Der Mensch – ein „Gott der Erde“?

„Das Gewebe dieser Welt ist aus Notwendigkeit und Zufall gebildet; die Vernunft des Menschen stellt sich zwischen beide und weiß sie zu beherrschen; sie behandelt das Notwendige als den Grund ihres Daseins; das Zufällige weiß sie zu lenken, zu leiten und zu nutzen. Und nur, indem sie fest und unerschütterlich steht, verdient der Mensch, ein Gott der Erde genannt zu werden.“ Johann Wolfgang von Goethe, Wilhelm Meisters Lehrjahre I,17

Hat er das nicht schön gesagt, unser großer Dichter und Denker? Wenn er wüsste, wie weit wir heute, gut 200 Jahre später, davon entfernt sind.

Das Gewebe unserer Welt wird vor allem von Menschen gemacht. Menschen, die sich in Lebensverhältnissen vorfinden, Bedürfnisse haben, außerdem gewisse Fähigkeiten, mit denen sie ihre Interessen verfolgen. Dabei sind sie oft alles andere als vernünftig.

Das mit der Vernunft, diesen Eindruck muss man haben, hat der Homo sapiens in seiner Gesamtheit inzwischen mehr oder weniger aufgegeben. Der von der Aufklärung inspirierte Gedanke, als vernunftbegabtes, mündiges Wesen ein „Gott der Erde“ zu werden, hat sich nicht durchsetzen können. Irgendwie läuft heute alles in eine andere Richtung. Zwar verfügen wir über eine grandiose „instrumentelle“ Intelligenz, die uns zu wissenschaftlich-technischen Leistungen befähigt, über die man nur staunen kann – aber Vernunft? Weisheit gar? Homo sapiens?

Der große Kant hatte uns vor 200 Jahren zum eigenen, autonomen Denken aufgefordert, zu einem Denken, das sich nicht an den gerade vorherrschenden Denksystemen, Glaubensrichtungen und Ideologien orientiert und sie mehr oder weniger kritiklos übernimmt, sondern die Dinge dieser Welt mittels des eigenen Verstandes beurteilt und bewertet.

Kant, Was ist Aufklärung?

Viele wollen diese persönliche Autonomie indes gar nicht, sie macht ihnen Angst. Anstatt sich ihres „eigenen Verstandes zu bedienen“, wie Kant empfahl, glauben sie lieber den uralten „heiligen Schriften“. Was davon abweicht, wird geleugnet, selbst wissenschaftlich erwiesene, rational nicht bestreitbare Tatsachen wie die Evolution. Sie brauchen das Gefühl, der allmächtige Gott, Schöpfer alles Bestehenden, den sie an den Himmel projizieren, wird es schon richten, und hoffen, es wird letztlich gut für sie ausgehen. Wenn nicht hier und jetzt, dann eben im Jenseits.

Religiöse Fundamentalisten glauben an Gott nicht im Sinne eines grundlegenden Vertrauens in die wesentlichen Inhalte ihrer Religion im Großen und Ganzen (engl. „faith“), sondern sie halten jede Einzelheit ihrer heiligen Texte für wahr, genau so, wie sie geschrieben sind, Wort für Wort (engl. „belief“). Der psychische Entwicklungsstand dieser Menschen lässt sie nach einer klaren und eindeutigen Leitlinie suchen, vorgegeben von einer absoluten Autorität, die als heilig verehrt und nicht in Frage gestellt wird. Nur dies vermittelt Fundamentalisten ein Gefühl der sicheren Orientierung.

Diese Menschen sind zwar unmündig im Kantschen Sinne, haben dies aber nicht selbst verschuldet. Denn es mangelt ihnen an der grundlegenden psychischen Fähigkeit der Ambiguitätstoleranz. Sie sind unfähig, Unklares, Mehrdeutiges zu ertragen und Orientierung in sich selbst zu finden. Die Leitlinie muss von außen kommen, von einer absoluten Autorität, die sie nicht in Frage stellen. Auslegungen, Deutungen, Interpretationen würden bedeuten, dass es Spielräume gibt, die man mangels klarer äußerer Vorgaben mit eigenen Urteilen und Bewertungen zu füllen hat. Dies ist den Betroffenen jedoch nicht möglich.

Warum gibt es heute so viele Menschen, die Religion nicht zum „Heil“ führt, sondern zu erschreckend pathologischem Denken und Handeln? Kann man etwas dagegen tun?

Papst Benedikt – man mag zu ihm stehen, wie man will – nennt an dieser Stelle die Dinge immerhin beim Namen und spricht von „Pathologien der Religion“.

Heute, wo wir die Pathologien, die lebensgefährlichen Erkrankungen der Religion und der Vernunft sehen, die Zerstörungen des Gottesbildes durch Hass und Fanatismus, ist es wichtig, klar zu sagen, welchem Gott wir glauben und zu diesem menschlichen Antlitz Gottes zu stehen. Papst Benedikt XVI. am 12. September 2006 in seinem Regensburger Vortrag

Tatsächlich handelt es sich indes kaum um Pathologien der Religion, sondern vielmehr um Pathologien von Menschen, die extreme religiöse oder ideologische Überzeugungen an passender Stelle in ihre bereits vorgängig gestörte mentale Struktur einbauen, da sie die Disposition haben, in extremen Glaubensvorstellungen persönliche Orientierung für sich zu suchen und zu finden.

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4 Kommentare

  1. Das Drama hängt auch mit der Erwartungshaltung zusammen, die durch die (verfehlte) Eigenbezeichnung „Homo Sapiens“ entsteht. Mir gefällt „Homo Sapiens Potentialis“ da besser. Und: man redet ungerne drüber, aber der Unterschied der Intelligenzquotienten zwischen hoch- und höchstbegabten Menschen ist größer als der zwischen einem durchschnittlichen Menschen und einem Schimpansen. Wie immer man das einordnen mag: in jedem Falle deutet es eine gigantische Bandbreite des mentalen Spektrums des Menschen an. Es gibt Menschen, die lösen Differenzialgleichungen durch kurzes Hinschauen, während man vielen anderen einfach nicht beibringen kann, was eine Differentialgleichung überhaupt ist. Es geht nicht. Wenn es um synergistisches, nichtlineares Denken geht, wird die Luft ohnehin ganz schnell sehr, sehr dünn.

    Zugleich haben die meisten Menschen große Probleme damit, in den endlosen Abgrund ihres eigenen Nichtwissens zu blicken. Sie wollen Klarheit, Sicherheit, Eindeutigkeit. Festen Boden unter den Füßen. Da es den in Wirklichkeit aber nicht gibt, wird er kurzerhand herbeiphantasiert. Das nennt man dann Religion.

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  1. Religionspathologie: Katholische Kirche gibt Wunder bekannt « Denkraum

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