Europas verlorene Generation

Einen aufrüttelnden Kommentar ihres Wirtschaftsredakteurs und Henri-Nannen-Preisträgers Markus Balser zur Massenarbeitslosigkeit, vor allem der jungen Generation, in den südlichen Staaten Europas veröffentlichte die Süddeutsche Zeitung am 4. April 2013.

Angesichts der Brisanz der Lage und der unabsehbaren Folgen für Europa, die bisher keineswegs genügend ins Bewusstsein der Politiker, geschweige denn der Bevölkerung gedrungen sind, veröffentlicht der Denkraum weiter unten diesen auf der Internetseite der Süddeutschen Zeitung leider nicht frei verfügbaren Artikel. (Honi soit qui mal y pense.)

Was muss noch passieren, bis man endlich erkennt, dass Europa völlig aus dem Ruder läuft?

Warum es aus dem Ruder läuft?

  1. Weil die in Jahrhunderten gewachsenen unterschiedlichen Mentalitäten der nun gemeinsam im Euro-Prokrustesbett steckenden Nationen eine Angleichung der wirtschaftlichen Leistungskraft und Wettbewerbsfähigkeit der betreffenden Volkswirtschaften unmöglich machen. Im Gegenteil wird die Schere immer größer (s. unten).
  2. Weil die im Eurosystem zusammengeschlossenen Staaten somit alles andere als ein „optimaler Währungsraum“ sind. Damit fehlt aber die entscheidende Voraussetzung für eine Währungsunion.
  3. Weil der einzige wirksame Ausgleichs- und Anpassungsmechanismus zwischen derart unterschiedlich leistungsfähigen Volkswirtschaften flexible Wechselkurse sind.
  4. Weil die wirtschaftlichen Verwerfungen und Spannungen zwischen den ungleichen Staaten innerhalb des Systems der Europäischen Währungsunion nicht zu bewältigen sind und immer größeren Unfrieden zwischen den Ländern und Völkern stiften werden. Somit wird das Gegenteil von dem erreicht, was man mit der Einführung des Euro einst beabsichtigte.

Verlorene Generation

Kommentar von Markus Balser (Hervorhebungen von mir. MW)

Die jüngsten Zahlen zum Ausmaß der Wirtschaftskrise in Europa sind schockierend: Mehr als 19 Millionen Menschen in der Euro-Zone haben derzeit keine Arbeit – so viele wie noch nie seit Einführung des Euro. Allein in den vergangenen zwölf Monaten haben 1,8 Millionen Menschen ihren Job verloren. Die neueste Statistik europäischer Behörden macht damit endgültig klar: Europa erlebt in diesen Wochen den folgenreichsten sozialen Umbruch seit Jahrzehnten.

Eine neue gesellschaftliche Unwucht kann nicht nur Nord und Süd noch weiter auseinandertreiben, sondern auch Reich und Arm. Vor allem aber Alt und Jung. Denn ausgerechnet die Arbeitslosigkeit unter Europas Jugend hat dramatische Dimensionen angenommen. In Südeuropa, wo die Finanz- und Wirtschaftskrise die tiefsten Spuren hinterlassen hat, wachsen die Arbeitslosenquoten auf kaum fassbare Höchststände: Jeder Zweite unter 25 Jahren ist in Spanien und Griechenland mittlerweile ohne Job. In Portugal und Italien hat statistisch gesehen jeder Dritte keine Arbeit. Im Durchschnitt liegt die Jugendarbeitslosigkeit in den 17 Ländern der Euro-Zone bei fast 24 Prozent – Tendenz steigend.

Ausgerechnet die jüngsten Europäer zahlen da den höchsten Preis für eine Krise, die ihnen die alten Eliten des Kontinents eingebrockt haben. Die neuen Daten machen deutlich, was in Europa im Schatten von Bankenrettung und dem Kampf gegen Staatspleiten zum nächsten Riesenproblem der Regierungen von Lissabon bis Dublin und Reykjavik bis Athen wird: Die ökonomisch folgenreiche Perspektivlosigkeit einer ganzen Generation. Wer heute Ende zwanzig ist, in Spanien oder Griechenland lebt und weder Studien- noch Ausbildungsplatz hat, kann den Einstieg ins Berufsleben leicht für immer verpassen, warnen Experten. Ein Problem, das längst millionenfach auftritt.

Jenseits der persönlichen Schicksale treibt die wachsende Arbeitslosigkeit ganze Volkswirtschaften noch tiefer in die Krise. Sozialausgaben steigen und lasten auf den angeschlagenen Haushalten. Die Gefahr von Altersarmut wächst, weil junge Menschen ohne Einkommen nicht vorsorgen können. Vor allem aber raubt die Jugendarbeitslosigkeit ausgerechnet schwachen Volkswirtschaften jene Wachstumschancen, die sie so dringend brauchen. Denn so kommt die am besten ausgebildete Generation Südeuropas auf dem Arbeitsmarkt nicht zum Zug.

Die Politik spürt die Brisanz des Themas: EU-Arbeitskommissar László Andor nennt es eine „Tragödie für Europa“. Luxemburgs Ministerpräsident Jean-Claude Juncker warnt vor „Risiken für den sozialen Frieden“. Von einer „großen Last“ spricht Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU).

Und dennoch tun Europas Mächtige bislang wenig Konkretes, um den größten Verlierern der Krise zu helfen. Dabei ist Besserung nicht in Sicht. Brüssel rechnet in diesem Jahr mit einem neuen Anstieg der Quoten. Die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) sieht auch für die nähere Zukunft schwarz. Selbst in fünf Jahren werde die Erwerbsquote der Jugendlichen und jungen Erwachsenen in Krisenländern noch nicht annähernd das Vorkrisenniveau erreichen.

Millionen Arbeitslose, die von der Gesellschaft das Signal bekommen, nicht gebraucht zu werden – in Europa tickt eine Zeitbombe. Angesichts der Dimension des Problems müsste es einen Aufschrei in der Politik geben, doch es bleibt gespenstisch still. Wohl auch, weil den Jugendlichen die Lobby fehlt. Befristete Jobs und Gelegenheitsarbeiten lassen sie durchs Raster der Organisation in Gewerkschaften fallen. Und so scheinen Rettungspläne für Banken und löchrige Haushalte vielen Regierungen wichtiger als Rettungspläne für Jugendliche.

Immerhin, es gibt erste Ansätze: Die EU fordert von ihren Mitgliedsländern die Einhaltung einer Jobgarantie. Sechs Milliarden Euro stehen für die
Programme in den nächsten sieben Jahren bereit. Nach vier Monaten Arbeitslosigkeit soll Jugendlichen eine Perspektive geboten werden – wenigstens ein Praktikum. Doch der Beschluss von Anfang März ist nur eine Empfehlung an die Regierungen und verpflichtet sie zu nichts.

Dass Hilfen gut investiert wären und die Jugend Europas viel Hoffnung liefern kann, zeigt das Beispiel Island. Die Inselrepublik in Nordeuropa war der erste Staat der Euro-Zone, den die Finanzkrise erwischte. Und nun ist er auch der erste, in dem eine neue Generation das Land umkrempelt. Die alten Eliten mussten ihre Ämter verlassen. Der ehemalige Ministerpräsident steht vor Gericht, die Schulden sind abgeschrieben. Und Reykjaviks neuer Bürgermeister? Ein Punkrocker.

Siehe auch:
  • Die gespaltene WährungsunionHolger Steltzner erläutert mit Hilfe von Mario Draghi den wesentlichen Hintergrund der wirtschaftlichen Ungleichgewichte im Euroraum – FAZ, 19.03.2013
    • „Defizit- und Überschussländer entwickeln sich immer weiter auseinander, vor allem die Schere zwischen Lohn und Produktivität besorgt EZB-Präsident Mario Draghi. Er plädiert für eine Senkung der Löhne.“

Die Schere zwischen Löhnen und Produktivität

  • In Europa, verdammtMatthias Krupa analysiert die Jugendarbeitslosigkeit in Europa – Zeit, 07.06.2012
    • „Fast ein Viertel aller Jugendlichen in der EU ist arbeitslos. Das ist nicht einfach ein Problem, es ist Wahnsinn.“
  • Jugendarbeitslosigkeit in Griechenland steigt auf 60 Prozent – Zeit, 14.02.2013
    • „Die Arbeitslosenquote in Griechenland steigt immer weiter in Richtung der 30-Prozent-Marke. Bei jungen Griechen unter 24 Jahren ist die Situation besonders dramatisch.“
    • „In Griechenland hat inzwischen mehr als jeder zweite unter 25 Jahren keine Arbeit (58,4 Prozent). In Spanien liegt die Jugendarbeitslosigkeit bei 55,7 Prozent, in Portugal bei 38,2 Prozent und in Italien bei 37,8 Prozent.“ (Zeit, 02.04.2013)
  • Zukunftsangst: Griechenlands verlorene GenerationDavid Böcking kommentiert eine eindrucksvolle Fotoserie über „Griechenlands junge Gesichter der Krise“ – Spiegel Online, 07.02.2013
    • „Die jüngsten Tumulte bei einer Lebensmittel-Ausgabe in Athen zeigen: Viele Griechen haben inzwischen Existenzangst. Der Fotograf Kilian Foerster befragte Jugendliche in Thessaloniki zu ihren Plänen. Er traf auf Menschen, für die nichts mehr selbstverständlich ist – auch nicht, dass es etwas zu essen gibt.“
  • Helft ihnen, jetzt!Gero von Randow hat den Ernst der Lage erkannt – Zeit, 04.04.2013
    • „Heute ein Aushilfsjob im Supermarkt, morgen Nachtdienst im Büro. Oder ein Erste-Hilfe-Kurs, das Schulterzucken auf dem Arbeitsamt, schließlich stapelweise Versand von Bewerbungen. Nicht selten geht das viele Jahre so und zermürbt auch jene, denen Sicherheit nicht alles ist.
    • Eigentlich ist die Jugend das Alter der Pläne, Projekte und Fantasien. Aber für Millionen junger Europäer verliert die Zukunft gerade ihre Gestalt, wird etwas Graues, Hoffnungsloses.
Entwicklung der Arbeitslosenquote unter den 18- bis 24-Jährigen in ausgewählten Ländern Europas.

Entwicklung der Arbeitslosenquote unter den 18- bis 24-Jährigen in ausgewählten Ländern Europas.

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2 Kommentare

  1. alphachamber

     /  5. April 2013

    Die Zustände sind obszön und tragisch.
    Arbeitsplätze sollten allerdings nicht von einer Arbeit-„Geber“-Klasse oder vom Staat abhängen, sondern von der Initiative produktiver Individuen. Chancengleichheit hängt auch von der Deregulierung wirtschaftlicher Institutionen ab. Gleichzeitig müsste der Etatismus rigoros abgebaut werden, sodass der Mensch wieder im Mittelpunkt steht. Dazu müsste sich allerdings auch der Sozial-Aktivismus zurückhalten.
    Sicher braucht man dazu aufrichtige und kompetente Personen mit rationalem Verstand. Punk-Rocker oder Golfspieler ist dabei wohl egal.

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  2. Reblogged this on thaelmannpark.

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