Zur Psychostruktur des Anders Breivik (3) – Diagnosen Forensischer Psychiater und die Frage der Schuldfähigkeit

Aktualisierung:

  • Breivik für unzurechnungsfähig erklärt– Spiegel, 29.11.2011
    • „Anders Breivik kommt für die Ermordung von 77 Menschen wohl nicht in Haft, sondern in eine geschlossene psychiatrische Einrichtung. Die Staatsanwaltschaft in Oslo bestätigte am Dienstag, dass zwei Rechtspsychiater den 32-Jährigen Massenmörder für unzurechnungsfähig erklärt haben.“
  • „Als würde Breivk von seiner Schuld befreit“ – Zeit, 29.11.2011
    • „Der Attentäter von Norwegen soll psychisch krank sein, der Strafprozess steht damit infrage. Die Norweger reagieren entsetzt auf diese Nachricht.“
  • Breiviks bizarre WahnweltGerald Traufetter(Oslo) berichtet detailliert den bisherigen Kenntnisstand bzgl. des Gutachtens – Spiegel, 29.11.2011
    • „Er hielt sich für auserwählt, wollte durch Morden sein Land schützen: Jetzt haben Gutachter Anders Breivik für unzurechnungsfähig erklärt – und ihm damit wohl eine Haftstrafe erspart. Die Expertise stellt Norwegen vor die Frage, wie viel Toleranz es aushält.“
  • Breivik-Gutachten trifft ein verwundetes Land– Spiegel, 30.11.2011
    • „Angehörige von Opfern nennen es eine Provokation, Medien werben um Verständnis: Das Gutachten zu Anders Breiviks Geisteszustand hat in Norwegen eine heftige Debatte ausgelöst. Der Umgang mit dem Attentäter ist ein Härtetest für die liberalen Werte des Landes.“
  • „Breivik kann nicht bestraft werden“ – Interview mit Norbert Leygraf, Direktor des Instituts für Forensische Psychiatrie der Universität Duisburg-Essen – Zeit, 30.11.2011
    • „Der Attentäter von Oslo gehört als kranker Mensch in eine Klinik, sagt Psychiater Leygraf im Interview. Trotz Schizophrenie könne Breivik aber sehr wohl logisch denken.“

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Forensische Psychiater sind diejenigen Fachleute, die in Strafverfahren vom Gericht als Gutachter gehört werden, wenn es um die Frage der Schuldfähigkeit des Angeklagten geht. Hier einige Stimmen forensischer Psychiater zum Fall Anders Behring Breivik:

  • Prof. Norbert Nedopil, Leiter der Forensischen Psychiatrie der Universität München (‚Psychiater – „Breivik war nicht geisteskrank“ Der Westen, 29.07.2011)
    • „Ich gehe nicht davon aus, dass der Attentäter Wahnvorstellungen hat. Die meisten Menschen, auch die meisten Mörder, haben keine Wahnvorstellungen. Die Regel ist, dass die Menschen keine Wahnvorstellungen haben.“
    • „Im Grunde ist der Mensch so gebaut, dass er Gut und Böse in sich vereint. Aber aufgrund der Natur und der Erziehung wird verhindert, dass er das Böse zu seinem und der anderen Nachteil auslebt.“ Erziehung und soziale Prägung bildeten entscheidende Kontrollen. „Krankheit kann ein Grund dafür sein, dass diese Kontrollen wegbrechen. Bei Breivik sehe ich das aber nicht.“ Aber auch Not, Krieg, Fanatismus verbunden mit Narzissmus könnten die Kontrollen außer Kraft setzen. „Im Jugoslawienkrieg haben wir erlebt, dass Menschen, die vorher völlig unauffällig gelebt haben, fähig waren, grausame Massenverbrechen zu begehen.“
  • Matthias Lammel, Forensischer Psychiater und Gutachter (Berlin) – gleicher Artikel wie vor:
    • ‚… glaubt nicht, dass der Attentäter krank ist. „Dass das ein narzisstischer, ideologischer Fanatiker war, liegt näher“, sagt er. Einen krankhaften Wahn hält auch er für unwahrscheinlich.‘
  • Tarjei Rygnestad, Leiter des forensisch-psychiatrischen Ausschusses in Norwegen, der derzeit an einem Gutachten über Breivik arbeitet („Experte hält Breivik für schuldfähig“ Der Standard, 01.08.2011):
    • ‚Es sei unwahrscheinlich, dass der Attentäter von Oslo, Anders Behring Breivik, für unzurechnungsfähig erklärt werde. (…) Breivik soll laut Tarjei Rygnestad zu jeder Zeit die volle Kontrolle über seine Taten gehabt haben. (…) Die Taten seien so sorgfältig geplant und ausgeführt worden, dass im vorliegenden Fall nicht von einer Geisteskrankheit ausgegangen werden könne, so Rygnestad (…) „Ein Psychotiker kann nur einfache Dinge tun“, erklärte Rygnestad gegenüber der Nachrichtenagentur AP. Selbst die Autofahrt von Oslo nach Utöya sei in einem solchen Fall zu kompliziert. „Wenn man Stimmen im Kopf hat, die einem Befehle geben, dann behindert das, und das Bedienen eines Autos ist ein sehr komplexer Vorgang“, erklärte Rygnestad. Daher sei es nicht sehr wahrscheinlich, dass Breivik psychotisch ist. Auch die Art wie er seine Anschläge vorbereitete, etwa über Jahre das Bombenmaterial besorgte und sich die notwendigen Fähigkeiten antrainierte und dabei seine Tarnung nie aufgab, um nicht entdeckt zu werden, spreche nicht für eine Psychose, so Rygnestad.
  • Frank Urbaniok, Leiter des Psychiatrisch-Psychologischen Dienstes der Züricher Justiz („Mörderische Abgründe gibt es in allen Menschen“Wissen57, 03.08.2011)
    • ‚Führende Gerichtspsychiater halten (Breivik) nach gründlichem Studium des Tathergangs nicht für einen pathologisch gestörten, im krankhaften Wahn handelnden Irren. Ganz im Gegenteil sehen sie in ihm einen Überzeugungstäter, der aus einer wirren, teils selbst gebastelten Ideologie möglichst viel Gewalt ausüben wollte. Frank Urbaniok (…) sagt: „Das gezielte und kühl berechnende Tatvorgehen spricht klar für die zweite Variante. Der Grad der Gefährlichkeit eines Menschen lässt nicht unbedingt auf eine massive psychiatrische Störung schließen, da gibt es keinen automatischen Zusammenhang. Im Fall Breivik sprechen die akribische Planung und die Kühle der Durchführung gegen eine schwere psychische Erkrankung.“‘ (…)
    • ‚Laut Frank Urbaniok hat Anders Behring Breivik den Bezug zur Realität offenbar nicht vollständig verloren, denn in seinem Koordinatensystem ist das Morden eine Nebenwirkung für das Erreichen eines größeren Ziels. (…) Zur Besonderheit der Morde von Norwegen gehört, dass der Täter als Folge seines Feldzugs nicht den eigenen Tod suchte. Anders Behring Breivik ging es bewusst um die Veröffentlichung seines Tuns, was ihm methodisch ebenso gelungen ist wie die präzise Ausführung seines Mordplans.‘
  • Nahlah Saimeh, Ärztliche Direktorin des Zentrums für Forensische Psychiatrie in Lippstadt – gleicher Artikel wie vor:
    • ‚Nahlah Saimeh (…) ist davon überzeugt, dass eine Diagnose einer Psychopathie bei terroristischen Attentätern in der Regel falsch ist. Sie erklärt: „Häufig steht ein massives narzisstisches Selbstwertproblem dahinter, aber keine Persönlichkeitsstörung im krankheitswertigen Sinne. Massenmörder und Amokläufer sind häufig von einer großen inneren Leere geprägt.“ Zudem entspricht ihre Stellung im Beruf und der Gesellschaft nicht derjenigen, die sie für angemessen halten. „Während es Amoktätern oft um Rache oder Kränkung geht, entwickeln politische Mörder häufig ein bizarres, pathologisches Gerechtigkeitsempfinden mit einem aggressiven Gewissen für richtig oder falsch. Das stützt das fragile Selbstwertgefühl wie eine Prothese.“

Es wird deutlich, dass forensische Psychiater sich vorwiegend dafür interessieren, ob eine manifeste Psychose mit Wahnvorstellungen vorliegt, wie beispielsweise bei der Lafontaine-Attentäterin. Ist dies zu verneinen, tendieren sie dazu, Schuldfähigkeit anzunehmen. Gegenüber dem Focus bekannte Prof. Nedopil, er habe es in seiner langjährigen Praxis als Experte nur viermal erlebt, dass einem Straftäter aufgrund einer Persönlichkeitsstörung verminderte Schuldfähigkeit zugesprochen werde.

Hierzu ein Ausschnitt aus dem Wikipedia-Artikel zur Schuldunfähigkeit:

„Nach § 20 StGB handelt ohne Schuld, „wer bei Begehung der Tat wegen einer krankhaften seelischen Störung, wegen einer tiefgreifenden Bewußtseinsstörung oder wegen Schwachsinns oder einer schweren anderen seelischen Abartigkeit unfähig ist, das Unrecht der Tat einzusehen oder nach dieser Einsicht zu handeln.“

Schuldunfähig kann also sein, wer im Moment der Tat nicht das Schuldhafte seines Handelns erkennt oder nicht in der Lage ist, sich zu steuern.

Die aufgezählten psychischen Ursachen (sogenannte Eingangskriterien oder -merkmale) einer geminderten oder nicht vorhandenen Steuerungs- oder Einsichtsfähigkeit stellen Kategorien dar, die in der Psychologie und Medizin ungebräuchlich sind und im Grunde nur im Rahmen der Forensik verwendet werden.

  • Unter einer krankhaften seelischen Störung werden hirnorganisch bedingte Zustände – auch verursacht durch psychotrope Substanzen wie Alkohol (Vollrausch) – oder Psychosen verstanden.
  • Als tiefgreifende Bewußtseinsstörung gelten Erscheinungen, die Bewusstseinsveränderungen oder -einengungen darstellen, die keine Störung von psychopathologischer Relevanz konstituieren, etwa Erschöpfung, Ermüdung, Schlaftrunkenheit und vor allem emotionale Verwirrtheitszustände, die dazu führen können, dass eine Tat „im Affekt“ begangen wird (zum Beispiel unter Verlust der Steuerungsfähigkeit). Ein Versuch, derartige Zustände dennoch psychiatrisch diagnostizierbar zu machen, besteht in der Klassifizierung als akute Belastungsreaktion.
  • Als Schwachsinn werden Stufen angeborener Intelligenzschwäche ohne nachweisbare Ursache bezeichnet (Intelligenzminderung). Intelligenzschwächen, die im Zuge einer Demenz entstehen, werden indessen dem ersten Eingangskriterium zugeordnet.
  • Unter das Eingangskriterium schwere andere seelische Abartigkeit (häufig SASA abgekürzt) fallen eine ganze Reihe psychopathologischer Diagnosen. Darunter werden Persönlichkeitsstörungen, Paraphilien, Störungen der Impulskontrolle, Alkoholismus und andere substanzgebundene Abhängigkeiten sowie nicht-substanzgebundenen Abhängigkeiten wie Spielsucht verstanden.“

Breivik – schuldfähig oder schuldunfähig?

Es scheint mir eindeutig, dass bei Anders Behring Breivik eine schwere kombinierte Persönlichkeitsstörung mit narzisstischer, antisozialer und paranoider Akzentuierung vorliegt. Daher stellt sich die Frage, ob er das Unrechtmäßige seines Handelns erkennen und nach dieser Einsicht handeln konnte, oder ob seine verzerrte Realitätswahrnehmung im Rahmen seines ideologischen Denksystems diese Erkenntnis bzw. ein Handeln danach verhindert hat. Natürlich war Breivik bewusst, dass seine Tat gemessen an den Normen des geltenden Rechtssystems unrechtmäßig war, aber seine Überzeugung, sich aufgrund höherer Werte außerhalb dieses Rechtssystems stellen zu dürfen, ist ja gerade zentraler Bestandteil seiner psychischen Störung. Hätte er also am Tage des Attentats auch anders handeln können? Wäre es ihm möglich gewesen, zwischen einem rechtmäßigen und einem rechtswidrigen Handeln frei zu wählen und seine Willensentscheidung von dem Gebot bestimmen zu lassen, nicht töten zu dürfen? Oder war er vonseiner Weltsicht und seinen Werturteilen in einem Maße durchdrungen, dass er ihnen ohne wirklichen Entscheidungssspielraum ausgeliefert war. Der stärkste pathologische Zug des typischen Attentäters, meint der Autor Manfred Schneider, sei seine  „ungeheure Gewissheit“. Aus welcher Quelle hätte ein Umdenken, eine Einsicht kommen können?

 

Wird die Rigidität eines fanatischen, paranoiden und megalomanen Denk- und Bewertungssystems, dassich aus psychischen Gründen über Jahre hinweg gebildet und zu einer Weltsicht wie der von Breivik geführt hat, möglicherweise unterschätzt, auch wenn es sich nicht um einen psychotischen Wahn im engeren Sinn handelt? Kann der Betreffende aus diesem Denk- und Bewertungssystem, das innerhalb seiner Psychodynamik eine wichtige Funktion erfüllt, aus freiem Entschluss aussteigen? Ist er in der Lage, einen Standpunkt außerhalb seines üblichen Denksystems einzunehmen und von dort zu einer Relativierung dessen zu gelangen, was er jahrelang geglaubt hat? Einen Standpunkt im Sinne eines selbstkritischen inneren Beobachters, ungefähr so, wie in diesem Schaubild dargestellt? Oder war ihm genau dieses nicht möglich?

Warum sind eigentlich so viele Menschen derart glühende Verfechter einer sehr restriktiven Abwägung der Frage der Schuldfähigkeit und wollen Täter unbedingt in einer Strafanstalt und nicht in einer psychiatrischen Klinik untergebracht sehen? In beiden Fällen sind die Täter langjährig hinter Gittern. Wenn man sich aber den Fanatismus derer vor Augen führt, die auf Wegsperren im Gefängnis bestehen und Wegsperren in der Psychiatrie als zu milde empfinden (nicht zu reden von den „Rübe ab“-Anhängern), bekommt man ein gutes Gefühl dafür, in welchem Ausmaß der Spielraum einer freien Entscheidung eingeengt wird, sobald starke Emotionen im Spiel sind. Da ist für einen selbstkritischen inneren Beobachter kaum noch Platz.

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  1. Zur Psychostruktur des Anders Breivik « Denkraum

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