Werden dreieinhalb Billionen Euro Staatsschulden der europäischen Südländer vergemeinschaftet ?

Eine umfassende, tiefgehende und äußerst erhellende Analyse der Wirtschafts- und Währungssituation im Euroraum hat Prof. Hans-Werner Sinn in einem ausführlichen Gespräch mit der FAZ vorgetragen – erschienen in der FAZ vom 18.02.2012 unter der treffenden Überschrift „Wir sitzen in der Falle“.

Für den Ökonomen Hans-Werner Sinn ist der Zug in Richtung Transferunion abgefahren. ‚Die Rettungsschirme werden in Kürze verbraucht sein‘, sagt er im Gespräch mit der F.A.Z. Im Endeffekt würden dreieinhalb Billionen Euro Staatsschulden der Südländer vergemeinschaftet.“

Neben der Lage der südeuropäischen Problemstaaten werden insbesondere die enormen Risiken beleuchtet und in ihren Ursachen, Zusammenhängen und Auswirkungen erläutert, die sich bei den europäischen Notenbanken angehäuft haben. Prof. Sinns Beschreibung des komplexen Problemgefüges zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass er mit schonungsloser Offenheit auch diejenigen Sachverhalte aus dem Innenleben des europäischen Notenbanksystems darlegt, von denen der interessierte Laie normalerweise nichts erfährt; und dass er die hohen dreistelligen oder gar vierstelligen Milliardenbeträge nennt, die auf dem Spiele stehen, bzw. genauer: bereits mehr oder weniger verloren sind.

Ob die Lage tatsächlich in derart aussichtsloser Weise verfahren ist, wie Sinn meint, kann ich nicht beurteilen. Sollte er jedoch richtig liegen mit seiner Analyse, dann säßen wir alle tatsächlich in einer veritablen Falle.

Hier einige Zitate aus dem Gespräch:

„Professor Sinn, die Griechen erhalten bald ein weiteres Hilfspaket von 130 Milliarden Euro. Haben Sie Hoffnung, dass dies die letzte Zahlung sein könnte?

Nein. Es wird nur kurze Zeit reichen. Das ist eine weitere Hilfe für die Kapitalanleger, die so noch mal einen Teil ihrer Staatspapiere loswerden. Wollte man den Griechen wirklich helfen, müsste man ihnen dieses Geld als Austrittshilfe geben. Sie haben keine Chance, im Euroraum wettbewerbsfähig zu werden. Sie müssten 31 Prozent mit ihren Preisen runter, um auf das türkische Niveau zu kommen.

Also muss Griechenland die Währungsunion im eigenen Interesse verlassen?

Ja, denn wenn man Griechenland zumutet, durch ein Sparprogramm die Wettbewerbsfähigkeit zu erreichen, wird das Land zerbrechen. Da können die Politiker Europas zehn Mal etwas anderes sagen. Bestimmte Dinge sind ökonomisch nicht möglich.

31 Prozent? Was haben die Griechen denn in den zwei Jahren mit ihren Sparanstrengungen erreicht?

Nichts. Das ist das große Problem nicht nur in Griechenland. Vor der Krise waren die Preise in den peripheren Ländern und Italien durch den billigen Kredit, den ihnen der Euro brachte, explodiert. Kreditfinanziert wurden Löhne erhöht, sind Leistungsbilanzdefizite entstanden. Das Geld für den Importüberhang hat man sich im Ausland geliehen. Das ging gut, bis die amerikanische Finanzkrise nach Europa kam. Dann ist die Blase geplatzt. Die Preise sind aber heute noch die Preise vom Zeitpunkt des Platzens der Blase. Das sind keine Gleichgewichtspreise, die müssen runter. Wir brauchten normalerweise eine Wechselkursanpassung. Aber die gibt es im Euro nicht. Also muss man das gleiche durch eine relative Preissenkung im Vergleich zu den Wettbewerbern im Euroraum leisten.

Wir hören seit zwei Jahren, wie schlimm die Sparauflagen sind. Tatsächlich ist an interner Abwertung nichts passiert?

Nein. Obwohl man um eine zweistellige Rate runter müsste, ist das spanische Preisniveau in der Krise um gerade mal ein Prozent gegenüber den Wettbewerbern gefallen. Italien und Portugal sind sogar noch teurer geworden, als sie ohnehin schon waren. Das Beharren auf falschen Preisen ist das Hauptproblem der Eurozone. Daran kann sie zerbrechen. Das Schuldenproblem verblasst dagegen. Die südeuropäischen Länder sind der Lösung ihrer Probleme bislang kein bisschen nähergekommen. Sie sollten sich an Irland ein Beispiel nehmen. Irland hat die Preise in den letzten fünf Jahren um 16 Prozent gegenüber seinen Handelspartnern gesenkt. (…)

Was passiert, wenn die Drachme eingeführt wird?

Es gibt einen Bank-Run. Die Banken sind insolvent und müssen gestützt werden. Deswegen wäre es besser, die 130 Milliarden Euro für den Übergang zur Drachme zu verwenden. (…)

Auch die Menschen werden flüchten, oder?

Das ist ein großes Problem, aber diese Fluchtbewegung wäre größer, bliebe man ohne Transfers im Euro. Es gibt nur drei Möglichkeiten: Erstens, wir finanzieren das griechische Leistungsbilanzdefizit von 10 Prozent weiter mit Krediten, die zu Geschenken mutieren werden. Zweitens, Griechenland tritt aus und wertet ab. Drittens, Griechenland wird im Euro entsprechend billiger. Der dritte Weg bringt die Gewerkschaften auf die Barrikaden. Er führt zum Massensterben in der Wirtschaft, denn die Bankschulden der Firmen bleiben, während die Werte der Anlagen und Gebäude in den Keller gehen. Die Firmen sind dann überschuldet.

Welche Vorteile hätte die Einführung der Drachme?

Durch Austritt und Abwertung werden die Bankschulden abgewertet. Daher bleiben die Bilanzen der Firmen in Ordnung. Das ist der Riesenvorteil. Die Außenschulden bleiben natürlich und steigen im Verhältnis zum abgewerteten Bruttoinlandsprodukt. Aber das wäre bei einer inneren Abwertung durch Preissenkung genauso. Beim Austritt kann man allerdings das Lex Monetae anwenden und die Außenschulden ebenfalls in Drachme verwandeln. Das ist ein weiterer Vorteil. (…)

Ist der politische Wille zum Austritt in Griechenland gewachsen?

Griechenland würde sofort austreten, wenn es keinen Zugang zu Druckerpresse und Rettungspaketen mehr hätte. Der einzige Grund, warum die Griechen im Euro bleiben, ist die Hoffnung, von dem vielen Geld, das den Gläubigern zufließen kann, ein bisschen für sich abzuzweigen.

Wie hoch ist die Ansteckungsgefahr für Portugal und andere?

Die ist vorhanden. Aber sie wird von den Gläubigern an der Wall Street, in London und Paris instrumentalisiert. Sie sagen: Wenn Ihr Griechenland nicht rettet, bricht die Welt zusammen. In Wahrheit bricht ihr Vermögensportfolio zusammen, nicht die Welt. Wenn man das weiß, muss man nicht so ängstlich sein. Persönlich glaube ich, dass die Kapitalmärkte sehr wohl zwischen den Ländern unterscheiden können. So halte ich eine Ansteckung von Irland für ausgeschlossen, weil die Märkte beobachten, dass Irland wieder Leistungsbilanzüberschüsse hat.

Sehen Sie Fortschritte in Spanien und Italien?

Ehrlich gesagt nicht, weder was die Defizite anlangt, noch die Preise. Das sind bislang Absichtserklärungen. Wirklich gehandelt hat nur Irland.

Die Bundesregierung versichert, die deutsche Haftung für die Krisenländer sei bei 211 Milliarden Euro gedeckelt.

Da fehlt einiges. Erstens sind es 253 Milliarden Euro, weil im Kleingedruckten steht, dass es noch 20 Prozent mehr werden können. Außerdem sind die Staatspapierkäufe, die exorbitanten EZB-Kredite sowie die Gelder von der EU und vom IWF nicht dabei. Wir haften nach heutigem Stand für 643 Milliarden Euro. Hinzu kommen die Zinsen für die Kredite. (…)

Wie geht das alles aus?

Der Zug ist in Richtung Transferunion abgefahren. Die Rettungsschirme werden in Kürze verbraucht sein. Dann wird man Deutschland bedrängen, die Summe zu erhöhen, um die alten Kredite zu schützen. Man wird immer wieder neues Geld dem alten hinterherwerfen, um sich bis zur jeweils nächsten Wahl zu retten. Im Endeffekt werden dreieinhalb Billionen Staatsschulden der Südländer vergemeinschaftet sein. Deutschland wird einen erheblichen Teil seines Auslandsvermögens verlieren – entweder über Staatskonkurse, über Inflation oder, am wahrscheinlichsten, über Steuererhöhungen zur Finanzierung der anstehenden Transferunion.

Wie fällt Ihr Urteil über die Verhandlungstaktik der Bundeskanzlerin aus?

Frau Merkel wird von der Wall Street, Obama, der City of London, Sarkozy, Barroso und allen Staatschef der südlichen Länder gedrängt, den Anlegern über die Bad Bank in Luxemburg, die letztes Jahr gegründet wurde (die EFSF; die Redaktion), ihre toxischen Staatspapiere abzukaufen. Dagegen hat sie die Strategie des Durchwurstelns entwickelt. Sie macht ihr Portemonnaie auf, wenn der Druck zu groß wird, aber sie gibt nicht alles her, was sie hat, weil sie weiß, dass ihre Freunde dann kein Interesse mehr an ihr haben. Sie versucht ihr Bestes. Aber wir sitzen trotzdem in der Falle.“

Siehe auch:
  • 16 Wege aus der Krise – Sorge um Deutschland und EuropaBogenberger Erklärung– FAZ, 06.12.2011
    • „Mit ihrer Bogenberger Erklärung zeigen sich Experten um den Präsidenten des Ifo-Instituts, Hans-Werner Sinn, tief besorgt über die Lage der Europäischen Währungsunion. In 16 Thesen weisen sie auch einen Weg aus der Krise.“
  • „Die Retterei wird in eine Transferunion münden“Hans Werner Sinn, Beitrag für die Wirtschaftswoche, 06.01.2012
    •  „Was bringt uns das Jahr 2012? Die anhaltende Krise der Euro-Zone und die schwächelnde US-Wirtschaft dürften den deutschen Export zunehmend dämpfen. Doch die Binnennachfrage von Unternehmen und Konsumenten bleibt in Deutschland erstaunlich robust. Eine konjunkturelle Vorausschau.“
  • Prof. Hans-Werner Sinn spricht Klartext – Interview von Daniel Kühn mit Prof. Sinn für die Sonderpublikation „Währungsreform und neue Geldsysteme“ der BörseGo AG – 16.02.2012
  • Starökonom Hans-Werner Sinn: „Der Griechenland-Plan ist illusionär“– Spiegel-Interview mit Prof. Sinn, 20.02.2012
    • „Europas Finanzminister wollen das zweite Rettungspaket für Griechenland absegnen. Doch Ifo-Präsident Hans-Werner Sinn warnt im SPIEGEL-ONLINE-Interview: Das Geld werde nicht dem Land helfen, sondern nur den internationalen Banken. Man solle damit lieber den Austritt aus der Euro-Zone finanzieren.“
  • Stoppt die 130-Milliarden-Überweisung! – Kommentar von Christian Rickens– Spiegel Online, 20.02.2012
    • „Griechenland ist pleite. Das Land braucht nicht 50 oder 70, sondern 100 Prozent Schuldenerlass, soll es wirtschaftlich wieder auf die Beine kommen. Doch das Hilfspaket, das die Euro-Finanzminister heute Nachmittag absegnen sollen, hilft nicht in erster Linie den Griechen, sondern ihren Gläubigern.“
  • Der Mann und die Milliarden-BombeStefan Kaiser, Spiegel-Online, 27.02.2012
    • „Vor gut einem Jahr entdeckte Hans-Werner Sinn ein gigantisches Risiko in der Bilanz der Deutschen Bundesbank. Seitdem kämpft der Ökonom dafür, das Thema ins öffentliche Bewusstsein zu bringen. Doch das Problem ist zu sperrig für eine Talkshow. Sicher ist: Das Risiko steigt weiter.“
Themenseiten zu Hans Werner Sinn:

Homepage von Prof. Sinn

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