Herausragende Beiträge zur Griechenland-Debatte

In diesem Blogartikel werden Medienbeiträge (Berichte, Kommentare, Videos etc.) verlinkt und vorgestellt, die mir als besonders relevant und informativ erscheinen.

Griechenland ./. Eurogruppe (Nord)
  • ARD-Interview mit Yanis Varoufakis nach seinem Besuch bei EZB-Präsident Draghi – (Video, 10 Min.) 04.02.2015
  • Machtverhältnisse in Europa: Was Juncker und Tsipras eint – Kommentar von Daniel Brössler – Süddeutsche, 04.02.2015
    • „EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker sieht eine Chance in Griechenlands neuem Regierungschef Alexis Tsipras. Mit seiner Hilfe könnte er seinen Spielraum gegenüber Bundeskanzlerin Angela Merkel vergrößern. Im europäischen Nord-Süd-Konflikt um die Grundsatzfrage, ob orthodoxes Sparen echtes Wachstum verhindert, scheint Juncker jedenfalls dem Süden zuzuneigen.“
  • Varoufakis will kein „business as usual“ mehr – Süddeutsche Zeitung, 04.02.2015
    • „Der griechische Premier Tsipras und sein Finanzminister Varoufakis werben in Europa für ihr Programm: Tsipras unter anderem bei Kommissionschef Juncker in Brüssel, Varoufakis bei EZB-Chef Draghi in Frankfurt. Griechenlands neue Regierung will das Sparpogramm neu verhandeln und nicht mehr mit der Troika in ihrer derzeitigen Form zusammenarbeiten. Eine Einigung ist dringend nötig, weil Ende Februar das Hilfsprogramm ausläuft.“
      • Interessant ist vor allem der zweite Teil des Artikels („Die Hintergründe der Tour durch Europa“) über die Haltung der europäischen Staaten und Organe gegenüber ihren griechischen Gesprächspartnern, über die gegenwärtigen, bereits extrem günstigen Kreditbedingungen Griechenlands und über die Eile, in der Lösungen gefunden werden müssen.
  • Finanzminister Varoufakis – Athen schlägt Lösung im Schuldenstreit vor – FAZ, 03.02.2015
    • „Griechenland hat erstmals konkrete Ideen präsentiert, um den Streit mit seinen Gläubigern beizulegen. Unter anderem schlägt Finanzminister Varoufakis Anleihen mit unbegrenzter Laufzeit vor. Damit vermeide man den Begriff „Schuldenschnitt“, der in Deutschland inakzeptabel sei.“
  • Ein Grexit wäre noch immer gefährlichWolfgang Münchau – Spiegel Online, 02.02.2015
    • „Deutschland ist mit seinem Beharren auf der Sparpolitik inzwischen international isoliert. Wenn die Bundesregierung jetzt nicht nachgibt, droht ein Euro-Austritt Griechenlands mit dramatischen wirtschaftlichen und geopolitischen Folgen.“
  • Griechische Forderung nach Entschädigung: Der Bankraub der NazisChristian Rickens – Spiegel Online, 02.02.2015
    • „In Athen kursieren Gedankenspiele, deutsche Schulden aus dem Jahr 1942 zurückzufordern. Doch nicht nur in Griechenland, überall in Europa haben die Finanzexperten der Nazis mit perfiden Methoden besetzte Staaten ausgeplündert.“
  • Mögliche Hilfen aus Moskau: Griechenlands Risiko, Russlands ChanceNicolai Kwasniewski – Spiegel Online, 31.01.2015
    • „Griechenland kann eine Zusammenarbeit mit Moskau als Druckmittel gegen EU-Forderungen nutzen. Die griechische Wirtschaft würde davon profitieren, weil viele Exporte nach Russland gehen. Der Kreml hat genug Devisenreserven, um einen großzügigen Kredit zu vergeben.“
      • Die Interessen und Möglichkeiten beider Länder an einer von der EU unabhängigen Kooperation und deren Potential werden analysiert und beurteilt.
  • Caught On Tape: Dijsselbloem To Varoufakis: „You Just Killed The Troika“ – Tyler Durden – Zero Hedge, 31.01.2015
    • „Yesterday saw the clearest example yet of Europe’s anger that the Greeks may choose their own path as opposed to following the EU’s non-sovereign leadership’s demands when the most uncomfortable moment ever caught on tape – the moment when Eurogroup chief Jeroen Dijsselbloem (he of the „template“ foot in mouth disease) stood up at the end of the EU-Greece press conference, awkwardly shook hands with Greece’s new finance minister, and whispered…“you have just killed the Troika,“ to which Varoufakis responded… „wow!“*
      • Tyler Durden hat den Moment des Eklats minutiös anhand der TV-Übertragung der Pressekonferenz dokumentiert.
  • Troika-Aus in Athen: Ein Abschied, bei dem keiner weint – Christian Rickens – Spiegel Online, 31.01.2015
    • „Griechenland beendet die Zusammenarbeit mit der Troika: Das klingt nach Eklat – kommt dem Rest Europas in Wahrheit jedoch nicht ungelegen. Denn auch dort überwiegen die Zweifel an der Beamtendelegation.“
  • Reformstopp in Griechenland: Feiern, bis der März kommt – Florian Diekmann – Spiegel Online, 29.01.2015
    • In Griechenland brechen Investitionen und Steuereinnahmen ein, gleichzeitig steigen die Ausgaben. Wenn keine neuen Geldgeber gefunden werden, steht das Land wahrscheinlich im Frühjahr vor dem Bankrott.“
      • Die aufgrund der Rücknahme der „Einspar-Reformen“ steigenden Staatsausgaben Griechenlands und deren geplante Gegenfinanzierung werden vorgerechnet und die weitere finanzielle Entwicklung auf dieser Basis eingeschätzt.
  • Alternative aus Athen – Kommentar von Armin Jelenek – Nürnberger Nachrichten, 28.01.2015
    • „Tsipras ist alles andere als ein wirtschaftspolitischer Amokläufer. Er probiert vielmehr einen zweiten Weg aus, nachdem der von Europa gewiesene sich als Sackgasse herausgestellt hat. Brüssel sollte Tsipras dabei unterstützen — sonst sehen wir unsere Kredite vielleicht tatsächlich nie wieder.“
      • Armin Jelenek erläutert die ökonomische Problematik Griechenlands und die beiden unterschiedlichen Lösungsansätze leicht verständlich. Guter Einführungsartikel.
  • Was passiert, wenn Griechenland den Euro verlässt? – Interaktive Grafik – Spiegel Online, Januar 2015
    • Detaillierte Darstellung der zu erwartenden Folgen eines „Grexit“.
Yanis Varoufakis (Ökonomieprofessor & Blogger; Finanzminister)
  • Yanis Varoufakis – thoughts for the post-2008 world
    • Yanis Varoufakis‘ privater Blog, der bis in den November 2010 zurückreicht, und den er auch als Finanzminister weiterzubetreiben beabsichtigt. Hier findet man seine ökonomischen Auffassungen im Detail beschrieben.
  • Varoufakis: Wie wir Griechenlands Schuldenschnitt verhandeln werden – Griechenland-Blog, 20.01.2015
    • „Wirtschaftswissenschaftler Yanis Varoufakis erklärt [kurz vor der Wahl und im Detail], wie der unvermeidliche Schnitt der Verschuldung Griechenlands möglichst effizient und schmerzlos erfolgen kann.“
      • Hier kann jedermann die weitreichenden Vorschläge zu einem Schuldenschnitt („Cut“) inklusive Begründung detailliert nachlesen, die Varoufakis – inzwischen als griechischer Finanzminister – der Eurogruppe und den sonstigen Gläubigern Griechenlands machen will. Exzellente Vorbereitung für Wolfgang Schäuble & Kollegen.
  • A Modest Proposal for Resolving the Eurozone Crisis – Übersichtsseite
    • Dieser in fortschrittlichen Fachkreisen viel beachtete „Maßvolle Vorschlag zur Lösung der Eurokrise“, den Yanis Varoufakis ab dem Jahr 2010 gemeinsam mit dem englischen Ökonomen und früheren Labourabgeordneten Stuart Holland in mehreren aktualisierten Versionen veröffentlichte, dürfte eine wesentliche Grundlage für seine Popularität sein. An der aktuellen, 2013 publizierten Version 4.0 arbeitete auch der renommierte amerikanische Ökonom James K. Galbraith als Drittautor mit.
  • Ausführliches Interview mit Yanis Varoufakis zur Krise der Eurozone von Roger Strassburg und Jens Berger (Nachdenkseiten)   im November 2013 – Teil 1Teil 2 – (englischsprachiges Orginal: Teil 1Teil 2)
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Yanis Varoufakis wird griechischer Finanzminister

Yanis VaroufakisGlückwunsch! Neuer griechischer Finanzminister ist der Wirtschaftswissenschaftler, Autor und Blogger Yanis Varoufakis, ein fundierter und eloquenter Kritiker der europäischen Sparpolitik, dessen Blog ich oft mit Interesse gelesen und mich dort hin und wieder an Diskussionen beteiligt habe. Der Denkraum-Beitrag Ökonomie des glücklichen Lebens – Hippokratischer Eid für Ökonomen? über eine Gesprächsserie bei Deutschlandradio Kultur war weitgehend den ökonomischen Vorstellungen von Varoufakis gewidmet.

Jedenfalls ist der neue griechische Finanzminister ein ausgewiesener Ökonom mit sehr dezidierten Vorstellungen zur Lösung der Eurokrise, die er in seinem Modest Proposal for Resolving the Eurozone Crisis detailliert dargelegt hat. Schäuble und seine Kollegen sollten sich warm anziehen. Yanis Varoufakis ist gewiss ein netter Kerl, übrigens hochgebildet, nicht nur als Ökonom, aber eben auch ein Kerl. Vielleicht könnte man sagen, eine Mischung aus Sarah Wagenknecht und Gregor Gysi mit einem Schuss Sylvestor Stallone.  

Die Süddeutsche Zeitung charakterisiert ihn heute so:

„Varoufakis, der nicht Mitglied von Syriza ist, gilt als eine Art Popstar unter den griechischen Ökonomen. An der Universität Athen ist er Professor für Wirtschaftswissenschaften und Ökonomische Theorie. Er hat in Großbritannien studiert und lange dort gelehrt, sowie in Australien und den USA. In zahlreichen Interviews hat der temperamentvolle Redner die Sparvorgaben für Griechenland verurteilt. Zudem kündigte er an, als Minister werde er die Fundamente zerstören, auf die sich die griechische Oligarchie stütze. Varoufakis hat aber auch erklärt, Griechenland müsse in der Euro-Zone bleiben. Er wolle deshalb „Vorschläge machen, die nicht einmal Wolfgang Schäuble ablehnen kann“.

Gut wär’s. Aber der alte Mann ist eben auch ein harter Knochen. In einem kürzlichen Interview mit dem britischen Sender Channel 4 erläuterte Yanis Varoufakis seine Strategie für die Verhandlungen mit seinen europäischen Kollegen:

Siehe auch:
  • Provokateur oder Reformer? – So tickt der neue griechische Finanzminister – Ausführliches, lesenswertes Porträt mit Schwerpunkt auf dem akademischen Werdegang von Varoufakis von Wassilios Aswestopoulos – Focus, 27.01.2015
    • „Griechenland hat einen neuen Finanzminister – und der macht direkt Schlagzeilen mit provokanten Sprüchen. Doch wer ist Yanis Varoufakis wirklich? Portrait eines Mannes, der Sachverstand und Rocker-Image in sich vereint.“
  • Im Club der linken Dandys –  Zacharias Zacharakis beschreibt den neuen Finanzminister differenziert und treffend. Nur der Titel ist Unsinn. Ein Dandy ist Varoufakis mitnichten. – Die Zeit, 27.01.2015
    • „Yanis Varoufakis wird neuer griechischer Finanzminister und will ganz anders über Schulden verhandeln als zuvor. Auch er verkörpert einen neuen Typus des Linkspolitikers.“
  • Griechenlands Finanzminister: Starke Sprüche gegen DeutschlandTobias Piller – FAZ, 27.01.2015
    • „Griechenlands neuer Finanzminister Varoufakis provoziert. Am Ende werde Deutschland zahlen müssen, droht er. Die Sparpolitik nennt der linke Wirtschaftsprofessor „fiskalisches Waterboarding“. Und Frankreich führe mit Deutschland einen „Todestanz“ auf.“ 
    • Tobias Piller referiert voll Antipathie und Unverständnis einige aus dem Zusammenhang gerissene Vorstellungen und Formulierungen von Varoufakis und produziert so zielgerichtet eine Darstellung, die den Leser schaudern lassen soll. Das „Prinzip der wohlwollenden Interpretation“ (Principle of Charity) des amerikanischen Philosophen Donald Davidson ist dem Autor nicht nur fremd, sondern vermutlich vollkommen unbekannt. Ein treffendes Beispiel für einen journalistischen Artikel, der in manchen Details durchaus zutreffen mag, in seiner Gesamtheit jedoch einen falschen Eindruck erweckt und somit desinformiert. Insbesondere ist die Feststellung, dass Deutschland am Ende zahlen müsse (wie auch andere europäische Staaten), keine Drohung Varoufakis‘, sondern das logische Ergebnis einer nüchternen ökonomischen Analyse. Es sind die bekannten Geburtsfehler des Euro und die verfehlte Strategie der Krisenbewältigung, u.a. die völlig überzogene Sparpolitik, die zu eben diesem Ergebnis führen mussten.
  • Yanis Varoufakis soll für Athen über Schuldenschnitt verhandeln – Das Porträt von Andras Szigetvari zeigt eindrucksvoll, wie man es besser machen kann. Der Redakteur des österreichischen Standard  lässt keine der spektakulären Informationen weg, über die in der FAZ hergezogen wird, und doch erscheint alles in einem anderen Licht. – Der Standard, 27.01.2015
    • „‚Österreichs Steuergelder sind verloren‘: Ein Finanzminister und die Gesetze der Schwerkraft“
    • „Charme hat er: Im persönlichen Gespräch ist er witzig, schlagfertig und unterhaltsam. Der stämmige Grieche ist ein angenehmer und unkapriziöser Interviewpartner.“
  • Yanis Varoufakis: Griechenlands neuer Finanzminister im Interview –  Anna Giulia Fink – Profil, 27.01.2015
    • „Der als Befürworter eines Schuldenschnitts und Kritiker der Sparpolitik bekannte Yanis Varoufakis wird neuer griechischer Finanzminister. Im Interview mit profil skizzierte der bisherige Wirtschaftsberater des Linksbündnisses Syriza bereits Pläne für eine völlig neue Krisenpolitik in Griechenland und Europa und bezeichnet das bisherige Vorgehen als „monumental idiotisch“.“
  • Interview des BBC mit Yanis Varoufakis  über seine Pläne als Finanzminister (interessant) – 26.01.2015
    • Syriza’s Yanis Varoufakis, tipped to be the next finance minister, tells Today how his newly elected party intends to move forward: ‚We will take to the eurozone a plan for minimising this Greek debacle, we are going to put three or four things on the table: genuine reforms and creating a rational plan for debt restructure.. we want to bind our repayments to our growth‘.
  • Leftist Economist Yanis Varoufakis Named Greek Finance Minister – Stelios Bouras / Alkman Granitas – Wall Street Journal, 27.01.2015
    • „New Prime Minister Alexis Tsipras Signals a Tough Line in Debt Talks“
  • Profile: Greece’s new finance minister Yanis Varoufakis – The Guardian – Economics Blog, 27.01.2015
    • „The self-proclaimed ‘accidental economist’ is expected to adopt a constructive approach to tough debt negotiations.“

2014 im Rückblick

Die WordPress.com-Statistik-Elfen haben einen Jahresbericht 2014 für dieses Blog erstellt.

Hier ist ein Auszug:

Die Konzerthalle im Sydney Opernhaus fasst 2.700 Personen. Dieses Blog wurde in 2014 etwa 25.000 mal besucht. Wenn es ein Konzert im Sydney Opernhaus wäre, würde es etwa 9 ausverkaufte Aufführungen benötigen um so viele Besucher zu haben, wie dieses Blog.

Klicke hier um den vollständigen Bericht zu sehen.

LobbyCloud – Lobbyismus sichtbar gemacht

Lobbyisten liefern Texte, die EU-Abgeordnete wörtlich in Gesetzesanträge schreiben: Diese Fälle macht LobbyPlag seit 2013 öffentlich.

Mit ihrem neuen Projekt LobbyCloud gehen die Verantwortlichen noch einen Schritt weiter. Künftig wollen sie dort nicht nur vorformulierte Gesetzestexte, sondern auch „Drohungen, Warnungen und Gejammer“ von Lobbyisten veröffentlichen, so Initiator Marco Maas im ARD-Interview mit dem Brüsseler ARD-Korrespondenten Christian Feld.

Internationaler studentischer Aufruf für eine Plurale Ökonomik

Nachdem eine Öffnung der an den Universitäten etablierten Wirtschaftswissenschaften für neue Denkansätze und alternative methodische Herangehensweisen im Sinne der „Rethinking Economics“ – Bewegung eine überaus zähe Angelegenheit ist, haben Studierende aus 20 Ländern  jetzt eine Initiative für „Plurale Ökonomik“ gegründet (International Student Initiative for Pluralism in Economics) und sich mit einem Aufruf an die Öffentlichkeit gewandt. Sie fordern eine „offene, vielfältige und plurale Volkswirtschaftslehre“ und entsprechende Reformen der universitären Ausbildung.

Bravo! Eindrucksvolle Leistung, ca. 50 studentische Initiativen aus 20 Ländern zu einer internationalen Pressure Group zu bündeln. Der Reformdruck muss von den Studenten ausgehen, denn die überwiegende Mehrheit der Professoren verteidigt selbstverständlich die weltweit vorherrschende Mainstream-Ökonomik, die ihre akademische Laufbahn geprägt hat, mit der die etablierten Ökonomen gewissermaßen aufgewachsen und groß geworden sind.

Hier der Aufruf der progressiven Studenten:

Internationaler studentischer Aufruf für eine Plurale Ökonomik

Die Weltwirtschaft befindet sich in einer Krise. In der Krise steckt aber auch die Art, wie Ökonomie an den Hochschulen gelehrt wird, und die Auswirkungen gehen weit über den universitären Bereich hinaus. Die Lehrinhalte formen das Denken der nächsten Generation von Entscheidungsträgern und damit die Gesellschaft, in der wir leben. Wir, 40 Vereinigungen von Studierenden der Ökonomie aus 19 verschiedenen Ländern, sind der Überzeugung, dass es an der Zeit ist, die ökonomische Lehre zu verändern. Wir beobachten eine besorgniserregende Einseitigkeit der Lehre, die sich in den vergangenen Jahrzehnten dramatisch verschärft hat. Diese fehlende intellektuelle Vielfalt beschränkt nicht nur Lehre und Forschung, sie behindert uns im Umgang mit den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts – von Finanzmarktstabilität über Ernährungssicherheit bis hin zum Klimawandel. Wir benötigen einen realistischen Blick auf die Welt, kritische Debatten und einen Pluralismus der Theorien und Methoden. Durch die Erneuerung der Disziplin werden Räume geschaffen, in denen Lösungen für gesellschaftliche Probleme gefunden werden können.

Vereint über Grenzen hinweg rufen wir zu einem Kurswechsel auf. Wir maßen es uns nicht an, die endgültige Richtung zu kennen, sind uns aber sicher, dass es für Studierende der Ökonomie wichtig ist, sich mit unterschiedlichen Perspektiven und Ideen auseinanderzusetzen. Pluralismus führt nicht nur zur Bereicherung von Lehre und Forschung, sondern auch zu einer Neubelebung der Disziplin. Pluralismus hat den Anspruch, die Ökonomie wieder in den Dienst der Gesellschaft zu stellen.

Im Zentrum sollten dabei drei Formen des Pluralismus stehen:

Theoretischer Pluralismus, methodischer Pluralismus und Interdisziplinarität.

Theoretischer Pluralismus verlangt, die Bandbreite an Denkschulen in der Lehre zu erweitern. Wir beziehen uns dabei nicht auf eine bestimmte ökonomische Tradition. Pluralismus heißt nicht, sich für eine Seite zu entscheiden, sondern eine lebendige, intellektuell reichhaltige Debatte anzuregen. Pluralismus heißt, Ideen kritisch und reflexiv miteinander zu vergleichen. Während in anderen Disziplinen Vielfalt selbstverständlich ist und sich widersprechende Theorien als gleichberechtigt gelehrt werden, wird die Volkswirtschaftslehre häufig dargestellt, als gäbe es nur eine theoretische Strömung mit eindeutigem Erkenntnisstand. Natürlich gibt es innerhalb dieser dominanten Tradition Varianten. Allerdings ist das nur eine von vielen Möglichkeiten, Ökonomik zu betreiben und die Welt zu betrachten. In anderen Wissenschaften wäre so etwas unerhört. Niemand würde einen Abschluss in Psychologie ernstnehmen, der sich nur mit Freudianismus beschäftigt, oder ein politikwissenschaftliches Studium, in dem nur der Leninismus auftaucht. Umfassende volkswirtschaftliche Bildung vermittelt die Vielfalt der theoretischen Perspektiven. Neben den für gewöhnlich gelehrten auf der Neoklassik basierenden Ansätzen ist es notwendig, andere Schulen einzubeziehen. Beispiele für diese Schulen sind die klassische, die post-keynesianische, die institutionelle, die ökologische, die feministische, die marxistische und die österreichische Tradition. Die meisten Studierenden der Volkswirtschaftslehre verlassen die Universität, ohne jemals von einer dieser Perspektiven auch nur gehört zu haben. Es ist essentiell, schon im Grundstudium reflektiertes Denken über die Ökonomik und ihre Methoden zu fördern, beispielsweise durch Veranstaltungen zu philosophischen Aspekten der Volkswirtschaftslehre sowie Erkenntnistheorie. Theorien können losgelöst aus ihrem historischen Kontext nicht nachvollzogen werden. Studierende sollten daher mit der Geschichte des ökonomischen Denkens, Wirtschaftsgeschichte und den Klassikern der Ökonomie konfrontiert werden. Momentan fehlen solche Kurse entweder vollständig oder wurden an den Rand des Lehrplans gedrängt.

Methodischer Pluralismus bezieht sich auf die Notwendigkeit unterschiedlicher Forschungsmethoden in der Volkswirtschaftslehre. Es ist selbstverständlich, dass Mathematik und Statistik wesentlich für unsere Disziplin sind. Aber viel zu häufig lernen Studierende nur, quantitative Methoden zu verwenden. Dabei wird zu selten darüber nachgedacht, ob und warum diese Methoden angewandt werden sollten, welche Annahmen zugrunde liegen und inwieweit die Ergebnisse verlässlich sind. Es gibt außerdem wichtige Aspekte der Ökonomie, die durch quantitative Methoden allein nicht verstanden werden können: Seriöse ökonomische Forschung verlangt, dass quantitative Methoden durch andere sozialwissenschaftliche Methoden ergänzt werden. Um beispielsweise Institutionen und Kultur verstehen zu können, müssen qualitative Methoden in den Lehrplänen volkswirtschaftlicher Studiengänge größere Beachtung erfahren. Dennoch besuchen die meisten Studierenden der Ökonomik nie eine Veranstaltung zu qualitativen Methoden.

Für ein umfassendes volkswirtschaftliches Verständnis sind interdisziplinäre Ansätze notwendig. Studierende müssen deshalb innerhalb ihres Studiums die Möglichkeit erhalten, sich mit anderen Sozialwissenschaften oder den Geisteswissenschaften zu beschäftigen. Volkswirtschaftslehre ist eine Sozialwissenschaft. Ökonomische Phänomene können nur unzureichend verstanden werden, wenn man sie aus ihrem soziologischen, politischen oder historischen Kontext reißt und in einem Vakuum darstellt. Um Wirtschaftspolitik intensiv diskutieren zu können, müssen Studierende die sozialen Auswirkungen und ethischen Implikationen ökonomischer Entscheidungen verstehen.

Die Umsetzung dieser Formen von Pluralismus wird regional variieren. Sie sollte jedoch folgende Ideen einbeziehen:

  • Vermehrte Einstellung von Lehrenden und Forschenden, die theoretische und methodische Vielfalt in die Studiengänge der Ökonomik tragen;
  • Erstellen und Verbreiten von Materialien für plurale Kurse;
  • Intensive Kooperationen mit sozialwissenschaftlichen oder geisteswissenschaftlichen Fakultäten oder Aufbau spezieller Einrichtungen zur Verantwortung interdisziplinärer Programme.

Dieser Wandel mag zwar schwierig erscheinen. Doch er ist bereits in vollem Gange. Weltweit treiben Studierende diesen Wandel Schritt für Schritt voran. Mit Vorlesungen zu Themen, welche nicht im Lehrplan vorgesehen sind, können wir wöchentlich Hörsäle füllen. Wir haben Lesekreise, Workshops und Konferenzen organisiert, haben die gegenwärtigen Lehrpläne analysiert und alternative Programme entwickelt. Wir haben begonnen, uns selbst und andere in den Kursen zu unterrichten, die wir für notwendig erachten. Wir haben Initiativen an den Universitäten gegründet und nationale und internationale Netzwerke aufgebaut.

Dieser Wandel benötigt eine breite gesellschaftliche Basis. Ob Sie StudierendeR, ÖkonomIn oder BürgerIn sind, wir laden Sie herzlich dazu ein, sich uns unter www.isipe.net  anzuschließen. Gemeinsam bilden wir die kritische Masse, die für Veränderung notwendig ist. Pluralismus in der Volkswirtschaftlehre ist für eine gesunde öffentliche Debatte unentbehrlich. Pluralismus ist auch eine Frage der Demokratie.


Unterzeichnet von den Gründungsmitgliedern der Internationalen Studierendeninitiative für eine Plurale Ökonomik (International Student Initiative for Pluralist Economics – ISIPE)

Der Aufruf wird außerdem unterstützt von über 230 (Stand 04.05.2014) AkademikerInnen, Hochschullehrenden und ProfessorInnen.

Ein kurzer Führer durch Thomas Pikettys „Capital in the Twenty-First Century“

Der Blogger Matthew Yglesias hat bei Vox eine Einführung in das viel diskutierte Buch des französischen Ökonomen Thomas Piketty veröffentlicht, einen „Short Guide to Capital in the 21st Century“. Hier meine Übersetzung.

Thomas Pikettys Capital in the Twenty-First Century ist das wichtigste ökonomische Buch des Jahres, wenn nicht des Jahrzehnts. Es ist 696 Seiten lang, aus dem Französischen übersetzt, gefüllt mit tiefgehenden Analysen einzigartiger Daten und mit methodologischen Nebenbemerkungen, zudem angereichert mit Seitenblicken auf Romane des 19. Jahrhunderts. Die Lektüre bedeutet also eine ganz schöne Plackerei.

[Als ergänzende Anmerkung des Übersetzers zum Lektüreerlebnis hier die letzten Sätze einer ausführlichen Rezension von Branko Milanovic:

„Wenn man Pikettys Buch liest, ist es wirklich schwer, davon abzulassen und an etwas anderes zu denken. Man wird total absorbiert. Das ist wahrscheinlich das größte Kompliment, das ein Autor eines fast tausend Seiten umfassenden Sachbuchs (französische Ausgabe) je bekommen kann. Nehmen Sie das Buch nicht mit in den Urlaub – es würde ihn verderben. Lesen Sie es zuhause.“]

Die gute Nachricht ist: es gibt keine höhere Mathematik, und jeder, der sich die Zeit nimmt, kann das Buch lesen. Falls Sie aber in aller Kürze nur das Wesentliche [bottom line] wissen wollen – hier ist es.

Können Sie mir Pikettys Argumentation in vier Sätzen zusammenfassen?

  • Das Verhältnis von Vermögen [wealth] zu Einkommen [income] steigt in allen entwickelten Ländern.
  • Ohne außerordentliche Interventionen ist zu erwarten, dass dieser Trend anhält.
  • Wenn er anhält, wird die Zukunft so werden wie das 19. Jahrhundert, als die Wirtschaftselite ihr Vermögen überwiegend geerbt hatte, anstatt dafür zu arbeiten.
  • Die beste Lösung wäre eine koordinierte globale Initiative, Vermögen [wealth] zu besteuern.

Wer ist Thomas Piketty?

Thomas Piketty ist ein französischer Ökonom, der durch seine Zusammenarbeit mit Emmanuel Saez zum Thema Einkommensungleichheit im letzten Jahrzehnt zunehmend Beachtung fand. Die beiden Wissenschaftler waren die ersten, die Einkommenssteuerdaten der amerikanischen Finanzbehörden auswerteten um zu zeigen, wie ausgeprägt das Einkommen in den Händen nicht der oberen 10 bis 20 Prozent der Haushalte konzentriert war, sondern im oberen einen, 0,1 oder gar 0,01 Prozent aller Haushalte. Die gegenwärtige Debatte über Ungleichheit gründet sich im Wesentlichen auf die Agenda, die durch diese Arbeiten gesetzt wurde. In seinem neuen Buch verlässt Piketty dieses Forschungsprogramm jedoch weitgehend und konzentriert sich stattdessen auf Vermögensungleichheit.

Welche Behauptungen werden in „Capital in the 21st Century“ aufgestellt?

Die provozierende These von „Capital in the 21st Century“ ist, dass die kapitalistische Marktwirtschaft einschließlich des Wohlfahrtsstaats-Kapitalismus, wie er in Kontinentaleuropa praktiziert wird, letztendlich dazu führen wird, dass die Wirtschaft von denjenigen dominiert werden wird, die das Glück hatten, in eine Position ererbten Reichtums hineingeboren zu werden. Piketty argumentiert, dies sei im europäischen Wirtschaftsleben zu Beginn des 20. Jahrhunderts auch der Fall gewesen, und diese Herrschaft ererbten Reichtums sei lediglich durch die Verwüstungen der beiden Weltkriege zerstört worden. Er prognostiziert, die Vereinigten Staaten und Kanada würden im 21. Jahrhundert an dem gleichen Problem [affliction] leiden.

Was ist Kapital?

In der ökonomischen Literatur sind verschiedene Begriffe von „Kapital“ im Umlauf. Piketty verwendet eine weite Definition, bei ihm ist Kapital einfach gleichbedeutend mit Vermögen [wealth]. Alle Aktien, Häuser und Barvermögen, die Menschen gehören, stellen Kapital oder Vermögen dar. Und Vermögen ist noch erheblich ungleicher verteilt als Einkommen. Während eine Einteilung der Gesellschaft in Besitzende und diejenigen, die für ihren Lebensunterhalt arbeiten müssen, eine allzu vereinfachende Betrachtungsweise wäre, ist eine derartige Beschreibung indes nicht gänzlich neben der Sache. In den Vereinigten Staaten beispielsweise besitzen 5 Prozent der Haushalte die Mehrheit des gesamten Vermögens, während die unteren 40 Prozent der Haushalte infolge ihrer Verschuldung Negativvermögen haben.

Hat das alles irgendetwas mit dem „Kapital“ von Karl Marx zu tun?

Ein wenig schon. Pikettys Analyse der ökonomischen Verhältnisse ist zwar eine andere als die von Karl Marx, aber er meint, dass Marx über das kapitalistische Wirtschaftssystem zurecht beunruhigt war.

Während des Kalten Krieges schien es so, als sei die Marxsche Behauptung, marktwirtschaftliche Gesellschaften würden von den Kapitaleignern dominiert, einfach falsch. Die Löhne der Arbeiterschaft waren hoch und stiegen weiter. Die Wirtschaftselite bestand weitgehend aus Managern oder qualifizierten Berufsgruppen wie Anwälten oder Ärzten, weniger aus Firmeninhabern. Eher galten Entrepreneure, die Unternehmen aufbauten, als typische Kapitalisten, nicht vermögende Erben. Die politische Debatte drehte sich weitgehend um Fragen des Wohlfahrtsstaates oder eines sozialen Sicherheitsnetzes für die ärmere Bevölkerung, nicht um die grundlegende Architektur des Kapitalismus.

Piketty sagt, dieser Zustand sei lediglich einem Zusammentreffen besonderer Umstände in der Nachkriegszeit geschuldet gewesen. Die Vermögen der Reichen waren durch zwei Weltkriege zerstört worden, es gab eine Große Depression sowie extreme finanzpolitische Maßnahmen wie Währungsreformen. Danach brachten einige Jahrzehnte raschen Wirtschaftswachstums eine Situation mit sich, in der neu verdientes Einkommen viel wesentlicher war als ererbtes Vermögen. Piketty kommt nun zu dem Schluss, im gegenwärtigen Umfeld langsamen Wirtschaftswachstums sei diese Tendenz beendet. Wenn nicht drastische Maßnahmen ergriffen werden, gehöre die Zukunft den Menschen, die von ihren Eltern große Vermögen geerbt haben.

Was sind die Schlüsselbegriffe und -konzepte Pikettys?

Die wesentlichen Größen bzw. Parameter, mit denen Piketty arbeitet, sind das quantitative Verhältnis von Vermögen zu Einkommen [wealth-to-income-ratio] und der Vergleich der Kapitalrendite (r in seinem Buch) mit dem nominalen Wirtschaftswachstums (g). Das quantitative Verhältnis des Vermögens zum Einkommen eines Landes ist einfach der Wert aller Vermögensgegenstände der Bürger im Vergleich zum Bruttoinlandsprodukt des Landes. Pikettys große empirische Leistung besteht darin, langfristige Datenreihen über das Verhältnis von Vermögen zu Einkommen für verschiedene Länder ermittelt und analysiert zu haben.

Die Kapitalrendite ist eine abstraktere Kennzahl. Wenn Sie 100 $ in ein Unternehmen investieren, und das bringt Ihnen 7 $ Einnahmen jährlich, dann ist Ihre Kapitalrendite 7 %. Piketty arbeitet mit der durchschnittlichen Kapitalrendite (r) aller bestehenden Investitionen. Eine zentrale Behauptung des Buchs ist, dass r zu allen Zeiten im Durchschnitt ungefähr 5 % beträgt. Die Wachstumsrate, die in diesem Zusammenhang von Bedeutung ist, ist die Steigerungsrate des gesamten Wirtschaftswachstums (g). Wenn also g kleiner ist als 5 %, dann wird das Vermögen der Reichen schneller wachsen als die Wirtschaft insgesamt. Tatsächlich lag g in den letzten Jahrzehnten unter 5 % und Piketty erwartet, dass dieser Trend anhält. Solange aber r > g, werden die Reichen im Verhältnis zu den Einkommenbeziehern immer reicher werden.

Was ist Pikettys zentrales Untersuchungsergebnis?

Der Großteil des Buchs ist einem eingehenden Blick auf die historische Entwicklung der Vermögensverteilung in den Vereinigten Staaten, Großbritannien, Frankreich und Deutschland gewidmet, mit einigen Seitenblicken auf weitere größere Volkswirtschaften wie Italien, Kanada und Japan. Pikettys Analyse ergibt, dass das Vermögens-Einkommens-Verhältnis [wealth:income ratio] gegenwärtig hoch ist und weiter steigt. Sie zeigt außerdem, dass sich in den Ländern der Alten Welt eine sehr ausgeprägte U-Kurve findet: extrem hoch im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert, sehr niedrig in der Mitte des 20. Jahrhunderts, dann wieder stark ansteigend seit 1980. Das Vermögens-Einkommens-Verhältnis in der Neuen Welt war anfänglich nicht so hoch wie in der Alten Welt (Sklavenhaltung war derart wertvoll, dass es einen Unterschied macht, wie man diese Form von „Kapital“ behandelt), daher ergibt sich dort ein etwas schiefes U, wobei das Verhältnis von Vermögen zu Einkommen in den Vereinigten Staaten gegenwärtig ein bislang ungekanntes Ausmaß erreicht.

Aber Piketty entdeckt außerdem, dass sich ein Anstieg des Vermögens-Einkommens-Verhältnisses nicht nur in den „ungleichheitsfreundlichen“ angelsächsischen Volkswirtschaften findet. Im Gegenteil ist in Ländern wie Frankreich und Italien, in denen das Wirtschaftswachstum traditionell eher niedrig ist, die Vermögensakkumulation besonders ausgeprägt. Zudem fand Piketty heraus, dass die Kapitalrendite in allen Ländern durchschnittlich 5 Prozent beträgt. Nicht zuletzt dieser Befund trägt zu seiner Überzeugung bei, die Dynamik in Richtung auf Vermögensungleichheit sei dem Kapitalismus inhärent und nicht von irgendwelchen wirtschaftspolitischen Maßnahmen abhängig.

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Die Piketty-Panik (Paul Krugman)

Der breit diskutierte Bestseller „Capital in the Twenty-First Centurydes französischen Ökonomen Thomas Piketty  ist zweifellos eines der einflussreichsten Wirtschaftsbücher der letzten Jahrzehnte (derzeit Platz 1 der Amazon-Bestsellerliste). Das  französische Original “Le capital au XXIe siecle” erschien bereits im August 2013, aber erst die im März dieses Jahres folgende englische Ausgabe sorgte weltweit für Aufsehen.

Die Kernaussagen des Buchs, das auf umfangreichen Datenanalysen der Einkommens- und Vermögensverteilung in den Industrieländern in den letzten 300 Jahren beruht, lassen sich in wenigen Sätzen zusammenfassen:

In kapitalistischen Gesellschaften wachsen Vermögenserträge grundsätzlich schneller und kontinuierlicher als Arbeitseinkommen, u.a. deshalb, weil sie auch in Zeiten wirtschaftlicher Krisen kaum zurückgehen. Durch die besonderen historischen Umstände in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts (zwei Weltkriege, wirtschaftliche Depression Ende der 20er Jahre, Währungsreformen) wurde viel Vermögen vernichtet, weshalb in den Jahren von 1930 bis 1975 die Vermögenskonzentration nicht zunahm. Danach stieg sie in den Industrienationen jedoch wieder erheblich an. Da Vermögen meistens vererbt wird, werden sich zukünftig stark wachsender Reichtum und entsprechende wirtschaftliche Macht in den Händen einer relativ kleinen Gruppe von Erben großer Vermögen konzentrieren – das obere „1 Prozent“, vielleicht gar 1 Promille der Haushalte (Patrimonialer Kapitalismus). Wie schon in der Belle Époque, den Jahrzehnten vor dem Ersten Weltkrieg, werden extrem reiche Familien im Wirtschaftsleben eine dominierende Position einnehmen, mit der Folge einer Refeudalisierung und der Gefahr oligarchischer Machtstrukturen.  Die einzig wirksame Möglichkeit, diese Entwicklung zu verhindern, ist eine Umverteilung mit Hilfe einer stark progressiven Einkommenssteuer von bis zu 80 % sowie einer etwa zweiprozentigen Vermögenssteuer.  

Am 25. April veröffentlichte die New York Times unter dem Titel The Piketty Panic einen Kommentar von Wirtschafts-Nobelpreisträger Paul Krugman zu den Reaktionen von konservativer und rechter Seite zu Pikettys Buch. Hier meine Übersetzung (unter Verwendung einer Übersetzung von Sabine Tober).

Paul Krugman: Die Piketty-Panik

„Capital in the Twenty-First Century“, das neue Buch des französichen Wirtschaftswissenschaftlers Thomas Piketty, ist ein echtes Phänomen. Auch andere Bücher über wirtschaftliche Themen sind Bestseller geworden, aber Mr. Pikettys Beitrag beinhaltet – anders als die meisten Bestseller – seriöse, diskursverändernde Wissenschaft. Und die Konservativen geraten in Panik. So warnt James Pethokoukis vom American Enterprise Institute im National Review, Mr. Pikettys Arbeit müsse widerlegt werden, sonst “werde sie sich unter den Intellektuellen [clerisy] verbreiten und das wirtschaftspolitische Feld neu gestalten, auf dem alle künftigen politischen Kämpfe ausgetragen werden”.

Nun, viel Glück damit. Das Bemerkenswerte an der Debatte bis jetzt ist, dass es der Rechten offenbar nicht gelingt, einen substantiellen Gegenangriff gegen Mr. Pikettys Thesen zu führen. Stattdessen besteht ihre Reaktion aus Beschimpfungen – vor allem aus der Behauptung, Mr. Piketty sei Marxist, wie alle anderen, die Ungleichheit bei Einkommen und Vermögen als wichtiges Thema ansehen.

Auf die Beschimpfungen komme ich gleich zurück. Sehen wir uns zunächst an, warum “Capital” eine so große Wirkung [impact] entfaltet.

Mr. Piketty ist nun wirklich nicht der erste Ökonom, der aufzeigt, dass wir gerade einen starken Anstieg von Ungleichheit erleben, oder der auf den Gegensatz zwischen geringem Einkommenswachstum bei der breiten Masse der Bevölkerung und rapide wachsenden Spitzeneinkommen hinweist. Zwar haben Mr. Piketty und seine Kollegen unser Wissen mit viel historischem Tiefgang angereichert und gezeigt, dass wir tatsächlich in einer neuen Gilded Age leben. Aber das wussten wir ja schon eine Weile.

Nein, das wirklich Neue an “Capital” ist die Art, wie es den Lieblingsmythos der Konservativen zerstört, nämlich das beharrliche Festhalten an der Vorstellung, wir lebten in einer Leistungsgesellschaft [meritocracy], in der Wohlstand verdientermaßen erworben wird.

Während der letzten Jahrzehnte beruhte die konservative Reaktion auf Versuche, die enorm steigenden Spitzeneinkommen zu einem politischen Thema zu machen, auf zwei Verteidigungsstrategien: Erst wird die Tatsache geleugnet, dass es den Reichen wirklich so gut und dem Rest tatsächlich so schlecht geht, und wenn das misslingt, wird behauptet, die hohen Spitzeneinkommen seien ein gerechtfertigter Ausgleich für geleistete Dienste. Nicht „das 1 Prozent“ solle man sie nennen, oder „die Reichen“; man nenne sie “Arbeitsplatzschaffer”.

Wie sieht es aber mit dieser Rechtfertigung aus, wenn der Großteil des Einkommens der Reichen nicht durch Arbeit erworben wird, sondern aus Vermögenserträgen besteht? Und was, wenn großer Wohlstand immer häufiger nicht mehr auf Unternehmertum, sondern auf Erbschaft beruht?

Mr. Piketty zeigt, dass dies keine müßigen Fragen sind. Vor dem Ersten Weltkrieg wurden die westlichen Gesellschaften von einer Oligarchie dominiert, die auf ererbtem Reichtum beruhte. Dieses Buch legt überzeugend dar, dass wir auf dem besten Weg zurück zu diesem Zustand sind.

Was kann also ein Konservativer tun, wenn er befürchtet, diese Diagnose könnte zur Legitimierung höherer Steuern für die Reichen genutzt werden? Er könnte versuchen, Mr. Piketty fundiert zu widerlegen, aber bisher habe ich keine Anzeichen gesehen, dass das geschieht. Stattdessen gibt es, wie gesagt, nur Beschimpfungen.

Ich denke, das muss nicht überraschen. Seit über zwanzig Jahren beteilige ich mich an Debatten über Ungleichheit und habe bisher noch keinen konservativen “Experten” angetroffen, dem es gelungen wäre, die Zahlen anzufechten, ohne dabei über seine eigenen intellektuellen Schnürsenkel zu stolpern. Es sieht so aus, als läge die Wahrheit ganz einfach nicht auf ihrer Seite. Gleichzeitig ist „Rotenhetze“ [red-baiting] das Standardvorgehen der Rechten gegen jeden, der irgendeinen Teil des Dogmas des Freien Marktes in Frage stellt, und das schon seit der Zeit, als Leute wie William F. Buckley die Verbreitung der Keynesianischen Wirtschaftslehre zu blockieren versuchten – nicht indem sie ihr Fehler nachwiesen, sondern sie als “kollektivistisch” verunglimpften.

Aber es ist doch erstaunlich, zu beobachten, wie die Konservativen einer nach dem anderen Mr. Piketty als Marxisten brandmarken. Sogar Mr. Pethokoukis, der anspruchsvoller ist als der Rest, nennt “Capital” ein Werk eines „soften Marxismus“, was nur dann Sinn macht, wenn bereits die bloße Erwähnung ungleichen Wohlstands einen zum Marxisten macht. (Und vielleicht sehen sie das ja auch so: Kürzlich verurteilte der ehemalige Senator Rick Santorum den Begriff “Mittelklasse” als “marxistisches Gerede” – denn, sehen Sie, wir haben doch gar keine Klassen in Amerika.)

Und die Besprechung im Wall Street Journal geht erwartungsgemäß „den ganzen Weg“, schafft irgendwie den nahtlosen Übergang von Mr. Pikettys Forderung nach zunehmender Besteuerung als Möglichkeit, die Konzentration von Reichtum zu begrenzen – ein Mittel, so amerikanisch wie Apple Pie, ehemals nicht nur von führenden Ökonomen propagiert, sondern auch von Mainstream-Politikern vor und einschließlich Teddy Roosevelt – bis hin zu den Übeln des Stalinismus. Ist das wirklich das Beste, was man vom Journal erwarten kann? Offenbar ja.

Allerdings bedeutet die Tatsache, dass den Verteidigern von Amerikas Oligarchen keine stichhaltigen Argumente einfallen, nun nicht, dass sie politisch auf der Flucht sind. Geld wird immer noch gehört – teilweise dank des Roberts-Gerichtshofes spricht es lauter denn je.

Aber Ideen sind ebenfalls bedeutungsvoll, indem sie beeinflussen, wie wir über die Gesellschaft reden, und letztendlich, wie wir handeln. Und die Piketty-Panik zeigt, dass der Rechten die Ideen ausgegangen sind.

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Papst Franziskus: Radikale Kapitalismuskritik

In eindrucksvoll radikaler Weise kritisiert Papst Franziskus in seinem Ende November veröffentlichten Apostolischen Schreiben „Evangelii Gaudium“ (Die Freude des Evangeliums) unser gegenwärtiges Wirtschaftssystem.

In der Presseberichterstattung kommen weder die unmissverständliche Klarheit und Schärfe der päpstlichen Kapitalismuskritik noch der heilige Zorn, mit dem sie vorgetragen wird, genügend zum Ausdruck. Daher werden die betreffenden Passagen – die Punkte 53 bis 60 des päpstlichen Schreibens – hier im deutschsprachigen Volltext wiedergegeben.

Wäre bei den Koaltionsverhandlungen der Geist des neuen Papstes anwesend gewesen und hätte die Vertreter der „christlichen“ Parteien erleuchtet, dann wären in der Finanzpolitik und bei der Bankenregulierung dickere Bretter gebohrt worden, und die Sozialdemokraten brauchten am Erfolg ihres Mitgliedervotums keinen Moment zweifeln. 

Nach meiner bisherigen Recherche existiert übrigens kein auch nur annähernd vergleichbarer Text von Seiten der Evangelischen Kirche in Deutschland.

Nein zu einer Wirtschaft der Ausschließung

53.  Ebenso wie das Gebot „du sollst nicht tö­ten“ eine deutliche Grenze setzt, um den Wert des menschlichen Lebens zu sichern, müssen wir heute ein „Nein zu einer Wirtschaft der Ausschließung und der Disparität der Einkom­men“ sagen. Diese Wirtschaft tötet. Es ist un­glaublich, dass es kein Aufsehen erregt, wenn ein alter Mann, der gezwungen ist, auf der Straße zu leben, erfriert, während eine Baisse um zwei Punkte in der Börse Schlagzeilen macht. Das ist Ausschließung. Es ist nicht mehr zu tolerie­ren, dass Nahrungsmittel weggeworfen werden, während es Menschen gibt, die Hunger leiden. Das ist soziale Ungleichheit. Heute spielt sich al­les nach den Kriterien der Konkurrenzfähigkeit und nach dem Gesetz des Stärkeren ab, wo der Mächtigere den Schwächeren zunichte macht. Als Folge dieser Situation sehen sich große Mas­sen der Bevölkerung ausgeschlossen und an den Rand gedrängt: ohne Arbeit, ohne Aussichten, ohne Ausweg. Der Mensch an sich wird wie ein Konsumgut betrachtet, das man gebrauchen und dann wegwerfen kann. Wir haben die „Wegwerf­kultur“ eingeführt, die sogar gefördert wird. Es geht nicht mehr einfach um das Phänomen der Ausbeutung und der Unterdrückung, sondern um etwas Neues: Mit der Ausschließung ist die Zugehörigkeit zu der Gesellschaft, in der man lebt, an ihrer Wurzel getroffen, denn durch sie befindet man sich nicht in der Unterschicht, am Rande oder gehört zu den Machtlosen, sondern man steht draußen. Die Ausgeschlossenen sind nicht „Ausgebeutete“, sondern Müll, „Abfall“.

54.  In diesem Zusammenhang verteidigen einige noch die „Überlauf“-Theorien (trickle-down-Theorie), die davon ausgehen, dass jedes vom freien Markt begünstigte Wirtschaftswachstum von sich aus eine größere Gleichheit und soziale Einbindung in der Welt hervorzurufen vermag. Diese Ansicht, die nie von den Fakten bestätigt wurde, drückt ein undifferenziertes, naives Ver­trauen auf die Güte derer aus, die die wirtschaft­liche Macht in Händen halten, wie auch auf die sakralisierten Mechanismen des herrschenden Wirtschaftssystems. Inzwischen warten die Aus­geschlossenen weiter. Um einen Lebensstil ver­treten zu können, der die anderen ausschließt, oder um sich für dieses egoistische Ideal begeistern zu können, hat sich eine Globalisierung der Gleichgültigkeit entwickelt. Fast ohne es zu merken, werden wir unfähig, Mitleid zu emp­finden gegenüber dem schmerzvollen Aufschrei der anderen, wir weinen nicht mehr angesichts des Dramas der anderen, noch sind wir daran interessiert, uns um sie zu kümmern, als sei all das eine uns fern liegende Verantwortung, die uns nichts angeht. Die Kultur des Wohlstands betäubt uns, und wir verlieren die Ruhe, wenn der Markt etwas anbietet, was wir noch nicht ge­kauft haben, während alle diese wegen fehlender Möglichkeiten unterdrückten Leben uns wie ein bloßes Schauspiel erscheinen, das uns in keiner Weise erschüttert.

Nein zur neuen Vergötterung des Geldes

55.  Einer der Gründe dieser Situation liegt in der Beziehung, die wir zum Geld hergestellt haben, denn friedlich akzeptieren wir seine Vor­herrschaft über uns und über unsere Gesellschaf­ten. Die Finanzkrise, die wir durchmachen, lässt uns vergessen, dass an ihrem Ursprung eine tiefe anthropologische Krise steht: die Leugnung des Vorrangs des Menschen! Wir haben neue Göt­zen geschaffen. Die Anbetung des antiken gol­denen Kalbs (vgl. Ex 32,1-35) hat eine neue und erbarmungslose Form gefunden im Fetischismus des Geldes und in der Diktatur einer Wirtschaft ohne Gesicht und ohne ein wirklich menschli­ches Ziel. Die weltweite Krise, die das Finanz­wesen und die Wirtschaft erfasst, macht ihre Un­ausgeglichenheiten und vor allem den schweren Mangel an einer anthropologischen Orientierung deutlich – ein Mangel, der den Menschen auf nur eines seiner Bedürfnisse reduziert: auf den Kon­sum.

56.  Während die Einkommen einiger weniger exponentiell steigen, sind die der Mehrheit im­mer weiter entfernt vom Wohlstand dieser glück­lichen Minderheit. Dieses Ungleichgewicht geht auf Ideologien zurück, die die absolute Autono­mie der Märkte und die Finanzspekulation ver­teidigen. Darum bestreiten sie das Kontrollrecht der Staaten, die beauftragt sind, über den Schutz des Gemeinwohls zu wachen. Es entsteht eine neue, unsichtbare, manchmal virtuelle Tyrannei, die einseitig und unerbittlich ihre Gesetze und ihre Regeln aufzwingt. Außerdem entfernen die Schulden und ihre Zinsen die Länder von den praktikablen Möglichkeiten ihrer Wirtschaft und die Bürger von ihrer realen Kaufkraft. Zu all dem kommt eine verzweigte Korruption und eine ego­istische Steuerhinterziehung hinzu, die weltwei­te Dimensionen angenommen haben. Die Gier nach Macht und Besitz kennt keine Grenzen. In diesem System, das dazu neigt, alles aufzusaugen, um den Nutzen zu steigern, ist alles Schwache wie die Umwelt wehrlos gegenüber den Interes­sen des vergöttlichten Marktes, die zur absoluten Regel werden.

Nein zu einem Geld, das regiert, statt zu dienen

57.  Hinter dieser Haltung verbergen sich die Ablehnung der Ethik und die Ablehnung Gottes. Die Ethik wird gewöhnlich mit einer gewissen spöttischen Verachtung betrachtet. Sie wird als kontraproduktiv und zu menschlich angesehen, weil sie das Geld und die Macht relativiert. Man empfindet sie als eine Bedrohung, denn sie verur­teilt die Manipulierung und die Degradierung der Person. Schließlich verweist die Ethik auf einen Gott, der eine verbindliche Antwort erwartet, die außerhalb der Kategorien des Marktes steht. Für diese, wenn sie absolut gesetzt werden, ist Gott unkontrollierbar, nicht manipulierbar und sogar gefährlich, da er den Menschen zu seiner vollen Verwirklichung ruft und zur Unabhängigkeit von jeder Art von Unterjochung. Die Ethik – eine nicht ideologisierte Ethik – erlaubt, ein Gleich­gewicht und eine menschlichere Gesellschafts­ordnung zu schaffen. In diesem Sinn rufe ich die Finanzexperten und die Regierenden der ver­schiedenen Länder auf, die Worte eines Weisen des Altertums zu bedenken: »Die eigenen Güter nicht mit den Armen zu teilen bedeutet, diese zu bestehlen und ihnen das Leben zu entziehen. Die Güter, die wir besitzen, gehören nicht uns, son­dern ihnen.« (Johannes Chrysostomus, De Lazaro conciones II,6: PG 48, 992 D.57)

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Der Snowden-Coup – die ganze Tragweite in Kurzform

Edward SnowdenEdward Snowden hat die Welt über die Abgründe der bislang unvorstellbaren Ausspähungspraktiken der Geheimdienste aufgeklärt. Dafür gebührt ihm der alternative Nobelpreis. Fassungslos macht einen indes nicht nur das Orwellsche Szenario, in dem wir alle inzwischen leben, sondern auch die abgrundtiefe Dummheit der Geheimdienstorganisatoren, zu glauben, man könnte diese menschenrechtsverachtenden Praktiken angesichts von mehr als 850.000 (nach anderen Quellen 1,4 Millionen) Mitarbeitern von NSA und Co. geheimhalten, die Zugang zur Geheimhaltungsstufe Top Secret haben (nach amerikanischen Medienberichten ein Drittel davon Mitarbeiter von Privatunternehmen).

Die Süddeutsche Zeitung veröffentlichte gestern einen kurzen Kommentar ihres stellvertretenden Ressortleiters Außenpolitik, Hubert Wetzel, der die ganze Tragweite der Affäre  in wenigen Sätzen aufzeigt. Leider steht er (noch) nicht im Netz. Angesichts der Bedeutung der Angelegenheit – hier ist er (Honi soit qui mal y pense):

„Zahnfee in Moskau

Zählen wir eins und eins zusammen: Edward Snowden hatte früher Zugang zu sehr viel höchst geheimem Material, nach eigenen Angaben zum Beispiel zu den Listen sämtlicher NSA-Mitarbeiter und CIA-Agenten. Plus: Snowden sitzt derzeit mit vier Laptops in Moskau. Was auf den Computern gespeichert ist, weiß nur er. Doch wer glaubt, der russische Geheimdienst versuche nicht alles, um an das brisante Material – und alles, was Snowden sonst weiß – heranzukommen, der glaubt auch an die Zahnfee.

Ergebnis: Die Wut, ja Panik, mit der die amerikanische Regierung auf Snowdens Enthüllungen reagiert, könnte Gründe haben, die weit über die Blamage hinausgehen, die er der Weltmacht zugefügt hat. Natürlich muss Washington annehmen, dass die Russen (wie vielleicht schon in Hongkong die Chinesen)
Snowden aushorchen und seine Festplatten kopieren. Aus welchen Motiven der junge Systemadministrator gehandelt hat, ist für die US-Regierung dann
zweitrangig. Mag sein, dass Snowden zu Beginn nur staatliche Schnüffelei anprangern wollte. Am Ende könnte er für einen massiven Geheimnisverrat
verantwortlich sein. Für einige US-Agenten im Ausland könnte das unerfreuliche Folgen haben. Für die US-Geheimdienste wäre es eine gigantische Katastrophe.

Für die USA zählt nur eins: Sie müssen verhindern, dass aus dem Aufklärer Snowden ein Überläufer und Verräter wird. Eine Hetzjagd ist dafür das falsche
Mittel.“

Irgendwas stimmt da ganz grundsätzlich nicht bei den 20 plus x amerikanischen Nachrichtendiensten. Mal ein Rechenexempel:

Gesucht wird überschlägig die Anzahl der US-Geheimnisträger der Stufe Top Secret, die nicht als Whistleblower in Erscheinung treten wie der ehrbare Snowden, sondern – das soll’s geben – ihr Wissen in klingende Münze umsetzen.

Gehen wir mal von insgesamt einer Million Geheimnisträgern aus und halten nur ein Promille (!) davon, also jeden Tausendsten, in Sachen Geheimnisverrat für korruptionsanfällig (nach Erhebungen von Transparency International dürfte es tatsächlich ein Vielfaches sein). Wir kämen dann auf 1000 potenzielle Geheimnis- und Landesverräter, bei denen dies nur eine Frage des Preises ist. Von denen sieht und hört man natürlich nichts.

Und übrigens: Wer glaubt, es gehe bei alledem nicht auch um Wirtschaftsspionage, der glaubt nicht nur an die Zahnfee, sondern auch an den Weihnachtsmann.

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Ökonomie des glücklichen Lebens – Hippokratischer Eid für Ökonomen? – Gesprächsserie bei dradio Kultur

Für die Deutschlandfunk-Reihe „Essay und Diskurs“ produzierte Stefan Fuchs eine dreiteilige Gesprächsserie mit führenden kritischen Ökonomen zum Thema „Ökonomie des glücklichen Lebens – Vom ethischen Umbau der Wirtschaft“.

„Die aktuelle Dauerkrise der Wirtschaftswissenschaften wirft zugleich die Frage ihrer ethischen Grundlagen auf. Eine wachsende Zahl der Ökonomen fordert so etwas wie einen Hippokratischen Eid für ihre Disziplin.

Wie die Medizin dem Wohl des Patienten, müssten die Wirtschaftswissenschaften dem Lebensglück der Mehrheit und nicht den Interessen einiger weniger verpflichtet sein. Die Kritiker des ökonomischen Mainstreams erinnern an den Gründungsvater der Volkswirtschaftslehre Adam Smith, der zugleich Moralphilosophie lehrte und eine geschichtliche Tradition begründete, die von Max Weber bis John Maynard Keynes immer schon die Einbettung des Kapitalismus in ein regulatorisches Wertesystem forderte.

In seiner Gesprächsserie mit Yanis Varoufakis, Ann Pettifor und David Graeber versucht Stefan Fuchs, die Grundlagen einer nach wie vor aktuellen und dringend erforderlichen Wirtschaftsethik herauszuarbeiten, die sich von der Verschleierung einer angeblich objektiven Logik des Marktes absetzt. Wirtschaftsethik richtig verstanden ist danach kein moralisches Feigenblatt, sondern zielt auf den Kern des wissenschaftlichen Selbstverständnisses der Ökonomie.

Ebenso ist Wirtschaftsethik Teil einer transdisziplinären Rückführung der Volkswirtschaft in die Sozialwissenschaften. Auch die objektiven Interessenkonflikte, die in den Wirtschaftswissenschaften durch ihre Rolle in der Politikberatung entstehen, müssten im Rahmen einer ethischen Rückbesinnung der Disziplin offengelegt werden.“

Das erste, am 16.06.2013 gesendete Gespräch führte Stefan Fuchs mit dem griechischen Ökonomen Yanis Varoufakis (engl. Yanis VaroufakisWikipedia), Autor von „Der globale Minotaurus“  und (gemeinsam mit Stuart Holland) des „Modest Proposal for Resolving the Eurozone Crisis“. Yanis Varoufakis betreibt außerdem einen renommierten Blog zur makroökonomischen Lage nach der Krise 2008 mit „thoughts for the post-2008 world“, in dem er das Interview mit Deutschlandradio Kultur ebenfalls veröffentlichte.

Hier einige Gesprächsausschnitte (Hervorhebungen von mir):

„Stefan Fuchs: Professor Varoufakis, wenn man die Verwüstungen beklagt, die die Austerität im Herzen Europas anrichtet, in Ländern wie Spanien, Portugal, oder hier ganz besonders in Griechenland, die Schleifspuren in Hunderttausenden von Biografien, Zerstörung von Lebensplänen, verlorene Jugend, erzwungene Emigration, dann werden Vertreter Ihrer Zunft nicht müde zu versichern, das sei nur die bittere Medizin, die man dem Patienten verabreichen müsse, damit er wieder gesunde, das sei das Tal der Tränen, durch das man gehen müsse, um das Gelobte Land zu erreichen, Schumpeters “kreative Zerstörung”, damit sich die Marktwirtschaft daraus wie der Phönix aus der Asche erhebe. Tatsächlich kennen wir Krisen des Kapitalismus, die nach diesem zyklischen Modell von Leben und Tod verlaufen sind. Diese Krise aber, sagen Sie, sei ganz anders, sie gleiche aufs Haar der Weltwirtschaftskrise von 1929. Wie begründen Sie das?

Yanis Varoufakis: Krisen können heilsam sein. Sie können wie kontrollierte Brände wirken, die das brennbare Material in einem Wald reduzieren, damit bei einem Flächenbrand nicht der gesamte Baumbestand zerstört wird. Aber es gibt auch Zusammenbrüche des ganzen Systems, die der Zerstörung des ganzen Waldes gleichen. Die Krise von 2008 stellte den Auftakt zu einer Neuauflage der Weltwirtschaftskrise von 1929 dar. Die Parallelen sind unübersehbar. Beide Krisen begannen mit dem Zusammenbruch der Finanzindustrie. 2008 stand die Wall Street vor dem Aus und wurde nur durch die Großzügigkeit der Steuerzahler gerettet. Wie 1929 wurde aus der Bankenkrise sehr schnell eine Schuldenkrise, die dann die Realwirtschaft in Mitleidenschaft zog. (…)

(In der Nachkriegszeit hatten) Politiker und Wirtschaftswissenschaftler (…) verstanden, dass man die Makroökonomie, das heißt ein gesamtwirtschaftliches System, nicht planen und managen kann, als hätte man es mit einem einzelnen Unternehmen zu tun. 

Als Bretton Woods (…) 1971 zusammenbrach, begann eine Ära der Deregulierung, und die Wirtschaftswissenschaften folgten diesem Trend. Immer mehr klammerten die makroökonomischen Modelle gesamtwirtschaftliche Aspekte aus. Sie beschrieben schließlich Robinson Crusoe auf seiner einsamen Insel. Ein Individuum zugleich in der Rolle des Konsumenten, des Produzenten und des Sparers. Modelle des globalen kapitalistischen Wirtschaftssystems, als bestünde es nur aus einer einzigen Person. 

Das Tragische an diesen Robinson Crusoe Modellen ist, dass sie die Krise nicht erklären können. Wenn man Robinson auf einer einsamen Insel ist, warum sollte man sparen und nicht investieren? Das macht keinen Sinn. Wenn man von der Ernte etwas zurückbehält, dann doch nur, um es später als Saatgut zu nutzen. In diesen lächerlichen makroökonomischen Modellen entspricht das Gesparte deshalb immer den Investitionen. Unsere Wirtschaftspolitik beruhte also auf gesamtwirtschaftlichen Modellen, in denen diese Art der Krise gar nicht vorkommt. Als sie dann ausbrach, war das Erstaunen groß, und die Volkswirte fragten sich, wie das geschehen konnte. Es konnte geschehen, weil Krisen Bestandteil unserer Welt sind, sie aber in den Modellen nicht auftauchen. (…)

Auch wenn die statistischen Berechnungen (von Carmen Reinhart und Kenneth Rogoff) richtig gewesen wären, haben sie den sehr viel schwereren Fehler gemacht, Korrelation mit Kausalität zu verwechseln. Auf einer statistischen Grundlage ist es nicht möglich, zu behaupten, eine bestimmte Verschuldungsrate führe zum Rückgang des Wachstums. Wir betreiben keine Experimentalwissenschaft. Wir sind keine Physiker, die Laborversuche durchführen können. Wir können nicht mal kurz ins Jahr 2008 zurückgehen und nachsehen, was passiert wäre, hätte die US Notenbank auf eine quantitative Lockerung durch den Ankauf von Staatsanleihen verzichtet. Solche Spekulationen führen in ein intellektuelles Desaster. 

Jedes Jahr zu Weihnachten steigt die Nachfrage nach Kinderspielzeug. Das bedeutet aber nicht, dass Weihnachten durch die erhöhte Nachfrage nach Spielzeug verursacht wird. Politiker haben politische Ziele. Da ist es insbesondere für Finanzminister verführerisch, die jeweilige Politik so darzustellen, als beruhe sie auf wissenschaftlichen Erkenntnissen. Man fühlt sich besser, wenn man die eigene Politik mit theoretischen Modellen begründen kann, die von sogenannten Wirtschaftsweisen angeboten werden. 

Das Ergebnis ist eine sehr ungesunde symbiotische Beziehung zwischen einer Wirtschaftspolitik, die auf politischen Vorurteilen basiert und einer Wirtschaftstheorie, die auf unzulässigen Vereinfachungen beruht, sich aber als wissenschaftliche Objektivität ausgibt. (…) (mehr …)

Die Schlachtung der heiligen Steuerkühe

Die heutige Presseschau des allmorgendlichen, hier schon oft empfohlenen Handelsblatt-Newsletters Finance Today bringt einen interessanten Überblick über die von Tag zu Tag entschlossener werdenden Kampfansagen der westlichen Industriestaaten gegenüber Steuerhinterziehung und kreativer Steuergestaltung von Unternehmen:

Die Schlachtung der heiligen Steuerkühe

Die EU geht zum Angriff über: Die Regierungen diskutieren nicht mehr nur Maßnahmen gegen individuelle Steuerflucht, sondern auch gegen aggressive unternehmerische Steuerplanung.

Laut » Börsen-Zeitung soll künftig gegen Transaktionen zwischen Konzerntöchtern vorgegangen werden, die den Abzug von Verlusten im Quellen- als auch im Ansässigkeitsland erreichen oder Steuern komplett vermeiden sollen. Experten schätzen, dass staatlichen Haushalten so mehr Einnahmen verloren gehen als durch Steuerhinterziehung. Dafür spreche allein die Tatsache, dass Inseln ohne industrielle Substanz mehr ausländische Direktinvestitionen anziehen als Deutschland oder Japan.

Auch gegen private Steuersünder geht es voran: Der Kampf bleibe eine „Herzenssache der Finanzminister der G7-Industrienationen“, meint das » Handelsblatt. Sogar Österreich und Liechtenstein zeigten mittlerweile Kompromissbereitschaft. Finanzminister Wolfgang Schäuble will die „Offshore-Leaks“-Daten laut » Reuters an die Bundesländer weiterleiten, während Nordrhein-Westfalens Ministerpräsidentin Hannelore Kraft die strafbefreiende Selbstanzeige abschaffen will. Kritiker sehen in all dem einen „Terror der Transparenz“. Doch die Auswertung von Festplatten und Steuer-CDs sei ein Akt der Notwehr gegen parasitären Reichtum, meint die » Süddeutsche Zeitung.

Die » Neue Zürcher Zeitung beschreibt den wiederholten Kurswechsel der Schweizer Banken: Aus Furcht vor Diskriminierung in der EU und der Relativierung des Bankgeheimnisses spreche sich die Schweizer Bankiervereinigung mittlerweile sogar für ein Dienstleistungsabkommen mit der EU aus.

Wie halten Sie’s mit der Religion?

Gewiss macht es für christlich erzogene Menschen einen wesentlichen Unterschied aus, ob sie auch als Erwachsene noch gläubig sind, sich also mit den christlichen Glaubensinhalten identifizieren, oder nicht. Wer in der einen oder in der anderen Richtung eine klare, eindeutige Position gefunden hat, sei es als gläubiger Christ oder als ungläubiger Atheist, hat diese Haltung vermutlich in sein geistiges und seelisches Leben integriert und ist in diesem Punkt mit sich im Reinen.

Wie steht es aber mit der großen Gruppe derjenigen, die nicht so recht wissen, was Sie von Gott und der Religion halten sollen? Die zahlreichen Zeitgenossen, die am christlichen Glauben zwar elementare Zweifel hegen, ihm aber niemals wirklich Lebewohl gesagt haben und die Frage nach ihrem Verhältnis zur Religion am liebsten unbeantwortet in der Schwebe belassen würden? Die vielen Schwankenden, die in ihrer Kindheit und Jugend ganz selbstverständlich in eine christliche Glaubenswelt hineingewachsen sind, sich im Laufe ihrer späteren Entwicklung aber ein rational geprägtes Weltbild angeeignet haben, in dem Jesus Christus und der liebe Gott nur noch schwer einen Platz finden.

Für viele Menschen ist es eine selbstverständliche, vertraute Gewohnheit, sich auch dann noch als Christen zu verstehen, wenn ihr Glaube mit ihrer erwachsenen, rational denkenden Persönlichkeit nicht mehr übereinstimmt. Im Alltag wird dies Spannungsverhältnis vermutlich zumeist kaum wahrgenommen; oft bedarf es existenzieller Grenzsituationen, um den schlummernden geistig-seelischen Konflikt bewusst werden zu lassen.

Falls auch Sie zu denjenigen gehören, die sich aus alter Gewohnheit als Christ betrachten, die Glaubensinhalte der christlichen Religion jedoch genau genommen nicht mehr für wahr halten, weil ihr Verstand ihnen recht eindeutig sagt, „ein Schmarren, das Ganze“: Würden Sie offen und ehrlich dazu stehen, sich selbst und anderen gegenüber?

Stellen Sie sich vor, Sie geraten in einen Gottesdienst und die Gemeinde betet das Vaterunser oder spricht das Apostolische Glaubensbekenntnis  – wie verhalten Sie sich dann? Beten Sie mit, oder bleiben Sie stumm?

Gehen wir einmal spielerisch davon aus, es sticht Sie der Hafer und Sie sprechen das Glaubensbekenntnis laut mit, bringen Ihren rational vorhandenen Unglauben dabei aber deutlich vernehmbar zum Ausdruck:

Ich glaube nicht an Gott, den Vater,
einen allmächtigen Schöpfer des Himmels und der Erde.

Und nicht an Jesus Christus,
seinen angeblichen Sohn, mitnichten unser Herr,
nie und nimmer empfangen durch den Heiligen Geist, sondern auf die bekannte, ganz natürliche Weise,
geboren von Maria, der Frau Josephs,
gelitten unter Pontius Pilatus,
gekreuzigt, gestorben und begraben,
allenfalls im metaphorischen Sinn hinabgestiegen in das Reich des Todes,
am dritten Tage jedoch keinesfalls auferstanden von den Toten
geschweige denn aufgefahren in den Himmel;
wo nichts und niemand sitzt,
außer ein paar Raumfahrer in ihrer Kapsel,
weshalb er weder von dort noch von sonstwo kommen wird,
zu richten die Lebenden und die Toten.

Ich glaube weder an den Heiligen Geist,
noch an die heilige christliche Kirche,
oder die Gemeinschaft der Heiligen,
auch nicht an die Vergebung der Sünden,
schon gar nicht an die Auferstehung der Toten
oder gar das ewige Leben.

Amen

Die erstaunte Aufmerksamkeit der Umstehenden wäre Ihnen gewiss, und die Reaktionen würden sich vermutlich im Bereich von amüsiert über indigniert bis entrüstet bewegen. Sie selbst würden eine derart offene Bekundung Ihres Unglaubens in einem Gottesdienst indes vermutlich für allzu groben Schabernack halten und die Verneinungsvarianten allenfalls im Stillen einfügen.

Was aber, wenn Sie überzeugter Christ sind?

Nehmen wir aber einmal an, Sie halten sich auch heute noch durch und durch für einen waschechten, gläubigen Christen. Dann ist Ihnen ja bekannt, dass das Apostolische Glaubensbekenntnis – das in sämtlichen katholischen Gottesdiensten zur üblichen Liturgie gehört, auf evangelischer Seite jedoch nur in Taufgottesdiensten gesprochen wird – die Kernaussagen des christlichen Glaubens in Kurzform enthält.

Welche der Aussagen dieses Glaubensbekenntnisses können Sie aber wirklich ernsthaft und guten Gewissens unterschreiben? Dass Jesus Christus der „eingeborene Sohn“ Gottes ist – geboren von der Jungfrau Maria, nachdem sie ihn durch den Heiligen Geist empfangen hatte? Ganz ohne Mitwirkung von Joseph oder eines anderen männlichen Samenspenders? Dass er am dritten Tag nach seinem Tod von den Toten auferstanden und in den Himmel aufgefahren ist (was uns immerhin die Osterfeiertage beschert hat)? Dass er dort jetzt zur Rechten Gottes sitzt, „des allmächtigen Vaters“, und eines Tages von dort kommen wird, um „die Lebenden und die Toten (…) zu richten“?

Hand auf’s Herz: Könnten Sie auf Ihren Eid nehmen, dass Sie diese Aussagen tatsächlich vollen Ernstes glauben, also für wahr halten?

Falls Sie jetzt einwenden, ich würde das zu eng sehen, darum gehe es doch gar nicht beim christlichen Glauben, sondern mehr um Ihre ganz persönliche Entscheidung, sich auf Gott und Jesus Christus einzulassen, ihnen zu vertrauen (also um das, was die Philosophen einen fiduziellen Glauben nennen und die Engländer „faith“ im Gegensatz zu „belief“), so würde ich meinerseits zu bedenken geben, dass Ihr emotional geprägter Glaube an Gott die Variante des Für-Wahr-Haltens, den sogenannten doxastischen Glauben, jedoch voraussetzt: Gottvertrauen können Sie nur haben, wenn Sie erst einmal davon überzeugt sind, dass es einen Gott gibt, dem Sie vertrauen können; dass er – wo und wie auch immer, aber jedenfalls außerhalb Ihres Kopfes – tatsächlich existiert und nicht nur ein Produkt der Phantasie ist wie Frau Holle oder die „Herrn der Ringe“. (Ob man ihn indessen „der“ oder lieber geschlechtsneutral „das Gott“ nennt, wie unsere Familienministerin Schröder vorziehen würde, ist vergleichsweise unwichtig.)

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Die gute Nachricht: auf die Katastrophe folgt ein neues Gleichgewicht – irgendwann…

Täglich „neue“ Zuspitzungen der Eurokrise – da gehen einem langsam die Überschriften aus. Entgegen der fortgesetzten Beteuerungen des Finanzministers scheint die Krise unaufhaltsam fortzuschreiten. In der Physik wird der Verlauf derartiger Krisen, in denen zahlreiche in Wechselwirkung stehende Parameter (Variablen) interagieren, unter dem Etikett Chaos- oder Katastrophentheorie beschrieben. Dort geht es um Phänomene, die in sogenannten nichtlinearen dynamischen Systemen auftreten, bei denen bereits kleine Veränderungen der Umgebungsbedingungen plötzliche dramatische Verhaltensänderungen des Systems nach sich ziehen.

Catastrophes are bifurcations between different equilibria, or fixed point attractors. Due to their restricted nature, catastrophes can be classified based on how many control parameters are being simulataneously varied. For example, if there are two controls, then one finds the most common type, called a „cusp“ catastrophe. If, however, there are more than five controls, there is no classification. (CompLexicon)

Was meinen Sie, wieviel Parameter bzw. Variablen im Endstadium der Eurokrise gleichzeitig aufeinander einwirken und das ökonomische Gesamtsystem in die Mangel nehmen werden? Jedenfalls wird es nicht im Entferntesten so elegant zugehen wie im Schema einer „Cusp-Katastrophe“ (oben) mit nur zwei variierenden Parametern.  Nein, chaotisch wird es werden, und es wird lange Zeit dauern, bis wieder ein halbwegs erträglicher neuer Gleichgewichtszustand erreicht sein wird.

Nachtrag 30.07.2012

Dieser Blogbeitrag mit einem Ausflug in die Chaostheorie wurde am 24. Juli 2012 veröffentlicht. Einen Tag später, am 25. Juli, 14:03 Uhr, erschien bei Spiegel Online die von mir sehr geschätzte wöchentliche Kolumne von Wolfgang Münchau („Die Spur des Geldes“), diesmal mit dem Titel „Die Logik des Bank-Run“.  Auch Münchau erläutert die „Dynamik einer Schuldenkrise“ mit Hilfe der Chaostheorie. Einige Auszüge:

Ökonomen lieben das Gleichgewicht, auf das sich alles einpendelt. Deshalb verstehen sie die Euro-Krise nicht. Denn hier geht es um Chaostheorie. Um sich selbst verstärkende Prozesse, die sogar Deutschland erfassen könnten. Die Rating-Agentur Moody’s hat recht mit ihrer Gelben Karte.

Ein zentraler Gedanke in der Ökonomie ist die Idee des einen Gleichgewichts. Auch wenn Angebot und Nachfrage nicht zu jedem Zeitpunkt im Gleichgewicht stehen, dann pendeln sie sich zumindest darauf ein. Ökonomen kennen zwar auch das theoretische Konzept vielfacher Gleichgewichte: Abhängig von den Rahmenbedingungen können Märkte an ganz unterschiedlichen Punkten ins Gleichgewicht kommen. Zum Beispiel bei stagnierender Wirtschaft und hoher Arbeitslosigkeit – oder bei Vollbeschäftigung und kräftigem Wachstum. Doch mit der Idee vielfacher Gleichgewichte können Ökonomen nicht gut arbeiten. Sie ist eher was für Physiker, Fußnoten und Exzentriker.

Um die Ereignisse zu verstehen, die in diesen Tagen in Spanien stattfinden, kommt man um das Konzept vielfacher Gleichgewichte allerdings ebenso wenig herum wie um einige Anleihen bei der physikalischen Chaostheorie. In Spanien sind die Marktzinsen von über 7,6 Prozent für Zehnjahres-Anleihen anders nicht zu erklären. Dieser Zinssatz könnte auch sechs Prozent betragen oder vier Prozent oder zehn Prozent. In Großbritannien liegt er bei unter zwei Prozent – obwohl das Land einen ähnlichen Schuldenstand aufweist wie Spanien und eine ähnliche Immobilienblase und einen ähnlich verkorksten Finanzsektor. (…) Was wir in Spanien erleben, ist das Paradebeispiel eines sich selbst verstärkenden Prozesses, einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung. Aufgrund schlechter Nachrichten steigen die Zinsen. Das beeinträchtigt Spaniens Solvenz – die Fähigkeit, Schulden zu bedienen. Die Marktteilnehmer sehen das ebenfalls so und verlangen noch höhere Zinsen, um sich gegen das Risiko eines Zahlungsausfalls abzusichern. Die höheren Zinsen verstärken die Zweifel an Spaniens Solvenz weiter. Es kommt zu einem Teufelskreis. (…)

Nach diesem Muster ist auch die Griechenland-Krise eskaliert (…). Je mehr man Athen zum Sparen zwang, desto höher wurden die griechischen Schulden, was zu noch brutaleren Sparrunden zwang. Wenn Länder erst in einem solchen Teufelskreis stecken, dann gibt es kein Entrinnen. (…) Ein Physiker würde hier von einem dynamischen System sprechen, das zum Teil chaotische Züge aufweist. Prozesse, die durch irgendeinen Auslöser angestoßen wurden, schaukeln sich gegenseitig auf. Es gibt nicht mehr das bei Ökonomen so beliebte eine Gleichgewicht, an dem diese Prozesse automatisch zum Stillstand kommen. (…)

Chaos setzt in einem dynamischen System ein, wenn ein bestimmter Schwellenpunkt überschritten ist. Dieser Punkt ist nicht unbedingt vorher bekannt. Spanien hat ihn wohl überschritten. Ob Italien ihn ebenfalls überschritten hat, ist schwer zu sagen. In jedem Fall ist Italien nicht mehr weit von diesem Punkt entfernt. Wenn Italien erst einmal dort ist, dann wird man nach Frankreich schauen. Und nach Belgien. Und von dort aus Richtung Osten, nach Deutschland. Moody’s hat diesen Blick bereits gewagt.

Paul Krugman / Richard Layard: Manifest für ökonomische Vernunft (Übersetzung)

Paul Krugman und Richard Layard haben kürzlich ein „Manifesto for Economic Sense“ veröffentlicht, in dem sie für jedermann verständlich die Grundzüge ihrer Analyse der gegenwärtigen ökonomischen Krise darlegen und sich mit den wesentlichen Argumenten ihrer Gegner auseinandersetzen. Ihrer Aufforderung vor allem an die Wirtschaftswissenschaftler dieser Welt, das Manifest zu unterzeichnen, folgten bis Mitte August bereits ca. 9.000 Anhänger einer vernünftigen Ökonomie.

Meines Wissens liegen bisher zwei Übersetzungen ins Deutsche vor, eine unzulängliche und eine verbesserungsbedürftige. Letztere habe ich gründlich überarbeitet – hier das Ergebnis:

Ein Manifest für ökonomische Vernunft

Mehr als vier Jahre nach dem Beginn der Finanzkrise stecken die hochentwickelten Volkswirtschaften immer noch in einer tiefen Depression – ein Zustand, der sehr an die 1930er Jahre erinnert. Der Grund dafür ist einfach: Wir verlassen uns auf dieselben Konzepte, die für die Politik der 1930er Jahre maßgeblich waren. Diese lange widerlegten ökonomischen Vorstellungen beinhalten grundlegende Fehleinschätzungen über Ursachen und Natur der Krise sowie über die angemessenen Reaktionen darauf.

Diese Fehleinschätzungen haben sich tief im öffentlichen Bewusstsein festgesetzt, was dazu führt, dass die Öffentlichkeit die exzessiven Sparmaßnahmen in der Finanzpolitik vieler Länder unterstützt. Deshalb ist die Zeit reif für ein Manifest, in dem Ökonomen der politischen Mitte der Öffentlichkeit eine auf empirischen Erkenntnissen beruhende Analyse unserer Probleme vorstellen.

  • Die Ursachen. Viele Entscheidungsträger bestehen darauf, dass die Krise durch unverantwortlich hohe öffentliche Kreditaufnahme ausgelöst wurde. Mit sehr wenigen Ausnahmen – unter anderem Griechenland – ist dies falsch. Vielmehr wurden die Bedingungen für die Krise durch eine exzessive Verschuldung des privaten Sektors geschaffen, Banken eingeschlossen, die mit einem viel zu hohen Fremdkapitalanteil arbeiteten. Das Platzen dieser Blase führte zu massiven Einbrüchen der Wirtschaftsleistung und der Steuereinnahmen. Die großen Defizite der Staatshaushalte, die wir heute sehen, sind also eine Folge der Krise, nicht ihre Ursache.
  • Die Natur der Krise. Als die Immobilienblasen beiderseits des Atlantiks zusammenbrachen, reduzierten große Teile des privaten Sektors die Ausgaben, um stattdessen Schulden zurückzuzahlen. Dies ist aus individueller Sicht eine rationale Reaktion, kollektiv jedoch selbstzerstörerisch, genau wie die entsprechende Reaktion der Schuldner in den 1930er Jahren, weil die Ausgaben der Einen die Einkommen der Anderen sind. Ergebnis dieses Einbruchs der Ausgaben war eine wirtschaftliche Depression, die in der Folge die Staatsfinanzen weiter verschlechterte.
  • Die angemessene Reaktion. In einer Zeit, in der die Privatwirtschaft kollektive Anstrengungen unternimmt, Ausgaben zu kürzen, sollte die öffentliche Hand als eine stabilisierende Kraft agieren und versuchen, die wirtschaftliche Nachfrage aufrecht zu erhalten. Zumindest sollte man die Situation nicht noch durch erhebliche Einschnitte in die Staatsausgaben oder durch Steuererhöhungen für Normalbürger weiter verschärfen. Leider ist dies genau das, was viele Regierungen zur Zeit tun.
  • Der große Fehler. Nach einer angemessenen Reaktion in der ersten, akuten Phase der Wirtschaftskrise schlug die konventionelle Weisheit der Politik eine falsche Richtung ein: Sie konzentrierte sich auf die Defizite der öffentlichen Haushalte, die vor allem auf krisenbedingte Einnahmerückgänge zurückzuführen sind, und vertrat die Auffassung, man müsse im Einklang mit dem privaten Sektor jetzt Staatsschulden abbauen. Somit wirkte die Finanzpolitik nicht stabilisierend, sondern verschärfte die dämpfende, niederdrückende Wirkung der Ausgabenkürzungen des privaten Sektors auf das Wirtschaftsleben.

Bei einem schwächeren Schock hätte man die Wirtschaftsflaute mit Geldpolitik ausgleichen können. Aber wenn die Zinsen schon nahe Null liegen, kann Geldpolitik – deren Spielraum natürlich ausgeschöpft werden sollte – nicht mehr genügend Wirkung entfalten. Selbstverständlich braucht man einen mittelfristigen Plan zum Abbau der Staatsdefizite. Doch wenn dieser zu schnell einsetzt, vereitelt er das angestrebte Ziel, indem er die wirtschaftliche Erholung abwürgt. Hohe Priorität hat in einer solchen Situation die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit, bevor sie sich festsetzt und einen späteren Aufschwung und Schuldenabbau noch weiter erschwert.

Wie begegnen die Befürworter der gegenwärtigen Politik nun diesem Gedankengang? Um ihren Ansatz zu stützen, führen sie zwei unterschiedliche Argumente an.

Das Vertrauensargument besagt, dass Haushaltsdefizite die Zinsen nach oben treiben und dadurch eine Erholung der Wirtschaft verhindern. Sparmaßnahmen erhöhen dagegen das Vertrauen der Märkte und unterstützen den Aufschwung.

Für dieses Argument gibt es jedoch keinerlei empirische Belege. Zum einen sind trotz außerordentlich hoher Defizite die Zinsen all derjenigen Staaten beispiellos niedrig, die eine normal funktionierende Zentralbank haben. Dies gilt sogar für Japan, wo die Staatsschulden heute 200% der jährlichen Wirtschaftsleistung übersteigen; auch Herabstufungen durch Ratingagenturen hatten keinerlei Auswirkungen auf die japanischen Zinsen. Die Zinsen einiger Euro-Staaten sind nur deshalb so hoch, weil es der Europäischen Zentralbank nicht erlaubt ist, als „Kreditgeber letzter Instanz“ (lender of last resort) für die Regierungen zu fungieren. Üblicherweise kann eine Zentralbank immer, wenn nötig, ein Staatsdefizit ausgleichen und so den Markt für Staatsanleihen intakt halten.

Überdies gibt es in der Vergangenheit kein einziges relevantes Beispiel dafür, dass durch Haushaltskürzungen die Wirtschaft angekurbelt wurde. Der Internationale Währungsfonds hat 173 Fälle von Haushaltskürzungen in einzelnen Ländern untersucht und fand als Folge durchgehend einen Wirtschaftsabschwung. In der Handvoll Fälle, wo auf Haushaltskonsolidierung Wirtschaftswachstum folgte, geschah dies infolge der Abwertung der eigenen Währung gegenüber einem starken Weltmarkt, was gegenwärtig keine Option ist. Die Lehre aus der IWF-Studie ist eindeutig: Haushaltskürzungen bremsen die wirtschaftliche Erholung. Und genau das passiert gerade – die Länder mit den größten Haushaltskürzungen mussten die größten Einbrüche der Wirtschaftsleistung hinnehmen.

Wie wir jetzt sehen, verhält es sich in Wahrheit so, dass Haushaltskürzungen der Wirtschaft kein Vertrauen einflößen. Firmen investieren nur, wenn sie genug Kunden erwarten können, mit genug Einkommen, das ausgegeben werden kann. Sparpolitik schreckt Investitionen ab.

Es gibt also überwältigende Belege gegen das Vertrauensargument; all die angeblichen Beweise für diese Doktrin lösen sich bei genauerer Betrachtung in Luft auf.

Das strukturelle Argument. Als zweites Argument gegen eine Nachfrageausweitung wird angeführt, die Wirtschaftsleistung werde von der Angebotsseite her eingeengt, und zwar durch strukturelle Ungleichgewichte. Wäre diese Theorie richtig, sollten zumindest Teile unserer Volkswirtschaften auf Hochtouren laufen, und einige Berufe sollten stark nachgefragt sein. Dies ist jedoch in den meisten Ländern nicht der Fall. Alle bedeutenden Wirtschaftssektoren haben zu kämpfen, und alle Berufe verzeichnen eine höhere Arbeitslosigkeit als üblich. Das Problem muss also ein allgemeiner Mangel an Ausgaben bzw. Nachfrage sein.

In den 1930er Jahren wurde das gleiche strukturelle Argument in den USA gegen Konjukturprogramme angeführt. Als die Ausgaben dann zwischen 1940 und 1942 endlich anstiegen, wuchs die Wirtschaftsleistung um 20%. Das Problem in den 1930ern war also, genau wie heute, zu wenig Nachfrage, und nicht Restriktionen der Angebotsseite.

Als Konsequenz dieser fehlgeleiteten Vorstellungen erlegen viele Entscheidungsträger des Westens ihren Bevölkerungen massives Leid auf. Ihre Konzepte zum Umgang mit der Rezession wurden von so gut wie allen Ökonomen nach dem Desaster der 1930er Jahre verworfen, und für die darauffolgenden vierzig Jahre genoss der Westen eine beispiellose Ära wirtschaftlicher Stabilität und geringer Arbeitslosigkeit. Es ist tragisch, dass die alten Vorstellungen in den letzten Jahren wieder Fuß fassen konnten. Wir können jedoch nicht länger akzeptieren, dass fehlgeleitete Ängste vor höheren Zinsen bei den Entscheidungsträgern mehr Gewicht haben als die Gräuel der Massenarbeitslosigkeit.

Bessere Politik wird von Land zu Land unterschiedlich sein und bedarf detaillierter Debatten. Diese müssen allerdings auf einer korrekten Analyse des Problems beruhen. Wir fordern deshalb alle Ökonomen und andere, die mit diesem Manifest in groben Zügen übereinstimmen, dazu auf, ihre Zustimmung auf www.manifestoforeconomicsense.org einzutragen und öffentlich für einen gesünderen Ansatz einzutreten. Die ganze Welt nimmt Schaden, wenn Männer und Frauen zu dem schweigen, was sie als falsch erkannt haben.

Richard Layard & Paul Krugman

Zum Unterzeichnen des Manifests
Siehe auch:

Hoch gelobt: das Sondergutachten des Sachverständigenrats zur Eurokrise

Über den günen Klee gelobt wird das Sondergutachten des Sachverständigenrats zur Bewältigung der Eurokrise von profilierten Fachjournalisten wie Oliver Storbeck (Handelsblatt) und Mark Schieritz (Zeit).

„Ich halte dieses Gutachten für eine Sternstunde des Sachverständigenrates und der deutschen Wirtschaftswissenschaft. Es ist eines der besten Papiere, die mir in Sachen Euro-Krise bislang über den Weg gelaufen sind und sollte Pflichtlektüre für jeden sein, der sich mit der Euro-Krise beschäftigt.“

So leitet Oliver Storbeck seine zweiteilige Zusammenfassung des Gutachtens ein. „Ein Hoch auf den Sachverständigenrat“ überschreibt Mark Schieritz seinen Blogbeitrag zum Gutachten, das er als „klar, konsistent und vor allem lösungsorientiert“ ansieht. Der Rat habe sich „in den vergangenen Jahren oft darauf zurückgezogen, liberale (und im Minderheitsvotum keynesianische) Glaubenssätze aufzusagen. Jetzt macht er Vorschläge für die schmutzige Realität. Genau dazu ist er da.“

Hier die Pressemitteilung des Sachverständigenrats zu seinem Sondergutachten vom 06.07.2012:

Die europäische Währungsunion befindet sich in einer systemischen Krise, die den Fortbestand der gemeinsamen Währung und die ökonomische Stabilität Deutschlands gleichermaßen gefährdet. Die Entscheidungen der Staats- und Regierungschefs am 28. und 29. Juni 2012 können die Lage im Euro-Raum zwar kurzfristig stabilisieren. Doch die Krise bleibt weiterhin ungelöst und erneute Zuspitzungen drohen, wenn der bestehende Teufelskreis aus Bankenkrise, Staatsschuldenkrise und makroökonomischer Krise nicht durchbrochen wird. Aus diesem Anlass hat der Sachverständigenrat der Bundesregierung aktuell ein Sondergutachten vorgelegt, in dem er Wege aufzeigt, wie die Staatsschuldenkrise beendet werden kann und welche Maßnahmen nötig sind, um den Bankensektor nachhaltig zu stabilisieren. Es trägt den Titel: „Nach dem EU-Gipfel: Zeit für langfristige Lösungen nutzen“

Zur Lösung der Staatsschuldenkrise hatte der Sachverständigenrat mit dem Schuldentilgungspakt bereits im Herbst 2011 ein Konzept vorgestellt, das er nun umfassend weiterentwickelt und mit zusätzlichen Sicherungsmechanismen versehen hat. Der Schuldentilgungspakt ist zeitlich befristet und beinhaltet die Möglichkeit, die Hilfen an Konditionen zu knüpfen. Das unterscheidet ihn von geldpolitischen Maßnahmen der Europäischen Zentralbank. Er kann so konstruiert werden, dass europa- und verfassungsrechtliche Maßstäbe eingehalten werden. In Kürze wird dazu ein entsprechendes Rechtsgutachten veröffentlicht, das der Sachverständigenrat in Auftrag gegeben hat.

Zur Stabilisierung des europäischen Finanzsystems sollten die bereits beantragten Mittel für die spanischen Banken nur bei Einhaltung klarer Kriterien zur Rekapitalisierung und Restrukturierung der betroffenen Banken eingesetzt werden. Die Bedingungen, die für eine direkte Vergabe von Finanzhilfen aus dem ESM an Banken vorgesehen sind, werden auf absehbare Zeit nicht erfüllt sein. Es muss gewährleistet sein, dass Haftung und Kontrolle zusammenfallen. Bisher versäumte aufsichtsrechtliche Reformen, insbesondere Regelungen für die grenzüberschreitende Restrukturierung und Abwicklung von Banken, sollten zügig umgesetzt werden. Gleichzeitig darf die Lösung der akuten Krise nicht zu einer übereilten Einführung einer Bankenunion führen.

Siehe auch: