Das Grass-Gedicht: Was wirklich gesagt wird

Die Debatte um das Grass-Gedicht ist vollkommen aus den Fugen geraten. Zahllose Kritiker, allen voran Dieter Graumann, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, erheben Vorwürfe, die jedes vernünftige Maß übersteigen. Als Leser steht man oft unter dem Eindruck, es ist nicht der Grass-Text, der kommentiert wird, sondern die durch das Gedicht angeregte ausschweifende Phantasie des Kommentators. Wie Graumann lassen viele Kritiker ihrem Ärger und Zorn über das provokante Werk des Nobelpreisträgers freien Lauf, ohne zu realisieren, wie sie damit einer nachträglichen Rechtfertigung Grass’scher Aussagen nur in die Hände spielen.

Für nachdenkliche Zeitgenossen sind solcherart Kritiken, die ihre pauschale Verurteilung des Gedichts und seines Autors häufig noch mit der Keule des Antisemitismus-Vorwurfs anreichern, eine Zumutung. Der Grass-Text hat immerhin eine intensive öffentliche Debatte über die Politik Israels angestoßen. Nach einer Umfrage der Financial Times Deutschland, an der sich bisher ca. 22.000 Leser beteiligten (Stand: 26.04.2012), halten 57 % der Befragten die Israel-Thesen von Günter Grass für richtig, 27 % für diskutabel, 7 % für irrsinnig und nur jeweils 4 % für gefährlich oder antisemitisch. Während also eine breite Mehrheit von 84 % der Leser die Thesen tendenziell positiv bewertet, lehnen nur 16 % sie rundheraus ab. Bei den in großer Zahl veröffentlichten Kommentaren von Intellektuellen dürfte das Verhältnis umgekehrt sein.

Der Sache angemessen ist allein eine am realen Grass-Text mit seinen zahlreichen Thesen, Behauptungen und Argumenten und an den sonstigen Fakten orientierte differenzierte Interpretation und Beurteilung des Gedichts. Grundlage einer kritischen Analyse muss zunächst der Textgehalt sein – das, was in „Was gesagt werden muss“ tatsächlich gesagt wird. Um dem näher zu kommen und die mühsam verschachtelte (Prosa-) Gedichtform des Literaturnobelpreisträgers lesbarer zu machen, wird der Text hier in einem ersten Schritt zu einer erläuternden und bewertenden Kommentierung zunächst in Prosaform wiedergegeben.

Zuvor einige Worte zu meiner eigenen Beziehung und Einstellung zu Israel. Ich habe das Land zweimal für mehrere Wochen bereist; Anfang der 1970er Jahre war ich als junger Student 6 Wochen lang mitarbeitender Gast in einem Kibbuz in der Nähe von Haifa und habe dort Apfelsinen gepflückt, Bananen gepflanzt, Hühner geimpft und im großen Speisesaal sowie in der Gemeinschaftsküche des Kibbuz Küchendienst geleistet. Als junger Deutscher war man dort ebenso willkommen wie die anderen Gäste aus aller Welt. An meine damaligen Erfahrungen denke ich ausgesprochen gern zurück. Ethnozentristisches Gedankengut ist mir in jeglicher Form zuwider.

Israels Rolle im Nahostkonflikt in den letzten ca. 15 Jahren sehe ich indessen ausgesprochen kritisch. Unter der Führung von Jiztchak Rabin und Jassir Arafat war es Anfang der 1990er Jahre zu einem echten Annäherungs- und Friedensprozess im Nahen Osten gekommen, mit dem ehrlichen Ziel einer friedlichen Koexistenz von Israelis und Palästinensern in jeweils einem eigenen Staat (vgl. Oslo-Friedensprozess). Seit der Ermordung Rabins im Jahr 1995 und der Wahl Benjamin Netanjahus zum israelischen Ministerpräsidenten im Jahr darauf ist dieser Prozess weitgehend zum Erliegen gekommen. Der Geist ehrlicher Friedfertigkeit wurde auf israelischer Seite durch die konfliktschürende Logik einer Politik der Unnachgiebigkeit und Härte ersetzt. Es fehlt an der Bereitschaft zu wesentlichen Zugeständnissen hinsichtlich der Gebietsaufteilung, und die dreiste Siedlungspolitik der Likud-orientierten Regierungen im Westjordanland ist eine einzige Katastrophe. Mit der palästinensischen Hamas-Bewegung verstrickte man sich in einen hochaggressiven „Auge um Auge, Zahn um Zahn – Konflikt“, der in Verbindung mit dem knallharten Auftreten der waffenstarrenden israelischen Sicherheitskräfte im Westjordanland bei den Palästinensern und in der ganzen arabischen Welt Hass auf Israel schürt.

Hier nun das Israel-Gedicht von Günter Grass in Prosaform.  Gedichttypische Satzbauformen wurden an einigen Stellen um der besseren Verständlichkeit willen einem Prosatext angepasst, ohne jedoch den propositionalen Aussagegehalt zu verändern. Den gesamten Text habe ich unter inhaltlichen Gesichtspunkten in 5 Abschnitte unterteilt, die in weiteren Blogbeiträgen auf ihren Wahrheitsgehalt hin geprüft und auf dieser Grundlage kommentiert werden. Durch Anklicken der Nummer des jeweiligen Abschnitts gelangt man zu den zugehörigen Erläuterungen und Kommentaren.

Was gesagt werden muss

(1) Warum schweige ich, verschweige zu lange, was offensichtlich ist und in Planspielen geübt wurde, an deren Ende wir als Überlebende allenfalls Fußnoten sind. Es ist das behauptete Recht auf den Erstschlag, der das von einem Maulhelden unterjochte und zum organisierten Jubel gelenkte iranische Volk auslöschen könnte, weil in dessen Machtbereich der Bau einer Atombombe vermutet wird.

(2) Doch warum untersage ich mir, jenes andere Land beim Namen zu nennen, in dem seit Jahren – wenn auch geheimgehalten – ein wachsend nukleares Potential verfügbar, aber – weil keiner Prüfung zugänglich – außer Kontrolle  ist? Das allgemeine Verschweigen dieses Tatbestandes, dem sich mein Schweigen untergeordnet hat, empfinde ich als belastende Lüge und Zwang, der Strafe in Aussicht stellt, sobald er mißachtet wird; das Verdikt „Antisemitismus“ ist geläufig.

(3) Jetzt aber sage ich, was gesagt werden muß, weil aus meinem Land – das von ureigenen Verbrechen, die ohne Vergleich sind, Mal um Mal eingeholt und zur Rede gestellt wird – ein weiteres U-Boot nach Israel geliefert werden soll (wiederum und rein geschäftsmäßig, wenn auch mit flinker Lippe als Wiedergutmachung deklariert), dessen Spezialität darin besteht, allesvernichtende Sprengköpfe dorthin lenken zu können, wo die Existenz einer einzigen Atombombe unbewiesen ist, doch als Befürchtung von Beweiskraft sein will.

(4) Warum aber schwieg ich bislang? Weil ich meinte, meine Herkunft, die von nie zu tilgendem Makel behaftet ist, verbiete, diese Tatsache als ausgesprochene Wahrheit dem Land Israel, dem ich verbunden bin und bleiben will, zuzumuten. Warum sage ich jetzt erst, gealtert und mit letzter Tinte: Die Atommacht Israel gefährdet den ohnehin brüchigen Weltfrieden? Weil gesagt werden muß, was schon morgen zu spät sein könnte; auch weil wir – als Deutsche belastet genug – Zulieferer eines Verbrechens werden könnten, das voraussehbar ist, weshalb unsere Mitschuld durch keine der üblichen Ausreden zu tilgen wäre.

(5) Und zugegeben: ich schweige nicht mehr, weil ich der Heuchelei des Westens überdrüssig bin; zudem ist zu hoffen, es mögen sich viele vom Schweigen befreien, den Verursacher der erkennbaren Gefahr zum Verzicht auf Gewalt auffordern und gleichfalls darauf bestehen, daß eine unbehinderte und permanente Kontrolle des israelischen atomaren Potentials und der iranischen Atomanlagen durch eine internationale Instanz von den Regierungen beider Länder zugelassen wird. Nur so ist allen, den Israelis und Palästinensern, mehr noch, allen Menschen, die in dieser vom Wahn okkupierten Region dicht bei dicht verfeindet leben, und letztlich auch uns, zu helfen.

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8 Kommentare

  1. Sebastian F. Klaus

     /  9. April 2012

    Mehr und mehr macht es schlichtweg den Anschein, dass wolle sich der Zentral der Juden vehement mit allen möglichen Totschlagargumenten in Richtung NS und HC vor einer drohenden Emanzipation sowohl Deutschlands als auch Israels retten.

    Fakt ist doch, dass die pauschalisierende Diffamierung eines Günter Grass mit der Titulierung „Antisemit“ – also quasi Sitten- und Moralverbrecher aller höchster Güte – der versuchten Mundtotmachung, einem Maulkorb und einer lebenslangen Inhaftierung ohne Prozess gleich kommt: Ein bisschen schaut das alles nach Faschismus aus.

    Der Zentralrat tut seinem eigenen Volk, insofern er tatsächlich vor hat, Israel zu repräsentieren, keinen Gefallen, mit seiner Handlungsweise. Da nicht die Politik sondern die Leute auf der Straße die Gesellschaft bilden, ist bereits seit längerem festzustellen, dass die Akzeptanz dessen, was uns Zentralräte gerne mal um mal vorsetzen, immer weniger Akzeptanz und Verständnis findet. Vielmehr sorgte nunmehr die Causa Grass dafür, dass es „dem Fass den Boden ausschlägt“ – so der O-Ton vielerorts.

    Ich persönlich habe einfach kein Verständnis mehr für die Art und Weise, wie man mit allem und jedem umgeht, der es wagt, Israel, Israels Politik oder die Milchpreise in Israel zu kritisieren. Normalerweise sind wir doch froh, dass wir in keinen 1933er Angstregime aufwachsen müssen – warum also der „von oben“ produzierte und gesähte Angst gegen uns selbst und vor der geistigen Emanzipation des Volkes? Warum Manipulationen und Zensuren in Deutschland?

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  2. Hein Muck

     /  10. April 2012

    Endlich mal einer, der offen sagt, was viele – wahrscheinlich die Mehrheit der Deutschen – denkt.
    Es ist doch die uneingeschränkte und bedingungslos Unterstützung des Weltpolizisten USA, der den Judenstaat Israel zu so einem dreisten und im wahrsten Sinne den Weltfrieden gefährdenden Politik geradezu ermutigt.
    Das wir Deutschen, auf Grund unserer nicht zu leugnenden Vergangenheit gegenüber dem Judentum, nun für immer und ewig uns mit Kritik an Israel zurückhalten müssen, kann und darf nicht sein. Der Judenstaat darf keine Narrenfreiheit haben und stets und ständig mit militärischer Gewalt gegenüber seinen Nachbarn drohen dürfen, ohne das die Welt – und auch wir Deutschen – die Stimme erheben. Leider gibt es viel zu wenige vom Schlage eines Günther Grass. Das musste auch Thilo Sarrazin seinerzeit erfahren, als er sich mit den Muslimen auseinander setzte. Auch wenn unsere Politiker in Deutschland gerne möchten, dass wir auf Grund unserer Geschichte bis ans Ende unserer Tage mit gesenktem Kopf durch die Welt gehen, ich will das nicht!!

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  3. J. Wagner

     /  12. April 2012

    Ich habe den Text von Grass gelesen und muss sagen, er ist eher ausgewogen. Kein Anlass zur Kritik. Grass äussert die berechtigte Angst dass ewig traumatisierte Israelis, bzw. deren Regierungsvertreter einen atomaren Erstschlag auf Verdacht verüben. Die Leidtragenden wären von einem „Maulhelden unterjochte“ unbeteiligte iranische Zivilisten. Und, falls da irgendetwas als atomare Antwort käme, auch die unbeteiligten israelischen Zivilisten. Internationale Kontrolle über beide Arsenale einzufordern ist ebenfalls vernünftig. Ich würde mir wünschen dass mehr Menschen den Mut finden Grass‘ Äusserung als ehrliche Position eines nachdenklichen Menschen zu sehen und ggfs zu unterstützen.

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