Osterbotschaft: „Wie hältst Du’s mit der Religion?“

Nicht dass ich etwas gegen Ostern hätte, Gott behüte – nicht im geringsten. Es gehört zu unserer Kultur wie Weihnachten, Sylvester, Pfingsten und der Maifeiertag. Daran wollen wir nicht rütteln. Festtage unterteilen das Jahr auf das Angenehmste und heben die allgemeine Stimmung. Der Papst droben im Vatikanfenster, seine mit dem Urbi-et-Orbi-Segen verbundenen Osterwünsche in zig Sprachen – das gehört für viele unserer Mitmenschen dazu und richtet keinen Schaden an.

Dennoch wollen wir – dem Gedankengut der Aufklärung verpflichtet – daran erinnern, dass es mit dem historischen Jesus, seiner Auferstehung und dem leeren Grab so eine Sache ist. Prof. Thomas L. Thompson, Lehrstuhlinhaber für die Erforschung des Alten Testaments an der Universität Kopenhagen, erläutert sie heute eingehend in der Frankfurter Rundschau:

„Es geht mir darum, klar zu machen, dass die Evangelien nicht in einer wie auch immer rekonstruierten historischen Wirklichkeit des ersten Jahrhunderts spielen. Sie und mit ihnen das leere Grab sind Teil einer fiktiven Geschichte, in der das alte Thema des Sieges des Lebens über den Tod zu einem beeindruckenden vorläufigen Abschluss gebracht wird, wenn Jesus – wie Elia vor ihm – vom Himmel aufgenommen wird, so dass eine neue Generation ihre Geschichte wieder von Neuem beginnen kann. Der Jesus, den wir aus den Evangelien kennen, der Jesus, der am Kreuz starb und von dem es das leere Grab gibt, ist ein Jesus, den die Autoren der Evangelien – die erzählerischen jüdischen Traditionen verarbeitend – uns geschenkt haben.“

Thompson ist einer der Protagonisten der Kopenhagener Schule der Bibelforschung, die die Bibel nicht als Darstellung historischer Ereignisse, sondern als eine Sammlung von Geschichten ansieht.

„Fragen nach einem historischen Jesus gehen fehl. Ihnen geht es mehr darum, das Christentum zu legitimisieren als irgendetwas Relevantes über das zu sagen, was die Bibel meinte. Ob es jemals einen historischen Jesus gab, wissen wir definitiv nicht. Wir wissen aber: Die Evangelien sind an einem solchen Jesus nicht interessiert. Alles, was wir über Jesus wissen, stammt aus Allegorien, aus fiktiven Geschichten, die fest verwurzelt sind in uralten vorderasiatischen literarischen Traditionen. (…) Wir haben keine Ahnung, wer Jesus war, wenn er im ersten Jahrhundert außerhalb der Geschichten, die über ihn geschrieben wurden, wirklich gelebt haben sollte. Wir haben nur diese Geschichten, und keine von ihnen startet im ersten Jahrhundert.

Jesus als eine literarische Figur, eine Art Romanfigur, wie Interviewer Arno Widmann meint?

Sei’s drum. Ich halte es mit dem Pragmatiker William James. Die wesentliche Aussage seines Klassikers „Die Vielfalt religiöser Erfahrung“ (1902) könnte man so zusammenfassen: „Wenn Religion einem Menschen zu Inspiration verhilft und ihn vollkommener macht, so hat sie ihren Zweck erfüllt.“

„Aber nur dann!“, ist unbedingt hinzuzufügen, in einer Zeit, in der „Pathologien der Religion“ (Papst Benedikt XVI.), wie unter anderem alle fundamentalistischen Richtungen, eine große rückwärtsgewandte, in vielen Fällen diabolische Macht entfalten; also unter dem Deckmantel der Religion in Wahrheit „das Werk des Teufels“ verrichten.

In diesem Sinne: Frohe Ostern!

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Ein Kommentar

  1. Daniel Fritz

     /  18. April 2007

    Erstmal finde ich es super, dass es diesen Denkraum gibt. Ich habe ihn per Zufall gefunden beim Googlen nach dem Lutherzitat mit dem Apfelbäumchen.

    Eine wichtige Frage zu obigen Beitrag: Was verstehen wir unter Historizität bzw. historisch? Kann es sein, dass wir nichts, aber auch gar nichts wissen können, als das, was wir selbst erlebt haben? Wer mit Descartes Satz „Cogito ergo sum“ Ernst machen möchte, der hat auch kein Recht dazu Texte, die von Erfahrungen sprechen als rein fiktiv abzutun.

    Die Evangelien mögen vielleicht keine historischen Berichte in unserem heutigen Verständnis liefern. Aber sie sind Reflexionen von persönlichen Erfahrungen der Autoren. Und wie war es da nochmal? Wer kann die Authentizität meiner Erfahrung anzweifeln? Keiner, weil sie keiner außer mir so erfahren hat! Wenn Menschen in 200 Jahren anhand dessen was vielleicht von mir niedergeschrieben wurde feststellen sollten, dass ich diese Erfahrungen niemals gemacht haben kann, dann scheint mir das ein wenig vermessen zu sein. Es bleibe bitte jeder bei seiner eigens erfahrenen Wirklichkeit…

    Sollte es einen Gott geben (und daran glaube ich), dann besteht notwendigerweise auch die Möglichkeit Erfahrungen mit ihm zu machen. Dazu laden die Evangelien ein: Gotteserfahrungen zu machen.

    Antworten

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