Rechtsextreme Mentalität

Grundlage rechtsextremer Mentalität ist ein komplexes psychisches Regulationsgeschehen, ein dynamisches Zusammenspiel von psychischen Motiven, Emotionen, Abwehrmechanismen, Werthaltungen und Einstellungen vor dem Hintergrund von Defiziten in der Persönlichkeitsentwicklung. Rechtsextreme Mentalität entsteht nicht aus Einstellungen und Werturteilen der Betroffenen als Ergebnis mehr oder weniger rationaler Überlegungen. Die Ansichten und Werturteile, die eine „rechtsextreme Gesinnung“ ausmachen, sind Folge tiefergehender psychischer Motive, und die vermeintlich rationalen Begründungen dieser Ansichten sind lediglich Rationalisierungen.

Vor längerer Zeit habe ich dem Wikipedia-Artikel über Skinheads einen Passus  „Sozialwissenschaftlicher Hintergrund“ hinzugefügt, der wesentliche Punkte des psychodynamischen und psychopathologischen Hintergrundes rechtsextremer Fanatiker aller Couleur wiedergibt:

„Soziologische und psychologische Deutungen wesentlicher Teile der Skinhead-Bewegung (insbesondere der Neonazis) knüpfen zum einen an den Untersuchungen zum „autoritären Charakter“ bzw. zur „autoritären Persönlichkeit“ an, die in den 1930er-Jahren vom Institut für Sozialforschung (Fromm, Horkheimer, Adorno u.a.) begonnen wurden, zum anderen an neueren sozialpsychologischen und psychoanalytischen Konzepten zu Gruppenidentitäten (u.a. Vamik Volkan).

Resultat dieser Forschungen sind unter anderem die Erkenntnisse, dass bei derart strukturierten Persönlichkeiten eine besondere Tendenz vorhanden ist,

  • ihr Identitäts- und Selbstwertgefühl wesentlich durch das Gefühl der Zugehörigkeit zu einer Gruppe zu festigen (Eigengruppe), mit der sie sich identifizieren (Rasse, Volk, Nation, Religion, Subkultur, Sekte, „Gang“ etc.)
  • diese Eigengruppe besonders hoch zu bewerten und von fremden Gruppen abzugrenzen (Fremdgruppe), die nicht nur als „andersartig“, sondern als minderwertig und „schlecht“ erlebt werden (Entwertungstendenz; s. auch Othering; Fremdenfeindlichkeit)
  • die Eigengruppe vor einer „Vermischung“ mit der Fremdgruppe zu schützen (z.B. „Rassenreinheit“), da eine solche Vermischung als Verunreinigung erlebt wird (bezieht sich auch auf die Verunreinigung der eigenen Kultur).

Diese handlungsleitenden Bewertungen beruhen nicht auf Tatsachen, sondern auf Vorurteilen. Sie erfolgen nicht aus rationalen, sondern aus tief verwurzelten psychischen Motiven und dienen der Stärkung des Selbstgefühls sowie der Emotionsregulation. Dabei kommt der Projektion abgewerteter Eigenschaften, auch eigener latenter Schwächen, auf die fremde Gruppe als Mittel zur Bewältigung negativer Gefühlszustände und innerer Konflikte besondere Bedeutung zu (s. Abwehrmechanismus). Negativ bewertete Eigenschaften der eigenen Person werden – unterstützt durch die Zugehörigkeit zur idealisierten Eigengruppe – nicht wahrgenommen und anerkannt, sondern auf die „Anderen“ projiziert und dort bekämpft (s. Feindbild). Dies ist eine der Wurzeln rassistischer Abgrenzungsneigung und Aggression.

Zudem verlieren die Gruppenmitglieder – vor allem, wenn sie gemeinsam mit ihrer Eigengruppe auftreten – ihr Einfühlungsvermögen (Empathie) und Mitgefühl den entwerteten „Anderen“ bzw. „Fremden“ gegenüber. Daher kann es unter den beschriebenen psychosozialen Bedingungen zu Akten besonderer Brutalität und Grausamkeit kommen.“

Worin unterscheiden sich psychopathische von nicht-psychopathischen Multikulturalismus- und Islamkritikern? Durch die realitätsverzerrende Dämonisierung bei der mentalen Gestaltung des jeweiligen Feindbildes (Juden, Mohammedaner, Farbige etc.), durch paranoide Persönlichkeitsanteile und in Verbindung damit exzessive Projektion  entwerteter Eigenschaften auf die betreffende Gruppe, die dadurch als besonders negativ erscheint. Außerdem durch Fanatismus bei der Bekämpfung der als Feindbild gewählten Gruppe und den Verlust von Empathie und Mitgefühl den Angehörigen dieser Gruppe gegenüber.

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2 Kommentare

  1. Die Überschrift ist wohl leider zu kurz gegriffen, da sich solche Verhaltensmuster in nahezu allen „ideologisch-homogenen“ Kollektiven wiederfinden. Vom neokommunistisch-antifaschistischen Aktionsbündnis über philosemitische Antideutsche à la „Gruppe Morgenthau“ bis zur banalen Gruppengenese sozial-benachteiligter „Schwarzköpfe“, die sich zusammenfinden um „Kartoffeln abzuziehen“; in allen Gruppierungen findet sich ein identitätsstiftender gemeinsamer Nenner, womit sich die Gruppe automatisch von anderen („Fremdgruppe(n)“) abgrenzt. Die Ursachen einer rechten Gesinnung auf Defizite in der Persönlichkeitsentwicklung zu reduzieren und somit jenen Vertretern indirekt eine Geisteskrankheit zu attestieren, kann somit getrost ad acta gelegt werden. Die Komplexität der Entstehung „rechtsextremer Gesinnung“ (wo in ihren Augen wahrscheinlich auch Teile der CDU/CSU dazugehören) verlangt wohl vielmehr eine multidimensionale Herangehensweise, bei der auch ethnologische, soziologische und politische Faktoren eine entscheidende Rolle spielen.
    Möglicherweise ist dem Autor auch nicht aufgefallen, dass durch diese Erklärungsversuche der „Täter“ (=Rechtextremist) unfreiwllig zum Opfer (= „an Rechtsextremismus erkranktes Individuum“) deklariert wird.

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    • Markus Wichmann

       /  13. Januar 2012

      Die Überschrift wurde bewusst so gewählt, da die Ausarbeitung in ihrer Gesamtheit sich eben doch auf rechtsextreme Mentalität bezieht. Es wird ja nicht nur „ein identitätsstiftender gemeinsamer Nenner“ zur Abgrenzung von Fremdgruppen angeführt. Richtig ist aber, dass sich die beschriebenen Mechanismen z.T. auch bei anderen homogenen Gruppierungen (Fussballfans, religiöse Fanatiker etc.) finden.

      Keineswegs wird in dem Blogbeitrag Rechtsextremen indirekt eine „Geisteskrankheit“ unterstellt – wohl aber bestimmte Persönlichkeitseigenschaften bzw. Defizite in der psychosozialen Entwicklung (Persönlichkeitsentwicklung). Einen Ansatz, der eben dies betont, halte ich für angemessen. Deshalb spreche ich auch von rechtsextremer „Mentalität“ und nicht Gesinnung. Es ist eben nicht ein rein intellektuell-kognitiver Vorgang, sondern ein komplexer psychischer Prozess, der zu dieser Mentalität führt, die sich dann auch in der politischen Gesinnung ausdrückt.

      Das bedeutet nicht, dass die soziologische und politische Ebene keine Rolle spielt – sonst gäbe es ja nicht in unterschiedlichen soziopolitischen Situationen unterschiedlich viele manifeste Rechtsextreme (Drittes Reich; gleichzeitig ausgeprägten Faschismus in Italien). Aber letztlich sind es bestimmte Persönlichkeitsstrukturen, die dafür empfänglich bzw. anfällig sind.

      Antworten

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