„Es gibt keine Euro-Krise“ – Der unglaublich naive Euro-Kommentar des DIW-Präsidenten (1)

Dies ist der erste von zwei Beiträgen, die sich kritisch mit Kommentaren des DIW – Präsidenten Marcel Fratzscher zur Euro-Krise auseinandersetzen. Fratzscher vertritt die Überzeugung, eine Euro-Krise gebe es gar nicht. Wenn viele Deutsche für die Schulden- und Finanzkrise Europas die Einführung des Euro verantwortlich machten, so „irren alle“, denn die Krise liege nicht am Euro.

Während der hier folgende erste Teil auf die Vorgeschichte des Führungswechsels beim größten deutschen Wirtschaftsforschungsinstitut eingeht und frühere Kommentare des neuen, seit Februar 2013 amtierenden Präsidenten kritisch beleuchtet, befasst sich der zweite Teil eingehend mit der wesentlichen Argumentation Fratzschers in einem „Zeit“-Artikel aus dem April 2013. Ein ursprünglich geplanter 3. Teil zu weiteren Argumenten in dem genannten Artikel konnte aus Zeitgründen bislang nicht fertiggestellt werden. 

Das renommierte Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin, ältestes und mit ca. 250 Mitarbeitern größtes der deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute, hat seit Februar einen neuen Präsidenten: Marcel Fratzscher42 Jahre jung und sympathisch.

Dem aktuellen Wochenbericht Nr. 15 des DIW fügte der neue Institutschef auf der letzten Seite noch einen Kommentar zum Euro hinzu, den tags zuvor bereits die „Zeit“ veröffentlicht hatte. Diese „Euro-Analyse“ des DIW-Präsidenten ist an Naivität kaum zu überbieten.

Der „Zeit“-Artikel vom 9. April 2013 trägt die Überschrift: „Es liegt nicht am Euro!“ und fährt dann fort, viele Deutsche machten den Euro für die Krise verantwortlich, eine neue Partei wolle ihn gleich abschaffen. Indes: „Sie irren alle.“ Im hauseigenen Wochenbericht spitzt der frischgebackene Institutsleiter den Titel seines Kommentars noch zu: „Es gibt keine Euro-Krise.“

Damit Sie die ganze Tragweite des Unfugs verstehen, den der – wie gesagt: sympathische – DIW-Präsident da von sich gibt, hier kurz die Vorgeschichte.

Nach allerlei unrühmlichen Querelen um den ehemaligen, Anfang 2011 zurückgetretenen Institutsleiter Prof. Zimmermann sollte durch eine sorgfältige Auswahl eines geeigneten Präsidenten ein umfassender Neuanfang beim DIW sichergestellt werden. Eine Findungskommission unter Leitung von Prof. Bert Rürup, gleichzeitig Vorsitzender des letztlich entscheidungsbefugten Kuratoriums, wurde mit der Suche nach geeigneten Kandidaten beauftragt. Gesucht wurde „ein forschungsstarker Makroökonom, der sich rege an der wirtschaftspolitischen Debatte beteiligt, zudem einige Erfahrung in der Politikberatung besitzt und weiß, wie man ein großes Forschungsinstitut leitet“ (Financial Times Deutschland). Der sollte dem zur Leibniz-Gemeinschaft gehörenden, zu gleichen Teilen aus Bundes- und Landesmitteln finanzierten Institut „zurück zu altem Glanz verhelfen“.

Im Sommer letzten Jahres schlug die Findungskommision den jüngsten aus einer Gruppe von fünf hochrangigen Kandidaten vor: den damals 41-jährigen Makroökonomen Marcel Fratzscher. Der hatte nach dem Studium in Kiel, Oxford und Harvard kurze Zeit für die Weltbank, einige Jahre für das renommierte Peterson Institute for International Economics (Washington) und ab 2001 für die Europäische Zentralbank (EZB) gearbeitet, wo er seit 2008 die 24-köpfige Abteilung für internationale wirtschaftspolitische Analysen leitete. Prof. Rürup damals: Der für den DIW-Chefposten vorgesehene Ökonom sei ein „hervorragend ausgewiesener Wirtschaftswissenschaftler“, von dem „Impulse für die theoriegeleitete und empirisch fundierte Politikberatung zu erwarten“ seien. (Spiegel Online)

Ausschlaggebend sei jedoch gewesen, wusste die FTD, dass Fratzscher „nicht nur in der politischen Krisendebatte mitmischen könne, sondern auch einen enormen Ausstoß an Forschungspublikationen habe.“ Der junge „Karriere-Ökonom“ sei „extrem ehrgeizig“ und „einer der forschungsstärksten Ökonomen im deutschsprachigen Raum – und das mit Anfang 40.“ Näheren Aufschluss darüber gibt dessen Wikipedia-Eintrag: „Beim Handelsblatt Ökonomen-Ranking 2011, das die Forschungsleistungen von ca. 1.500 Ökonomen an der Qualität ihrer Publikationen seit 2007 misst, wird er auf dem vierten Platz geführt.“

Angesichts dieser Meriten war die Bestätigung durch das DIW-Kuratorium nur noch Formsache, und der designierte Institutschef erklärte den Medien alsbald seine Vision von der zukünftigen Ausrichtung des Wirtschaftsforschungsinstituts: er wolle es zu einer „Denkfabrik“ machen, die eine „Brückenfunktion zwischen Wissenschaft und Wirtschaftspolitik“ wahrnehmen könne. Man wolle wirtschaftspolitische Entscheidungen mit vorbereiten – durch den Standort Berlin sei man schließlich nah dran an der Politik.

Bald interessierten sich die Medien auch für inhaltliche Positionen des zukünftigen DIW-Präsidenten. Anfang August 2012 erklärte er der FAZ, angesichts der unterschiedlichen Interessen in Europa fehle es an „einer gemeinsamen, langfristigen Vision“. Stattdessen gebe es „viele unterschiedliche Visionen und Meinungen, wie Europa in fünf, zehn oder zwanzig Jahren aussehen sollte.“ Dies verhindere, „dass wichtige gemeinsame Entscheidungen getroffen und umgesetzt werden.“ Man brauche mehr Integration und einen Souveränitätsverzicht der nationalen Staaten. Wirtschaftspolitische Entscheidungskompetenzen müssten auf die europäische Ebene verlagert werden – allesamt Forderungen, die auch von zahlreichen Politikern seinerzeit gebetsmühlenartig wiederholt wurden.

War es aber nicht bereits damals ein wenig naiv, angesichts der nun einmal bestehenden gravierenden Interessenunterschiede zwischen den europäischen Staaten einfach eine gemeinsame langfristige Vision anzumahnen?

Stellen Sie sich vor, einer unserer Gesundheitsminister hätte vor dem Hintergrund der unterschiedlichen Interessenlagen der Akteure im Gesundheitswesen deren fehlende gemeinsame Vision beklagt. Selbst Philip Rösler wäre das nicht eingefallen, als er diesen Job noch hatte. Oder nehmen Sie den Albtraum Energiewende, der sich derzeit in Deutschland abspielt: Länder gegen Bund, Stromkonzerne gegen Bürgerinitiativen, Altmeier gegen Rösler. Und wenn der schwergewichtige, ebenfalls sympathische Umweltminister einen gemeinsamen „nationalen Kraftakt“ fordert, lächeln alle nur müde. Nein, die Nase vorn haben die unterschiedlichen Interessen.

Oder, angesichts der gemeinsamen Schreckensvision doch wirklich plausibel: Wie kann es sein, dass sich die Staaten dieser Welt vor dem Hintergrund der unserem Planeten drohenden Klimakatastrophe nicht endlich auf gemeinsame klimapolitische Ziele und Positionen einigen, anstatt sich von einem ergebnislosen Klimagipfel zum nächsten zu hangeln? Alle wissen doch was droht – und gerade die USA und China, die größten Blockierer, werden zunehmend von klimabedingten Naturkatastrophen heimgesucht. Trotzdem gehen ihnen kurzfristige nationale Interessen vor, während die langfristig orientierte Vernunft das Nachsehen hat. Höchst bedauerlich, aber so sind sie – die Leut‘, die Politiker, und die Staaten. Die Politiker schon systembedingt wegen der bei den nächsten Wahlen vorzuweisenden Erfolge.

Was also lehrt uns das Leben? Jedem Staat ist sein Hemd näher als der Rock des anderen – Vernunft hin, Nachhaltigkeit her. So ist es auch in Europa, wir erleben es täglich. Eine gemeinsame Vision, wie die der angeblich friedenssichernden Funktion des Euro, denn schließlich habe man im letzten Jahrhundert noch blutige Kriege gegeneinander geführt – das ist was für pathosreiche Sonntagsreden, deren Wahrheitsgehalt kaum geprüft wird.

Derart allgemeine Visionen mit hehren Zielen scheitern in den meisten Fällen an der nüchternen Wirklichkeit. „Leicht beieinander wohnen die Gedanken, doch hart im Raume stoßen sich die Sachen“ ließ Schiller seinen Wallenstein sagen. „Was unter dem hochtrabenden Begriff der ‚Vision‘ entstanden ist, hat sich durchwegs als Luftschlösser und Kartenhäuser erwiesen, die beim ersten wirtschaftlichen ‚Wind‘ zusammengebrochen sind“, ist die Schlussfolgerung des angesehenen Wirtschaftswissenschaftlers Fredmund Malik. Und unser aller kluger Helmut Schmidt sagt einfach: „Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen.“

Wie wir mittlerweile wissen, wurde der Euro offenbar im wesentlichen von Francois Mitterand durchgesetzt, einem dieser bevorzugt in weiträumigen historischen Dimensionen denkenden Politiker.  Die Entwicklung zeigt, wohin es führt, wenn weitreichende Visionen, die immer auch etwas von Wunschträumen an sich haben, die Politikziele vorgeben, ohne nüchterne Berücksichtigung der realen Verhältnisse, Interessenlagen und Risiken.

Die Vision eines geeinten Europas mit einer gemeinsamen Währung konkretisierte jeder für sich in einer anderen Weise. Alle hatten ihre ganz eigenen Hintergrundvorstellungen. Die Nordeuropäer dachten, angesichts der geschlossenen Verträge mit sorgfältig ausgehandelten „Konvergenzkriterien“ würden die südlichen Länder nun zur Vernunft kommen und ihre staatlichen Strukturen und Volkswirtschaften mittels Reformprogrammen endlich in Ordnung bringen – nach dem Vorbild der Nordstaaten. Die Südeuropäer füllten ihre Vision aber offenbar mehrheitlich mit anderen Inhalten, die ihrer Mentalität näher lagen: sie sahen zunächst die willkommene Möglichkeit, sich allerlei kreditfinanzierte Wünsche zu erfüllen, angesichts des für sie nun erschwinglich gewordenen Zinsniveaus. Im Übrigen gab es ja ein Hintertürchen: Im absoluten Notfall einer drohenden Staatspleite würden die reichen Nordstaaten ihnen schon unter die Arme greifen. Denn auch für die wäre das dann ein höchst prekärer Notfall – mit einem Ausweg, genau einem einzigen: Transferunion. Geld vom Norden in den Süden.

Seit Februar 2013 in Amt und Würden, gab der DIW-Präsident in einem Gespräch mit dem Manager Magazin vor knapp drei Wochen einen noch weitreichenderen Wunschtraum preis: „Die Vision für Europa ist mehr Integration. Ich würde mir wünschen, dass langfristig alle 27 Länder der EU auch den Euro haben.“ Nein, der Spitzenökonom sagte nicht „langfristig“, auch wenn zahlreiche Presseorgane sein tatsächliches Statement dahingehend verkürzten. Er sagte „sehr langfristig“. Halten wir ihm das zugute.

Die Lage in Südeuropa sei zwar noch sehr schwierig, erläuterte Fratzscher, aber die realwirtschaftliche Situation vieler Länder stabilisiere sich bereits – erstes Resultat der Reformen. Die Ungleichgewichte würden geringer, die südeuropäischen Länder wieder wettbewerbsfähiger. Es sei absehbar, dass es bald zu einer Erholung kommen werde.

Das sagte der DIW-Präsident Ende März. Der interessierte Leser rieb sich die Augen: Südeuropa auf dem aufsteigenden Ast? Trotz beispielsweise weiter wachsender, gigantischer Arbeitslosigkeit? Tatsächlich?

Eine Woche zuvor hatte die FAZ Vertrauliches vom Abendessen der Staats- und Regierungschefs vor dem jüngsten EU-Gipfeltreffen berichtet  („Die gespaltene Währungsunion“).  Nach dem Dessert habe EZB-Präsident Mario Draghi einen Lagebericht gegeben, der genau in die entgegengesetzte Richtung wies. „Defizit- und Überschussländer entwickeln sich immer weiter auseinander, vor allem die Schere zwischen Lohn und Produktivität.“ Das mache Mario Draghi Sorgen. Er habe die nachstehenden Grafiken verteilt und dazu vorgetragen,

„welche Schlüsse die Zentralbank daraus zieht. Die Währungsunion sei gespalten. Länder wie Deutschland seien wettbewerbsfähig und kostengünstig. In anderen lasse die Produktivität zu wünschen übrig, seien die Lohnkosten zu hoch. In der Eurozone entwickeln sich seit 1999 (sic!) die Defizit- und Überschussländer wirtschaftlich immer weiter auseinander. Das zeigt etwa der Vergleich von Deutschland mit Frankreich und Italien. In Frankreich stiegen die Löhne doppelt so stark; in Italien blieb die Produktivität fast stehen.“

Die Schere zwischen Löhnen und Produktivität

Sehen Sie, lieber Herr Fratzscher, das ist das Problem, nach wie vor. Keine Stabilisierung, weiter wachsende Ungleichgewichte. Ihrem ehemaligen Chef ist das bestens bekannt, und Sie sollten nicht versuchen, uns ein X für ein U vorzumachen.

Zunehmend in die Katastrophe führt, dass die normale und in aller Regel auch wirksame Lösung dieser wirtschaftlichen Spannungen und Ungleichgewichte den Staaten der Euro-Währungsunion verwehrt ist: Der Ausgleich ihrer unterschiedlichen Wirtschaftskraft durch flexible Wechselkurse. Die Währung der schwachen Staaten könnte abwerten, die der starken Staaten würde teurer – höchst zweckmäßige, sinnvolle Schritte in Richtung auf ein neues Gleichgewicht. Die EU würde es selbstverständlich trotzdem geben. Nur wäre sie harmonischer, ohne die Euro-Zwangsjacke.

Soweit die – länger als geplant geratene – Vorgeschichte.

Aber es kommt noch schlimmer. Der Kommentar zur aktuellen Euro-Analyse des DIW-Präsidenten folgt im zweiten Teil dieses Beitrags. Sie ahnen es schon: es wird ein Verriss.

Siehe auch:
  • Wir reden von einem Europa, das es gar nicht gibt Arnulf Barings – wie immer engagierte – Lagebeurteilung der europäischen Entwicklung  – Focus, 30.03.2013
    • Noch vor einigen Jahren wäre es undenkbar gewesen, dass ich einen Beitrag von Arnulf Baring verlinke. Er war in meinen Augen ein streitbarer Konservativer, dessen Ansichten ich ablehnte. In letzter Zeit sah ich ihn in einigen Talkshows und fand, inzwischen hat er was von einem „alten Weisen“ (C.G. Jung). Seine Betrachtungen und Argumente zur Lage in Europa sind jedenfalls lesens- und bedenkenswert.
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Ein Kommentar

  1. F.

     /  16. April 2013

    Nun wir haben keine gemeinsame Währung, denn jedes Land hat den jeweiligen Ländercode: X= BRD, Y= Griechenland, und weil niemand dem System vertraut, werden die Scheine auch immer gleich wieder zurückgeschickt. Daher erhalten Sie an den Geldautomaten oder direkt von der Bank stets in der BRD Scheine ab 50 EUR mit einem X. Bei kleinen Scheinen macht man sich nicht mehr die Mühe, ebenso bei Münzgeld.

    Die Währung wird erst dann gemeinsam, wenn man Zwangsgrundschulden einführt, die dann in Bar beglichen werden müssen, um so die gesamte Liquidität von derzeit geschätzten 143 Mrd. EUR aus dem Markt zu saugen. Diese Geld-Scheine werden dann dazu genommen, die Einlage in den ESM vorzunehmen von 190 Mrd. zzgl. der bis dahin aufgelaufenen Forderungsausfälle von Italien, Portugal, Spanien, Irland, Frankreich, Slowenien. Daher wird die Einlage dann vermutlich bei mind. 500 Mrd. liegen.

    Eine Währung wurde vom Chef der Bank unterschrieben. Das ist bei dem Geld-Schein nicht der Fall, auch steht dort nicht der Absender drauf und nicht der Fälschungshinweis, sondern lediglich ein Copyright. Aus diesem Grunde sollte das Copyright-Gesetz auch so massiv verschärft werden, weil man nicht möchte, daß die Scheine kopiert werden.

    Aber der Schein trügt und deshalb dürfen auch keine Kopiergeräte mehr verkauft werden, die den Schein nicht erkennen und somit kopieren können.

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