Kunst oder Leben, das ist hier die Frage

Der Verfasser des hier von mir kommentierten Artikels im Transatlantikblog hat seine Aussagen ergänzt und überarbeitet. Sein Gedankengang ist jedoch im wesentlichen derselbe geblieben. Ich habe ihm einen weiteren Kommentar gesandt:

Sie machen in Ihrem Artikel durchgängig einen Denkfehler – denselben wie seinerzeit Stockhausen. Sie verlieren einen entscheidenden kategorialen Unterschied aus dem Blick: den zwischen einem Kunstwerk als einem Produkt menschlicher Phantasie, das auf einer Zeichenebene, einer symbolischen Ebene, zum Ausdruck gebracht wird, und der tatsächlichen Umsetzung von Phantasien im wirklichen Leben.

Die Schriften de Sades oder die Filme Pasolinis mag man als Kunst betrachten. Tatsächliche Akte lustvoller Grausamkeit, mögen sie noch so kunstvoll ausgeführt sein, sind einfach Akte lustvoller Grausamkeit. Ihnen fehlt der „Als-ob-Charakter“ eines Kunstwerks.

Shakespeare hat Theaterstücke geschrieben, die auf Bühnen aufgeführt wurden. Seine „vor Blut triefenden und meist nicht gut endenden Stücke“ sind Kunstwerke, in denen er seine Gedanken und Phantasien über uns Menschen zum Ausdruck brachte, damit sie im Theater zur Erbauung der Zuschauer in Szene gesetzt werden („Erbauung“ im weitesten Sinne). „Wir vor der Bühne“ sind eben gerade nicht „auch auf der Bühne“, sondern es wird uns mit dem Theaterspiel, dem wir zuschauen, allenfalls ein Spiegel vorgehalten, in dem wir eigene Motive, Neigungen und Konflikte erkennen können. Wenn es tatsächlich “unser Blut ist, das gerade trieft“ und nicht Theaterblut, so haben wir die Sphäre des Zeichenhaften, des Symbolischen, und damit die Ebene der Kunst verlassen und befinden uns im tatsächlichen Leben.

„Brutales, verbrecherisches, menschenverachtendes Menschenwerk, die Realisierung einer monströsen Phantasie“ im wirklichen Leben ist – wenn Sie so wollen, per definitionem – keine Kunst. „Eine umgesetzte Todesphantasie“ ist nicht „mörderische Kunst“, sondern Mord.

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Beuys hat eine von ihm ausgestellte Badewanne als Kunstwerk angesehen, und das lag in der Tat in seiner Definitionshoheit. Wenn er aber die Badewannen anderer Leute gegen deren Willen beschmutzt hätte, ganz real, und behauptet hätte, das sei eben ein Kunstwerk von ihm, so hätte er seine Definitionshoheit überschritten. Er hätte noch versuchen können, sich mit dem Humpty-Dumpty-Prinzip zu helfen („Wenn ich ein Wort verwende, dann bedeutet es genau, was ich es bedeuten lasse, und nichts anderes.“) – aber das hätte man ihm nicht durchgehen lassen.

Mit Ihren Ausführungen zu Sibelius und Hochhuth sprechen Sie die Wirkmächtigkeit mancher Kunstwerke an. Diese ist doch völlig unbestritten. Aber der eine kreierte Kompositionen, der andere Theaterstücke – geistige Schöpfungen also, die bei den Rezipienten ebenfalls auf einer geistig-seelischen Ebene eine „Transformation“ bewirkten (ein Begriff, den Stockhausen liebte und der den missverständlicheren der „Erbauung“ getrost ersetzen mag).

Hätten die Künstler jedoch Transformationen durch direkte Eingriffe in die gesellschaftlichen Verhältnisse bewirkt – indem sie eine Partei gegründet oder Prozesse geführt hätten, oder in den Krieg gezogen wären – so hätten sie mit diesen Aktionen den Raum der Kunst verlassen und wären in den Raum der Machtausübung eingetreten. Sie hätten nicht mehr die Köpfe der Menschen mit geistigen Kreationen beeinflussen wollen, sondern den Lauf der Welt durch ganz reales Handeln im gesellschaftlichen Raum, wie alle anderen Nicht-Künstler auch, seien sie nun Politiker oder Terroristen.

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Ein Kommentar

  1. Transatlantikblog T.A.B. » Nochmals: Stockhausen zum 11.September

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