Islamischer Think Tank kommentiert Toulouser Terrormorde

Ich hatte vor einem Jahr auf die in Großbritannien ansässige Quilliam Foundation hingewiesen, einen islamischen Think Tank, der gegen Extremismus und Islamismus gerichtet ist.

Quilliam is the world’s first counter-extremism think tank set up to address the unique challenges of citizenship, identity, and belonging in a globalised world. Quilliam stands for religious freedom, equality, human rights and democracy.

Hier die heutige Pressemitteilung der Quilliam Foundation zu den Terrormorden in Toulouse:

Allegedly Al-Qaeda’s First Successful ‚Homegrown‘ Attack in France
21 March 2012

„The shootings in France of young Jewish schoolchildren and French Muslim soldiers have caused much outrage and will focus attention on al-Qaeda’s strategy and influence in France in particular, and in Europe in general. 
 
We at Quilliam are concerned about the impact of these attacks on the social, political and cultural landscape in Europe, and on relations between different political and religious groups in society.

Ghaffar Hussain, Head of Outreach and Training at Quilliam, says:

‘These attacks have the potential to disrupt national cohesion and inter-faith relations in France at a time when anti-immigrant and anti-Muslim sentiment is growing in Europe. It is in al-Qaeda’s interest to harm community relations, but we expect politicians and Muslim leaders in France to show true leadership and help the country pull through this crisis’. 

Key Points:

–          France, despite having the largest Muslim population in Europe, has not traditionally been viewed as a hotbed of Jihadist recruitment and activity. Thus far France has escaped the levels of ‚homegrown‘ Islamist terrorism seen in the UK or Germany. This attack could alter that perception and focus the spotlight on Islamist extremist trends in French society.
 
–          The suspect, 24 year old Mohammad Merah, is claimed to have received training in Afghanistan; he was apparently arrested there and broke out of a Kandahar prison along with other Taliban fighters. This highlights the importance of the Afghanistan campaign and its impact on Europe. It also illustrates again the limitations of the military approach in ending the drawn out conflict in Afghanistan.

Although this may be the first successful ‚homegrown‘ terrorist attack in France linked to al-Qaeda, carried out by a French national born and raised in France, we must not forget that France has been targetted by terrorists many times on its home soil. The vigilance of the French security services has so far kept such major attacks at bay.
 
This incident is in line with the latest al-Qaeda tactics to encourage lone wolf attacks, much harder to detect and prevent. AQAP has been encouraging such tactics for a while, as did the now deceased Awlaki.

Noman Benotman, Senior Analyst Strategic Communications at Quilliam, says:

Al Qaeda has been designing its attacks to specifically affect electoral processes, and their timings are crucial. It is therefore of no surprise that this attack has been planned during a period of intense election campaigning in France.’
 
These shootings also serve to emphasise important social fault lines that are apparent in any given society. As the far-right terrorist Breivik attempted earlier, al-Qaeda has sought to destabilise these fault lines in Europe for their own gain. 
 
All governments, no matter how stable or peaceful, must consider their strategy for comprehensively addressing these fault lines in the long term. This needs to be addressed not just from a hard end counter-terrorism approach, but also by looking at citizenship, identity and integration issues related to Muslim and non-Muslim extremism, which is prevalent and rising throughout Europe.“

Zur Psychostruktur des Anders Breivik (3) – Diagnosen Forensischer Psychiater und die Frage der Schuldfähigkeit

 Weitere Presseartikel:
  • Breivik für unzurechnungsfähig erklärt– Spiegel, 29.11.2011
    • „Anders Breivik kommt für die Ermordung von 77 Menschen wohl nicht in Haft, sondern in eine geschlossene psychiatrische Einrichtung. Die Staatsanwaltschaft in Oslo bestätigte am Dienstag, dass zwei Rechtspsychiater den 32-Jährigen Massenmörder für unzurechnungsfähig erklärt haben.“
  • „Als würde Breivk von seiner Schuld befreit“ – Zeit, 29.11.2011
    • „Der Attentäter von Norwegen soll psychisch krank sein, der Strafprozess steht damit infrage. Die Norweger reagieren entsetzt auf diese Nachricht.“
  • Breiviks bizarre WahnweltGerald Traufetter (Oslo) berichtet detailliert den bisherigen Kenntnisstand bzgl. des Gutachtens – Spiegel, 29.11.2011
    • „Er hielt sich für auserwählt, wollte durch Morden sein Land schützen: Jetzt haben Gutachter Anders Breivik für unzurechnungsfähig erklärt – und ihm damit wohl eine Haftstrafe erspart. Die Expertise stellt Norwegen vor die Frage, wie viel Toleranz es aushält.“
  • Breivik-Gutachten trifft ein verwundetes Land– Spiegel, 30.11.2011
    • „Angehörige von Opfern nennen es eine Provokation, Medien werben um Verständnis: Das Gutachten zu Anders Breiviks Geisteszustand hat in Norwegen eine heftige Debatte ausgelöst. Der Umgang mit dem Attentäter ist ein Härtetest für die liberalen Werte des Landes.“
  • „Breivik kann nicht bestraft werden“ – Interview mit Norbert Leygraf, Direktor des Instituts für Forensische Psychiatrie der Universität Duisburg-Essen – Zeit, 30.11.2011
    • „Der Attentäter von Oslo gehört als kranker Mensch in eine Klinik, sagt Psychiater Leygraf im Interview. Trotz Schizophrenie könne Breivik aber sehr wohl logisch denken.“

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Forensische Psychiater sind diejenigen Fachleute, die in Strafverfahren vom Gericht als Gutachter gehört werden, wenn es um die Frage der Schuldfähigkeit des Angeklagten geht. Hier einige Stellungnahmen Forensischer Psychiater zum Fall Breivik:

  • Prof. Norbert Nedopil, Leiter der Forensischen Psychiatrie der Universität München (‚Psychiater – „Breivik war nicht geisteskrank“ Der Westen, 29.07.2011)
    • „Ich gehe nicht davon aus, dass der Attentäter Wahnvorstellungen hat. Die meisten Menschen, auch die meisten Mörder, haben keine Wahnvorstellungen. Die Regel ist, dass die Menschen keine Wahnvorstellungen haben.“
    • „Im Grunde ist der Mensch so gebaut, dass er Gut und Böse in sich vereint. Aber aufgrund der Natur und der Erziehung wird verhindert, dass er das Böse zu seinem und der anderen Nachteil auslebt.“ Erziehung und soziale Prägung bildeten entscheidende Kontrollen. „Krankheit kann ein Grund dafür sein, dass diese Kontrollen wegbrechen. Bei Breivik sehe ich das aber nicht.“ Aber auch Not, Krieg, Fanatismus verbunden mit Narzissmus könnten die Kontrollen außer Kraft setzen. „Im Jugoslawienkrieg haben wir erlebt, dass Menschen, die vorher völlig unauffällig gelebt haben, fähig waren, grausame Massenverbrechen zu begehen.“
  • Matthias Lammel, Forensischer Psychiater und Gutachter (Berlin) – gleicher Artikel wie vor:
    • ‚… glaubt nicht, dass der Attentäter krank ist. „Dass das ein narzisstischer, ideologischer Fanatiker war, liegt näher“, sagt er. Einen krankhaften Wahn hält auch er für unwahrscheinlich.‘
  • Tarjei Rygnestad, Leiter des forensisch-psychiatrischen Ausschusses in Norwegen, der derzeit an einem Gutachten über Breivik arbeitet („Experte hält Breivik für schuldfähig“ Der Standard, 01.08.2011):
    • ‚Es sei unwahrscheinlich, dass der Attentäter von Oslo, Anders Behring Breivik, für unzurechnungsfähig erklärt werde. (…) Breivik soll laut Tarjei Rygnestad zu jeder Zeit die volle Kontrolle über seine Taten gehabt haben. (…) Die Taten seien so sorgfältig geplant und ausgeführt worden, dass im vorliegenden Fall nicht von einer Geisteskrankheit ausgegangen werden könne, so Rygnestad (…) „Ein Psychotiker kann nur einfache Dinge tun“, erklärte Rygnestad gegenüber der Nachrichtenagentur AP. Selbst die Autofahrt von Oslo nach Utöya sei in einem solchen Fall zu kompliziert. „Wenn man Stimmen im Kopf hat, die einem Befehle geben, dann behindert das, und das Bedienen eines Autos ist ein sehr komplexer Vorgang“, erklärte Rygnestad. Daher sei es nicht sehr wahrscheinlich, dass Breivik psychotisch ist. Auch die Art wie er seine Anschläge vorbereitete, etwa über Jahre das Bombenmaterial besorgte und sich die notwendigen Fähigkeiten antrainierte und dabei seine Tarnung nie aufgab, um nicht entdeckt zu werden, spreche nicht für eine Psychose, so Rygnestad.
  • Frank Urbaniok, Leiter des Psychiatrisch-Psychologischen Dienstes der Züricher Justiz („Mörderische Abgründe gibt es in allen Menschen“Wissen57, 03.08.2011)
    • ‚Führende Gerichtspsychiater halten (Breivik) nach gründlichem Studium des Tathergangs nicht für einen pathologisch gestörten, im krankhaften Wahn handelnden Irren. Ganz im Gegenteil sehen sie in ihm einen Überzeugungstäter, der aus einer wirren, teils selbst gebastelten Ideologie möglichst viel Gewalt ausüben wollte. Frank Urbaniok (…) sagt: „Das gezielte und kühl berechnende Tatvorgehen spricht klar für die zweite Variante. Der Grad der Gefährlichkeit eines Menschen lässt nicht unbedingt auf eine massive psychiatrische Störung schließen, da gibt es keinen automatischen Zusammenhang. Im Fall Breivik sprechen die akribische Planung und die Kühle der Durchführung gegen eine schwere psychische Erkrankung.“‘ (…)
    • ‚Laut Frank Urbaniok hat Anders Behring Breivik den Bezug zur Realität offenbar nicht vollständig verloren, denn in seinem Koordinatensystem ist das Morden eine Nebenwirkung für das Erreichen eines größeren Ziels. (…) Zur Besonderheit der Morde von Norwegen gehört, dass der Täter als Folge seines Feldzugs nicht den eigenen Tod suchte. Anders Behring Breivik ging es bewusst um die Veröffentlichung seines Tuns, was ihm methodisch ebenso gelungen ist wie die präzise Ausführung seines Mordplans.‘
  • Nahlah Saimeh, Ärztliche Direktorin des Zentrums für Forensische Psychiatrie in Lippstadt – gleicher Artikel wie vor:
    • ‚Nahlah Saimeh (…) ist davon überzeugt, dass eine Diagnose einer Psychopathie bei terroristischen Attentätern in der Regel falsch ist. Sie erklärt: „Häufig steht ein massives narzisstisches Selbstwertproblem dahinter, aber keine Persönlichkeitsstörung im krankheitswertigen Sinne. Massenmörder und Amokläufer sind häufig von einer großen inneren Leere geprägt.“ Zudem entspricht ihre Stellung im Beruf und der Gesellschaft nicht derjenigen, die sie für angemessen halten. „Während es Amoktätern oft um Rache oder Kränkung geht, entwickeln politische Mörder häufig ein bizarres, pathologisches Gerechtigkeitsempfinden mit einem aggressiven Gewissen für richtig oder falsch. Das stützt das fragile Selbstwertgefühl wie eine Prothese.“

Es wird deutlich, dass forensische Psychiater sich vorwiegend dafür interessieren, ob eine manifeste Psychose mit Wahnvorstellungen vorliegt, wie beispielsweise bei der Lafontaine-Attentäterin. Ist dies zu verneinen, tendieren sie dazu, Schuldfähigkeit anzunehmen. Gegenüber dem Focus bekannte Prof. Nedopil, er habe es in seiner langjährigen Praxis als Experte nur viermal erlebt, dass einem Straftäter aufgrund einer Persönlichkeitsstörung verminderte Schuldfähigkeit zugesprochen werde.

Hierzu ein Ausschnitt aus dem Wikipedia-Artikel zur Schuldunfähigkeit:

Nach § 20 StGB handelt ohne Schuld, „wer bei Begehung der Tat

  • wegen einer krankhaften seelischen Störung,
  • wegen einer tiefgreifenden Bewußtseinsstörung oder
  • wegen Schwachsinns oder
  • einer schweren anderen seelischen Abartigkeit

unfähig ist, das Unrecht der Tat einzusehen oder nach dieser Einsicht zu handeln.“

Schuldunfähig kann also sein, wer im Moment der Tat nicht das Schuldhafte seines Handelns erkennt oder nicht in der Lage ist, sich zu steuern.

Die aufgezählten psychischen Ursachen (sogenannte Eingangskriterien oder -merkmale) einer geminderten oder nicht vorhandenen Steuerungs- oder Einsichtsfähigkeit stellen Kategorien dar, die in der Psychologie und Medizin ungebräuchlich sind und im Grunde nur im Rahmen der Forensik verwendet werden.

  • Unter einer krankhaften seelischen Störung werden hirnorganisch bedingte Zustände – auch verursacht durch psychotrope Substanzen wie Alkohol (Vollrausch) – oder Psychosen verstanden.
  • Als tiefgreifende Bewußtseinsstörung gelten Erscheinungen, die Bewusstseinsveränderungen oder -einengungen darstellen, die keine Störung von psychopathologischer Relevanz konstituieren, etwa Erschöpfung, Ermüdung, Schlaftrunkenheit und vor allem emotionale Verwirrtheitszustände, die dazu führen können, dass eine Tat „im Affekt“ begangen wird (zum Beispiel unter Verlust der Steuerungsfähigkeit). Ein Versuch, derartige Zustände dennoch psychiatrisch diagnostizierbar zu machen, besteht in der Klassifizierung als akute Belastungsreaktion.
  • Als Schwachsinn werden Stufen angeborener Intelligenzschwäche ohne nachweisbare Ursache bezeichnet (Intelligenzminderung). Intelligenzschwächen, die im Zuge einer Demenz entstehen, werden indessen dem ersten Eingangskriterium zugeordnet.
  • Unter das Eingangskriterium schwere andere seelische Abartigkeit (häufig SASA abgekürzt) fallen eine ganze Reihe psychopathologischer Diagnosen. Darunter werden Persönlichkeitsstörungen, Paraphilien, Störungen der Impulskontrolle, Alkoholismus und andere substanzgebundene Abhängigkeiten sowie nicht-substanzgebundenen Abhängigkeiten wie Spielsucht verstanden.“

Breivik – schuldfähig oder schuldunfähig?

Es scheint mir eindeutig, dass bei Anders Behring Breivik eine schwere kombinierte Persönlichkeitsstörung mit narzisstischer, antisozialer und paranoider Akzentuierung vorliegt. Daher stellt sich die Frage, ob er das Unrechtmäßige seines Handelns erkennen und nach dieser Einsicht handeln konnte, oder ob seine verzerrte Realitätswahrnehmung im Rahmen seines ideologischen Denksystems diese Erkenntnis bzw. ein Handeln danach verhindert hat.

Natürlich war Breivik bewusst, dass seine Tat gemessen an den Normen des geltenden Rechtssystems unrechtmäßig war, aber seine Überzeugung, sich aufgrund höherer Werte außerhalb dieses Rechtssystems stellen zu dürfen, ist ja gerade zentraler Bestandteil seiner psychischen Störung. Hätte er also am Tage des Attentats auch anders handeln können? Wäre es ihm möglich gewesen, zwischen einem rechtmäßigen und einem rechtswidrigen Handeln frei zu wählen und seine Willensentscheidung von dem Gebot bestimmen zu lassen, nicht töten zu dürfen? Oder war er von seiner Weltsicht und seinen Werturteilen in einem Maße durchdrungen, dass er ihnen ohne wirklichen mentalen Entscheidungsspielraum ausgeliefert war. Der stärkste pathologische Zug des typischen Attentäters, meint der Autor Manfred Schneider, sei seine  „ungeheure Gewissheit“. Aus welcher Quelle hätte ein Umdenken, eine Einsicht kommen können?

Wird die Rigidität eines fanatischen, paranoiden und megalomanen Denk- und Bewertungssystems, das sich aus psychischen Gründen über Jahre hinweg gebildet und zu einer Weltsicht wie der von Breivik geführt hat, möglicherweise unterschätzt, auch wenn es sich dabei nicht um einen psychotischen Wahn im engeren Sinn handelt?

Kann der Betreffende aus diesem Denk- und Bewertungssystem, das innerhalb seiner Psychodynamik eine wichtige Funktion erfüllt, aus freiem Entschluss aussteigen? Ist er in der Lage, einen Standpunkt außerhalb seines üblichen Denksystems einzunehmen und von dort zu einer Relativierung dessen zu gelangen, was er jahrelang geglaubt hat? Einen Standpunkt im Sinne eines selbstkritischen inneren Beobachters, ungefähr so, wie in diesem Schaubild dargestellt? Oder war ihm genau dieses nicht möglich?

Warum sind eigentlich so viele Menschen derart glühende Verfechter einer sehr restriktiven Abwägung der Frage der Schuldfähigkeit und wollen Täter unbedingt in einer Strafanstalt und nicht in einer psychiatrischen Klinik untergebracht sehen? In beiden Fällen sind die Täter langjährig hinter Gittern.

Wenn man sich aber den Fanatismus derer vor Augen führt, die auf Wegsperren im Gefängnis bestehen und Wegsperren in der Psychiatrie als zu milde empfinden (nicht zu reden von den „Rübe ab“-Anhängern), bekommt man ein gutes Gefühl dafür, in welchem Ausmaß der Spielraum einer Entscheidung nach rationalen Kriterien eingeengt wird, sobald starke Emotionen im Spiel sind.

Im Fall einer emotional hoch besetzten, fanatisch geglaubten und für richtig befundenen Ideologie ist der mentale Raum für einen selbstkritischen inneren Beobachter, der die eigene Sichtweise in Frage stellt, kaum vorhanden.

Zur Psychostruktur des Anders Breivik (2) – Stellungnahmen

Zwischenzeitlich gibt es im Netz eine Vielzahl mehr oder weniger fachkundiger, aussagekräftiger Stellungnahmen zur Persönlichkeit von Anders Breivik bzw. zu seiner Persönlichkeitsstörung. Nachfolgend eine kleine Aufstellung mit Links zu einigen der gelungeneren Beiträge, soweit sie mir bekannt geworden sind, aber auch zu Beispielen von ganz und gar misslungenen Psychogrammen oder ähnlichen Stellungnahmen.

Herausragend:

Interessant und aufschlussreich:

  • „Psychogramm eines Massenmörders“
    •  Differenzierter Artikel von Caroline Fetscher über die Persönlichkeitsstruktur und Psychodynamik von Breivik, analysiert und interpretiert u.a. die ausführlichen Passagen in seinem Manifest, die sich mit seinem familiären Hintergrund befassen –Tagesspiegel, 25.07.2011
  • „Dieser Täter ist ein Ideenfanatiker“
    • Interview mit dem Kriminalpsychiatrie-Experten Dr. Reinhard Haller („Das ganz normale Böse“; „Die Seele des Verbrechers“) über die psychischen Hintergründe der Tat Breiviks – NZZ, 25.07.2011
  • „Ob jemand fanatisch wird, ist eine persönliche Angelegenheit“
    • Interview mit der Linzer Psychiaterin Dr. Adelheid Kastner über Attentäter wie Breivik – Der Standard, 25.07.2011
  • „Wir müssen verstehen, wie Breivik denkt“
    • Der norwegische Friedens- und Konfliktforscher Johan Galtung(80), Träger des Alternativen Nobelpreises,  fordert konkrete Konsequenzen aus dem Osloer Attentat  – Spiegel Online, 03.08.2011:
      • „Wir brauchen dringend eine Art Notfallteam, das sich um Menschen wie Breivik kümmert. Menschen, die ihre wahnsinnigen Ansichten im Internet ausbreiten und dort entwickeln. Breivik lebte und arbeitete in Norwegen, aber seine Seele breitete er im Internet aus. Da müssen wir ansetzen. Wir brauchen stärkere Internetkontrollen. Und wir müssen verstehen, wie Leute wie Breivik denken. Die norwegische Polizei, die Sicherheitsdienste haben versagt: Sie haben die Gefahr nicht ernst genommen. „
      • „Die Helfer müssen mit Menschen, die extremistisch denken, in Dialog treten, sie müssen sie im Gespräch herausfordern. Ich selbst habe viel mit Radikalen gearbeitet, mit Rassisten in den Südstaaten der USA, die ähnlich realitätsferne Gedanken hatten wie Breivik. Meine Freunde haben immer gesagt, das bringe doch nichts. Aber das stimmt nicht: Diese Leute wollen, dass man ihre Ideen in Frage stellt, sie lechzen danach, als Gesprächspartner ernst genommen zu werden.“
  • „Anders Breivik – Ein typischer Attentäter“
    • „Ein Gespräch mit dem Germanisten und Philosophen Manfred Schneider, Autor des Buches „Das Attentat. Kritik der paranoischen Vernunft“ (s.u.), über den norwegischen Attentäter Anders Breivik, sein Weltbild und immer wiederkehrende Muster in der Geschichte des Attentats.“ – diesseits.de, 29.08.2011
      • „Vier wesentliche Züge machen den Attentäter (…) aus. Zum einen eine Unfähigkeit, die politischen Dinge in ihrer Kontingenz zu erkennen. Der zweite Zug ist das apokalyptische Bewusstsein. Damit ist eine Einstellung bezeichnet, wonach das vermeintliche Weltübel derart dramatisch ist, dass es die ganze Welt oder zumindest die eigene Kultur mit dem Untergang bedroht. Dieser Zug ist bei Anders Breivik ja sehr dominant. Drittens das Sendungsbewusstsein der Attentäter. Sie fühlen sich auserwählt und nehmen gewaltige Opfer in Kauf, gegebenenfalls bis hin zum eigenen Leben. Der vierte und entscheidende Zug, womöglich auch der stärkste pathologische Zug des typischen Attentäters, ist die ungeheure Gewissheit, die ihn auszeichnet. Er hat nicht die geringsten Zweifel, sondern bewegt sich in einer radikal geschlossenen Konzeption.“
      • „Das Verhalten von Attentätern ist keine Form des Wahnsinns im Sinne einer Verirrung oder Verwirrung des Verstandes. Ich nenne die Paranoia „Übervernunft“. Alle Phänomene werden hierbei nur nach rationalen Gesichtspunkten bewertet. (…) Alle Momente, die sonst noch unsere Beziehung zur Welt ausmachen, Empathie, Zweifel, Feedback, das was als „emotionale Intelligenz“ bezeichnet wird, das fehlt irgendwie. Mit dem Begriff der „rasenden Vernunft“ (…) bezeichne (ich) eine Überfunktion der Vernunft, der Rationalität, bei der weitere wichtige Merkmale des Weltbezugs fehlen.“
      • „Für diese Täter ist der Mangel von väterlicher Autorität im Sinne von Macht und im Sinne einer kulturellen Sichtbarkeit der Vater- und Männerrolle ein qualvoller und pathologisierender Zug. Durch das ganze Manifest von Breivik zieht sich dieses Thema der Vaterlosigkeit. Er spricht selbst, ähnlich wie früher Mitscherlich, von der „vaterlosen Gesellschaft“. (…) Er erlebt das Fehlen des Vaters bzw. die Auflösung der patriarchalischen Struktur als persönliches Leiden.“

Enthält interessante Aspekte:

  • „Das Böse inmitten einer friedlichen Gesellschaft“
    • Kommentar von Dr. Eckhard Bieger SJ aus katholischer Sicht; interessant im wesentlichen wegen des Hinweises auf den Religionsphilosophen René Girard („Ich sah den Satan vom Himmel fallen wie einen Blitz“) – explizit.net, 26.07.2011
  • „Ideologie und Wahnsinn“
    • Markus C. Schulte von Drach erläutert einige der in den Medien kursierenden psychiatrischen Diagnosen (Psychopathie, Soziopathie, Antisoziale Persönlichkeitsstörung, Narzisstische Persönlichkeitsstörung), auch anhand der Persönlichkeiten weiterer Attentäter – Süddeutsche, 27.07.2011
  • „Dahinter steckt Männlichkeitsideologie“ – taz-Interview mit Skandinavien-Expertin Stefanie von Schnurbein– 27.07.2011
    • „An Anders Behring Breivik ist nichts typisch Norwegisches. Er sieht sich als heroischen Einzelnen, der die Welt retten wollte. Davon ist die Skandinavien-Expertin Stefanie von Schnurbein überzeugt.“
  • „General Sprung in der Schüssel: Ein Massenmörder mit Messias-Komplex“
    • Gérard Bökenkamp schreibt über „pathologische Egomanie als Triebfeder extremistischer Gewalt“ und die „politische Sphäre“ als Ort, an dem pathologische Geltungssucht und Größenwahn sich mit einer Ideologie aufladen und in  „Missionen“ münden können, die einen Weg aus der persönlichen Bedeutungslosigkeit in die Unsterblichkeit verheißen, auch wenn (besser: weil) sie über Leichen gehen. – Nach einem etwas holprigen Beginn erreicht der Beitrag Dichte und Tiefgang, auch durch Bezüge zu Alfred Adler, Elias Canetti („Masse und Macht“) und Shakespeares Richard III. – eigentümlich frei, 27.07.2011
  • „Teufels-Killer unterzog sich Schönheits-OP“
    • Ausnahmsweise mal die Bild-Zeitung (28.07.2011): sie berichtet über Breiviks Manipulationen seiner äußeren Erscheinung, um männlicher zu wirken (operative Korrekturen von Nase, Kinn und Stirn in den USA; anabole Steroide; Uniformen) als Symptom seiner narzisstischen Persönlichkeitsstörung, unterlegt mit treffenden Kommentaren des norwegischen Psychologieprofessors Svenn Torgersen:
      • „Eitelkeit ist ganz typisch für jemanden mit starken narzisstischen Tendenzen. Ein wichtiger Aspekt ist die totale Ichbezogenheit. Vieles dreht sich um das Selbst, das Aussehen kann unheimlich viel bedeuten. (…) Solche Menschen fühlen sich einzigartig, hochwertig und anders – als jemand, der über allen anderen steht. (…) Menschen mit einer solchen Störung glauben das Recht zu haben, Dinge zu tun, die andere nicht dürfen.
  • „Breivik ist hochgradig abnorm“
    • Interview mit dem Psychiater und Neurologen Reinhard Haller, Experte für Kriminalpsychiatrie („Die Seele des Verbrechers“) – Kölner Stadt-Anzeiger, 28.07.2011
  • „Vampirische Ruhmsucht“
    • Der Münchener Psychoanalytiker und Autor Wolfgang Schmidbauer („Psychologie des Terrors“) ergänzt seinen Hinweis auf das Bedürfnis von Attentätern, Ruhm zu erlangen, durch den Aspekt eines „Vampirischen Begehrens“ (etwas befremdlich und schwer nachvollziehbar) – Neues Deutschland, 27.08.2011
  • „Ist Anders Breivik böse?“
    • Interview mit dem Hirnforscher Prof. Gerhard Roth (Bremen) über den Begriff des Bösen, über Befunde der Hirnforschung zu Psychopathen und Konsequenzen für das Strafrecht, und über Anders Breivik – diesseits.de (Online-Magazin für weltlichen Humanismus), 01.09.2011

Literatur zum Thema:

Ziemlich daneben:

  • „Eine Diagnose ergibt wenig Sinn“
    • Erkenntnisverbot des emeritierten Regensburger Psychiatrie-Professors Helmfried Klein: „Jeder Versuch, das Massenattentat von Norwegen auf psychopathologische Art zu interpretieren, ist mir zutiefst zuwider.“ Dafür gebe es auch keine passende Diagnose. (…) Nur wer leide, sei krank. Den psychiatrischen Krankheitsbegriff auf Verhalten auszuweiten, das nur anderen unendliches Leid zufügt, aber eigenes Leid nicht erkennbar ist, sei abwegig. Innerhalb der forensischen Psychiatrie werde sehr kontrovers diskutiert ob Persönlichkeitsstörungen unter psychiatrische Krankheiten zu subsummieren sind. – (Mittelbayerische Zeitung, 24.07.2011)
  • „Lasst das Fragen sein“
    • „Jedes Warum ist hier ein Warum zuviel“; „Wir wollen begreifen, was sich nicht greifen lässt“; „Das Böse war und ist und wird sein“ – das sind die Kernsätze eines Beitrags von Dr. Alexander Kissler, Literaturwissenschaftler und Kulturjournalist (Cicero, Süddeutsche, Focus), für das Internet-Magazin „The European“(26.07.2011)
      • Außerdem: „Allein, kein einziger Satz wird die Antwort enthalten auf das große Warum. Kein Experte wird je sagen können, aufgrund welcher familiären oder neuronalen oder weltanschaulichen Besonderheit der blonde Einzelgänger die bestialische Tat letztlich ins Werk setzte. Nicht nur Kausalketten nämlich machen unser Leben aus, sondern auch Sprünge. Nicht nur Gründe, auch Abgründe führen zu Taten. Und jenseits aller kleinteiligen Erklärungsmuster gibt es immer auch das große Ganze, das ewig Gute und das unrettbar Böse.“ Eine Erkenntnisverweigerung – von einem, der Sprachspielereien liebt, wie sein Beitrag erkennen lässt. Sprachspieler tun sich mit analytischem Denken, Forschen und Entdecken auf der Grundlage sorgfältiger wissenschaftlicher Begriffsbildung zumeist eher schwer.
  • „Das war pure Mordlust“
    • Focus führte ein Interview mit der Kriminalpsychologin Karoline Roshdi (Institut für Psychologie und Bedrohungsmanagement), in dem diese die Tat auf „pure Mordlust“ zurückführt. Die Ideologie bzw. „extremistische Erklärungswelt“ des Täters dienten nur der Legitimation „nach außen“. Wahrscheinlich werde er „auch einer Störung unterliegen. Psychotisch sein, wahnkrank, eine sehr schwere Persönlichkeitsstörung haben.“ Man könne „das nicht unter einem bestimmten Krankheitsbild zusammenfassen. Seine Kaltblütigkeit (sei) in jedem Fall mit fehlendem Mitgefühl zu erklären – bei ihm (habe) ein Empathieabbau stattgefunden, usw. — Soziale Angst hat man aufgrund fehlender Selbstsicherheit, wegen des Abbaus von Selbstwertgefühl… : „Erklären nullter Ordnung“ nannten wir das im Marburger Psychologiestudium – durch Vergabe einer Bezeichnung.

Rechtsextreme Mentalität

Grundlage rechtsextremer Mentalität ist ein komplexes psychisches Regulationsgeschehen, ein dynamisches Zusammenspiel von psychischen Motiven, Emotionen, Abwehrmechanismen, Werthaltungen und Einstellungen vor dem Hintergrund von Defiziten in der Persönlichkeitsentwicklung. Rechtsextreme Mentalität entsteht nicht aus Einstellungen und Werturteilen der Betroffenen als Ergebnis mehr oder weniger rationaler Überlegungen. Die Ansichten und Werturteile, die eine „rechtsextreme Gesinnung“ ausmachen, sind Folge tiefergehender psychischer Motive, und die vermeintlich rationalen Begründungen dieser Ansichten sind lediglich Rationalisierungen.

Vor längerer Zeit habe ich dem Wikipedia-Artikel über Skinheads einen Passus  „Sozialwissenschaftlicher Hintergrund“ hinzugefügt, der wesentliche Punkte des psychodynamischen und psychopathologischen Hintergrundes rechtsextremer Fanatiker aller Couleur wiedergibt:

„Soziologische und psychologische Deutungen wesentlicher Teile der Skinhead-Bewegung (insbesondere der Neonazis) knüpfen zum einen an den Untersuchungen zum „autoritären Charakter“ bzw. zur „autoritären Persönlichkeit“ an, die in den 1930er-Jahren vom Institut für Sozialforschung (Fromm, Horkheimer, Adorno u.a.) begonnen wurden, zum anderen an neueren sozialpsychologischen und psychoanalytischen Konzepten zu Gruppenidentitäten (u.a. Vamik Volkan).

Resultat dieser Forschungen sind unter anderem die Erkenntnisse, dass bei derart strukturierten Persönlichkeiten eine besondere Tendenz vorhanden ist,

  • ihr Identitäts- und Selbstwertgefühl wesentlich durch das Gefühl der Zugehörigkeit zu einer Gruppe zu festigen (Eigengruppe), mit der sie sich identifizieren (Rasse, Volk, Nation, Religion, Subkultur, Sekte, „Gang“ etc.)
  • diese Eigengruppe besonders hoch zu bewerten und von fremden Gruppen abzugrenzen (Fremdgruppe), die nicht nur als „andersartig“, sondern als minderwertig und „schlecht“ erlebt werden (Entwertungstendenz; s. auch Othering; Fremdenfeindlichkeit)
  • die Eigengruppe vor einer „Vermischung“ mit der Fremdgruppe zu schützen (z.B. „Rassenreinheit“), da eine solche Vermischung als Verunreinigung erlebt wird (bezieht sich auch auf die Verunreinigung der eigenen Kultur).

Diese handlungsleitenden Bewertungen beruhen nicht auf Tatsachen, sondern auf Vorurteilen. Sie erfolgen nicht aus rationalen, sondern aus tief verwurzelten psychischen Motiven und dienen der Stärkung des Selbstgefühls sowie der Emotionsregulation. Dabei kommt der Projektion abgewerteter Eigenschaften, auch eigener latenter Schwächen, auf die fremde Gruppe als Mittel zur Bewältigung negativer Gefühlszustände und innerer Konflikte besondere Bedeutung zu (s. Abwehrmechanismus). Negativ bewertete Eigenschaften der eigenen Person werden – unterstützt durch die Zugehörigkeit zur idealisierten Eigengruppe – nicht wahrgenommen und anerkannt, sondern auf die „Anderen“ projiziert und dort bekämpft (s. Feindbild). Dies ist eine der Wurzeln rassistischer Abgrenzungsneigung und Aggression.

Zudem verlieren die Gruppenmitglieder – vor allem, wenn sie gemeinsam mit ihrer Eigengruppe auftreten – ihr Einfühlungsvermögen (Empathie) und Mitgefühl den entwerteten „Anderen“ bzw. „Fremden“ gegenüber. Daher kann es unter den beschriebenen psychosozialen Bedingungen zu Akten besonderer Brutalität und Grausamkeit kommen.“

Worin unterscheiden sich psychopathische von nicht-psychopathischen Multikulturalismus- und Islamkritikern? Durch die realitätsverzerrende Dämonisierung bei der mentalen Gestaltung des jeweiligen Feindbildes (Juden, Mohammedaner, Farbige etc.), durch paranoide Persönlichkeitsanteile und in Verbindung damit exzessive Projektion  entwerteter Eigenschaften auf die betreffende Gruppe, die dadurch als besonders negativ erscheint. Außerdem durch Fanatismus bei der Bekämpfung der als Feindbild gewählten Gruppe und den Verlust von Empathie und Mitgefühl den Angehörigen dieser Gruppe gegenüber.

Zur Psychostruktur des Anders Breivik (1)

Anders Behring Breivik, der Massenmörder von Oslo, stellt seine Taten in den Zusammenhang einer rechtsextremen Ideologie, die er in einem 1.516 Seiten umfassenden Manifest und – in Kurzfassung –  in einem Video dargestellt hat.

Es handelt sich dabei um islamophobes Gedankengut, wie es u.a. von dem holländischen Rechtsextremisten Geert Wilders vertreten wird: Das Abendland soll vor einem „kulturellen Marxismus“ gerettet werden, der u.a. auf die 68er-Generation zurückgeht, und der dem allen rechtsextremen Psychopathen verhassten Grundübel, einer multikulturellen Gesellschaft, den Weg bereitet (Multikulturalismus).

Der Münchner Psychoanalytiker und Autor Wolfgang Schmidbauer („Der Mensch als Bombe“; „Psychologie des Terrors“) hat gegenüber dpa einige interessante Hinweise zur psychischen Struktur und Psychodynamik des Osloer Attentäters gegeben:

Täter wie Breivik wollen Helden sein

Fanatische Täter wie der Norweger Anders Behring Breivik wollen nach Ansicht des Psychoanalytikers Wolfgang Schmidbauer häufig als Held in die Geschichte eingehen. «Heldenmythen haben immer schon eine große Anziehungskraft auf junge Männer ausgeübt», sagte Schmidbauer.

Er verwies darauf, dass Breivik seine Tat in einem ausführlichen ideologischen Pamphlet erklärte und sich nach den Attentaten nicht selbst erschoss.

Zur Frage, warum solche Täter offenkundig kein Mitleid kennen, sagte Schmidbauer: «Ich denke, sie schalten innerlich um.» Die Täter befänden sich während der Tat allen Anzeichen nach in einem tranceähnlichen Zustand. «Darin spielen sie die Rolle des heroischen Killers», sagte Schmidbauer, der unter anderem das Buch «Psychologie des Terrors: Warum junge Männer zu Attentätern werden» verfasste.

Der Psychoanalytiker geht davon aus, dass Täter bei der Planung der Tat ihre Empathie – also die Fähigkeit, sich in andere Menschen hineinzuversetzen – verlieren. «Empathie entwickelt sich in der Kindheit. Diese Täter kommen fast immer aus zerbrochenen Familien und hatten oft Eltern, die mit ihrem Streit so beschäftigt waren, dass sie keine Möglichkeit hatten, sich in das Kind einzufühlen.»

Oft hätten diese Täter keinen empathischen Vater und kein positives Vorbild für Männlichkeit gehabt. Später hätten sie schließlich selbst Probleme mit ihrer Männlichkeit, die sie mit Größenphantasien aufzuwerten versuchten. «Sie sind unzufrieden und unglücklich. Sie schauen auf andere Menschen, denen das Leben Freude macht und entwickeln einen tief verwurzelten Hass und Neid auf diese Personen.»

Die Rolle des Helden nähmen die Täter lange Zeit nur in der Phantasie ein, wenn sie beispielsweise entsprechende Computerspiele spielten oder Actionfilme sähen. Griffen sie dann in der Realität zu Waffen, hielten sie sich in ihrem Selbstbild nicht für Kriminelle. «Sie wollen Helden und Retter sein. Das macht sie so gefährlich und gleichzeitig so unscheinbar», sagte Schmidbauer.

Dazu folgende Passage aus Breiviks Manifest:

Regardless of the above cultural Marxist propaganda; I will always know that I am perhaps the biggest champion of cultural conservatism, Europe has ever witnessed since 1950. I am one of many destroyers of cultural Marxism and as such; a hero of Europe, a savior of our people and of European Christendom – by default. A perfect example which should be copied, applauded and celebrated. The Perfect Knight I have always strived to be. A Justiciar Knight is a destroyer of multiculturalism, and as such; a destroyer of evil and a bringer of light. I will know that I did everything I could to stop and reverse the European cultural and demographical genocide and end and reverse the Islamisation of Europe.“

Weitere Beiträge zur Psychostruktur

Der nach meiner Kenntnis bisher differenzierteste Artikel über die Persönlichkeitsstruktur und Psychodynamik von Breivik, der u.a. die ausführlichen Passagen in seinem Manifest, die sich mit seinem familiären Hintergrund befassen, analysiert und interpretiert:

Zwischenzeitlich gibt es im Netz eine Vielzahl mehr oder weniger fachkundiger, aussagekräftiger Stellungnahmen zur Persönlichkeit von Anders Breivik bzw. zu seiner Persönlichkeitsstörung. Hier eine Aufstellung mit Links zu einigen der gelungeneren Beiträge, soweit sie mir bekannt geworden sind, aber auch zu Beispielen von ganz und gar misslungenen Psychogrammen oder ähnlichen Stellungnahmen („Zur Psychostruktur des Anders Breivik 2“)

Eine Fortsetzung dieses Artikels findet sich hier: „Zur Psychostruktur des Anders Breivik (3) – Diagnosen Forensischer Psychiater und die Frage der Schuldfähigkeit“

Andere interessante Beiträge zum Fall Anders B. Breivik

Mentalität und Ideologie eines rechtsextremen Massenmörders

Anders Behring Breivik, der Massenmörder von Oslo, stellt seine Taten in den Zusammenhang einer rechtsextremen Ideologie, die er in einem 1.516 Seiten umfassenden Manifest und – in Kurzfassung –  in einem Video dargestellt hat.

Es handelt sich dabei um islamophobes Gedankengut, wie es u.a. von dem holländischen Rechtsextremisten Geert Wilders vertreten wird: Das Abendland soll vor einem „kulturellen Marxismus“ gerettet werden, der u.a. auf die 68er-Generation zurückgeht, und der dem allen rechtsextremen Psychopathen verhassten Grundübel, einer multikulturellen Gesellschaft, den Weg bereitet (Multikulturalismus).

Wie entsteht eine „rechtsextreme Mentalität“?

Rechtsextreme Mentalität entsteht nicht aus Einstellungen und Werturteilen der Betroffenen auf der Basis mehr oder weniger rationaler Überlegungen. Den eigentlichen Hintergrund bildet ein komplexes psychisches Regulationsgeschehen, ein dynamisches Zusammenspiel von  psychischen Motiven, Emotionen, Abwehrmechanismen, Werthaltungen und Einstellungen auf der Grundlage von Defiziten in der Persönlichkeitsentwicklung. Die Ansichten und Werturteile, die eine „rechtsextreme Gesinnung“ ausmachen, sind Folge tiefergehender psychischer Motive, und die vermeintlich rationalen Begründungen dieser Ansichten lediglich Rationalisierungen.

Vor längerer Zeit habe ich dem Wikipedia-Artikel über Skinheads einen Passus  „Sozialwissenschaftlicher Hintergrund“ hinzugefügt ( Wikipedia-Benutzer „Almeida“), der wesentliche Punkte des psychodynamischen und psychopathologischen Hintergrundes rechtsextremer Fanatiker aller Couleur wiedergibt:

„Soziologische und psychologische Deutungen wesentlicher Teile der Skinhead-Bewegung (insbesondere der Neonazis) knüpfen zum einen an den Untersuchungen zum „autoritären Charakter“ bzw. zur „autoritären Persönlichkeit“ an, die in den 1930er-Jahren vom Institut für Sozialforschung (Fromm, Horkheimer, Adorno u. a.) begonnen wurden, zum anderen an neueren sozialpsychologischen und psychoanalytischen Konzepten zu Gruppenidentitäten (u. a. Vamik Volkan).

Resultat dieser Forschungen sind unter anderem die Erkenntnisse, dass bei derartig strukturierten Persönlichkeiten eine besondere Tendenz vorhanden ist,

  • ihr Identitäts- und Selbstwertgefühl wesentlich durch das Gefühl der Zugehörigkeit zu einer Gruppe zu festigen (Eigengruppe), mit der sie sich identifizieren (Rasse, Volk, Nation, Religion, Subkultur, Sekte, „Gang“ etc.)
  • diese Eigengruppe besonders hoch zu bewerten und von fremden Gruppen abzugrenzen (Fremdgruppe), die nicht nur als „andersartig“, sondern als feindlich oder minderwertig erlebt werden (s. auch Othering)
  • die Eigengruppe vor einer „Vermischung“ mit der Fremdgruppe zu schützen (z.B. „Rassenreinheit“), da eine solche Vermischung als Verunreinigung erlebt wird (bezieht sich auch auf die Verunreinigung der eigenen Kultur).

Diese handlungsleitenden Bewertungen beruhen nicht auf Tatsachen, sondern auf Vorurteilen. Sie erfolgen nicht aus rationalen, sondern aus tief verwurzelten psychischen Motiven und dienen der Stärkung des Selbstgefühls sowie der Emotionsregulation. Dabei kommt der Projektion eigener – auch latenter – Schwächen auf die fremde Gruppe als Mittel zur Bewältigung negativer Gefühlszustände und innerer Konflikte besondere Bedeutung zu (s. Abwehrmechanismus). Negativ bewertete Eigenschaften der eigenen Person werden – unterstützt durch die Zugehörigkeit zur idealisierten Eigengruppe – nicht wahrgenommen und anerkannt, sondern auf die „Anderen“ projiziert und dort bekämpft (s. Feindbild). Dies ist eine der Wurzeln rassistischer Abgrenzungsneigung und Aggression. Zudem verlieren die Gruppenmitglieder – vor allem, wenn sie gemeinsam mit ihrer Eigengruppe auftreten – ihr Einfühlungsvermögen (Empathie) und Mitgefühl den entwerteten „Anderen“ bzw. „Fremden“ gegenüber. Daher kann es unter den beschriebenen psychosozialen Bedingungen zu Akten besonderer Brutalität und Grausamkeit kommen.“

Worin unterscheiden sich psychopathische von nicht-psychopathischen Multikulturalismus- und Islamkritikern? Durch die realitätsverzerrende Dämonisierung bei der mentalen Gestaltung des jeweiligen Feindbildes (Juden, Mohammedaner, Farbige etc.), durch paranoide Persönlichkeitsanteile und in Verbindung damit exzessive Projektion von Aggression auf die betreffende Gruppe, die dadurch als besonders gefährlich erscheint. Außerdem durch Fanatismus bei der Bekämpfung der als Feindbild gewählten Gruppe und den Verlust von Empathie und Mitgefühl den Angehörigen dieser Gruppe gegenüber.

Siehe auch:

Amerikanische Blogosphäre zum rechtsextremen Hintergrund des Oslo-Killers

In „The Lede“, einem New York Times-Blog, berichtet Robert Mackey in einem mit „Scouring the Web for Clues to a Suspected Attacker’s Motives“ überschriebenen Beitrag über ein 1.500-Seiten-Manifest mit rechtsextremem Inhalt, das der Norweger Attentäter Anders Behring Breivik unter dem Namen Andrew Berwick am 22. Juli ins Netz gestellt haben soll. Er gebe darin u.a. Anleitungen zum Bau von Bomben und bezeichne sich als „Justiciar Knight Commander“. Mackey bezieht sich vor allem auf einen Blogbeitrag von Blake Hounshell, Managing Director des FP Foreign Policy Magazines. Hounshell teilt in einem „What did the Oslo Killer want“ überschriebenen Beitrag mit:

I have just finished reading through what appears to be the 1,518-page manifesto and handbook of the alleged perpetrator of the worst terrorist attack in Norwegian history.

The manifesto, bylined by someone calling himself Andrew Berwick, is entitled „2083: A European Declaration of Independence“ and was posted on Stormfront.org, a white supremacist website, and discovered by American blogger Kevin I. Slaughter. [UPDATE: Norwegian TV has confirmed that the author is indeed the Oslo shooter, according to the New York Times.]

In it, „Berwick“ declares himself a „Justiciar Knight Commander,“ a leading member of a „re-founded“ Knights Templar group formed at an April 2002 meeting in London. He claims the founding group has 9 members, whom he does not name, and that three other sympathizers were not able to attend the original meeting.

„Our purpose,“ the document reads, is to „seize political and military control of Western European countries and implement a cultural conservative political agenda.“

Mackey hat in seinen Beitrag ein 12 Minuten langes Video eingebunden, das ebenfalls von Breivik/Berwick stammen soll und eine Kurzfassung des Manifests enthält.

Siehe auch:

„The Political Thinking of Anders Behring Breivik“ – by Doug Saunders | Published: July 23, 2011

„This is the 1500-page manifesto published hours before the terrorist acts by Breivik. Its title is 2083: A European Declaration of Independence and it is being discussed on Twitter under the #N2083 hashtag. It is written under an Anglicization of Breivik’s name, and the day-by-day diary of bomb-building and shooting-plotting toward the end makes it almost certain that it is his work (the document is a very precise description of his crime).

The manifesto draws on “Eurabia” and “Muslim Tide” writers such as Bruce Bawer, Melanie Phillips, Mark Steyn, Geert Wilders, Theodore Dalrymple, and Robert Spencer, as well as many figures from the extreme right, to create an argument that Muslims, immigrants, multiculturalists, European Union backers and social democrats are part of a plot to undermine Europe’s Christian civilization. It then draws on the extreme right, the ideas of al Qaeda and other terrorist groups (which he admires) to describe and rationalize a plot which almost exactly matches his activities on July 22, 2011.“

„Das Manifest des Killers“ Aufklärung 2.0

„Mutmaßlicher Attentäter veröffentlichte „Manifest“ im Internet“ – Der Standard, 24.07.2011

„Rassenkrieg“-Manifest des Osloer Attentäters – Schweizer Fernsehen, 24.07.2011

„Manifest eines Massenmörders“ – Spiegel, 24.07.2011

„Psychogramm des Täters von Oslo“ – Reinhart Gruhn, publicopinia, 24.07.2011