Fake-Präsident Donald

Donald Trump einsam im Weißen Haus (Daniel Pagan)Zunehmend muss der Immobilienmogul auf dem Präsidentenstuhl nicht nur scharfe Kritik der „Fake News-Medien“ über sich ergehen lassen, sondern auch beißenden Spott. Handelsblatt-Herausgeber Gabor Steingart macht in seinem heutigen Morning Briefing auf eine Kolumne von Maureen Dowd in der „New York Times“ aufmerksam und präsentiert einige Kernsätze:

Donald Trump hasst Washington – und Washington hasst erbarmungslos zurück. Pulitzerpreis-Trägerin Maureen Dowd, Hauptstadtkolumnistin der „New York Times“, schreibt:

„Lieber Donald, Du hast im Wahlkampf immer wieder darum gebeten, dass man dich nicht als Politiker bezeichnet. Keine Angst. Niemand wird dich nach diesen ersten Wochen für einen Politiker halten. Du bist noch nicht mal ein guter Verhandlungsführer. Du bist ein armer Trottel (sucker), der sich über den Tisch ziehen lässt. Normalerweise braucht Washington Jahre, um einen Präsidenten kleinzukriegen. Du aber bist deiner Zeit weit voraus.“

…zum Jahreswechsel ein Gedicht: „Das graue Haar“

Es ist nicht die Zeit für Ich-Geschichten.
Und doch vollzieht sich das menschliche Leben
oder verfehlt sich am einzelnen Ich,
nirgends sonst.“
Max Frisch, Mein Name sei Gantenbein, 1964

Dieses Diktum Max Frischs fiel mir ein, als ich darüber nachdachte, ob ich das nachfolgende Gedicht, als kreativer Zeitvertreib im Winterurlaub entstanden, hier einstellen sollte. Denn in gewisser und durchaus wesentlicher Hinsicht ist dies wahrlich nicht die Zeit für Gedichte, schon gar nicht für solche aus dem humorvollen Genre. Allzu schwerwiegend und bedrückend sind die Probleme, die unsere Welt am Jahreswechsel 2016 / 17 bedrängen und zu überwältigen drohen.

Und vor allem ist kein Licht jenseits des Dunkels erkennbar. Die destruktiven Kräfte scheinen immer mehr die Oberhand zu gewinnen. Eine Umkehr hin zu konstruktiven Lösungsansätzen der strukturellen politischen, ökonomischen und ökologischen Miseren ist nicht in Sicht.

Neben dem Frisch-Zitat fiel mir zu dieser Lagebeurteilung ein bekannter Hölderlin-Vers aus seiner Patmos-Hymne ein: „Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch.“ Daran glaube ich nicht – stieß aber in diesem Zusammenhang auf einen hervorragenden Aufsatz des Theologen Jürgen Moltmann aus dem Jahr 2013, der die grundlegenden Probleme unserer Zeit schonungslos und in radikaler Klarheit offenlegt, und dessen Lektüre ich wärmstens empfehle.

Aber zurück zur Ausgangsfrage: jetzt auf ein Gedicht aus der humorvollen Ecke und das Schmunzeln  darüber verzichten? Zumindest in einem „Denkraum“, in dem doch Problemlösungsansätze im Vordergrund stehen sollen?

Nein, entschied ich – an Neujahr darf der sorgenvolle „Geist der Schwere“ mal in den Hintergrund treten und durch ein wenig leichtfüßigen Nonsense einer gewissen Tradition, die der geneigte Leser mühelos erkennen wird, ersetzt werden.

Das graue Haar

Bei einem Herrn von 60 Jahren
fand sich noch keine Spur von Grau
in einem Meer von schwarzen Haaren,
auch wenn man suchte, haargenau.

Der Herr, von bestem Ruf und Stil
und auf sein Äußeres bedacht,
empfand, es sei ein gutes Ziel
lang zu bewahren diese Pracht.

Doch eines Morgens, aus dem Nichts,
entdeckte er, zutiefst betroffen,
beim Schein des ersten Tageslichts
ein graues Haar, ganz klar und offen.

Obwohl es eigentlich sehr zierlich
erschien’s dem Manne riesengroß
und überdies höchst despektierlich –
ein Schicksalsschlag, ganz zweifellos.

Es war einmal ein graues Haar,
in edelster Schwarzhaarfrisur
mit seidenglänzender Struktur,
nur aus der Nähe sichtbar zwar,

doch vorn am feinen Haaransatz
und ganz allein auf weiter Flur
schien es vollkommen fehl am Platz –
ein Schandfleck der Frisurkultur.

Die Sache ließ ihm keine Ruh,
das Haar war da sehr kleinlich.
Es schämte sich geradezu
und war sich furchtbar peinlich.

„Ich passe hier doch gar nicht hin,
man will mich hier auch nicht.
Ich bin die Fehlleistung schlechthin,
nur gut für ein Gedicht.

Wenn mich die schwarze Pracht besieht
wird sie mich tief verachten,
und mir als üblem Störenfried
bald nach dem Leben trachten.

Den Anderen bloß eine Bürde,
verfemter Einzelgänger,
behandelt ohne jede Würde –
das leide ich nicht länger.

Ich find mein Dasein so beschissen,
am liebsten würd‘ ich ausgerissen.“

Der Herr, jetzt wieder Handlungsträger,
ist zunehmend voll Unbehagen
als passionierter Schwarzhaarpfleger
ein schnödes graues Haar zu tragen.

Auch ihm kommt nunmehr die Idee,
den Fremdling auszumerzen,
der droht, sein ganzes Renommee
und Ansehen zu verscherzen.

Nach der Rasur, doch noch vorm Spiegel,
fasst er eine Pinzette –
mit allerfeinstem Gütesiegel,
wie ich sie auch gern hätte –
und „autsch“ – schon hat er’s ausgerissen.
Er traf es haargenau.

Wie wird er dieses einst vermissen,
wenn auch das letzte Schwarze grau.

Markus Wichmann

 

„Bis auf die Knochen, Alexis“

Christine & Alexis

Alexis: „Bitte sehr, Geliebte, ich habe alles entfernt, ich bin nackt.“

Christine: „Ich sagte, bis auf die Knochen, Alexis!“

(Quelle: Twitter)

Yanis Varoufakis: Greece’s Proposals to End the Crisis – My intervention at today’s Eurogroup

Beim Treffen der Eurogruppe, also der Finanzminister der Euro-Staaten, am Donnerstag, den 19. Juni 2015, erläuterte Yanis Varoufakis in einem vorbereiteten Statement noch einmal die Position der griechischen Regierung. Er veröffentlichte den Redetext noch am gleichen Tag aufgrund der Befürchtung, dass die Position seines Landes in den Medien verzerrt wiedergegeben wird.

Hier zunächst seine eigene Vorbemerkung, dann der Link zum Originaltext in seinem Blog.

Yanis Varoufakis

The only antidote to propaganda and malicious ‚leaks‘ is transparency. After so much disinformation on my presentation at the Eurogroup of the Greek government’s position, the only response is to post the precise words uttered within. Read them and judge for yourselves whether the Greek government’s proposals constitute a basis for agreement.

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Grimme-Preis für Jan Böhmermann

Es ist einfach zu schön, um nicht auch hier gezeigt zu werden: Jan Böhmermanns Satire über die Stinkefinger-Affäre Varoufakis / Jauch.

Der Unterschied zwischen dem bei Jauch gezeigten Video, über das ganz Deutschland sich aufregt, als hätte Herr Varoufakis Herrn Schäuble seinen gestreckten Mittelfinger direkt vor die Nase gehalten, und dem gleichen Video ohne Finger ist bei nüchterner Betrachtung so bedeutungsvoll wie der Sack Reis, der in China umfällt.

Das klargemacht zu haben ist Böhmermanns Verdienst. Daher: Grimme-Preis!

Außerdem:
  • Günther Jauch sollte entlassen werden – Kommentar von Matthias Knecht – Neue Zürcher Zeitung, 23.03.2015
    • „Der deutsche Showmaster Günther Jauch hat gegen fundamentale journalistische Standards verstossen. Deshalb sollte ihn die ARD vor die Tür setzen.“
    • Fast wäre dem deutschen Showmaster Günther Jauch ein journalistischer Coup gelungen. Im Fernsehsender ARD spielte er ein Video des griechischen Finanzministers Janis Varoufakis ein. Darin zeigt der für seine provokativen Auftritte bekannte Politiker den Deutschen den Stinkefinger, so scheint es. Die Aufnahme von 2013 trifft den Nerv: Hier die disziplinierten deutschen Zahlmeister, dort die faulen Griechen, die ihre Retter auch noch beleidigen. Kein Wunder, schlugen die Bilder in Deutschland wie eine Bombe ein, zumal Varoufakis seit seinem Amtsantritt im Januar seine europäischen Partner oft vor den Kopf stiess. Doch das Video ist völlig aus dem Zusammenhang gerissen. Zwar ist es echt (auch wenn eine Satiresendung im ZDF anderes behauptete). Aber Varoufakis’ obszöne Geste reflektiert nicht seine Meinung über Deutschland. Das kann jeder nachvollziehen, der sich im Internet die komplette Aufnahme ansieht. Auch Starjournalist Jauch hätte das tun können und müssen. Sein Beitrag ist darum kein Coup, sondern übelster Kampagnenjournalismus, der das verkorkste Verhältnis zwischen Berlin und Athen zusätzlich belastet. Die ARD sollte darum Jauch vor die Tür setzen, weil er gegen fundamentale journalistische Standards verstossen hat. Nebenbei würde das helfen, die deutsch-griechischen Beziehungen zu verbessern.
  • Es herrscht Krise und Europa redet über Mittelfinger – Gastbeitrag von Srećko Horvat – Süddeutsche Zeitung, 20.03.2015
    • „Srećko Horvat hat Varoufakis damals zum Vortrag auf seinem Festival eingeladen. Der Autor ist Philosoph und war von 2008 bis 2013 Direktor des „Subversive Festivals“ in Zagreb.“ 
    • „Wenn man aus dem Finger-Skandal eine Lektion lernen kann, dann die folgende: Zeichen sind Waffen; jeder Kampf ist auch ein semantischer, das heißt ein Kampf um die Deutungshoheit von Zeichen. Hier gilt die Antwort, die Humpty Dumpty auf Alices Frage „Wie kannst du einem Wort so viele verschiedene Bedeutungen geben?“ lieferte: „Die Frage ist, wer die Macht hat, das ist alles.“ 
    • Der Finanzkapitalismus funktioniert dadurch, dass er die Macht über die Bedeutung hat; er kann durch Spekulationen Ansehen und sogar durch Gerüchte Wert schaffen. Bezogen auf die Krise Europas: Die Frage ist, wer das Sagen hat, das ist alles. Er entscheidet dann auch darüber, was Varoufakis‘ Finger wirklich bedeutet. Die Berichterstattung der letzten Tage hat gezeigt: Sobald der Finger da war, war es unwichtig, dass das Ganze 2013 passiert war, und zwar in einem ganz anderen Zusammenhang.
  • Video und Wahrheit – Exzellenter Kommentar von Philipp Loser – Tages-Anzeiger (Zürich), 19.03.2015
    • „Die doppelte Fälschung des deutschen Satirikers Jan Böhmermann mit dem Stinkefinger von Giannis Varoufakis war brillant. Sie offenbart unsere Überforderung mit der Welt.“
    • „Dass «Bild» die Griechen Tag für Tag verhöhnt, ist noch irgendwie nachvollziehbar: Es ist die «Bild», es ist Boulevard, es ist schmierig und gemein. Wenn aber ein Moderator wie Günther Jauch auf einem öffentlich-rechtlichen Sender eine hochkomplexe Debatte auf einen Mittelfinger reduziert, ist das ein tragischer Beweis, wie weit die De­ge­ne­ra­ti­on der Medienöffentlichkeit schon fortgeschritten ist. – Jauch ist ein Symbol für unsere Überforderung. Die Krise in Griechenland ist vielschichtig und unübersichtlich. Es geht um Schuld, um Abhängigkeiten, um alte Verflechtungen, um Schicksale, um ein Land am Abgrund. Doch statt sich ernsthaft mit den Ursachen dieser Krise und mit möglichen Lösungen zu beschäftigen, zielen auch Qualitätsjournalisten in diesen Tagen auf den einfachsten Reflex: die Empörung. Kein Nachdenken erforderlich, Quote garantiert.“
  • Chapeau vor Böhmermann und dem Stinkefinger – Markus Beckedahl („Welt im Netz“) – N24, 19.03.2015
    • „Die Vermittlung von Medienkompetenz ist oft träge und langweilig, aber notwendig. Dass es auch anders geht, zeigt gerade Jan Böhmermann mit seinem Janis-Varoufakis-Fake-Fake.“
    • „Der Stinkefinger ist echt, aber vollkommen aus dem Kontext gerissen. Durch die Inszenierung hacken die Macher des „Neo Magazin Royale“ grandios die Debatte, indem sie mit dem Entstehen von Verschwörungstheorien und journalistischer Berichterstattung spielen, die die Ereignisse aus dem Kontext reißt, um ihre Argumentation zu unterfüttern. Dabei appelliert das „Neo“-Team mittels Medienkritik wiederum an die Medienkompetenz der Zuschauer, nicht alles zu glauben, was man denkt zu sehen. Und alles zu hinterfragen. – Diese zehn Minuten Fernsehbeitrag waren seit langem das Beste und Subversivste, was ich im ZDF mitbekommen habe. Ein Moment, der einer ganzen Mediendebatte grandios den Spiegel vorhält und einen Kontrapunkt setzt. Dabei Fernsehen und Netz vermischt. Und zum Nachdenken und Reflektieren einlädt, ob wir alles glauben sollen, was wir glauben zu sehen.
  • Böhmermann zeigt Erregungsdeutschland den Stinkefinger – Kommentar von Stefan Plöchinger – Süddeutsche Zeitung, 19.03.2015
    • „…ein beispielloser Satire-Coup – der tiefere Wahrheiten über das gern erregte Deutschland offenbart. Die griechische Krise ist komplex, für viele unverständlich; wie erleichternd ist da eine Ablenkdebatte über einen Stinkefinger, weil wir dem griechischen Minister nicht mal mehr zuhören müssen, wenn er mit uns in einer Talkshow redet – so funktioniert die öffentliche Aufregungsmechanik, die bis in die Politik hinein reicht.“
  • Das war kein Gag, das war ein Crashkurs in Politik – Herrlicher, kluger Kommentar von Andreas Rosenfelder, Feuilletonchef der „Welt“ – Welt, 19.03.2015
    • „Eine Woche lang redete Deutschland nur über den Mittelfinger von Yanis Varoufakis. Jetzt reden plötzlich alle über Jan Böhmermann. Ein Lehrstück in politischer Philosophie.“
    • In einer Demokratie gehört es zum Tagesgeschäft, über Bedeutungen zu streiten. Was wollte Varoufakis mit seiner obszönen Geste sagen? Ist sie berechtigt? Was bedeutet die Empörung darüber? Ist sie legitim? Das ist der Stoff, aus dem man Talkshows macht und Leitartikel, im Zweifel auch Bundestagsreden und Parteiprogramme. Alles ist anzweifelbar, über alles kann geredet werden – aber nur, solange man mit beiden Beinen auf dem Boden der Tatsachen steht, der sogenannten Faktenbasis. Die ist nicht verhandelbar, sie muss von allen akzeptiert und geteilt werden. Deshalb bricht in aufgeklärten Gesellschaften sofort Panik aus, wenn es größere Löcher in der Wirklichkeit gibt, die sich nicht stopfen lassen, wenn Flugzeuge verschwinden, Dienstlaptops geklaut werden oder unmarkierte Truppen aus dem Nichts auftauchen. Dann setzt man Untersuchungskommissionen ein oder schickt Sonderermittler los. Dass Zeichen mehrdeutig sind und formbar, gehört zum Grundwissen der Zivilgesellschaft. Die Sachen selbst aber, so glauben wir zumindest, sind nur in totalitären Gesellschaften Knetmasse. (…) Für ein paar Stunden war Jan Böhmermann kein Fernseh-Comedian, sondern ein Mann, der über Sein und Nichtsein entschied, der seine Hand verbotenerweise am ontologischen Grundschalter hatte. (…) Dieser Eingriff in die Realität hat allen den Kopf verdreht, vor allem aber jenen, die bisher dachten, Tatsache sei das, was bei Jauch als Einspieler läuft oder in der Zeitung steht. Mit dieser Definition kommt man im Internetzeitalter nicht mehr weit, (…) Die Fähigkeit, sich vom Zwang des Gegebenen zu befreien, ist das Wesen aller Politik. Jan Böhmermann hat gar nicht die Bank gesprengt. Er hat nur einen viralen Volkshochschulkurs gegeben.

Warum tragen die neuen griechischen Minister keine Krawatten?

 

Minister ohne Krawatten

 Darum!

Quelle: Nachdenkseiten

Papst Franziskus: Beim Glauben hört der Spaß auf

Aus dem heutigen Morning Briefing von Handelsblatt-Chef Gabor Steingart:

„Derweil muslimische Organisationen für Freitag Mahnwachen vor deutschen Zeitungsredaktionen angekündigt haben, um diese symbolisch vor Angriffen zu schützen, attackiert Papst Franziskus die Meinungsfreiheit. Er ist der Meinung, dass Satire alles darf, nur nicht die Religion provozieren: „Man darf sich über den Glauben nicht lustig machen.“ Wenn der liebe Gott ein halbwegs funktionierendes Personalmanagement besitzt, müsste er seinem Stellvertreter auf Erden heute eine Abmahnung schicken.“

Der Papst äußerte sich zur Meinungsfreiheit im Rahmen einer improvisierten Pressekonferenz auf dem Flug von Sri Lanka auf die Philippinen. Radio Vatikan gibt die betreffende Passage so wieder:

Doch Satire darf nicht alles, sagt Franziskus

Zur Meinungsfreiheit sagte der Papst, dass jeder nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht hat, zu sagen was er denkt um damit dem Gemeinwohl zu helfen. Allerdings darf auch Satire nach den Worten von Papst Franziskus nicht alles: beleidigen, beschimpfen oder provozieren sei nicht in Ordnung. „Man darf sich nicht über den Glauben der anderen lustig machen.“ Viele Menschen betrachteten das Lächerlichmachen von Religion als ein Spiel, so der Papst, und fügte hinzu: „Es gibt Grenzen der Meinungsfreiheit.“ Jede Religion, die das menschliche Leben wertschätze, habe eine Würde und dürfe nicht lächerlich gemacht werden, das sei die Grenze.

 Siehe auch:
  • Respekt? Wovor denn?Michael Schmidt-Salomon – Die Zeit, 22.09.2012
    • „Respekt vor religiösen Gefühlen!, heißt es allenthalben. Michael Schmidt-Salomon hält es für falsch, auf die Befindlichkeiten von Gläubigen groß Rücksicht zu nehmen.“
  • Wie halten Sie’s mit der Religion?Markus Wichmann – Denkraum, 31.03.2013

Scottish referendum explained for non-Brits

In einem witzigen, clever gemachten Video erklärt der britische Guardian den Nicht-Briten, was es mit dem schottischen Referendum auf sich hat. Well done!

Eurococktail, gereimt.

Eurococktail, gereimt.

Wollen wir wetten, dass die netten
Letten haben Gästebetten
in den kleinen Lettenstädten
mit adrettesten Toiletten?

Wenn sie die nämlich nicht hätten,
könnte Brüssel sie nicht retten,
und sie wären Marionetten
von putinschen Pirouetten –
wetten?

Hoch im Norden testen Esten,
wie aus Wohlstandsüberresten
Schweine lassen sich am besten
in gepressten Kästen mästen,
ohne Lüfte zu verpesten.

Bei allfälligen Protesten
reagieren sie mit Festen,
wenn’s nicht hilft, auch mit Arresten,
diese Esten.

Mit den Tschechen kannst Du zechen,
sie bestechen, ehebrechen,
und im Frühling Spargel stechen –
machen Dir kein Kopfzerbrechen.

Haben, wie die smarten Polen,
obwohl allesamt Katholen,
einen Sinn für Kapriolen.

Und in deutschen Metropolen
werden BMWs gestohlen…

Nur am Rande zu erwähnen
sind die kumpelhaften Dänen.
Halten sich vom Euro fern –
die sind schlau, das sieht man gern.

Finanziell im Tal der Tränen,
ohne Euro, wie die Dänen,
sind Bulgaren und Rumänen,
auch Kroaten. Die Slowenen –
wären sie nur wie die Dänen…

Unsere Nachbarn, die Franzosen,
pfänden jetzt bei Arbeitslosen
erst einmal alle Preziosen;
daraufhin mit rigorosem
Vorgehen Spirituosen.

Anspruchslosen Obdachlosen
geben sie durchaus Almosen.

Sehr beliebt sind die Franzosen
als furiose Virtuosen
im Bereich des prätentiösen
anspruchsvollen Amourösen.

So, und nun zu uns Germanen,
na, Sie werden es schon ahnen,
unsereins braucht niemand mahnen –
alles läuft in besten Bahnen.

Doch damit nicht Kleptomanen
schwingen bald Europas Fahnen,
haben wir viel zu ermahnen,
und mit allerlei Schikanen
führen wir die Karawanen.
Daher lasst uns rasch jetzt planen:
Maut auf unseren Autobahnen!

Schlimm der Ärger mit den Briten:
nachhaltige Parasiten!
Maggie holte mal Rabatt,
seitdem heißt’s: wer hat, der hat.

Na, und erst die Zyprioten,
die vom Staatsbankrott bedrohten
europäischen Exoten.
Zahlreich sind die Anekdoten
ihrer Taten, die verboten.

Bleiben noch die Portugiesen:
Wie die Spanier tief in Miesen,
doch sie bauen wohl auf Wiesen
nun an Rentnerparadiesen,
unter anderem für die Friesen,
denn sie sind auf die Devisen
angewiesen.

Die Satire auszudehnen
auf die Ärmsten, die Hellenen,
ist entschieden abzulehnen.
Liegt’s am Klima, an den Genen,
liegt’s am Mangel an Mäzenen
oder allzu straffen Plänen:
Beim Gesange der Sirenen
bleiben Dir nur Tränen, Tränen…

Markus Wichmann

Moderne Lyrik

Zum Jahresausklang: ein Gedicht…

Ein Mensch, modern, kulturerpicht,
denkt, „heut schreib ich mal ein Gedicht.
Worüber, weiß ich noch nicht recht,
doch jedenfalls wird es nicht schlecht.“

Denn nach den Plänen dieses Herrn
steht eines fest: „ich schreib’s ‚modern‘!
Klar, das verlangt Inspiration,
doch keine Angst, ich mach‘ das schon.“

Moderne Lyrik, denkt der Meister,
das ist was für ganz große Geister.
Da braucht es, fühlt er feierlich,
brillante Sprachgenies wie mich.

Noch fehlt die zündende Idee –
vielleicht zunächst ein Exposé?
Lyrik beginnt mit Konzeption,
dann findet sich schon die Diktion.

Für so ein Gegenwartsgedicht
gibt’s klare Regeln eben nicht.
Doch andrerseits, und fast noch schlimmer,
ein paar Prinzipien gelten immer:

Von Anfang an mach’s kompliziert,
dann wirkt es gleich hochkultiviert.
Gib ihm etwas Geheimnisvolles,
so ahnt man, hier entsteht was Tolles.

Verzichte streng auf jede Logik
(zu reden nicht von Pädagogik),
und unterdrücke gleich im Keim
den schnöden Wunsch nach einem Reim.

Der letzte Schrei der Dichtstilistik
ist schräge Zeilenbruchartistik.
Reimen kann jeder I-di-ot
von Wilhelm Busch bis Eugen Roth.

Vermeide jeglichen Humor,
der passt nicht ins Gedichtressort.
Der Dichter wäre arg blamiert,
falls sich der Leser amüsiert.

Und wenn die Leut‘ am Ende lachen,
es wär nicht wiedergutzumachen.
Lass dunkel Deinen Geist aufblitzen –
die Welt ist voll von schlechten Witzen.

Lässt Du den Sinn weitgehend offen,
so sei gewiss, dass tief betroffen
der Leser fühlt, „das hat Substanz,
denn ich begreif‘ es nicht so ganz.“

Und suchst Du den besond’ren Zauber,
dann schreib es gänzlich undurchschaubar.
Vermeide jede Sinnausrichtung –
so spürt man: „Ah, moderne Dichtung“!

Gesiegt hast Du mit dem Gedicht,
wenn jeder denkt: „Versteh‘ ich nicht.“
Nun steigst Du in der Leser Gunst
und die Kritik schwärmt: „Das ist Kunst!“

Der Mensch, nachdem er dies bedacht,
es ist jetzt schon fast Mitternacht,
entscheidet, dies Gedicht macht Sorgen –
am besten, ich verschieb’s auf morgen.

Nach all den schwierigen Gedanken
die Augenlider niedersanken.
Er löscht gerade noch die Lichter,
und schon umfängt der Schlaf den Dichter.

Markus Wichmann

Das Gedicht bezieht sich genau genommen auf Gegenwartslyrik – sagen wir, aus den letzten 30 Jahren. Keinesfalls etwa auf Rilke, Gottfried Benn oder Paul Celan. Den Anstoß gab die Lektüre von Laute Verse – Gedichte aus der Gegenwart.

Zwischendurch „einfach mal abschalten“: Toll!

 

Im Ernst:

Wie es zur Finanzkrise kam – die ultimative Erklärung

In einem fiktiven Interview eines Fernsehjournalisten mit einem Investmentbanker liefern John Bird und John Fortune, zwei englische Komiker, die ultimative Erklärung, wie es zur Finanzkrise kam.

Satire vom Feinsten. British humor at its best!

Attacs Ackermann-Attacke: Volltreffer