein Vortrag an der Universität Regensburg zum Verhältnis von Glauben und Vernunft, der in der islamischen Welt für so viel Wirbel gesorgt hat, enthielt interessante Gedanken: Die „Pathologien der Religion und der Vernunft“, die uns bedrohen, prangerte Benedikt damals an und sprach in einer Messe vor 300.000 Gläubigen von „lebensgefährlichen Erkrankungen der Religion“.

Heute, wo wir die Pathologien, die lebensgefährlichen Erkrankungen der Religion und der Vernunft sehen, die Zerstörungen des Gottesbildes durch Haß und Fanatismus, ist es wichtig, klar zu sagen, welchem Gott wir glauben und zu diesem menschlichen Antlitz Gottes zu stehen.

Über manch abstrusen religiösen Schwachsinn, den der scheidende Papst aus Deutschland in seinem Amt betreibt, kann man allerdings nur fassungslos den Kopf schütteln, wozu eine Pressemeldung von heute wieder einmal Anlass gibt:

Der oberste römische Teufelsaustreiber Gabriel Amorth hat Benedikt XVI. seinen Dank ausgesprochen: Des Papstes „wirkungsvolle Gebete zur Teufelsaustreibung“ waren eine „große Ermutigung“ für „Exorzisten aus aller Welt“.

Der römische Chef-Exorzist Gabriel Amorth hat den Einsatz des scheidenden Papsts Benedikt XVI. für Anliegen der Teufelsaustreiber gewürdigt. Bei einer Audienz habe das Oberhaupt der katholischen Kirche „Exorzisten aus aller Welt“ empfangen und ihnen „große Ermutigung“ gegeben. Das sagte Amorth am späten Freitag im religiösen italienischen Fernsehsender TV2000. So habe Benedikt „wirkungsvolle Gebete zur Teufelsaustreibung geschenkt“.

Bereits vor seiner Wahl zum Papst habe Kardinal Joseph Ratzinger die katholische Kirche so reformiert, dass „die Front im Kampf gegen Satan“ gestärkt worden sei, sagte der oberste Exorzist der Diözese Rom, deren Bischof der Papst ist. Dies gelte „nicht nur mit Blick auf Teufelsbesessenheit von Menschen, sondern auf alle Fälle von durch den Teufel verursachten Störungen“.

Fälle vollständiger Besessenheit seien zwar selten, er habe aber Opfer des Teufels „auf Mauern laufen und wie Schlangen über den Boden gleiten“ sehen, sagte Amorth. Durch den Teufel verursachte Störungen seien hingegen inzwischen „sehr verbreitet“.

Amorth hatte in der Vergangenheit etwa die Missbrauchsfälle und die Zerstrittenheit in der Kirche auf den Teufel zurückgeführt.

Nach Angaben von Wikipedia bietet der Vatikan Exorzismuskurse an und „führte 2004 die erste internationale Exorzismuskonferenz in Mexiko durch. Während einer Generalaudienz auf dem Petersplatz am 15. September 2005 wandte sich Papst Benedikt XVI. an die Teilnehmer des Nationalkongresses der italienischen Exorzisten und ermutigte sie dazu, ‚mit ihrem wertvollen Dienst an der Kirche fortzufahren'“.

Im März 2010 berichtete der Vatikan-Experte
Andreas Englisch (Markus Lanz: „Maschinengewehr Gottes“) in der Bild-Zeitung, „unter der Regentschaft von Papst Benedikt XVI. erleben Teufelsaustreiber wieder einen Aufschwung“: der Vatikan wolle dafür sorgen, dass jede der 3000 Diäzösen einen eigenen Teufelsaustreiber bekommt. An der päpstlichen Universität Regina Apostulorum sei eigens „ein Kurs zur Ausbildung von Priestern im Fach Exorzismus“ eingerichtet worden.

„Nicht vernunftgemäß handeln, ist dem Wesen Gottes zuwider“
hatte Benedikt in seiner Regensburger Rede gesagt. Christlicher Gottesdienst müsse immer im Einklang mit der Vernunft stehen:

„Das Große der modernen Geistesentwicklung wird ungeschmälert anerkannt: Wir alle sind dankbar für die großen Möglichkeiten, die sie dem Menschen erschlossen hat und für die Fortschritte an Menschlichkeit, die uns geschenkt wurden. Das Ethos der Wissenschaftlichkeit (…) ist im übrigen Wille zum Gehorsam gegenüber der Wahrheit und insofern Ausdruck einer Grundhaltung, die zu den wesentlichen Entscheiden des Christlichen gehört.

Für den Umgang der katholischen Kirche mit psychischen Erkrankungen, soweit sie das Erscheinungsbild einer „Teufelsbesessenheit“ annehmen, gelten „das Ethos der Wissenschaftlichkeit“ und der „Gehorsam gegenüber der Wahrheit“ jedenfalls nicht. Auch sind es nicht „die großen Möglichkeiten, die (die moderne Geistesentwicklung) dem Menschen erschlossen hat“, in diesem Fall auf dem Gebiet der Medizin, und die damit verbundenen „Fortschritte an Menschlichkeit“. die diesen schwer kranken Menschen seitens der katholischen Kirche nahegelegt werden. Stattdessen werden sie von Quacksalbern wie dem Pater Amorth auch heute noch völlig grotesken, aus dem Mittelalter stammenden magischen Prozeduren ausgesetzt, die Betroffene schon das Leben gekostet haben.

Dass die katholische Kirche an der Gottesphantasie festhalten muss, ist jedem klar, die ist schließlich ihre Geschäftsgrundlage. Dass sie aber manche psychische Erkrankungen heute noch als Besessenheit vom Teufel ansieht, einem weiteren Phantasiegebilde aus der vorwissenschaftlichen Zeit magischen Denkens, und mit abergläubischen Ritualen bekämpft, ist eine Religionspathologie (s.o.) allerersten Ranges und macht noch einmal das ganze gefährliche Ausmaß der anti-aufklärerischen Verdummungsstrategie des Vatikan deutlich.
Vielleicht ist es ja auch diese diabolische Personifizierung des Bösen, die bei den vielen Missbrauchs-Missetaten kirchlicher Amtsträger ihre Hand im Spiel hatte? Zum Exorzisten mit Ihnen?
Siehe auch:

Fall Schavan: Klage „auf dünnem Eis“

Eine prägnante juristische Analyse des Berliner Richters Markus Rau zu den Erfolgsaussichten der Klage der ehemaligen Bildungsministerin Annette Schavan gegen die Universität Düsseldorf findet sich heute bei Spektrum.de:

Auf dünnem Eis

Annette Schavan will gegen die Aberkennung ihres Doktortitels klagen. Der Jurist Markus Rau erläutert, um welche rechtlichen Fragen es dabei geht – und warum Juristen der angekündigten Klage wenig Aussicht auf Erfolg einräumen.

Der Autor geht dabei auch auf ähnliche Klagen der FDP-Politiker Georgios Chatzimarkakis und Margarita Mathiopoulos ein.

Der Euro als Unfriedenstifter

Nach meinem Eindruck wird ein ökonomisch implodierendes Europa immer wahrscheinlicher. Die Schockwellen werden mehr oder weniger die gesamte  Weltwirtschaft erfassen. Darauf ist die Bevölkerung der hochentwickelten Industriestaaten jedoch nicht im Mindesten vorbereitet – weder in Nordeuropa noch in anderen Regionen.  Breite Bevölkerungsschichten werden schwerwiegenden, völlig ungewohnten wirtschaftlichen Belastungen ausgesetzt sein, und die Betroffenen werden dies als zutiefst ungerecht empfinden – so wie heute schon die „kleinen Leute“ in Griechenland und Spanien, angesichts der Massenarbeitslosigkeit aber auch die jungen Leute, die sich ihrer Lebensperspektiven beraubt sehen.

Der daraus entstehende Frustrationsdruck frisst sich tief in die Psyche der Menschen hinein und führt bei vielen je nach Disposition zu depressiven oder aggressiven Verarbeitungsformen. Zur psychischen Entlastung nimmt man verbreitet Schuldzuweisungen für die missliche Lage vor, und selbstverständlich wird die Schuld bevorzugt externalisiert, also bei Anderen angesiedelt, mit denen man selbst nicht identifiziert ist: in Nordeuropa wird der schwarze Peter den allzu sorglosen, leichtfertigen, unproduktiven und zur Korruption neigenden Südländern zugeschoben; im Süden sind die Nordländer die Bösen, allen voran die hartherzigen, grausamen Deutschen.

Welches Verrohungspotential aus einer solchen Situation erwächst, kann man bereits heute am Argumentationsstil und -gehalt bei Auseinandersetzungen in der ökonomischen Blogosphäre über die Kausalitäten des Griechenlanddesasters und die Rolle der „hässlichen Deutschen“  dabei erkennen.

Der Euro sei ein großes europäisches Friedensprojekt, werden unsere Politiker nicht müde zu betonen. Die Krise bringt indessen das Gegenteil mit sich. Das Experiment, Länder mit extrem unterschiedlicher wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit und ebenso unterschiedlichen historisch gewachsenen Stilen, ihr Wirtschaftsleben zu gestalten, diese Länder in das Prokrustesbett einer gemeinsamen Währung zu zwängen, war ökonomisch immer schon unausgegoren und erweist sich jetzt endgültig als idiotisch.

Die Mentalitäts- und  Interessenunterschiede der ungleichen Partner blühen in der Krise auf und erzeugen ein Klima der Bitterkeit und Feindschaft in Europa. Alte, längst erledigt geglaubte Ressentiments werden zu neuem Leben erweckt. Mitnichten stärkt das Projekt den Frieden in Europa – es stiftet gravierenden Unfrieden.

Siehe auch:
Presseartikel, die den wachsenden Unfrieden innerhalb der Eurozone dokumentieren (August 2012):

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Herausragende Beiträge zur Grass-Debatte

Die Qualität der Kommentare und Analysen zum Grass-Gedicht ist höchst unterschiedlich. Sie reicht von wütender Polemik über oberflächliche Pauschalurteile ohne differenziertere Auseinandersetzung mit dem Werk bis hin zu klugen, sachkundigen und tiefgehenden Analysen. Im Wesentlichen letztere sollen hier aufgeführt werden.

Politisch-historische Analysen

  • Günter Grass, Israel and the crime of poetryHamid Dabashi (Wikipedia), Professor of Iranian Studies and Comparative Literature an der Columbia University (New York), stellt das Gedicht von Günter Grass in einen größeren historischen Rahmen und analysiert die Verbindung von europäischem Kolonialismus, Zionismus, Holocaust und dem heutigen Nahostkonflikt. Sehr lesenswert. – Al Jazeera, 10.04.2012
    • „European guilt about the Holocaust is absolutely necessary and healthy – it is an ennobling guilt. It makes them better human beings, for them to remember what they did to European Jewry. But, and there is the rub, they are, with a supreme hypocrisy that Günter Grass notes in his poem, spending that guilt (when not redirecting it into Islamophobia) on sustaining a colonial settlement, an extension of their own colonial legacy, in supporting Israeli colonialism in the Arab and Muslim world – as a garrison state that further facilitates their renewed imperial interests in the region. Europeans are turning their legitimate guilt into an illegitimate instrument of their sustained imperial designs on the globe, from whom Americans then take their cues.“
  • Grass hat grundsätzlich recht – kenntnisreiche und scharfsinnige Analyse von Mohssen Massarrat  (Exil-Iraner, Mitglied im wissenschaftlichen Beirat von Attac, ehemals Politik-Professor an der Universität Osnabrück) – Financial Times Deutschland, 12.04.2012
    • „Der israelische Staat hat die Angst seiner Bürger vor ausländischen Feinden zur Staatsräson erhoben. Damit hat er seine Demokratie geschwächt und die Bedrohung nur verschärft.“

Stellungnahmen zum Gedicht

Wohlwollend:
  • Friedenspreis statt Schelte für Günter Grass – Kommentar von Thomas Nehls, WDR, ARD-Hauptstadtstudio, 04.04.2012
  • Es musste gesagt werden – Debattenbeitrag von Jakob Augstein– Spiegel, 06.04.2012
    • „Mit seinem Gedicht ‚Was gesagt werden muss‘ liegt Günter Grass richtig: Er holt Deutschland aus dem Schatten der Worte von Kanzlerin Merkel, die Sicherheit Israels gehöre zur deutschen ‚Staatsräson‘. Und der Schriftsteller kritisiert zu Recht, dass Israel der Welt eine Logik des Ultimatums aufdrängt.“
Differenziert:
  • Dichten und Meinen – Anmerkungen zu Günter Grass von Thomas Steinfeld– Süddeutsche Zeitung, 04.04.2012
    • „Günter Grass beschuldigt den Staat Israel, einen Angriffskrieg gegen Iran zu planen. Sein Gedicht steckt voller Übertreibungen, die für den Schriftsteller allerdings typisch sind. (…)  In Günter Grass ist (…) die Literatur mit dem öffentlichen Auftritt des Literaten verschmolzen. Dichten und Verlautbaren sind bei ihm zwei Seiten derselben Figur geworden, das Werk ist in die Person eingewandert. (…) Der 1999 empfangene Literaturnobelpreis verwandelte ihn endgültig zum schreibenden Republikaner. Als solcher irrt Grass zwar immer wieder, doch der Irrtum gehört zum Meinen.“
  • Was auch noch gesagt werden muss – Intellektuelle melden sich in Hintergrund zu Wort. Kommentare zur Grass-Debatte von Moshe Zuckermann, Noam Chomsky, Domenico Losurdo, Rolf Verleger, Ekkehart Krippendorff, Norman Paech, Adam Keller, Michel Warschawski, Tariq Ali, Yonatan Shapira, Yakov M. Rabkin, Moshé Machover, Brian Klug, Enzo Traverso und Gilbert Achcar– hintergrund.de, 06.04.2012
    • „Hintergrund möchte (dem) Unisono der Affirmation schwarz-gelber Außenpolitik und des „War on Terror“ die Stimmen ausgewiesener Ideologiekritiker entgegensetzen. „Was halten Sie von dem Grass-Gedicht und seiner Rezeption in Deutschland“, fragten wir namhafte Intellektuelle aus den Bereichen Wissenschaft, Politik, Literatur und Kunst. Die ersten Antworten sind eingegangen, weitere werden folgen.“
  • Eine Provokation mit bedrückendem Ergebnis – Gespräch mit dem amerikanischen Historiker Fritz Stern über Günter Grass, die Debatte über dessen Gedicht und über konstruktive Kritik an Israel. – FAZ, 13.04.2012
    • „Befremden bei geteilter Sorge: Fritz Stern bedauert und kritisiert die Irreführung der Israel-Kritik durch Günter Grass. Die Notwendigkeit der Kritik an der israelischen Regierungspolitik rechtfertigt nicht dessen Form der Anklage.“
  • Gunter the TerribleUri Avnery – CounterPunch, 13.04.2012
    • „Uri Avnery is an Israeli writer and peace activist with Gush Shalom. He is a contributor to CounterPunch’s book The Politics of Anti-Semitism.“
    • autorisierte deutsche Übersetzung: Günter der Schreckliche– Homepage Uir Avnery, 14.04.2012
      • „Ich habe schon mehrfach erwähnt, dass das israelische und amerikanische Geschwätz über einen israelischen Angriff bestenfalls Teil eines von den USA geführten psychologischen Krieges ist, um die iranischen Führer zum Aufgeben ihrer (vermuteten) Nuklearambitionen zu bringen. Es ist für Israel total unmöglich, den Iran ohne ausdrückliches, vorheriges amerikanisches Einverständnis anzugreifen, und es ist für Amerika total unmöglich, anzugreifen – oder Israel einen Angriff zu erlauben – wegen der katastrophalen Konsequenzen: ein Kollaps der Weltwirtschaft und ein langer und teurer Krieg. Nehmen wir um der Argumente willen an, dass die israelische Regierung tatsächlich entscheidet, Irans nukleare Installationen anzugreifen: dies würde nicht das iranische Volk oder einen Teil davon „auslöschen“. Nur Wahnsinnige würden nukleare Bomben für diesen Zweck benützen. Die israelischen Führer sind – was immer man von ihnen denken mag – nicht wahnsinnig. Selbst wenn Israel taktische nukleare Bomben mit begrenzter Kraft und begrenztem Radius hätte (oder von den USA erhalten würde), wäre die Reaktion der Welt auf ihre Anwendung katastrophal. – Übrigens ist es nicht ihre eigene Wahl, dass die israelischen Regierungen eine Politik nuklearer Nicht-Transparenz hat. Wenn sie könnten, würden unsere Führer unsere nukleare Macht von den Dächern posaunen. Es sind die USA, die auf Unklarheit bestanden, um nicht gezwungen zu sein, etwas zu tun.“
Verrisse:
Herausgehobene, aber problematische Kommentare
  • Was Grass uns sagen will – Erläuterungen und Gedicht(über?)interpretation von FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher– FAZ, 04.04.2012
    • „Es empfiehlt sich, Gedichte von Günter Grass erst mit den Augen und dann mit dem Schraubenzieher zu lesen. Sie ähneln Ikea-Regalen. Auf dem Papier sieht alles ganz einfach aus, aber wenn man das fertige Werk erst einmal auseinander genommen hat, kriegt man es einfach nicht mehr zusammen. Ein Gedicht ist natürlich kein Regal. Man sieht von außen nicht, was in ihm steckt. Ein Gedicht ist ein Gedicht, weil es niemals sagt, was Sache ist. Seit Generationen müssen Schüler im Deutschunterricht deshalb die Frage beantworten, was der Dichter uns verheimlicht. Ganz anders der Leitartikel. Ein Leitartikel ist ein Artikel, der immer sagt, was Sache ist. Generationen von Zeitungslesern streiten sich deshalb jeden Morgen, ob sie richtig finden, was er sagt, oder falsch. Schraubt ein Autor Gedicht und Leitartikel zusammen, muss der Leser folgerichtig herausfinden, ob er richtig oder falsch findet, was der Dichter verheimlicht.“
    • Schirrmacher schaut mit dem Schraubenzieher nach und glaubt, einen „lyrischen Etikettenschwindel“ aufdecken zu können. Hinter dem manifesten Gedicht findet er ein zweites in Form eines „Subtextes“, in dem Grass durch die „Wortfelder“, die er aufrufe, „auf der Assoziationsebene“ etwas suggeriere, was er „auf der Aussageebene“ verneine, mit dem Ergebnis einer „ziemlich bestürzenden Umkehrung westdeutscher Nachkriegsdiskurse“. In diesem „Machwerk des Ressentiments“ ergreife Grass „endlich die Chance (…), einen Rollentausch vorzunehmen“, indem nun Israel eines „geplanten Völkermords“ angeklagt wird und Grass sich als „künftiger Überlebender“ äußert. So werde sein Gedicht zu einem „Dokument der ‚imaginären Rache‘ (Nietzsche) einer sich moralisch lebenslang gekränkt fühlenden Generation“. Eine anregende, weitreichende Interpretation,  jedoch voller tiefenhermeneutischer Annahmen und tiefenpsychologischer Vermutungen, die man teilen kann oder auch nicht.

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Das Grass-Gedicht: Was zutrifft und was nicht (4)

Analyse des Gedichts „Was gesagt werden muss“ von Günter Grass: 4. Abschnitt

(4) Warum aber schwieg ich bislang? Weil ich meinte, meine Herkunft, die von nie zu tilgendem Makel behaftet ist, verbiete, diese Tatsache als ausgesprochene Wahrheit dem Land Israel, dem ich verbunden bin und bleiben will, zuzumuten. Warum sage ich jetzt erst, gealtert und mit letzter Tinte: Die Atommacht Israel gefährdet den ohnehin brüchigen Weltfrieden? Weil gesagt werden muß, was schon morgen zu spät sein könnte; auch weil wir – als Deutsche belastet genug – Zulieferer eines Verbrechens werden könnten, das voraussehbar ist, weshalb unsere Mitschuld durch keine der üblichen Ausreden zu tilgen wäre.

In dieser vierte Passage begründet der Autor näher, warum er hinsichtlich der Thematik des Gedichts bislang geschwiegen hat, seine Israel-kritischen Befürchtungen und Kommentare – vor allem seine Warnung vor einer akuten Gefährdung des Weltfriedens durch die Atommacht Israel – jetzt aber äußert.

Dieser Gedichtabschnitt, bei Grass auf zwei Strophen aufgeteilt, enthält folgende Aussagen:

  1. Grass meinte, seine Herkunft verbiete, „diese Tatsache als ausgesprochene Wahrheit dem Land Israel (…) zuzumuten“.
  2. Seine Herkunft (als Deutscher) ist mit einem „nie zu tilgendem Makel behaftet“.
  3. Er ist dem Land Israel verbunden und will dies bleiben.
  4. Die Atommacht Israel gefährdet den Weltfrieden, der ohnehin brüchig ist.
  5. Grass fragt sich, warum er dies erst jetzt sagt, „gealtert und mit letzter Tinte“.
  6. Seine Antwort: Weil es jetzt „gesagt werden muss“, denn „schon morgen (könnte es) zu spät sein“.
  7. Außerdem: Weil wir Deutsche – belastet genug – „Zulieferer eines Verbrechens werden könnten“.
  8. Dieses Verbrechen ist voraussehbar.
  9. Deshalb wäre „unsere Mitschuld durch keine der üblichen Ausreden zu tilgen“.

Erneut wendet sich Grass den Motiven seines bisherigen Schweigens zu und führt an, er habe gemeint, seine „von nie zu tilgendem Makel“ behaftete (richtiger wohl „mit nie zu tilgendem Makel“ behaftete) Herkunft als Deutscher habe verboten, dem Land Israel „diese Tatsache als ausgesprochene Wahrheit (…) zuzumuten“.

Es ist nicht ganz eindeutig, worauf sich „diese Tatsache“ bezieht – auf die vorherige Strophe oder auf die im nächsten Satz folgende zentrale Behauptung des Gedichts: „Die Atommacht Israel gefährdet den ohnehin brüchigen Weltfrieden.“ Da die vorherige Strophe jedoch keine konkrete Tatsache enthält, die dem Land Israel „als ausgesprochene Wahrheit“ nicht zuzumuten wäre, dürfte der Bezug auf die den Weltfrieden gefährdende Atommacht Israel gemeint sein.

Grass sagt, er habe das Verbot, dem Land Israel „diese Tatsache als ausgesprochene Wahrheit (…) zuzumuten“, für seine Person so empfunden („ich meinte…“), und sagt nicht etwa, die mit nie zu tilgendem Makel behaftete Herkunft als Deutscher verbiete entsprechende israelkritische Äußerungen tatsächlich und generell, womöglich uns Deutschen schlechthin. Mit der Einschränkung auf seine subjektive Empfindung ist gegen diese Aussage kaum etwas einzuwenden. Ich bin überzeugt, viele Deutsche seiner Generation haben aus kollektiven Schuldgefühlen heraus lange so empfunden und gemeint, Israel mit Samthandschuhen anfassen zu müssen.

Ich selbst, im Unterschied zu Grass mit „der Gnade der späten Geburt“ (Helmut Kohl) ausgestattet, habe dies nie so empfunden. Zwar stand ich Israel als dem heutigen Staat der Juden grundsätzlich mit besonderem Wohlwollen gegenüber, aus einem von den Nazi-Verbrechen herrührenden Mitgefühl und aus dem Wunsch nach Handlungen der Wiedergutmachung, die aus Deutschland ganz selbstverständlich zu erfolgen haben. Mit meinem Kibbuzaufenthalt wollte ich mich daran – mehr symbolisch – ein wenig beteiligen. Ich wäre jedoch niemals auf die Idee gekommen, als Deutscher auf Kritik am Handeln des heutigen Staates Israel verzichten zu müssen, wenn diese meiner Auffassung nach erforderlich wäre. Ich vermute, die Mehrheit der deutschen Bevölkerung meiner Generation und späterer Generationen sieht dies ähnlich.

Grass vertritt zudem die Grundsatzüberzeugung, unsere Herkunft als Deutsche sei mit einem „nie zu tilgenden Makel behaftet“ (mit einem „Makel“, nicht – zumindest nicht explizit – mit einer nie zu tilgenden Schuld). Darüber kann man gewiss streiten. Wird dieser Makel wirklich niemals zu tilgen sein? Soll dies auch für Generationen gelten, die, sagen wir, nach 1928 geboren sind, also während der Nazizeit noch Kinder, Jugendliche oder noch gar nicht geboren waren (und die aus diesem Grund für eine Einreise nach Israel auch kein Visum benötigen, im Gegensatz zu den vor 1928 geborenen Deutschen)? Sollen wir den Makel wie eine persönliche Erbsünde ansehen, als „Verstrickungen der Vergangenheit, die man durch die Geburt ‚erbt‘, als quasi eine Hypothek, die Freiheit und Selbstbestimmung einschränkt“ (Christa Mathies)? Wollen wir, theologisch gesprochen, die Angelegenheit nach Mose beurteilen („…der die Missetat der Väter heimsucht auf Kinder und Kindeskinder bis ins dritte und vierte Glied“ – 2. Mose 34, 7) oder nach Hesekiel („Der Sohn soll nicht tragen die Schuld des Vaters, und der Vater soll nicht tragen die Schuld des Sohnes…“ – Hesekiel 18, 20)? Ich frage mich, ob die Russen aufgrund ihrer Herkunft wegen der millionenfachen Morde unter Stalin oder dem Massaker von Katyn nun mit einem dauernden Makel behaftet sind, oder die Türken, wenn sie sich einmal dazu bekannt haben werden, wegen des Völkermords an den Armeniern?

Wie auch immer man dies sehen will, ist es jedenfalls das Gegenteil von Antisemitismus, wenn Grass wegen der deutschen Verbrechen während der Nazizeit diese untilgbare herkunftsbezogene Makelüberzeugung vertritt. Und wenn er sagt, er fühle sich dem Land Israel verbunden und wolle ihm trotz seiner Kritik auch weiterhin verbunden bleiben, so weist dies in die gleiche Richtung.

84jährig zweifellos gealtert und nur noch „mit letzter Tinte“ (für diese Metapher versagt selbst Reich-Ranicki dem Autor dieses nach seiner Auffassung insgesamt „ekelhaften Gedichts“ nicht ein literarisches Lob), formuliert Grass nun seine zentrale Anklage und Warnung: „Die Atommacht Israel gefährdet den ohnehin brüchigen Weltfrieden.“ Die Anklage richtet sich an Israel, die Warnung an den Rest der Welt: Das Gedicht wurde zeitgleich von je einer prominenten deutschen, italienischen und spanischen Tageszeitung veröffentlicht. Innerhalb weniger Tage wurde das Gedicht in zahlreiche Sprachen übersetzt und war Gegenstand weltweiter Berichterstattung.

Gefährdet Israel den Weltfrieden? Ja – im Kontext des Nahostkonflikts und vor allem des iranisch–israelischen Konflikts gefährdet auch Israel den Weltfrieden. Aber so sagt Grass es nicht. Das „auch“ fehlt bei ihm, er nennt an dieser Stelle nur eine der beiden Konfliktparteien, die israelische. Somit nimmt er keinen neutralen Standpunkt ein, sondern einen einseitig gegen Israel gerichteten, und setzt demzufolge die Agitation des ersten Abschnitts seines Prosagedichts fort, als er unsinnigerweise davon sprach, ein atomarer israelischer Erstschlag könne das iranische Volk auslöschen; und als er das aggressive, antizionistische und extrem israelfeindliche iranische Regime auf einen „Maulhelden“ reduzierte. Von Maulhelden geht bekanntlich am Ende keine ernsthafte Gefahr aus, für sie gilt, „Hunde, die bellen, beißen nicht“. Grass ordnet das dem iranisch – israelischen Konflikt innewohnende Gefährdungspotential also einseitig der israelischen Seite zu und verzerrt die tatsächlichen Verhältnisse damit erheblich.

Wenn Grass sodann betont, er breche sein Schweigen in dieser Angelegenheit deshalb jetzt, „weil gesagt werden (müsse), was schon morgen zu spät sein könnte“, so setzt diese Aussage die Logik seiner einseitigen Parteinahme fort, denn sie bezieht sich zweifellos allein auf die aktuellen israelischen Drohungen mit einem in naher Zukunft bevorstehenden Präventivschlag gegen die iranischen Atomanlagen.  Grass unterstreicht damit seine Überzeugung, die gegenwärtige Bedrohung des Weltfriedens gehe einzig von Israel aus.

Er führt jedoch noch einen weiteren Grund dafür an, weshalb er sein selbstauferlegtes Schweigegebot jetzt, in dieser Situation, bricht: „weil wir – als Deutsche belastet genug – Zulieferer eines Verbrechens werden könnten“. Sind wir „als Deutsche belastet genug“? Zweifellos. Wären wir im Fall eines israelischen Präventivschlags Zulieferer? Das hinge davon ab, ob die von uns gelieferten und weitgehend auch finanzierten Dolphin-U-Boote dabei zum Einsatz kämen, was Experten für wahrscheinlich halten. In diesem Fall hätten wir mit unseren Lieferungen diesen Präventivschlag überhaupt erst ermöglicht. Wäre ein derartiger Präventivschlag ein Verbrechen? Völkerrechtlich in jedem Fall.

Wichtiger noch als die völkerrechtliche Beurteilung wäre jedoch das weltweite Echo darauf. Im Fall eines atomaren Erstschlags Israels fiele dieses absolut verheerend aus. Israel würde weltweit die letzten noch verbliebenen Sympathien verlieren. Abgesehen von den schwerwiegenden militärischen Konsequenzen einer solchen militärischen Aktion gegen den Iran werden auch die weiteren Sekundärfolgen für Israel von zahlreichen Experten als derart katastrophal angesehen, dass ein atomarer Erstschlag als extrem unwahrscheinlich gilt. Aber auch ein nicht-atomarer Erstschlag Israels wäre völkerrechtswidrig. Angesichts der iranischen Drohungen gegen Israel würde eine nicht-atomare militärische Aktion Israels gegen die iranischen Atomanlagen jedoch in weiten Kreisen der westlichen Welt auf ein gewisses Verständnis stoßen. Ob man sie als „Verbrechen“ oder als legitime Inanspruchnahme des Rechts auf Selbstverteidigung ansehen würde, hinge von der mehr oder weniger israelfreundlichen oder israelfeindlichen Grundhaltung des Beurteilers ab. In seinem Gedicht geht Grass, wie aufgewiesen wurde, jedoch von einem atomaren Erstschlag aus und warnt somit vor einem sehr unwahrscheinlichen Fall – den er selbst jedoch als jederzeit mögliches und realisierbares Geschehen darstellt. Auch dies dient der Dämonisierung von Israel als Feindbild (vgl. Erläuterungen zum 1. Abschnitt).

Somit sind auch die Aussagen 8 und 9 nicht zutreffend – das Verbrechen eines atomaren Erstschlags ist keineswegs „voraussehbar“, sondern im Gegenteil extrem unwahrscheinlich. Dies entzieht der Ausweglosigkeit unserer Mitschuld schon aus rein logischen Gründen den Boden.

Je weiter die Analyse des Gedichts voranschreitet, desto mehr erscheint Grass als Agitator mit einer Agenda – übrigens zu meiner eigenen Überraschung.

Zapfenstreich, Mob und Zivilgesellschaft

Man kann darüber streiten, ob ein militärisches Traditionszeremoniell wie der Große Zapfenstreich heute noch dazu taugt, einem aus dem Amt scheidenden Repräsentanten unseres Staates zum Abschied die Ehre zu erweisen. Ich finde nicht. Die Ämter des Bundeskanzlers und des Bundespräsidenten sind zentrale Bestandteile unserer modernen parlamentarischen Demokratie.  Möchte man deren Amtsträger anlässlich ihrer Verabschiedung noch einmal besonders ehren, so ist eine aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts stammende Militärzeremonie dazu denkbar ungeeignet. Stattdessen sollte eine Form gefunden werden, die unserer heutigen  Bürger– und Zivilgesellschaft angemessen ist. Eine mehr oder weniger festliche Geselligkeit – ein Empfang mit einigen Dankesreden, vielleicht ein Festessen, ein Ball oder ein Gartenfest – das wären weitaus demokratie- und zeitgemäßere Formen einer Verabschiedung. Denkbar wäre auch ein wissenschaftliches Symposion zu einem Thema, das dem Scheidenden besonders am Herzen liegt. Der Abschied eines Verteidigungsministers als Oberbefehlshaber der Streitkräfte ist möglicherweise anders zu beurteilen.

Gestern jedoch war nicht das wesentliche Problem, was im Garten des Schlosses Bellevue feierlich zelebriert wurde, sondern das, was draußen geschah. Da lärmte, aufgewiegelt durch einen Tsunami von Skandaljournalismus, der unser Land drei Monate lang überflutete, der moderne Mob.

Ich verwende diesen Begriff ganz bewusst, denn er trifft den Nagel auf den Kopf. Wikipedia definiert „Mob“ als „aufgewiegelte Volksmenge“, als „eine (…) Gruppe von Personen, die (…) ohne erkennbare Führung zusammen agiert“, mit „kurzfristigen Zielen“, sich „spontan und unvermittelt zu militanten Protesten“ zusammenfindend. Der Mob veranstalte Tumult und Aufruhr, aber er analysiere und diskutiere nicht. Als Beispiele werden eine „anfeuernde Ansammlung um eine Schlägerei auf dem Schulhof“ oder „Zulauf zu öffentlichen Hinrichtungen“ genannt. Das „Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache (DWDS)“ weist darauf hin, der Ausdruck Mob für eine „aufgeputschte, randalierende Menschenmenge“ gehe auf lat. mōbilis ‘beweglich’ zurück, die mōbile vulgus sei ‘die schwankende, wankelmütige Volksmasse’ gewesen. Und das „Free Dictionary“ definiert zugespitzt: „eine wütende Menschenmenge, die meist Gewalt ausübt“.

Sind Dutzende Vuvuzelas, die lautstark und nachhaltig ein feierliches Zeremoniell stören, eine Form von Gewalt? Selbstverständlich.

Rechtsstaat und Unschuldsvermutung

Zu unserer Demokratie gehört das Gebot der Rechtsstaatlichkeit. Recht und Gesetz haben das staatliche Handeln zu bestimmen, begrenzen die Freiheiten der Bürger und sollen diese vor Willkür und Übergriffen schützen. Das gilt für alle, für Demonstranten ebenso wie für Bundespräsidenten. In der Sphäre von Recht und Gesetz sind wir alle gleich. Deshalb dürfen Demonstranten demonstrieren und „Amtsträger für die Dienstausübung keinen Vorteil fordern, sich versprechen lassen oder annehmen“ (§ 331 StGB).

Es gilt aber auch:

„Jeder Mensch, der einer strafbaren Handlung beschuldigt wird, ist solange als unschuldig anzusehen, bis seine Schuld in einem öffentlichen Verfahren, in dem alle für seine Verteidigung nötigen Voraussetzungen gewährleistet waren, gemäß dem Gesetz nachgewiesen ist.“

In dieser Form ist das Verbot der Vorverurteilung bzw. die sogenannte Unschuldsvermutung seit 1948 in der „Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte“ der Vereinten Nationen (Art. 11 Abs. 1) verankert.

Noch während der gesamten Dauer eines Strafverfahrens ist jeder Verdächtigte oder Beschuldigte als unschuldig zu behandeln. Falls es zu einer Verurteilung kommt, endet die Unschuldsvermutung erst mit deren Rechtskraft. Zudem hat nicht der Beschuldigte seine Unschuld, sondern die Strafverfolgungsbehörde seine Schuld zu beweisen. Das sind wohlerwogene Prinzipien unseres Rechtssystems, die vor ungerechtfertigter Verfolgung, falscher Verdächtigung, Verleumdung oder übler Nachrede – allesamt Straftatbestände – schützen sollen.

Der Mob sieht dies von Grund auf anders. Der hält sich mit derlei Feinheiten nicht auf, sondern hat – in seiner Empörungsbereitschaft von den Skandalisierungsmedien hinreichend angestachelt, darauf komme ich noch – sein Schuldurteil längst gefällt. Weder berücksichtigt er die genauen Umstände des Verhaltens des Verdächtigten noch dessen Motive. An entlastenden Gesichtspunkten ist er erst gar nicht interessiert. In der Hingabe an seine Gefühlswallungen ist ihm das Prinzip der Verhältnismäßigkeit völlig abhanden gekommen. Entrüstung, Häme und Schadenfreude erfüllen die medienseitig aufgewiegelten Wutbürger und führen zu einer hochgradigen Trübung ihres Erkenntnis- und Urteilsvermögens. Das gilt für die justitiablen Aspekte der Angelegenheit ebenso wie für die nicht-justitiablen, in der Sphäre von Stilfragen angesiedelten.

Die äußerste Zuspitzung des gewaltbereiten Volkszorns, den Lynchmob, kennen wir bekanntlich nicht nur aus dem Mittelalter und dem Wilden Westen, sondern erleben ihn in zahlreichen Regionen unserer Welt bis in die heutige Zeit.

Daher war es eine der großen Errungenschaften unserer europäischen Zivilisation, unabhängige Justizorgane einzuführen und sie in ihrem Vorgehen zu Unvoreingenommenheit und nüchterner, differenzierter Sachlichkeit zu verpflichten. Die Rechtsprechung sollte neutral und unparteilich vonstatten gehen und der Beschuldigte die Chance auf eine ausgewogene, faire Beurteilung erhalten. Wie fragil und störanfällig diese Prinzipien im realen Justizalltag sind, wissen wir alle.

Seit den Zeiten des alten Roms, als das Römische Recht als Grundlage unseres heutigen Rechtssystems entwickelt wurde, trägt die Justitia eine Augenbinde als Symbol für Unparteilichkeit, für das Richten ohne Ansehen der Person, und in der Hand eine Waage, die das sorgfältige Abwägen des Für und Wider bei der Urteilsfindung symbolisieren soll. Der Waagbalken steht übrigens oft schräg, als Ausdruck für den Grundsatz „In dubio pro reo“ (Im Zweifel für den Angeklagten).

Übrigens, man glaubt es kaum: Auch die Presse hat offiziell erklärt, sie wolle sich an Vorverurteilungen nicht beteiligen. Ziffer 13 des Pressekodex lautet:

„Die Berichterstattung über Ermittlungsverfahren, Strafverfahren und sonstige förmliche Verfahren muss frei von Vorurteilen erfolgen. Der Grundsatz der Unschuldsvermutung gilt auch für die Presse.

Soweit unsere teilweise Jahrhunderte alten kulturellen Errungenschaften. Gestern haben sie versagt. Eine offizielle Verabschiedung eines Bundespräsidenten, mit welchem Zeremoniell auch immer, und mag man von dem Mann halten, was man will, durch massiven Einsatz lärmender Tröten nachhaltig zu stören, zeigt nicht nur eine überaus verrohte Intoleranz, Mitleidlosigkeit und menschliche Kälte, es ist auch eine Form von Gewalt.

(Fortsetzung: Warum die fatale populistische Skandalisierungstendenz unserer Medien das eigentliche Problem ist.)

Causa Wulff: Kesseltreiben und/oder präsidiales Versagen? – Basics

Skandal (aus: Wikipedia)

Ein Skandal bezeichnet ein Aufsehen erregendes Ärgernis und die damit zusammenhängenden Ereignisse oder Verhaltensweisen. Das Wort ist im Deutschen seit dem Ende des 16. Jahrhunderts belegt. Es wurde aus dem gleichbedeutenden französischen scandale entlehnt, das auf das kirchenlateinische scandalum zurückgeht, dieses wiederum auf das griechische skandalon „Fallstrick, Anstoß, Ärgernis“.[1] Das abgeleitete Adjektiv skandalös mit der Bedeutung „ärgerniserregend, anstößig“ sowie „unerhört, unglaublich“ findet sich seit Anfang des 18. Jahrhunderts.[2]

Skandal wird häufig synonym zum Begriff Affäre verwendet. Affäre bezeichnet – neben der Liebesaffäre – heute vor allem als skandalös beurteilte Angelegenheit in Politik und Wirtschaft.[3] Der Begriff des Skandals kann demgegenüber ein breiteres Spektrum der öffentlichen Wahrnehmung ansprechen, beispielsweise auch einen Skandal innerhalb der Kunst.

Skandal und Gesellschaft 

Bei einem Skandal handelt es sich um eine (allgemeine) Entrüstung oder Empörung im Sinne eines moralischen Gefühls. Zu wissen, worüber sich eine Gesellschaft empört, lässt ablesen, wo und wie die überschrittenen Grenzen liegen. Insofern lassen sich über Skandale Rückschlüsse auf die jeweiligen Norm- und Wertvorstellungen bzw. Konventionen einer Gesellschaft ziehen.

Ein Vorgang, der in einem bestimmten Region oder einer bestimmten Gesellschaft einen Skandal hervorruft, muss dies nicht zwangsläufig auch in einer anderen bewirken. Was früher einen Skandal hervorgerufen hat, muss heute nicht wieder zu einem führen. Ein häufig genanntes Beispiel in diesem Zusammenhang ist der damalige „Skandal“ um den Film Die Sünderin in der Bundesrepublik Deutschland der frühen 1950er-Jahre. Die beiden schwedischen Skandalfilme Das Schweigen und 491 riefen in den 1960er die „Aktion Saubere Leinwand“ auf den Plan und erlangten so kulturhistorische Bedeutung.

Skandal und Medien 

In der Regel bedingt ein Skandal eine allgemeine gesellschaftliche Aufmerksamkeit, die heute überwiegend durch die Massenmedien erreicht wird. Bei der Aufdeckung von Skandalen und Vorgängen wie Korruption, Bestechung und persönlicher Vorteilsnahme von Amtsträgern in Politik und Wirtschaft spielen Medien und Journalismus, insbesondere als Investigativer Journalismus, eine bedeutende Rolle. Nicht zuletzt hieraus leitet sich die Rolle von Medien und Presse als Korrektiv und sogenannte „Vierte Gewalt“ ab.[4]

Da Medien und Presse auch an hohen Zuschauer-, Hörer- und Leserzahlen interessiert sind, kann es dazu kommen, dass einzelne Vorgänge über ihre Bedeutung hinaus „skandalisiert“ werden. Wo die Grenze zwischen „legitimer Empörung“ und „künstlicher Aufgeregtheit“ liegt, ist vom Betrachter und dessen sozialen, religiösen und politischen Hintergrund abhängig.

Skandalisierung geht oft einher mit Kommerzialisierung, Boulevardisierung bzw. Entertainisierung von Medieninhalten (siehe auch „Popkultur„).

Ablauf 

Medienskandale beruhen auf einem tatsächlichen oder vermuteten Missstand. Sie verlaufen meist ähnlich:

  • In der Latenzphase wird ein Missstand bekannt; die Anzahl der Medienberichte zum Thema nimmt schlagartig zu. Die Protagonisten des Skandals werden vorgestellt. Die Phase endet mit einem
  • Schlüsselereignis. Dieses führt dazu, dass der Konflikt zu einem Skandal eskaliert. In der darauf folgenden Aufschwungphase werden weitere Fakten bekannt, die in eine Verbindung zum ersten Missstand gesetzt werden. Ist diese Ausweitung geglückt, beginnt die
  • Etablierungsphase. In dieser Phase erreicht der Skandal den Höhepunkt. Nun wird über die Schuld oder Unschuld der Protagonisten gerichtet; Konsequenzen werden gefordert. Zu Beginn der Abschwungphase knickt die skandalierte Person oder Organisation unter dem öffentlichen Druck ein und zieht Konsequenzen aus den Vorkommnissen (z.B. Rücktritt)
  • In der medialen Wahrnehmung ist der Konflikt damit gelöst. Die Intensität der Berichterstattung nimmt schnell ab.
  • In der Rehabilitationsphase wird die Ordnung des Gesellschaftssystems wieder hergestellt. Die Medien berichten nur noch vereinzelt. Mit den fünf Phasen entspricht der Aufbau eines Medienskandals weitgehend demjenigen eines antiken Dramas.[5]

Literatur

  • Jens Bergmann/Bernhard Pörksen (Hg.),“Skandal! – Die Macht öffentlicher Empörung„, Köln: Halem Verlag 2009
  • Frank Bösch: Öffentliche Geheimnisse. Skandale, Politik und Medien in Deutschland und Großbritannien 1880-1914, München: Oldenbourg 2009.
  • Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland (Hg.), Skandale in Deutschland nach 1945, Bielefeld 2007.
  • Steffen Burkhardt, Medienskandale. Zur moralischen Sprengkraft öffentlicher Diskurse, Köln 2006.
  • Rolf Ebbighausen/Sighard Neckel (Hg.), Anatomie des politischen Skandals, Frankfurt a.M. 1989.
  • Stefan Volk: Skandalfilme – Cineastische Aufreger gestern und heute, Marburg: Schüren Verlag 2011.
  • Marc Polednik und Karin Rieppel: Gefallene Sterne – Aufstieg und Absturz in der Medienwelt, Klett-Cotta, Stuttgart 2011

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„Mut statt Wut“: die Mutbürger-Bewegung

Claus Leggewie, Politikwissenschaftler und Direktor des Kulturwissenschaftlichen Instituts Essen, hat ein neues Buch geschrieben: Mut statt Wut – Aufbruch in eine neue Demokratie (Edition Körber-Stiftung). Er hat dazu eine eigene Webseite eingerichtet: mutstattwut.de, u.a. mit einer Leseprobe.

Am 5. Oktober veröffentlichte der Autor in der Berliner Zeitung sowie in der Frankfurter Rundschau aus Anlass der bevorstehenden Buchvorstellung einen sehr lesenswerten Artikel zum Scheitern des Marktfundamentalismus („Kapitalismus als Abwicklungsfall“), in dem er sich u.a. mit den Thesen von Colin Crouch (Homepage beim MPI für Gesellschaftsforschung) zur Postdemokratie auseinandersetzt, aber zu anderen Ergebnissen kommt.

In einem weiteren lesenswerten Artikel in der Frankfurter Rundschau vom 15.09.2011 mit dem Titel „Chancen für Weltbürger“ tritt Leggewie angesichts der unaufhaltsam voranschreitenden Umweltzerstörung für einen neuen, solidarischen Gesellschaftsvertrag ein.

Leggewies neues Buch trifft einen Nerv der Zeit. Hier eine erste Rezension von J. Holweg für 3sat:

Steht auf und wehrt euch – Claus Leggewies „Mut statt Wut“

Der Politikwissenschaftler Claus Leggewie über die Genese einer neuen politisch-gesellschaftlichen Partizipation des Bürgertums in einer Zeit nationaler wie globaler Krisen.

Weltweite Proteste, Demonstrationen und Revolutionen gegen Autokraten wie Demokratien gleichermaßen reflektieren ein ambivalentes Verhältnis der Regierten gegenüber dem System Volksherrschaft. Den zuweil ausschreitenden Protesten in demokratisierten Staaten Europas, Ausdruck eines massiven Vertrauensverlustes in die politische Praxis der gewählten Volksvertreter, stehen revolutionäre Aufstände in der arabischen Welt gegenüber, die noch einfordern, was der europäische Bürger bereits beanstandet.

Unzufriedenheit wird mitgeteilt

So unterschiedlich Hintergrund und Motivation dabei erscheinen, haben die Bewegungen einiges gemeinsam: Sie entwachsen einer Zeit, in der nationale wie globale Krisen weitreichende und nachhaltige Entscheidungen auf allen Ebenen des persönlichen, gesellschaftlichen und politischen Seins erfordern. Im Angesicht dieses Wandels stehen immer mehr Menschen auf, um ihren individuellen wie gemeinschaftlichen Interessen und Bedürfnissen, aber auch ihrer Unzufriedenheit gegenüber der Leistungsfähigkeit etablierter politischer Instanzen Ausdruck zu verleihen.

Spross dieser neuen Protestkultur ist der Wutbürger. Er wird einerseits verhöhnt als gewaltbereiter, selbstsüchtiger Dagegen-Demonstrant, andererseits gerühmt als Repräsentant eines wachsendes gesellschaftspolitischen Verantwortungsbewusstseins und Zukunftsengagements des obrigkeitsmüden Bürgertums. Frei nach Antonio Gramsci – „Die alte Welt liegt im Sterben, die neue ist noch nicht geboren: Es ist die Zeit der Monster“ – spiegelt das Aufbegehren der Bürgerschaften den aktuellen Wandel demokratischer Systeme, ein sich veränderndes Verständnis von Politik und eine Neudefinierung der Beziehung zwischen Regierenden und Regierten.

Emanzipationsbedürfnis wächst

Eine Demokratisierung der etablierten Demokratien, so Claus Leggewie, ist in dieser Zeit komplexer Krisen eine unumgängliche Herausforderung und das wachsende Emanzipationsbedürfnis des Bürgertums dabei notwendiges Symptom des Umbruchs. Die Frage nach dem Wie bildet die Grundlage für Claus Leggewies Zehn-Thesen-Pamphlet. Der Politikwissenschaftler analysiert anhand zahlreicher nationaler wie internationaler Aufstände das Phänomen Wutbürger und geht der Frage nach, wie sich „ausschreitender Protest für eine nachhaltige Demokratie zivilisieren lässt“, wie also letztendlich aus dem Wut- ein Mutbürger werden kann.

In seinen „Zehn Thesen zur Ermutigung“ bietet er neue Ansätze und Lösungen für Wege in eine wirkungsvolle wie nachhaltige Partizipation, deren Substanz nicht etwa brennender Widerstand gegen, sondern zweckmäßige Teilhabe an der Entwicklung gesellschaftspolitischer Entscheidungen bilden muss. Kurzum: Wie wird aus Wut am Ende: Mut?
Oktober 2011  /  J. Holweg / mm

Hier die Buchankündigung bei Perlentaucher.