Was verboten, gestattet oder Pflicht ist: Islamgelehrte widerlegen ISIS-Doktrin

In einem Offenen Brief „an Dr. Ibrāhīm ʿAwwād al-Badrī alias ‚Abū Bakr al-Baġdādī‘ und die Kämpfer und Anhänger des selbsternannten ‚Islamischen Staates'“, in deutscher Übersetzung 51 Seiten umfassend, begründen 126 hochrangige sunnitische Islamgelehrte detailliert, warum die Doktrin und das Vorgehen von ISIS in eklatantem Gegensatz zur Religion Mohammeds stehen. In theologischer Auseinandersetzung mit 24 zentralen Aspekten des Islam widerlegen die Geistlichen die radikal-fundamentalistische ISIS-Auffassung Punkt für Punkt.

Wie alle Distanzierungen moderater Muslime von Djihadisten und Salafisten ist auch diese Initiative zu begrüßen – allein, sie wird bei den Adressaten wenig bewirken.

Denn es sind keine theologischen Überlegungen, die junge Männer für die Propaganda der Brutalo-Islamisten anfällig machen, sondern machtvolle psychische Motive: der Wunsch nach klaren, eindeutigen Regeln, an denen man sich ambivalenzfrei orientieren kann; nach religiösen Vorschriften, die fortwährende individuelle Entscheidungen ersetzen, wie sie beim mühsamen, selbstverantwortlichen Aufbau eines erfolgreichen Lebenswegs in der komplexen Wirklichkeit kapitalistischer Leistungsgesellschaften erforderlich sind; statt Konkurrenz und Wettbewerb klare Freund-Feind-Verhältnisse und ein brüderlich-kameradschaftliches Wir-Gefühl im Kreise Gleichgesinnter; vor allem aber das Versprechen, das bisherige Ohnmachtserleben hinter sich zu lassen und stattdessen an kollektiver Machtausübung teilzuhaben, ja im Kampf gegen (angebliche) Feinde zum Helden werden zu können. All dies abgesegnet von einer Illusion – der Phantasie eines allmächtigen, väterlichen Gottes als höchster Autorität: auch die brutalsten Grausamkeiten werden im Namen Allahs begangen, der diesen Weg belohnen wird, so glaubt man, und sei es im paradiesischen Jenseits nach dem Märtyrertod.

Die Verfasser des Offenen Briefs haben ihm ein „Executive Summary“ (sic!) vorangestellt, eine Zusammenfassung, in der sie die 24 Punkte benennen, die den wahren Islam von der ISIS-Irrlehre unterscheiden. Dem koranunkundigen Nicht-Muslim ermöglicht diese Kurzfassung einen ersten Eindruck, worum es dabei geht.

1. Es ist im Islam verboten, ohne die dafür jeweils notwendige Bildung und Kenntnis zu haben, fatwā (Rechtsurteile) zu sprechen. Sogar diese Fatwās müssen der islamischen Rechtstheorie, wie sie in den klassischen Texten dargelegt wurde, folgen. Es ist ebenfalls verboten, einen Teil aus dem Koran oder eines Verses zu zitieren, ohne auf den gesamten Rest zu achten, was der Koran und die Hadithe über diese Angelegenheit lehren. Mit anderen Worten gibt es strikt subjektive und objektive Vorbedingungen für Fatwās. Bei der Sprechung einer Fatwā, unter Verwendung des Korans, können nicht „die Rosinen unter den Versen herausgepickt“ werden, ohne Berücksichtigung des gesamten Korans und der Hadithe.

2. Es ist im Islam vollkommen verboten, Recht zu sprechen, wenn die Arabische Sprache nicht gemeistert wurde.

3. Es ist im Islam verboten, Scharia Angelegenheiten zu stark zu vereinfachen und festgelegte islamische Wissenschaften zu missachten.

4. Es ist im Islam [den Gelehrten] gestattet, Meinungsverschiedenheiten über bestimmte Angelegenheiten zu haben, außer in all jenen, welche als die Fundamente der Religion gelten, die allen Muslimen bekannt sein müssen.

5. Es ist im Islam verboten, bei der Rechtsprechung die Wirklichkeit der Gegenwart zu missachten.

6. Es ist im Islam verboten, Unschuldige zu töten.

7. Es ist im Islam verboten, Sendboten, Botschafter und Diplomaten zu töten; somit ist es auch verboten, alle Journalisten und Entwicklungshelfer zu töten.

8. Jihad ist im Islam ein Verteidigungskrieg. Er ist ohne die rechten Gründe, die rechten Ziele und ohne das rechte Benehmen verboten.

9. Es ist im Islam verboten, die Menschen als Nichtmuslime zu bezeichnen, außer sie haben offenkundig den Unglauben kundgetan.

10. Es ist im Islam verboten, Christen und allen „Schriftbesitzern“ – in jeder erdenklichen Art – zu schaden oder zu missbrauchen.

11. Es ist eine Pflicht, die Jesiden als Schriftbesitzer zu erachten.

12. Die Wiedereinführung der Sklaverei ist im Islam verboten. Sie wurde durch universellen Konsens aufgehoben.

13. Es ist im Islam verboten, die Menschen zur Konvertierung zu zwingen.

14. Es ist im Islam verboten, Frauen ihre Rechte zu verwehren.

15. Es ist im Islam verboten, Kindern ihre Rechte zu verwehren.

16. Es ist im Islam verboten, rechtliche Bestrafungen sowie Körperstrafen (ḥudūd) ohne dem Folgen des korrekten Prozedere, welches Gerechtigkeit und Barmherzigkeit versichert, auszuführen.

17. Es ist im Islam verboten, Menschen zu foltern.

18. Es ist im Islam verboten, Tote zu entstellen.

19. Es ist im Islam verboten, Gott – erhaben und makellos ist Er – böse Taten zuzuschreiben.

20. Es ist im Islam verboten, die Gräber und Gedenkstätten der Propheten und Gefährten zu zerstören.

21. Bewaffneter Aufstand ist im Islam in jeglicher Hinsicht verboten, außer bei offenkundigem Unglauben des Herrschers und bei Verbot des Gebets.

22. Es ist im Islam verboten, ohne den Konsens aller Muslime ein Kalifat zu behaupten.

23. Loyalität zur eigenen Nation ist im Islam gestattet.

24. Nach dem Tod des Propheten – Frieden und Segen seien auf ihm – verpflichtet der Islam niemanden irgendwohin auszuwandern.

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Wie halten Sie’s mit der Religion?

Gewiss macht es für christlich erzogene Menschen einen wesentlichen Unterschied, ob sie auch als Erwachsene noch gläubig sind, sich also mit den christlichen Glaubensinhalten identifizieren, oder nicht. Wer in der einen oder der anderen Richtung eine klare, eindeutige Position gefunden hat, sei es als gläubiger Christ oder als ungläubiger Atheist, hat diese Haltung vermutlich in sein geistiges und seelisches Leben integriert und ist in diesem Punkt mit sich im Reinen.

Wie steht es aber mit der großen Gruppe derjenigen, die nicht so recht wissen, was Sie von Gott und der Religion halten sollen? Die zahlreichen Zeitgenossen, die am christlichen Glauben zwar elementare Zweifel hegen, ihm aber niemals wirklich Lebewohl gesagt haben und die Frage nach ihrem Verhältnis zur Religion am liebsten unbeantwortet in der Schwebe belassen würden? Die vielen Schwankenden, die in ihrer Kindheit und Jugend ganz selbstverständlich in eine christliche Glaubenswelt hineingewachsen sind, sich im Laufe ihrer späteren Entwicklung aber ein rational geprägtes Weltbild angeeignet haben, in dem Jesus Christus und der liebe Gott nur noch schwer einen Platz finden.

Für viele Menschen ist es eine selbstverständliche, vertraute Gewohnheit, sich auch dann noch als Christen zu verstehen, wenn ihr Glaube mit ihrer erwachsenen, rational denkenden Persönlichkeit nicht mehr übereinstimmt. Im Alltag wird dies Spannungsverhältnis vermutlich zumeist kaum wahrgenommen; oft bedarf es existenzieller Grenzsituationen, um den schlummernden geistig-seelischen Konflikt bewusst werden zu lassen.

Falls auch Sie zu denjenigen gehören, die sich aus alter Gewohnheit als Christ betrachten, die Glaubensinhalte der christlichen Religion jedoch genau genommen nicht mehr für wahr halten, weil ihr Verstand ihnen recht eindeutig sagt, „ein Schmarren, das Ganze“: Würden Sie offen und ehrlich dazu stehen, sich selbst und anderen gegenüber?

Stellen Sie sich vor, Sie geraten in einen Gottesdienst und die Gemeinde betet das Vaterunser oder spricht das Apostolische Glaubensbekenntnis  – wie verhalten Sie sich dann? Beten Sie mit, oder bleiben Sie stumm?

Gehen wir einmal spielerisch davon aus, es sticht Sie der Hafer und Sie sprechen das Glaubensbekenntnis laut mit, bringen Ihren rational vorhandenen Unglauben dabei aber deutlich vernehmbar zum Ausdruck:

Ich glaube nicht an Gott, den Vater,
einen allmächtigen Schöpfer des Himmels und der Erde.

Und nicht an Jesus Christus,
seinen angeblichen Sohn, mitnichten unser Herr,
nie und nimmer empfangen durch den Heiligen Geist, sondern auf die bekannte, ganz natürliche Weise,
geboren von Maria, der Frau Josephs,
gelitten unter Pontius Pilatus,
gekreuzigt, gestorben und begraben,
allenfalls im metaphorischen Sinn hinabgestiegen in das Reich des Todes,
am dritten Tage jedoch keinesfalls auferstanden von den Toten
geschweige denn aufgefahren in den Himmel;
wo nichts und niemand sitzt,
außer ein paar Raumfahrer in ihrer Kapsel,
weshalb er weder von dort noch von sonstwo kommen wird,
zu richten die Lebenden und die Toten.

Ich glaube weder an den Heiligen Geist,
noch an die heilige christliche Kirche,
oder die Gemeinschaft der Heiligen,
auch nicht an die Vergebung der Sünden,
schon gar nicht an die Auferstehung der Toten
oder gar das ewige Leben.

Amen

Die erstaunte Aufmerksamkeit der Umstehenden wäre Ihnen gewiss, und die Reaktionen würden sich vermutlich im Bereich von amüsiert über indigniert bis entrüstet bewegen. Sie selbst würden eine derart offene Bekundung Ihres Unglaubens in einem Gottesdienst indes vermutlich für allzu groben Schabernack halten und die Verneinungsvarianten allenfalls im Stillen einfügen.

Was aber, wenn Sie überzeugter Christ sind?

Nehmen wir aber einmal an, Sie halten sich auch heute noch durch und durch für einen waschechten, gläubigen Christen. Dann ist Ihnen ja bekannt, dass das Apostolische Glaubensbekenntnis – das in sämtlichen katholischen Gottesdiensten zur üblichen Liturgie gehört, auf evangelischer Seite jedoch nur in Taufgottesdiensten gesprochen wird – die Kernaussagen des christlichen Glaubens in Kurzform enthält.

Welche der Aussagen dieses Glaubensbekenntnisses können Sie aber wirklich ernsthaft und guten Gewissens unterschreiben? Dass Jesus Christus der „eingeborene Sohn“ Gottes ist – geboren von der Jungfrau Maria, nachdem sie ihn durch den Heiligen Geist empfangen hatte? Ganz ohne Mitwirkung von Joseph oder eines anderen männlichen Samenspenders? Dass er am dritten Tag nach seinem Tod von den Toten auferstanden und in den Himmel aufgefahren ist (was uns immerhin die Osterfeiertage beschert hat)? Dass er dort jetzt zur Rechten Gottes sitzt, „des allmächtigen Vaters“, und eines Tages von dort kommen wird, um „die Lebenden und die Toten (…) zu richten“?

Hand auf’s Herz: Könnten Sie auf Ihren Eid nehmen, dass Sie diese Aussagen tatsächlich vollen Ernstes glauben, also für wahr halten?

Falls Sie jetzt einwenden, ich würde das zu eng sehen, darum gehe es doch gar nicht beim christlichen Glauben, sondern mehr um Ihre ganz persönliche Entscheidung, sich auf Gott und Jesus Christus einzulassen, ihnen zu vertrauen (also um das, was die Philosophen einen fiduziellen Glauben nennen und die Engländer „faith“ im Gegensatz zu „belief“), so würde ich meinerseits zu bedenken geben, dass Ihr emotional geprägter Glaube an Gott die Variante des Für-Wahr-Haltens, den sogenannten doxastischen Glauben, jedoch voraussetzt: Gottvertrauen können Sie nur haben, wenn Sie erst einmal davon überzeugt sind, dass es einen Gott gibt, dem Sie vertrauen können; dass er – wo und wie auch immer, aber jedenfalls außerhalb Ihres Kopfes – tatsächlich existiert und nicht nur ein Produkt der Phantasie ist wie Frau Holle oder die „Herrn der Ringe“. (Ob man ihn indessen „der“ oder lieber geschlechtsneutral „das Gott“ nennt, wie unsere Familienministerin Schröder vorziehen würde, ist vergleichsweise unwichtig.)

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Steinbrücks Fall

Vor gut drei Monaten schrieb ich hier über die problematische Persönlichkeit des SPD-Kanzlerkandidaten: seine Neigung zu Arroganz und Zynismus, seinen grimmigen Ernst, die latente Aggressivität und intellektuelle Selbstgefälligkeit, den fehlenden Charme. Ich kam zu dem besorgten Ergebnis, dass Steinbrück wegen seiner wenig gewinnenden Ausstrahlung schlechte Voraussetzungen mitbringt, ein erfolgreicher Kanzlerkandidat zu sein.

Dass sich der Kandidat jedoch derart schnell und in einem Maße selbst demontiert, wie dies in der Geschichte der Bundestagswahlkämpfe einmalig ist: ein Absturz der Sympathiewerte innerhalb weniger Wochen auf ein Niveau unterhalb von Westerwelle – das überstieg mein Vorstellungsvermögen.

Steinbrücks Fall ist die glasklare Folge seiner Selbstherrlichkeit, psychologisch formuliert: seiner ausgeprägten narzisstischen Persönlichkeitstendenz. Was jetzt mühsam als Ehrlichkeit und Geradlinigkeit verkauft werden soll, ist in Wahrheit die Unfähigkeit des Kandidaten, sein dickschädeliges Ego zu drosseln und sich um eines größeren Zieles willen an die Erwartungen der Wähler anzupassen. Es zeugt von einer erheblichen egozentrischen Borniertheit, nach dem Desaster der millionenschweren Honorareinnahmen mit Vorträgen, die der frühere Finanzminister neben seiner Abgeordnetentätigkeit gehalten hat, nun auch noch die relativ geringe Vergütung des deutschen Bundeskanzlers, gemessen an den in der freien Wirtschaft gezahlten Gehältern für Topmanager, zu kritisieren.

Mit seiner Haltung, „ich sage, was ich denke, egal, wie es in der Bevölkerung ankommt“, zeigt Steinbrück, dass er die mit der Übernahme der SPD-Kanzlerkandidatur verbundene Verantwortung für seine Partei nicht verstanden hat, die auf sein zielführendes Wohlverhalten angewiesen ist.

Vielleicht hätte man ihn vorab Gracians „Handorakel der Weltweisheit“ lesen lassen sollen, das voll mit guten Ratschlägen für in der Öffentlichkeit stehende Personen ist. Aber: es hätte nichts genutzt. Eigenschaften, die derart tief im Charakter eines Menschen verankert sind, sind resistent gegen gute Ratschläge.

Während die CDU durch einen Merkel-Bonus gestützt wird, lastet auf der SPD nun ein Steinbrück-Malus. Für das ursprünglich durchaus aussichtsreiche Projekt einer rot-grünen Bundesregierung nach den nächsten Wahlen und für die SPD als Partei ist der dramatische Absturz  des Kandidaten in der Wählergunst – aus Gründen, die allein in seiner Person liegen – äußerst bitter. Die Folge ist, dass ein großer Teil der aus politischen Gründen eigentlich wechselbereiten Schwarz-Gelb-Wähler nun doch wieder Merkel den Vorzug geben, weil sie Peer Steinbrück auf keinen Fall zum Kanzler wählen wollen.

Nur ein höchst unkonventioneller Schritt könnte jetzt noch eine Trendwende einleiten: Steinbrücks Rücktritt als Kandidat (am besten auch gleich der von Wowereit als Berlins Regierender Bürgermeister) und die Kandidatenkür von Frank-Walter Steinmeier. Da aber die Wahlkampfvorbereitungen – die Plakate, Werbespots etc. – in den letzten Wochen ganz auf den derzeitigen Kandidaten zugeschnitten wurden, würde das die SPD teuer zu stehen kommen.

Finanziell. Andernfalls politisch.

Siehe auch:
  • Clowns-Äußerung – Napolitano sagt Gespräch mit Steinbrück ab – Spiegel Online, 27.02.2013
    • „Italiens Staatspräsident Giorgio Napolitano hat kurzfristig ein Treffen mit Peer Steinbrück abgesagt. Zuvor hatte der SPD-Kanzlerkandidat über die Wahl in Rom gesagt, es hätten „zwei Clowns“ gewonnen.“
    • „Die Äußerungen könnten in der italienischen Politik für erhebliche Verärgerung sorgen. Auch in der SPD wird der flapsige Spruch als äußerst ungeschickt bezeichnet. Jemand, der Kanzler werden wolle, sollte sich damit zurückhalten, gegen ausländische Politiker zu sticheln, mit denen er später womöglich zu tun haben werde, hieß es in der Partei.“
  • Steinbrücks Klartext-ProblemVeit Medick – Spiegel Online, 27.02.2013
    • „Zwei „Clowns“ als Sieger: Die Äußerungen von Peer Steinbrück über den Wahlausgang in Italien sorgen für diplomatische Spannungen und Irritationen in seiner eigenen Partei. Der Fall zeigt: Der SPD-Kanzlerkandidat schätzt die Wirkung seiner Worte noch immer falsch ein.“
  • FDP schmäht Steinbrück als „Peerlusconi“ – Spiegel Online, 28.02.2013
    • „Mit markigen Worten zur Italien-Wahl hat Peer Steinbrück den Präsidenten des Landes verärgert – nun muss er selbst Spott ertragen: FDP-Politiker Wissing bezeichnet ihn als „Peerlusconi“ – in Anlehnung an Silvio Berlusconi, den der SPD-Kanzlerkandidat einen Clown genannt hatte.“
  • Um Kopf und KragenHans Monath & Elisa Simantke – Tagesspiegel, 01.03.2013
    • „Das Motto lautet: „Klartext reden“. So will sich Peer Steinbrück als Kanzlerkandidat empfehlen. Doch seine lockeren Sprüche bringen immer öfter Ärger mit sich. Kann er sich noch ändern?“
  • Deutsch-italienische Verstimmung: Wut auf die CrautiHans-Jürgen Schlamp (Rom) – Spiegel Online, 01.03.2013
    • „Da sind sie wieder, die bösen Deutschen und die faulen Italiener. Die wütenden Vorwürfe nach Peer Steinbrücks „Clown“-Sprüchen zeigen, dass Vorurteile in beiden Ländern noch immer tief sitzen. Die gegenseitigen Schimpftiraden haben schon Tradition.“
  • Steinbrücks Beliebtheitswerte sacken ab – Zeit, 04.04.2013
    • „Noch 32 Prozent sind mit der Arbeit von Steinbrück zufrieden – der schlechteste Wert seit acht Jahren. Äußerungen zum Sportunterricht für Muslime sorgen für neue Kritik.“

Das Grass-Gedicht: Was zutrifft und was nicht (1)

Wie Stahl Konjunktur hat, hat Lyrik ihre Konjunktur.
Die Herstellungskosten sind gering.
Man nehme: ein Achtel gerechten Zorn,
zwei Achtel alltäglichen Ärger
und fünf Achtel, damit sie vorschmeckt, ohnmächtige Wut.

Günter Grass: „Irgendwas machen“ (1967)
Auszug aus einem Spottgedicht von Grass
zu politischen Protestgedichten

Analyse des Gedichts „Was gesagt werden muss“ von Günter Grass: 1. Abschnitt

(1) Warum schweige ich, verschweige zu lange, was offensichtlich ist und in Planspielen geübt wurde, an deren Ende wir als Überlebende allenfalls Fußnoten sind. Es ist das behauptete Recht auf den Erstschlag, der das von einem Maulhelden unterjochte und zum organisierten Jubel gelenkte iranische Volk auslöschen könnte, weil in dessen Machtbereich der Bau einer Atombombe vermutet wird.

Diese zwei Sätze enthalten die folgenden sechs Aussagen:

  1. Israel behauptet, ein Recht auf einen Erstschlag gegen den Iran zu haben, weil der Bau einer iranischen Atombombe vermutet wird.
  2. Dieser Erstschlag könnte das iranische Volk auslöschen. (Somit ist impliziert, dass Israel das Recht zu einem atomaren Erstschlag behauptet.)
  3. Die Behauptung Israels, ein Recht auf einen (atomaren) Erstschlag zu haben, ist offensichtlich; dieser wurde in Planspielen geübt.
  4. An deren Ende sind wir als Überlebende allenfalls Fußnoten.
  5. Das iranische Volk wird von einem Maulhelden unterjocht und zum organisierten Jubel gelenkt.
  6. Der Autor fragt sich, warum er zu all dem schweigt bzw. diese Sachverhalte zu lange verschwiegen hat.

Die erste Aussage ist nahezu täglich in der Presse zu lesen, wobei allerdings nicht vom Einsatz von Kernwaffen die Rede ist. Grass unterstellt Israel jedoch implizit, einen Erstschlag mit Atomwaffen zu planen, denn – wenn überhaupt – könnte das iranische Volk nur auf diese Weise ausgelöscht werden. Zudem ist der Begriff „Erstschlag“ ausschließlich im Zusammenhang mit dem Adjektiv „atomar“ gebräuchlich. Bei einem präventiven Angriff mit konventionellen Waffen würde man von einem Präventivschlag oder -krieg sprechen. Diese zweite Aussage, ein israelischer Erstschlag könnte das iranische Volk auslöschen, beruht allein auf einer Phantasie des Schriftstellers und hat keinerlei Realitätsgehalt. Die israelische Iran-Politik ist ausschließlich auf die Verhinderung bzw. Ausschaltung eines möglichen iranischen Atomwaffenpotentials gerichtet und nicht auf das Auslöschen der iranischen Bevölkerung. Diese Behauptung ist absurd. Selbst ein Erstschlag mit Atomwaffen würde sich gegen die iranischen Atomanlagen richten, und würde zwar zu grauenhaften Opferzahlen in der iranischen Bevölkerung führen, sie aber nicht auslöschen.

Was mag Grass bewogen haben, eine derart infame Unterstellung in seinen Text aufzunehmen? Vermutlich wollte er ein Gegengewicht schaffen zu den (angeblichen – s.u.) Drohungen aus dem iranischen Regime, Israel zu vernichten. Da die Grass’sche Behauptung jedoch jeder realen Grundlage entbehrt, ist sie in meinen Augen eine perfide Form von Desinformation und Agitation. Mit seiner Auslöschungsphantasie malt Grass den Teufel an die Wand, in der durchsichtigen Absicht, Israel als Feindbild aufzubauen und zu dämonisieren. Iranische Vernichtungsdrohungen gegen Israel erwähnt Grass in seinem gesamten Text übrigens nicht. (Vgl. hierzu jedoch die Debatte darüber, ob es derartige Drohungen überhaupt gibt – s. auch hier und hier, aber auch die betreffenden Äußerungen des religiösen Führers des Iran, Chamenei, zu Israel.)

Die vierte Aussage, wir (die Deutschen? die Europäer?) seien am Ende der Planspiele – diesen Bezug stellt der Text her – als Überlebende nur Fußnoten, passt zu der von Grass beabsichtigten Dramatisierung der Lage. Die israelische Auffassung, berechtigt zu sein, über eine militärische Zerstörung der iranischen Atomanlagen allein zu entscheiden, könnte uns indes tatsächlich zu Fußnoten degradieren – jedoch als Überlebende der durch einen israelischen Angriff ausgelösten kriegerischen Auseinandersetzungen, nicht der Planspiele.

Dass das iranische Volk „von einem Maulhelden“ (Staatspräsident Ahmadinedschad) „unterjocht“ und „zum organisierten Jubel“ gelenkt wird, ist gleich in mehrfacher Hinsicht unzutreffend. Das iranische Volk wird von einem Regime geführt und unterdrückt, das sich komplexe Herrschaftsstrukturen geschaffen hat, und die Position des Staatspräsidenten (Regierungschefs) ist innerhalb der Führung beileibe nicht die mächtigste. Davon unabhängig ist es eine die tatsächliche Situation völlig verzerrende, irreführende Bagatellisierung, einen aggressiven Judenhasser, fanatischen Antizionisten und Holocaust-Leugner wie Ahmadinedschad auf einen „Maulhelden“ zu reduzieren. Auch diese schönfärberische Charakterisierung ist reinste Demagogie.

Fazit: dieser erste Abschnitt des Gedichts mit der Unterstellung, Israel könnte mit einem atomaren Erstschlag die Auslöschung des iranischen Volkes betreiben oder zumindest billigend in Kauf nehmen, und mit der gleichzeitigen Verharmlosung des Bedrohungspotentials der iranischen Seite ist eine groteske, boshafte Verfälschung der tatsächlichen Verhältnisse im Interesse anti-israelischer Agitation.

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Die braven Medien und der böse Wulff

Ein Leserkommentar zu meinem Blogartikel „Zapfenstreich, Mob und Zivilgesellschaft“ hat mich veranlasst, das Thema noch einmal aufzugreifen. Hier meine Antwort an den Verfasser des Kommentars.

Sie vertreten offenbar allen Ernstes die Auffassung, Christian Wulff solle in der gegebenen Situation auf seinen ihm rechtlich zustehenden und mit dem dafür vorgesehenen Verfahren zuerkannten “Ehrensold” verzichten. Ihre Überzeugung begründen Sie mit zwei Argumenten: zum einen habe Wulff in früheren Zeiten selbst eine Absenkung der Ruhestandsbezüge für ausgeschiedene Bundespräsidenten gefordert, und nun, wo es ihn selbst betrifft, nehme er diese gleichwohl dankend an – immer so, wie es gerade opportun ist. Zum anderen habe der zurückgetretene Bundespräsident sich gravierende Verfehlungen zuschulden kommen lassen („die Bürger an der Nase herumgeführt“, „ein unwürdiges Spiel getrieben“, „nur scheibchenweise zugegeben, was sich nicht mehr leugnen ließ“), und als Buße sei es nur angemessen, wenn er auf seine Ruhestandsbezüge verzichte. Ein “Absahner” sei Wulff, hörte ich neulich in meinem Freundeskreis, und gegen so einen könne man gar nicht genug protestieren.

Was Ihr erstes Argument betrifft, so vergessen Sie, dass er seinerzeit – damals noch niedersächsischer Ministerpräsident – nicht vorschlug, eine Senkung des präsidialen „Ehrensolds“ solle auch rückwirkend gelten (was rechtlich gar nicht möglich wäre), oder alternativ sollten der amtierende Präsident und seine Vorgänger auf überhöht erscheinende Beträge von sich aus verzichten. Vielmehr sprach Wulff sich für eine Gesetzesänderung für zukünftige Fälle aus, und ich wette, zu diesem vernünftigen Vorschlag steht er auch noch heute. Eine solche Änderung der Rechtsgrundlage der Ruhestandsbezüge gibt es aber derzeit (noch) nicht. In dieser Situation ist ein freiwilliger Verzicht zugunsten der Staatskasse völlig weltfremd und im Übrigen rechtlich vermutlich gar nicht vorgesehen. Vielleicht könnte Christian Wulff Teile seiner Ruhebezüge wohltätigen Zwecken zukommen lassen oder in eine Stiftung einbringen – warten Sie doch mal ab, womöglich geschieht dies irgendwann. Aber: Allein er hat zu entscheiden, was er mit seinem Geld macht, uns geht das nicht im Mindesten etwas an. Wir fordern ja auch von den mit monatlichen Vorstandsgehältern in Höhe von sieben- bis achtunderttausend Euro und mehr ausgestatteten DAX-Vorständen nicht, sie sollten einen Teil dieses nun wirklich übertriebenen Salärs zurückgeben oder für wohltätige Zwecke spenden. Allenfalls setzen wir uns dafür ein, dass derartige Gehaltsstrukturen in Zukunft geändert werden.

Zu Ihrem zweiten Argument: Wir alle kennen die Geschehnisse nicht aus eigenem Erleben, sondern konnten uns unsere Meinung nur aufgrund der Medienberichterstattung bilden. Wissen Sie denn sicher, dass stets die umfassende Wahrheit ermittelt und berichtet wurde, und dass sämtliche Umstände berücksichtigt wurden, einschließlich der entlastenden Aspekte? Wurden Wulffs mögliche Verfehlungen z.B. denen anderer Politiker – Stichwort Wowereit – gegenübergestellt, und wurde dabei auch wirklich nicht mit zweierlei Maß gemessen? Haben Sie angesichts des Medien-Hypes der vergangenen Monate gar keine Zweifel, ob die chronisch skandallüsterne Presse gegenüber Christian Wulff zu einem Urteil gekommem ist, das man als gerecht und ausgewogen bezeichnen kann, und das den uralten Grundsatz “in dubio pro reo” angemessen berücksichtigt?

Lassen wir den hochproblematischen Aspekt der Boulevardisierung der Berichterstattung, des „Schimpf-und Schande-Journalismus“ einmal beiseite, so bleibt jedenfalls ein Faktum: Ihre Auffassung wird zwar von der Mehrheit der Bevölkerung geteilt, aber keineswegs von der gesamten Bevölkerung. Meines Wissens etwa 10 – 20 Prozent der Bürger halten Wulffs Verfehlungen, wenn sie überhaupt welche erkennen, eher für Kleinigkeiten, die einen Rücktritt nicht gerechtfertigt hätten.

Ihre Forderung an den Ex-Bundespräsidenten macht indessen nur dann Sinn, wenn Sie davon ausgehen, Christian Wulff würde Ihre Bewertung seines Verhaltens teilen und Ihre Schuldzuweisung im Grunde akzeptieren. Andernfalls würde er sich mit einem Pensionsverzichts der Mehrheitsmeinung schlicht unterwerfen, entgegen seiner eigenen Überzeugung – und das würden vermutlich selbst Sie nicht verlangen.

Nach allem, was wir wissen, teilt er aber Ihre Sichtweise nicht. Wie die Bevölkerungsminderheit ist er vermutlich der Auffassung, es handele sich bei den Vorwürfen entweder um Missverständnisse oder um Petitessen, die nur mittels einer populistischen, skandalisierenden Medienberichterstattung hochgekocht wurden. Und Sie erwarten von ihm gleichwohl, er solle auf seine Ruhebezüge als Bundespräsident verzichten und entgegen seiner eigenen Überzeugung der mehrheitlichen Volksmeinung folgen? Weshalb nicht der Auffassung der Minderheit – das sind schließlich auch Millionen Bundesbürger?

Selbstverständlich würde ein Pensionsverzicht als Ausdruck eines schlechten Gewissens und Eingeständnis einer Schuld ausgelegt werden. Selbst wenn Christian Wulff wegen der einen oder anderen seiner früheren Handlungen so etwas wie Schuldgefühle empfinden sollte, würde ihm jeder halbwegs vernünftige Anwalt von deren Bekenntnis während eines staatsanwaltschaftlichen Ermittlungsverfahrens entschieden abraten – und unser Rechtssystem erwartet ausdrücklich nicht, dass ein Verdächtigter oder Beschuldigter sich selbst belastet. Im Übrigen ist bekannt, dass Wulff für einige Jahre, bis seine Pensionsansprüche aus seiner Abgeordnetentätigkeit und aus seinem Ministerpräsidentenamt fällig werden, bei einem Ausfall des „Ehrensolds“ praktisch keine Einkünfte hätte.

Nein, das Problem liegt meiner festen Überzeugung nach bei denjenigen, die so denken wie Sie. Die sich berechtigt fühlen, ihre eigene Weltauffassung den Mitmenschen auf’s Auge zu drücken. Die Minderheitsmeinung soll gefälligst dem Urteil der Mehrheit folgen, und Christian Wulff allemal. Wenn nicht, wird’s ungemütlich. Zuerst wird der Ex-Präsident mit Spott und Häme überzogen und zur Unperson erklärt, über die man sich – so die Standardvokabel – nur noch fremdschämen kann. Sodann bläst ihm das Volk zur Abschiedsfeier den Marsch mit lärmenden Tröten.

Dies alles gehört zu den bedauerlichen Folgen der monatelangen populistischen Skandalberichterstattung, mit der die Medien bereitliegende Klischees aus dem weiten Feld der Politikverdrossenheit bedienten und anheizten. Große Teile des emotionalisierten Publikums sind unter diesen Bedingungen nur allzu geneigt, den Berichten und Kommentaren kritiklos Glauben zu schenken. Eine differenzierte, ausgewogene Urteilsbildung findet unter Empörungsumständen nicht statt, es entsteht vielmehr ein Feindbild.

Massenmedien tendieren dazu, aus den Menschen eine Masse zu machen, was deren Meinungsbildung betrifft. Massenmedien erzeugen Massenmeinungen, indem sie das von ihnen propagierte Weltverständnis in die Köpfe der Mehrheit bringen und das Denken der einzelnen Individuen auf diese Weise tendenziell gleichschalten. Der Masse zugehörig gibt der Mensch allzu leicht seinen individuellen Geist auf und wird im Denken und Handeln unkritisch, undifferenziert, irrational, ja manchmal primitiv. Sie wissen, dass ich noch untertreibe, hinsichtlich des Verrohungspotentials.

Zapfenstreich, Mob und Zivilgesellschaft

Man kann darüber streiten, ob ein militärisches Traditionszeremoniell wie der Große Zapfenstreich heute noch dazu taugt, einem aus dem Amt scheidenden Repräsentanten unseres Staates zum Abschied die Ehre zu erweisen. Ich finde nicht. Die Ämter des Bundeskanzlers und des Bundespräsidenten sind zentrale Bestandteile unserer modernen parlamentarischen Demokratie.  Möchte man deren Amtsträger anlässlich ihrer Verabschiedung noch einmal besonders ehren, so ist eine aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts stammende Militärzeremonie dazu denkbar ungeeignet. Stattdessen sollte eine Form gefunden werden, die unserer heutigen  Bürger– und Zivilgesellschaft angemessen ist. Eine mehr oder weniger festliche Geselligkeit – ein Empfang mit einigen Dankesreden, vielleicht ein Festessen, ein Ball oder ein Gartenfest – das wären weitaus demokratie- und zeitgemäßere Formen einer Verabschiedung. Denkbar wäre auch ein wissenschaftliches Symposion zu einem Thema, das dem Scheidenden besonders am Herzen liegt. Der Abschied eines Verteidigungsministers als Oberbefehlshaber der Streitkräfte ist möglicherweise anders zu beurteilen.

Gestern jedoch war nicht das wesentliche Problem, was im Garten des Schlosses Bellevue feierlich zelebriert wurde, sondern das, was draußen geschah. Da lärmte, aufgewiegelt durch einen Tsunami von Skandaljournalismus, der unser Land drei Monate lang überflutete, der moderne Mob.

Ich verwende diesen Begriff ganz bewusst, denn er trifft den Nagel auf den Kopf. Wikipedia definiert „Mob“ als „aufgewiegelte Volksmenge“, als „eine (…) Gruppe von Personen, die (…) ohne erkennbare Führung zusammen agiert“, mit „kurzfristigen Zielen“, sich „spontan und unvermittelt zu militanten Protesten“ zusammenfindend. Der Mob veranstalte Tumult und Aufruhr, aber er analysiere und diskutiere nicht. Als Beispiele werden eine „anfeuernde Ansammlung um eine Schlägerei auf dem Schulhof“ oder „Zulauf zu öffentlichen Hinrichtungen“ genannt. Das „Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache (DWDS)“ weist darauf hin, der Ausdruck Mob für eine „aufgeputschte, randalierende Menschenmenge“ gehe auf lat. mōbilis ‘beweglich’ zurück, die mōbile vulgus sei ‘die schwankende, wankelmütige Volksmasse’ gewesen. Und das „Free Dictionary“ definiert zugespitzt: „eine wütende Menschenmenge, die meist Gewalt ausübt“.

Sind Dutzende Vuvuzelas, die lautstark und nachhaltig ein feierliches Zeremoniell stören, eine Form von Gewalt? Selbstverständlich.

Rechtsstaat und Unschuldsvermutung

Zu unserer Demokratie gehört das Gebot der Rechtsstaatlichkeit. Recht und Gesetz haben das staatliche Handeln zu bestimmen, begrenzen die Freiheiten der Bürger und sollen diese vor Willkür und Übergriffen schützen. Das gilt für alle, für Demonstranten ebenso wie für Bundespräsidenten. In der Sphäre von Recht und Gesetz sind wir alle gleich. Deshalb dürfen Demonstranten demonstrieren und „Amtsträger für die Dienstausübung keinen Vorteil fordern, sich versprechen lassen oder annehmen“ (§ 331 StGB).

Es gilt aber auch:

„Jeder Mensch, der einer strafbaren Handlung beschuldigt wird, ist solange als unschuldig anzusehen, bis seine Schuld in einem öffentlichen Verfahren, in dem alle für seine Verteidigung nötigen Voraussetzungen gewährleistet waren, gemäß dem Gesetz nachgewiesen ist.“

In dieser Form ist das Verbot der Vorverurteilung bzw. die sogenannte Unschuldsvermutung seit 1948 in der „Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte“ der Vereinten Nationen (Art. 11 Abs. 1) verankert.

Noch während der gesamten Dauer eines Strafverfahrens ist jeder Verdächtigte oder Beschuldigte als unschuldig zu behandeln. Falls es zu einer Verurteilung kommt, endet die Unschuldsvermutung erst mit deren Rechtskraft. Zudem hat nicht der Beschuldigte seine Unschuld, sondern die Strafverfolgungsbehörde seine Schuld zu beweisen. Das sind wohlerwogene Prinzipien unseres Rechtssystems, die vor ungerechtfertigter Verfolgung, falscher Verdächtigung, Verleumdung oder übler Nachrede – allesamt Straftatbestände – schützen sollen.

Der Mob sieht dies von Grund auf anders. Der hält sich mit derlei Feinheiten nicht auf, sondern hat – in seiner Empörungsbereitschaft von den Skandalisierungsmedien hinreichend angestachelt, darauf komme ich noch – sein Schuldurteil längst gefällt. Weder berücksichtigt er die genauen Umstände des Verhaltens des Verdächtigten noch dessen Motive. An entlastenden Gesichtspunkten ist er erst gar nicht interessiert. In der Hingabe an seine Gefühlswallungen ist ihm das Prinzip der Verhältnismäßigkeit völlig abhanden gekommen. Entrüstung, Häme und Schadenfreude erfüllen die medienseitig aufgewiegelten Wutbürger und führen zu einer hochgradigen Trübung ihres Erkenntnis- und Urteilsvermögens. Das gilt für die justitiablen Aspekte der Angelegenheit ebenso wie für die nicht-justitiablen, in der Sphäre von Stilfragen angesiedelten.

Die äußerste Zuspitzung des gewaltbereiten Volkszorns, den Lynchmob, kennen wir bekanntlich nicht nur aus dem Mittelalter und dem Wilden Westen, sondern erleben ihn in zahlreichen Regionen unserer Welt bis in die heutige Zeit.

Daher war es eine der großen Errungenschaften unserer europäischen Zivilisation, unabhängige Justizorgane einzuführen und sie in ihrem Vorgehen zu Unvoreingenommenheit und nüchterner, differenzierter Sachlichkeit zu verpflichten. Die Rechtsprechung sollte neutral und unparteilich vonstatten gehen und der Beschuldigte die Chance auf eine ausgewogene, faire Beurteilung erhalten. Wie fragil und störanfällig diese Prinzipien im realen Justizalltag sind, wissen wir alle.

Seit den Zeiten des alten Roms, als das Römische Recht als Grundlage unseres heutigen Rechtssystems entwickelt wurde, trägt die Justitia eine Augenbinde als Symbol für Unparteilichkeit, für das Richten ohne Ansehen der Person, und in der Hand eine Waage, die das sorgfältige Abwägen des Für und Wider bei der Urteilsfindung symbolisieren soll. Der Waagbalken steht übrigens oft schräg, als Ausdruck für den Grundsatz „In dubio pro reo“ (Im Zweifel für den Angeklagten).

Übrigens, man glaubt es kaum: Auch die Presse hat offiziell erklärt, sie wolle sich an Vorverurteilungen nicht beteiligen. Ziffer 13 des Pressekodex lautet:

„Die Berichterstattung über Ermittlungsverfahren, Strafverfahren und sonstige förmliche Verfahren muss frei von Vorurteilen erfolgen. Der Grundsatz der Unschuldsvermutung gilt auch für die Presse.

Soweit unsere teilweise Jahrhunderte alten kulturellen Errungenschaften. Gestern haben sie versagt. Eine offizielle Verabschiedung eines Bundespräsidenten, mit welchem Zeremoniell auch immer, und mag man von dem Mann halten, was man will, durch massiven Einsatz lärmender Tröten nachhaltig zu stören, zeigt nicht nur eine überaus verrohte Intoleranz, Mitleidlosigkeit und menschliche Kälte, es ist auch eine Form von Gewalt.

(Fortsetzung: Warum die fatale populistische Skandalisierungstendenz unserer Medien das eigentliche Problem ist.)

Wie geht’s dem WulffPlag-Wiki?

Schlecht. Er besteht jetzt seit knapp drei Wochen, hatte sich zunächst ganz ordentlich entwickelt, scheint nun aber von internen Auseinandersetzungen dominiert zu sein.

Von den anfänglich vier Admins ist lediglich noch einer aktiv – der Gründer selbst. Zwei Admins haben ihre Mitarbeit offenbar eingestellt, dem dritten wurden vom Gründer die Rechte entzogen. Hintergrund scheinen Differenzen über die Einhaltung der selbstverordneten inhaltlichen Neutralität zu sein.

Quo vadis, Crowd?

Insbesondere gibt es Streit zwischen dem Wiki-Gründer und dem abberufenen Admin über einen ehemals von diesem betreuten Artikel über die Medienberichterstattung in der Affäre Wulff. In diesem Artikel waren zahlreiche Beispiele medienkritischer Kommentare zur Wulff-Berichterstattung von Seiten der Medien selbst gesammelt worden, wurden referiert bzw. Kernsätze daraus zitiert. Dies gefiehl dem Gründer nicht, daher ersetzte er den Artikel kurzerhand durch eine von ihm erstellte Kurzform. Zudem löschte er Diskussionsseiten, die Kritik an seinem Vorgehen enthielten.

Machtmissbrauch im Wiki

„Versachlichung durch kollektive Intelligenz“ – das war die Hoffnung, die sich mit diesem Internetprojekt nach dem Vorbild des GuttenPlag-Wiki verband. Es scheint, als hätte sich in diesem Fall eher kollektive Unintelligenz durchgesetzt. Bei der Umsetzung des Projekts wurden offenbar grundlegende „Hygiene-Regeln“ einer gedeihlichen Zusammenarbeit der Teilnehmer nicht beachtet – das Vorgehen untereinander abzustimmen, bei Unstimmigkeiten Meinungsbilder herbeizuführen, fertige Texte nicht eigenmächtig umfangreich zu ändern oder zu löschen.

Essentielle Wikiquette

Bei gemeinschaftlichen Wiki-Projekten ist es essentiell, den Mitarbeitern faire, demokratische Bedingungen zu garantieren, sonst gibt es rasch böses Blut. Man sollte stets berücksichtigen, dass die Möglichkeit einer informellen Klärung von Streitfragen im persönlichen Gespräch nicht oder allenfalls eingeschränkt (Chat) gegeben ist, und dass Differenzen unter diesem Umständen dazu tendieren, sich rasch auszuweiten und zu verschärfen. Wikipedia hat ein umfangreiches Regelwerk für den Umgang der Teilnehmer miteinander entwickelt, auch im Konfliktfall, in das jahrelange Erfahrungen eingeflossen sind. Es ist neuen Wiki-Projekten wie dem WulffPlag-Wiki unbedingt zu empfehlen, sich daran zu orientieren. Andernfalls ist die Gefahr groß, dass bald nicht kollektive Intelligenz, sondern Zank und Streit das Geschehen dominieren.

Causa Wulff: Kesseltreiben und/oder präsidiales Versagen? – Interessante Stellungnahmen

  • Dossier „Bundespräsident Wulff: Sein Credo ist Ehrlichkeit“Cicero – Magazin für Politische Kultur
    • „Mit dem Leitspruch „Ehrlich, mutig, klar“ stieg er auf, jetzt droht er an seinen eigenen Maßstäben zu fallen: Bundespräsident Christian Wulff, der Privatkredit und seine Unternehmerfreunde“
  • Kommunikationsberater: „Kai Diekmann spielt Gott“W&V, 05.01.2012
    • „‚Kai Diekmann spielt Gott.‘ Diesen Vorwurf macht Kommunikationsberater Hasso Mansfeld dem Bild-Chefredakteur im Umgang mit der Affäre Christian Wulff. Diekmann wolle mit der ‚Kampagne gegen Wulff‚ der Republik beweisen, dass man Politik ohne Bild nicht betreiben könne. ‚Medien sind die vierte Macht im Staat und haben damit eine sehr wichtige Aufgabe. Sie sollen aber nicht selbst Politik machen – wie es Kai Diekmann mit der Bild gerade macht‘, kritisiert Mansfeld.“

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Kommentar MW:  Er macht Politik mittels einer gezielt inszenierten Skandalisierungskampagne der Affäre Wulff.

Skandalisierung bedeutet immer gezieltes Schüren von Empörung („Aufhetzen“) durch

  • emotionalisierte und dramatisierende Berichterstattung,
  • selektive, verkürzende und verzerrende Darstellung von Sachverhalten und Fakten,
  • Vorenthalten vollständiger Informationen (Halbwahrheiten),
  • Aufbauschen und Überspitzen von Negativaspekten,
  • Polemisierung und Entrüstungsrhetorik,
  • jeglichen Verzicht auf eine faire, ausgewogene oder gar wohlwollende Betrachtung
  • sowie auf Beachtung des Verhältnismäßigkeitsaspekts bei den vorgenommenen Bewertungen.

Stattdessen…

  • die genüssliche Verwendung von Häme, Spott, Schadenfreude
  • und zahlreicher weiterer Spielarten von Entwertung der skandalisierten Person, ihrer Eigenschaften und Handlungen.

Kurzum:

  • Gerechtfertigt scheinbar durch ein Fehlverhalten der skandalisierten Person wird ein höchst boshafter kommunikativer Prozess in Gang gesetzt mit dem Ziel, der Person Schaden zuzufügen bzw. sie zu Fall zu bringen, und gleichzeitig die Aggressionslust des Massenpublikums zu bedienen, das für Derartiges nur allzu empfänglich ist.
  • Auf der Strecke bleiben unsere besseren Eigenschaften: Sachlichkeit; Fairness; Fehlerfreundlichkeit; der Grundsatz „in dubio pro reo“; Ausgewogenheit, Wohlwollen, eventuell Milde im Urteil.

Fazit: Skandalisierung im beschriebenen Sinn bedeutet Kulturverlust und Primitivierung. Sie lässt Niedertracht gerechtfertigt erscheinen und macht sie auf diese Weise salonfähig.

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Causa Wulff: Kesseltreiben und/oder präsidiales Versagen? – Basics

Skandal (aus: Wikipedia)

Ein Skandal bezeichnet ein Aufsehen erregendes Ärgernis und die damit zusammenhängenden Ereignisse oder Verhaltensweisen. Das Wort ist im Deutschen seit dem Ende des 16. Jahrhunderts belegt. Es wurde aus dem gleichbedeutenden französischen scandale entlehnt, das auf das kirchenlateinische scandalum zurückgeht, dieses wiederum auf das griechische skandalon „Fallstrick, Anstoß, Ärgernis“.[1] Das abgeleitete Adjektiv skandalös mit der Bedeutung „ärgerniserregend, anstößig“ sowie „unerhört, unglaublich“ findet sich seit Anfang des 18. Jahrhunderts.[2]

Skandal wird häufig synonym zum Begriff Affäre verwendet. Affäre bezeichnet – neben der Liebesaffäre – heute vor allem als skandalös beurteilte Angelegenheit in Politik und Wirtschaft.[3] Der Begriff des Skandals kann demgegenüber ein breiteres Spektrum der öffentlichen Wahrnehmung ansprechen, beispielsweise auch einen Skandal innerhalb der Kunst.

Skandal und Gesellschaft 

Bei einem Skandal handelt es sich um eine (allgemeine) Entrüstung oder Empörung im Sinne eines moralischen Gefühls. Zu wissen, worüber sich eine Gesellschaft empört, lässt ablesen, wo und wie die überschrittenen Grenzen liegen. Insofern lassen sich über Skandale Rückschlüsse auf die jeweiligen Norm- und Wertvorstellungen bzw. Konventionen einer Gesellschaft ziehen.

Ein Vorgang, der in einem bestimmten Region oder einer bestimmten Gesellschaft einen Skandal hervorruft, muss dies nicht zwangsläufig auch in einer anderen bewirken. Was früher einen Skandal hervorgerufen hat, muss heute nicht wieder zu einem führen. Ein häufig genanntes Beispiel in diesem Zusammenhang ist der damalige „Skandal“ um den Film Die Sünderin in der Bundesrepublik Deutschland der frühen 1950er-Jahre. Die beiden schwedischen Skandalfilme Das Schweigen und 491 riefen in den 1960er die „Aktion Saubere Leinwand“ auf den Plan und erlangten so kulturhistorische Bedeutung.

Skandal und Medien 

In der Regel bedingt ein Skandal eine allgemeine gesellschaftliche Aufmerksamkeit, die heute überwiegend durch die Massenmedien erreicht wird. Bei der Aufdeckung von Skandalen und Vorgängen wie Korruption, Bestechung und persönlicher Vorteilsnahme von Amtsträgern in Politik und Wirtschaft spielen Medien und Journalismus, insbesondere als Investigativer Journalismus, eine bedeutende Rolle. Nicht zuletzt hieraus leitet sich die Rolle von Medien und Presse als Korrektiv und sogenannte „Vierte Gewalt“ ab.[4]

Da Medien und Presse auch an hohen Zuschauer-, Hörer- und Leserzahlen interessiert sind, kann es dazu kommen, dass einzelne Vorgänge über ihre Bedeutung hinaus „skandalisiert“ werden. Wo die Grenze zwischen „legitimer Empörung“ und „künstlicher Aufgeregtheit“ liegt, ist vom Betrachter und dessen sozialen, religiösen und politischen Hintergrund abhängig.

Skandalisierung geht oft einher mit Kommerzialisierung, Boulevardisierung bzw. Entertainisierung von Medieninhalten (siehe auch „Popkultur„).

Ablauf 

Medienskandale beruhen auf einem tatsächlichen oder vermuteten Missstand. Sie verlaufen meist ähnlich:

  • In der Latenzphase wird ein Missstand bekannt; die Anzahl der Medienberichte zum Thema nimmt schlagartig zu. Die Protagonisten des Skandals werden vorgestellt. Die Phase endet mit einem
  • Schlüsselereignis. Dieses führt dazu, dass der Konflikt zu einem Skandal eskaliert. In der darauf folgenden Aufschwungphase werden weitere Fakten bekannt, die in eine Verbindung zum ersten Missstand gesetzt werden. Ist diese Ausweitung geglückt, beginnt die
  • Etablierungsphase. In dieser Phase erreicht der Skandal den Höhepunkt. Nun wird über die Schuld oder Unschuld der Protagonisten gerichtet; Konsequenzen werden gefordert. Zu Beginn der Abschwungphase knickt die skandalierte Person oder Organisation unter dem öffentlichen Druck ein und zieht Konsequenzen aus den Vorkommnissen (z.B. Rücktritt)
  • In der medialen Wahrnehmung ist der Konflikt damit gelöst. Die Intensität der Berichterstattung nimmt schnell ab.
  • In der Rehabilitationsphase wird die Ordnung des Gesellschaftssystems wieder hergestellt. Die Medien berichten nur noch vereinzelt. Mit den fünf Phasen entspricht der Aufbau eines Medienskandals weitgehend demjenigen eines antiken Dramas.[5]

Literatur

  • Jens Bergmann/Bernhard Pörksen (Hg.),“Skandal! – Die Macht öffentlicher Empörung„, Köln: Halem Verlag 2009
  • Frank Bösch: Öffentliche Geheimnisse. Skandale, Politik und Medien in Deutschland und Großbritannien 1880-1914, München: Oldenbourg 2009.
  • Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland (Hg.), Skandale in Deutschland nach 1945, Bielefeld 2007.
  • Steffen Burkhardt, Medienskandale. Zur moralischen Sprengkraft öffentlicher Diskurse, Köln 2006.
  • Rolf Ebbighausen/Sighard Neckel (Hg.), Anatomie des politischen Skandals, Frankfurt a.M. 1989.
  • Stefan Volk: Skandalfilme – Cineastische Aufreger gestern und heute, Marburg: Schüren Verlag 2011.
  • Marc Polednik und Karin Rieppel: Gefallene Sterne – Aufstieg und Absturz in der Medienwelt, Klett-Cotta, Stuttgart 2011

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Bravo, Ministerin Fornero!

Die tapfere italienische Sozialministerin Elsa Fornero hat meinen tiefgehenden Respekt. Bei der Vorstellung des Sparpakets der Regierung Monti brach sie in Tränen aus, als sie die psychologische Situation der italienischen Rentner schildern wollte, die nun weitere Opfer bringen müssen. Die „Rheinische Post“ beschreibt den Hintergrund:

Am ärgsten trifft aber voraussichtlich viele Italiener die Rentenreform. Das Eintrittsalter soll um mehrere Jahre angehoben werden. Ab 2014 können die Italiener erst mit 66 in den Ruhestand. Es ist der Bereich, für den die neue Sozialministerin zuständig ist. Als aber Elsa Fornero auch noch verkünden soll, dass die meisten Renten in Zukunft nicht mehr an die Inflation gekoppelt sind und damit faktisch sinken werden, versagt ihr die Stimme.

„Die finanzielle Situation unseres Landes ist ernst. Keine Reform bringt im Jahr ihrer Einführung große Ersparnisse, das ist ein sehr langer Prozess. Deshalb müssen wir, und das hat uns viel Überwindung gekostet, Opfer verlangen…“ – dann bricht Fornero ab und beginnt zu weinen.“

Es ist allerdings zum Heulen, wenn man an die vielen „kleinen Leute“ in den überschuldeten Staaten denkt, die an der Krise absolut unschuldig sind, von den bisherigen Verhältnissen keineswegs profitiert haben, aber jetzt Opfer der harten Sparprogramme werden.

Denkanstöße aus dem Netz (1)

Presseschau des Handelsblatt-Newsletters „Finance Today“:

Endspiel um den Euro

Vorbei die Zeit, in der Detail-Fragen wie die nach der Zukunft Griechenlands im Fokus standen. Notenbanker und Regulierer u.a. in Großbritannien und der Schweiz fordern die Geldhäuser auf, sich auf den schlimmsten Fall vorzubereiten (» HB » Cash ). Auch immer mehr Leitartikler gehen ins Grundsätzliche. Panik an den Finanzmärkten, schlechte Wirtschaftswachstumsaussichten und sture, waghalsige Politik der EU-Verantwortlichen brächten den Euro immer näher an den Abgrund, meint der » Economist. » Bloomberg erwartet Bank Runs und Kapitalflucht in großem Ausmaße. „Eine Tragödie erwartet uns.“ Die britische » Financial Times denkt das „Undenkbare“ und erwägt eine geordnete Zerschlagung der Euro-Zone. Auch andere Währungsräume seien aufgelöst worden, ohne dass der Himmel herabgefallen sei. Das Ringen um den Euro sei in ein finales Stadium eingetreten, schreibt die » Süddeutsche Zeitung – und plädiert für den von Angela Merkel favorisierten Ausweg, erst zu sparen und dann zu retten. Auch die » Börsen-Zeitung gibt Berlin Rückendeckung. Je schneller die von Merkel geforderten Strukturreformen der EU angegangen würden, umso eher werde die europäische Schuldenkrise überwunden sein. Die » Zeit hofft darauf, dass Europas „historisch beispiellose Kultur der Solidarität“ bestehen bleibt. „Der Euro muss überleben“, mahnt der US-Ökonom Robert Shiller im » Handelsblatt Und hofft auf eine Rettung durch die EZB. In der » Frankfurter Rundschau wiederholt Nobelpreisträger Paul Krugman seinen Appell an die EZB, den „Teufelskreis des finanziellen Kollapses“ zu durchbrechen.

Welche Rolle spielt Deutschland in Europa?

Im deutschen Klammergriff sieht » Challenges aus Frankreich mittlerweile die Eurozone und die EU: „Europa scheint nur noch nach deutschem Takt zu leben, das Land ist isoliert und allein, die Deutschlandphobie in der EU nimmt zu.“ Zuletzt habe sich der britische Premier David Cameron als Unzufriedener geoutet, in Griechenland sei man noch heute wütend auf die ewige Hinhaltetaktik der Deutschen. Die Troika-Vertreter wagten sich nicht mehr ohne Wachpersonal auf die Straßen Athens, überall seien Fotomontagen mit Angela Merkel in Naziuniform zu sehen. Frankreich hänge dagegen immer noch an ihrem Zipfel, in der Hoffnung, weiter zur Spitze Europas gehören zu dürfen. „Arrogant und dominierend“ wirke Merkel. Ihr Land sei tatsächlich erfolgreich, doch sie kalt: „Wenn alle EU-Staaten das deutsche Modell anwenden, würde das Wirtschaftswachstum in der Summe sinken.“ Und die deutsche Stabilitätsmanie gefährde auch die EZB: „Wenn diese angeschlagenen EU-Staaten nicht helfen darf, haben diese keine Zeit, um notwendige Reformen umzusetzen und werden von den Kosten zur Finanzierung ihrer Schulden aufgefressen.“

Eurokrise:

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Kluge Papstrede vor dem Bundestag über die Grundlagen des Rechtsstaats

Eine intellektuell anspruchsvolle und tiefgründige Rede über die Grundlagen des Rechtsstaats hat der Papst vor dem Deutschen Bundestag gehalten. Er wurde mehrfach von spontanem Beifall der Abgeordneten unterbrochen und bekam am Ende stehende Ovationen. Über die intellektuelle Kapazität des 84jährigen waren viele Zuhörer offenbar überrascht. Hier geht’s zum Volltext.  Und hier zu der Videoaufzeichnung der Rede sowie zu einer ausführlichen Zusammenfassung.

Zur Psychostruktur des Anders Breivik (3) – Diagnosen Forensischer Psychiater und die Frage der Schuldfähigkeit

 Weitere Presseartikel:
  • Breivik für unzurechnungsfähig erklärt– Spiegel, 29.11.2011
    • „Anders Breivik kommt für die Ermordung von 77 Menschen wohl nicht in Haft, sondern in eine geschlossene psychiatrische Einrichtung. Die Staatsanwaltschaft in Oslo bestätigte am Dienstag, dass zwei Rechtspsychiater den 32-Jährigen Massenmörder für unzurechnungsfähig erklärt haben.“
  • „Als würde Breivk von seiner Schuld befreit“ – Zeit, 29.11.2011
    • „Der Attentäter von Norwegen soll psychisch krank sein, der Strafprozess steht damit infrage. Die Norweger reagieren entsetzt auf diese Nachricht.“
  • Breiviks bizarre WahnweltGerald Traufetter (Oslo) berichtet detailliert den bisherigen Kenntnisstand bzgl. des Gutachtens – Spiegel, 29.11.2011
    • „Er hielt sich für auserwählt, wollte durch Morden sein Land schützen: Jetzt haben Gutachter Anders Breivik für unzurechnungsfähig erklärt – und ihm damit wohl eine Haftstrafe erspart. Die Expertise stellt Norwegen vor die Frage, wie viel Toleranz es aushält.“
  • Breivik-Gutachten trifft ein verwundetes Land– Spiegel, 30.11.2011
    • „Angehörige von Opfern nennen es eine Provokation, Medien werben um Verständnis: Das Gutachten zu Anders Breiviks Geisteszustand hat in Norwegen eine heftige Debatte ausgelöst. Der Umgang mit dem Attentäter ist ein Härtetest für die liberalen Werte des Landes.“
  • „Breivik kann nicht bestraft werden“ – Interview mit Norbert Leygraf, Direktor des Instituts für Forensische Psychiatrie der Universität Duisburg-Essen – Zeit, 30.11.2011
    • „Der Attentäter von Oslo gehört als kranker Mensch in eine Klinik, sagt Psychiater Leygraf im Interview. Trotz Schizophrenie könne Breivik aber sehr wohl logisch denken.“

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Forensische Psychiater sind diejenigen Fachleute, die in Strafverfahren vom Gericht als Gutachter gehört werden, wenn es um die Frage der Schuldfähigkeit des Angeklagten geht. Hier einige Stellungnahmen Forensischer Psychiater zum Fall Breivik:

  • Prof. Norbert Nedopil, Leiter der Forensischen Psychiatrie der Universität München (‚Psychiater – „Breivik war nicht geisteskrank“ Der Westen, 29.07.2011)
    • „Ich gehe nicht davon aus, dass der Attentäter Wahnvorstellungen hat. Die meisten Menschen, auch die meisten Mörder, haben keine Wahnvorstellungen. Die Regel ist, dass die Menschen keine Wahnvorstellungen haben.“
    • „Im Grunde ist der Mensch so gebaut, dass er Gut und Böse in sich vereint. Aber aufgrund der Natur und der Erziehung wird verhindert, dass er das Böse zu seinem und der anderen Nachteil auslebt.“ Erziehung und soziale Prägung bildeten entscheidende Kontrollen. „Krankheit kann ein Grund dafür sein, dass diese Kontrollen wegbrechen. Bei Breivik sehe ich das aber nicht.“ Aber auch Not, Krieg, Fanatismus verbunden mit Narzissmus könnten die Kontrollen außer Kraft setzen. „Im Jugoslawienkrieg haben wir erlebt, dass Menschen, die vorher völlig unauffällig gelebt haben, fähig waren, grausame Massenverbrechen zu begehen.“
  • Matthias Lammel, Forensischer Psychiater und Gutachter (Berlin) – gleicher Artikel wie vor:
    • ‚… glaubt nicht, dass der Attentäter krank ist. „Dass das ein narzisstischer, ideologischer Fanatiker war, liegt näher“, sagt er. Einen krankhaften Wahn hält auch er für unwahrscheinlich.‘
  • Tarjei Rygnestad, Leiter des forensisch-psychiatrischen Ausschusses in Norwegen, der derzeit an einem Gutachten über Breivik arbeitet („Experte hält Breivik für schuldfähig“ Der Standard, 01.08.2011):
    • ‚Es sei unwahrscheinlich, dass der Attentäter von Oslo, Anders Behring Breivik, für unzurechnungsfähig erklärt werde. (…) Breivik soll laut Tarjei Rygnestad zu jeder Zeit die volle Kontrolle über seine Taten gehabt haben. (…) Die Taten seien so sorgfältig geplant und ausgeführt worden, dass im vorliegenden Fall nicht von einer Geisteskrankheit ausgegangen werden könne, so Rygnestad (…) „Ein Psychotiker kann nur einfache Dinge tun“, erklärte Rygnestad gegenüber der Nachrichtenagentur AP. Selbst die Autofahrt von Oslo nach Utöya sei in einem solchen Fall zu kompliziert. „Wenn man Stimmen im Kopf hat, die einem Befehle geben, dann behindert das, und das Bedienen eines Autos ist ein sehr komplexer Vorgang“, erklärte Rygnestad. Daher sei es nicht sehr wahrscheinlich, dass Breivik psychotisch ist. Auch die Art wie er seine Anschläge vorbereitete, etwa über Jahre das Bombenmaterial besorgte und sich die notwendigen Fähigkeiten antrainierte und dabei seine Tarnung nie aufgab, um nicht entdeckt zu werden, spreche nicht für eine Psychose, so Rygnestad.
  • Frank Urbaniok, Leiter des Psychiatrisch-Psychologischen Dienstes der Züricher Justiz („Mörderische Abgründe gibt es in allen Menschen“Wissen57, 03.08.2011)
    • ‚Führende Gerichtspsychiater halten (Breivik) nach gründlichem Studium des Tathergangs nicht für einen pathologisch gestörten, im krankhaften Wahn handelnden Irren. Ganz im Gegenteil sehen sie in ihm einen Überzeugungstäter, der aus einer wirren, teils selbst gebastelten Ideologie möglichst viel Gewalt ausüben wollte. Frank Urbaniok (…) sagt: „Das gezielte und kühl berechnende Tatvorgehen spricht klar für die zweite Variante. Der Grad der Gefährlichkeit eines Menschen lässt nicht unbedingt auf eine massive psychiatrische Störung schließen, da gibt es keinen automatischen Zusammenhang. Im Fall Breivik sprechen die akribische Planung und die Kühle der Durchführung gegen eine schwere psychische Erkrankung.“‘ (…)
    • ‚Laut Frank Urbaniok hat Anders Behring Breivik den Bezug zur Realität offenbar nicht vollständig verloren, denn in seinem Koordinatensystem ist das Morden eine Nebenwirkung für das Erreichen eines größeren Ziels. (…) Zur Besonderheit der Morde von Norwegen gehört, dass der Täter als Folge seines Feldzugs nicht den eigenen Tod suchte. Anders Behring Breivik ging es bewusst um die Veröffentlichung seines Tuns, was ihm methodisch ebenso gelungen ist wie die präzise Ausführung seines Mordplans.‘
  • Nahlah Saimeh, Ärztliche Direktorin des Zentrums für Forensische Psychiatrie in Lippstadt – gleicher Artikel wie vor:
    • ‚Nahlah Saimeh (…) ist davon überzeugt, dass eine Diagnose einer Psychopathie bei terroristischen Attentätern in der Regel falsch ist. Sie erklärt: „Häufig steht ein massives narzisstisches Selbstwertproblem dahinter, aber keine Persönlichkeitsstörung im krankheitswertigen Sinne. Massenmörder und Amokläufer sind häufig von einer großen inneren Leere geprägt.“ Zudem entspricht ihre Stellung im Beruf und der Gesellschaft nicht derjenigen, die sie für angemessen halten. „Während es Amoktätern oft um Rache oder Kränkung geht, entwickeln politische Mörder häufig ein bizarres, pathologisches Gerechtigkeitsempfinden mit einem aggressiven Gewissen für richtig oder falsch. Das stützt das fragile Selbstwertgefühl wie eine Prothese.“

Es wird deutlich, dass forensische Psychiater sich vorwiegend dafür interessieren, ob eine manifeste Psychose mit Wahnvorstellungen vorliegt, wie beispielsweise bei der Lafontaine-Attentäterin. Ist dies zu verneinen, tendieren sie dazu, Schuldfähigkeit anzunehmen. Gegenüber dem Focus bekannte Prof. Nedopil, er habe es in seiner langjährigen Praxis als Experte nur viermal erlebt, dass einem Straftäter aufgrund einer Persönlichkeitsstörung verminderte Schuldfähigkeit zugesprochen werde.

Hierzu ein Ausschnitt aus dem Wikipedia-Artikel zur Schuldunfähigkeit:

Nach § 20 StGB handelt ohne Schuld, „wer bei Begehung der Tat

  • wegen einer krankhaften seelischen Störung,
  • wegen einer tiefgreifenden Bewußtseinsstörung oder
  • wegen Schwachsinns oder
  • einer schweren anderen seelischen Abartigkeit

unfähig ist, das Unrecht der Tat einzusehen oder nach dieser Einsicht zu handeln.“

Schuldunfähig kann also sein, wer im Moment der Tat nicht das Schuldhafte seines Handelns erkennt oder nicht in der Lage ist, sich zu steuern.

Die aufgezählten psychischen Ursachen (sogenannte Eingangskriterien oder -merkmale) einer geminderten oder nicht vorhandenen Steuerungs- oder Einsichtsfähigkeit stellen Kategorien dar, die in der Psychologie und Medizin ungebräuchlich sind und im Grunde nur im Rahmen der Forensik verwendet werden.

  • Unter einer krankhaften seelischen Störung werden hirnorganisch bedingte Zustände – auch verursacht durch psychotrope Substanzen wie Alkohol (Vollrausch) – oder Psychosen verstanden.
  • Als tiefgreifende Bewußtseinsstörung gelten Erscheinungen, die Bewusstseinsveränderungen oder -einengungen darstellen, die keine Störung von psychopathologischer Relevanz konstituieren, etwa Erschöpfung, Ermüdung, Schlaftrunkenheit und vor allem emotionale Verwirrtheitszustände, die dazu führen können, dass eine Tat „im Affekt“ begangen wird (zum Beispiel unter Verlust der Steuerungsfähigkeit). Ein Versuch, derartige Zustände dennoch psychiatrisch diagnostizierbar zu machen, besteht in der Klassifizierung als akute Belastungsreaktion.
  • Als Schwachsinn werden Stufen angeborener Intelligenzschwäche ohne nachweisbare Ursache bezeichnet (Intelligenzminderung). Intelligenzschwächen, die im Zuge einer Demenz entstehen, werden indessen dem ersten Eingangskriterium zugeordnet.
  • Unter das Eingangskriterium schwere andere seelische Abartigkeit (häufig SASA abgekürzt) fallen eine ganze Reihe psychopathologischer Diagnosen. Darunter werden Persönlichkeitsstörungen, Paraphilien, Störungen der Impulskontrolle, Alkoholismus und andere substanzgebundene Abhängigkeiten sowie nicht-substanzgebundenen Abhängigkeiten wie Spielsucht verstanden.“

Breivik – schuldfähig oder schuldunfähig?

Es scheint mir eindeutig, dass bei Anders Behring Breivik eine schwere kombinierte Persönlichkeitsstörung mit narzisstischer, antisozialer und paranoider Akzentuierung vorliegt. Daher stellt sich die Frage, ob er das Unrechtmäßige seines Handelns erkennen und nach dieser Einsicht handeln konnte, oder ob seine verzerrte Realitätswahrnehmung im Rahmen seines ideologischen Denksystems diese Erkenntnis bzw. ein Handeln danach verhindert hat.

Natürlich war Breivik bewusst, dass seine Tat gemessen an den Normen des geltenden Rechtssystems unrechtmäßig war, aber seine Überzeugung, sich aufgrund höherer Werte außerhalb dieses Rechtssystems stellen zu dürfen, ist ja gerade zentraler Bestandteil seiner psychischen Störung. Hätte er also am Tage des Attentats auch anders handeln können? Wäre es ihm möglich gewesen, zwischen einem rechtmäßigen und einem rechtswidrigen Handeln frei zu wählen und seine Willensentscheidung von dem Gebot bestimmen zu lassen, nicht töten zu dürfen? Oder war er von seiner Weltsicht und seinen Werturteilen in einem Maße durchdrungen, dass er ihnen ohne wirklichen mentalen Entscheidungsspielraum ausgeliefert war. Der stärkste pathologische Zug des typischen Attentäters, meint der Autor Manfred Schneider, sei seine  „ungeheure Gewissheit“. Aus welcher Quelle hätte ein Umdenken, eine Einsicht kommen können?

Wird die Rigidität eines fanatischen, paranoiden und megalomanen Denk- und Bewertungssystems, das sich aus psychischen Gründen über Jahre hinweg gebildet und zu einer Weltsicht wie der von Breivik geführt hat, möglicherweise unterschätzt, auch wenn es sich dabei nicht um einen psychotischen Wahn im engeren Sinn handelt?

Kann der Betreffende aus diesem Denk- und Bewertungssystem, das innerhalb seiner Psychodynamik eine wichtige Funktion erfüllt, aus freiem Entschluss aussteigen? Ist er in der Lage, einen Standpunkt außerhalb seines üblichen Denksystems einzunehmen und von dort zu einer Relativierung dessen zu gelangen, was er jahrelang geglaubt hat? Einen Standpunkt im Sinne eines selbstkritischen inneren Beobachters, ungefähr so, wie in diesem Schaubild dargestellt? Oder war ihm genau dieses nicht möglich?

Warum sind eigentlich so viele Menschen derart glühende Verfechter einer sehr restriktiven Abwägung der Frage der Schuldfähigkeit und wollen Täter unbedingt in einer Strafanstalt und nicht in einer psychiatrischen Klinik untergebracht sehen? In beiden Fällen sind die Täter langjährig hinter Gittern.

Wenn man sich aber den Fanatismus derer vor Augen führt, die auf Wegsperren im Gefängnis bestehen und Wegsperren in der Psychiatrie als zu milde empfinden (nicht zu reden von den „Rübe ab“-Anhängern), bekommt man ein gutes Gefühl dafür, in welchem Ausmaß der Spielraum einer Entscheidung nach rationalen Kriterien eingeengt wird, sobald starke Emotionen im Spiel sind.

Im Fall einer emotional hoch besetzten, fanatisch geglaubten und für richtig befundenen Ideologie ist der mentale Raum für einen selbstkritischen inneren Beobachter, der die eigene Sichtweise in Frage stellt, kaum vorhanden.

Zur Psychostruktur des Anders Breivik (2) – Stellungnahmen

Zwischenzeitlich gibt es im Netz eine Vielzahl mehr oder weniger fachkundiger, aussagekräftiger Stellungnahmen zur Persönlichkeit von Anders Breivik bzw. zu seiner Persönlichkeitsstörung. Nachfolgend eine kleine Aufstellung mit Links zu einigen der gelungeneren Beiträge, soweit sie mir bekannt geworden sind, aber auch zu Beispielen von ganz und gar misslungenen Psychogrammen oder ähnlichen Stellungnahmen.

Herausragend:

Interessant und aufschlussreich:

  • „Psychogramm eines Massenmörders“
    •  Differenzierter Artikel von Caroline Fetscher über die Persönlichkeitsstruktur und Psychodynamik von Breivik, analysiert und interpretiert u.a. die ausführlichen Passagen in seinem Manifest, die sich mit seinem familiären Hintergrund befassen –Tagesspiegel, 25.07.2011
  • „Dieser Täter ist ein Ideenfanatiker“
    • Interview mit dem Kriminalpsychiatrie-Experten Dr. Reinhard Haller („Das ganz normale Böse“; „Die Seele des Verbrechers“) über die psychischen Hintergründe der Tat Breiviks – NZZ, 25.07.2011
  • „Ob jemand fanatisch wird, ist eine persönliche Angelegenheit“
    • Interview mit der Linzer Psychiaterin Dr. Adelheid Kastner über Attentäter wie Breivik – Der Standard, 25.07.2011
  • „Wir müssen verstehen, wie Breivik denkt“
    • Der norwegische Friedens- und Konfliktforscher Johan Galtung(80), Träger des Alternativen Nobelpreises,  fordert konkrete Konsequenzen aus dem Osloer Attentat  – Spiegel Online, 03.08.2011:
      • „Wir brauchen dringend eine Art Notfallteam, das sich um Menschen wie Breivik kümmert. Menschen, die ihre wahnsinnigen Ansichten im Internet ausbreiten und dort entwickeln. Breivik lebte und arbeitete in Norwegen, aber seine Seele breitete er im Internet aus. Da müssen wir ansetzen. Wir brauchen stärkere Internetkontrollen. Und wir müssen verstehen, wie Leute wie Breivik denken. Die norwegische Polizei, die Sicherheitsdienste haben versagt: Sie haben die Gefahr nicht ernst genommen. „
      • „Die Helfer müssen mit Menschen, die extremistisch denken, in Dialog treten, sie müssen sie im Gespräch herausfordern. Ich selbst habe viel mit Radikalen gearbeitet, mit Rassisten in den Südstaaten der USA, die ähnlich realitätsferne Gedanken hatten wie Breivik. Meine Freunde haben immer gesagt, das bringe doch nichts. Aber das stimmt nicht: Diese Leute wollen, dass man ihre Ideen in Frage stellt, sie lechzen danach, als Gesprächspartner ernst genommen zu werden.“
  • „Anders Breivik – Ein typischer Attentäter“
    • „Ein Gespräch mit dem Germanisten und Philosophen Manfred Schneider, Autor des Buches „Das Attentat. Kritik der paranoischen Vernunft“ (s.u.), über den norwegischen Attentäter Anders Breivik, sein Weltbild und immer wiederkehrende Muster in der Geschichte des Attentats.“ – diesseits.de, 29.08.2011
      • „Vier wesentliche Züge machen den Attentäter (…) aus. Zum einen eine Unfähigkeit, die politischen Dinge in ihrer Kontingenz zu erkennen. Der zweite Zug ist das apokalyptische Bewusstsein. Damit ist eine Einstellung bezeichnet, wonach das vermeintliche Weltübel derart dramatisch ist, dass es die ganze Welt oder zumindest die eigene Kultur mit dem Untergang bedroht. Dieser Zug ist bei Anders Breivik ja sehr dominant. Drittens das Sendungsbewusstsein der Attentäter. Sie fühlen sich auserwählt und nehmen gewaltige Opfer in Kauf, gegebenenfalls bis hin zum eigenen Leben. Der vierte und entscheidende Zug, womöglich auch der stärkste pathologische Zug des typischen Attentäters, ist die ungeheure Gewissheit, die ihn auszeichnet. Er hat nicht die geringsten Zweifel, sondern bewegt sich in einer radikal geschlossenen Konzeption.“
      • „Das Verhalten von Attentätern ist keine Form des Wahnsinns im Sinne einer Verirrung oder Verwirrung des Verstandes. Ich nenne die Paranoia „Übervernunft“. Alle Phänomene werden hierbei nur nach rationalen Gesichtspunkten bewertet. (…) Alle Momente, die sonst noch unsere Beziehung zur Welt ausmachen, Empathie, Zweifel, Feedback, das was als „emotionale Intelligenz“ bezeichnet wird, das fehlt irgendwie. Mit dem Begriff der „rasenden Vernunft“ (…) bezeichne (ich) eine Überfunktion der Vernunft, der Rationalität, bei der weitere wichtige Merkmale des Weltbezugs fehlen.“
      • „Für diese Täter ist der Mangel von väterlicher Autorität im Sinne von Macht und im Sinne einer kulturellen Sichtbarkeit der Vater- und Männerrolle ein qualvoller und pathologisierender Zug. Durch das ganze Manifest von Breivik zieht sich dieses Thema der Vaterlosigkeit. Er spricht selbst, ähnlich wie früher Mitscherlich, von der „vaterlosen Gesellschaft“. (…) Er erlebt das Fehlen des Vaters bzw. die Auflösung der patriarchalischen Struktur als persönliches Leiden.“

Enthält interessante Aspekte:

  • „Das Böse inmitten einer friedlichen Gesellschaft“
    • Kommentar von Dr. Eckhard Bieger SJ aus katholischer Sicht; interessant im wesentlichen wegen des Hinweises auf den Religionsphilosophen René Girard („Ich sah den Satan vom Himmel fallen wie einen Blitz“) – explizit.net, 26.07.2011
  • „Ideologie und Wahnsinn“
    • Markus C. Schulte von Drach erläutert einige der in den Medien kursierenden psychiatrischen Diagnosen (Psychopathie, Soziopathie, Antisoziale Persönlichkeitsstörung, Narzisstische Persönlichkeitsstörung), auch anhand der Persönlichkeiten weiterer Attentäter – Süddeutsche, 27.07.2011
  • „Dahinter steckt Männlichkeitsideologie“ – taz-Interview mit Skandinavien-Expertin Stefanie von Schnurbein– 27.07.2011
    • „An Anders Behring Breivik ist nichts typisch Norwegisches. Er sieht sich als heroischen Einzelnen, der die Welt retten wollte. Davon ist die Skandinavien-Expertin Stefanie von Schnurbein überzeugt.“
  • „General Sprung in der Schüssel: Ein Massenmörder mit Messias-Komplex“
    • Gérard Bökenkamp schreibt über „pathologische Egomanie als Triebfeder extremistischer Gewalt“ und die „politische Sphäre“ als Ort, an dem pathologische Geltungssucht und Größenwahn sich mit einer Ideologie aufladen und in  „Missionen“ münden können, die einen Weg aus der persönlichen Bedeutungslosigkeit in die Unsterblichkeit verheißen, auch wenn (besser: weil) sie über Leichen gehen. – Nach einem etwas holprigen Beginn erreicht der Beitrag Dichte und Tiefgang, auch durch Bezüge zu Alfred Adler, Elias Canetti („Masse und Macht“) und Shakespeares Richard III. – eigentümlich frei, 27.07.2011
  • „Teufels-Killer unterzog sich Schönheits-OP“
    • Ausnahmsweise mal die Bild-Zeitung (28.07.2011): sie berichtet über Breiviks Manipulationen seiner äußeren Erscheinung, um männlicher zu wirken (operative Korrekturen von Nase, Kinn und Stirn in den USA; anabole Steroide; Uniformen) als Symptom seiner narzisstischen Persönlichkeitsstörung, unterlegt mit treffenden Kommentaren des norwegischen Psychologieprofessors Svenn Torgersen:
      • „Eitelkeit ist ganz typisch für jemanden mit starken narzisstischen Tendenzen. Ein wichtiger Aspekt ist die totale Ichbezogenheit. Vieles dreht sich um das Selbst, das Aussehen kann unheimlich viel bedeuten. (…) Solche Menschen fühlen sich einzigartig, hochwertig und anders – als jemand, der über allen anderen steht. (…) Menschen mit einer solchen Störung glauben das Recht zu haben, Dinge zu tun, die andere nicht dürfen.
  • „Breivik ist hochgradig abnorm“
    • Interview mit dem Psychiater und Neurologen Reinhard Haller, Experte für Kriminalpsychiatrie („Die Seele des Verbrechers“) – Kölner Stadt-Anzeiger, 28.07.2011
  • „Vampirische Ruhmsucht“
    • Der Münchener Psychoanalytiker und Autor Wolfgang Schmidbauer („Psychologie des Terrors“) ergänzt seinen Hinweis auf das Bedürfnis von Attentätern, Ruhm zu erlangen, durch den Aspekt eines „Vampirischen Begehrens“ (etwas befremdlich und schwer nachvollziehbar) – Neues Deutschland, 27.08.2011
  • „Ist Anders Breivik böse?“
    • Interview mit dem Hirnforscher Prof. Gerhard Roth (Bremen) über den Begriff des Bösen, über Befunde der Hirnforschung zu Psychopathen und Konsequenzen für das Strafrecht, und über Anders Breivik – diesseits.de (Online-Magazin für weltlichen Humanismus), 01.09.2011

Literatur zum Thema:

Ziemlich daneben:

  • „Eine Diagnose ergibt wenig Sinn“
    • Erkenntnisverbot des emeritierten Regensburger Psychiatrie-Professors Helmfried Klein: „Jeder Versuch, das Massenattentat von Norwegen auf psychopathologische Art zu interpretieren, ist mir zutiefst zuwider.“ Dafür gebe es auch keine passende Diagnose. (…) Nur wer leide, sei krank. Den psychiatrischen Krankheitsbegriff auf Verhalten auszuweiten, das nur anderen unendliches Leid zufügt, aber eigenes Leid nicht erkennbar ist, sei abwegig. Innerhalb der forensischen Psychiatrie werde sehr kontrovers diskutiert ob Persönlichkeitsstörungen unter psychiatrische Krankheiten zu subsummieren sind. – (Mittelbayerische Zeitung, 24.07.2011)
  • „Lasst das Fragen sein“
    • „Jedes Warum ist hier ein Warum zuviel“; „Wir wollen begreifen, was sich nicht greifen lässt“; „Das Böse war und ist und wird sein“ – das sind die Kernsätze eines Beitrags von Dr. Alexander Kissler, Literaturwissenschaftler und Kulturjournalist (Cicero, Süddeutsche, Focus), für das Internet-Magazin „The European“(26.07.2011)
      • Außerdem: „Allein, kein einziger Satz wird die Antwort enthalten auf das große Warum. Kein Experte wird je sagen können, aufgrund welcher familiären oder neuronalen oder weltanschaulichen Besonderheit der blonde Einzelgänger die bestialische Tat letztlich ins Werk setzte. Nicht nur Kausalketten nämlich machen unser Leben aus, sondern auch Sprünge. Nicht nur Gründe, auch Abgründe führen zu Taten. Und jenseits aller kleinteiligen Erklärungsmuster gibt es immer auch das große Ganze, das ewig Gute und das unrettbar Böse.“ Eine Erkenntnisverweigerung – von einem, der Sprachspielereien liebt, wie sein Beitrag erkennen lässt. Sprachspieler tun sich mit analytischem Denken, Forschen und Entdecken auf der Grundlage sorgfältiger wissenschaftlicher Begriffsbildung zumeist eher schwer.
  • „Das war pure Mordlust“
    • Focus führte ein Interview mit der Kriminalpsychologin Karoline Roshdi (Institut für Psychologie und Bedrohungsmanagement), in dem diese die Tat auf „pure Mordlust“ zurückführt. Die Ideologie bzw. „extremistische Erklärungswelt“ des Täters dienten nur der Legitimation „nach außen“. Wahrscheinlich werde er „auch einer Störung unterliegen. Psychotisch sein, wahnkrank, eine sehr schwere Persönlichkeitsstörung haben.“ Man könne „das nicht unter einem bestimmten Krankheitsbild zusammenfassen. Seine Kaltblütigkeit (sei) in jedem Fall mit fehlendem Mitgefühl zu erklären – bei ihm (habe) ein Empathieabbau stattgefunden, usw. — Soziale Angst hat man aufgrund fehlender Selbstsicherheit, wegen des Abbaus von Selbstwertgefühl… : „Erklären nullter Ordnung“ nannten wir das im Marburger Psychologiestudium – durch Vergabe einer Bezeichnung.

Rechtsextreme Mentalität

Grundlage rechtsextremer Mentalität ist ein komplexes psychisches Regulationsgeschehen, ein dynamisches Zusammenspiel von psychischen Motiven, Emotionen, Abwehrmechanismen, Werthaltungen und Einstellungen vor dem Hintergrund von Defiziten in der Persönlichkeitsentwicklung. Rechtsextreme Mentalität entsteht nicht aus Einstellungen und Werturteilen der Betroffenen als Ergebnis mehr oder weniger rationaler Überlegungen. Die Ansichten und Werturteile, die eine „rechtsextreme Gesinnung“ ausmachen, sind Folge tiefergehender psychischer Motive, und die vermeintlich rationalen Begründungen dieser Ansichten sind lediglich Rationalisierungen.

Vor längerer Zeit habe ich dem Wikipedia-Artikel über Skinheads einen Passus  „Sozialwissenschaftlicher Hintergrund“ hinzugefügt, der wesentliche Punkte des psychodynamischen und psychopathologischen Hintergrundes rechtsextremer Fanatiker aller Couleur wiedergibt:

„Soziologische und psychologische Deutungen wesentlicher Teile der Skinhead-Bewegung (insbesondere der Neonazis) knüpfen zum einen an den Untersuchungen zum „autoritären Charakter“ bzw. zur „autoritären Persönlichkeit“ an, die in den 1930er-Jahren vom Institut für Sozialforschung (Fromm, Horkheimer, Adorno u.a.) begonnen wurden, zum anderen an neueren sozialpsychologischen und psychoanalytischen Konzepten zu Gruppenidentitäten (u.a. Vamik Volkan).

Resultat dieser Forschungen sind unter anderem die Erkenntnisse, dass bei derart strukturierten Persönlichkeiten eine besondere Tendenz vorhanden ist,

  • ihr Identitäts- und Selbstwertgefühl wesentlich durch das Gefühl der Zugehörigkeit zu einer Gruppe zu festigen (Eigengruppe), mit der sie sich identifizieren (Rasse, Volk, Nation, Religion, Subkultur, Sekte, „Gang“ etc.)
  • diese Eigengruppe besonders hoch zu bewerten und von fremden Gruppen abzugrenzen (Fremdgruppe), die nicht nur als „andersartig“, sondern als minderwertig und „schlecht“ erlebt werden (Entwertungstendenz; s. auch Othering; Fremdenfeindlichkeit)
  • die Eigengruppe vor einer „Vermischung“ mit der Fremdgruppe zu schützen (z.B. „Rassenreinheit“), da eine solche Vermischung als Verunreinigung erlebt wird (bezieht sich auch auf die Verunreinigung der eigenen Kultur).

Diese handlungsleitenden Bewertungen beruhen nicht auf Tatsachen, sondern auf Vorurteilen. Sie erfolgen nicht aus rationalen, sondern aus tief verwurzelten psychischen Motiven und dienen der Stärkung des Selbstgefühls sowie der Emotionsregulation. Dabei kommt der Projektion abgewerteter Eigenschaften, auch eigener latenter Schwächen, auf die fremde Gruppe als Mittel zur Bewältigung negativer Gefühlszustände und innerer Konflikte besondere Bedeutung zu (s. Abwehrmechanismus). Negativ bewertete Eigenschaften der eigenen Person werden – unterstützt durch die Zugehörigkeit zur idealisierten Eigengruppe – nicht wahrgenommen und anerkannt, sondern auf die „Anderen“ projiziert und dort bekämpft (s. Feindbild). Dies ist eine der Wurzeln rassistischer Abgrenzungsneigung und Aggression.

Zudem verlieren die Gruppenmitglieder – vor allem, wenn sie gemeinsam mit ihrer Eigengruppe auftreten – ihr Einfühlungsvermögen (Empathie) und Mitgefühl den entwerteten „Anderen“ bzw. „Fremden“ gegenüber. Daher kann es unter den beschriebenen psychosozialen Bedingungen zu Akten besonderer Brutalität und Grausamkeit kommen.“

Worin unterscheiden sich psychopathische von nicht-psychopathischen Multikulturalismus- und Islamkritikern? Durch die realitätsverzerrende Dämonisierung bei der mentalen Gestaltung des jeweiligen Feindbildes (Juden, Mohammedaner, Farbige etc.), durch paranoide Persönlichkeitsanteile und in Verbindung damit exzessive Projektion  entwerteter Eigenschaften auf die betreffende Gruppe, die dadurch als besonders negativ erscheint. Außerdem durch Fanatismus bei der Bekämpfung der als Feindbild gewählten Gruppe und den Verlust von Empathie und Mitgefühl den Angehörigen dieser Gruppe gegenüber.