So ähnlich fing es auch 1968 an…

… damals aber noch ohne „social media“. Nicht auszudenken, was heute mit Hilfe von Facebook, Twitter etc. daraus werden kann!

Endlich, endlich wachen die jungen Leute wieder auf, wie wir vor 40 Jahren. Wir hatten damals die Nase voll von sozialer Ungerechtigkeit, von unverdienten Privilegien einiger weniger und von Traditionen, die der Unterdrückung unserer Lebensfreude dienten. In ein politisches System, das seine Wurzeln in der Kaiserzeit hatte, das in Spießigkeit erstarrt war und in dem allerorten noch faschistoide Dumpfbackigkeit angesiedelt war, wollten wir frischen Wind bringen. Das ist uns auch gelungen.

Unsere Umgangsformen waren nicht immer zimperlich, damals, Anfang der 1970er Jahre. Die Revolution sollte nicht daran scheitern, dass das Betreten des Rasens verboten war. Reaktionäre Professoren setzten wir schon mal in den Seminarräumen fest – um in Ruhe darüber zu diskutieren, was uns am Herzen lag. War gut so! Die Profs lernten eine neue Perspektive kennen, und wir bekamen ein Gefühl für unsere Macht. Wer den Schlüssel abgezogen hatte, war natürlich nie zu ermitteln.

Aber: Im Vergleich zu damals ist heute alles viel schlimmer. Heute geht es nicht um repressive Traditionen oder sexuelle Befreiung. Heute geht es darum, dass die herrschende Clique im Begriff ist, unsere Welt gegen die Wand zu fahren! Das Unvermögen der führenden Klasse, das Versagen der Politiker, unser Leben auf dieser Erde einigermaßen vernünftig zu organisieren, bedroht uns alle. Vor allem die Architekten und Drahtzieher unseres perversen Weltfinanzsystems haben den Karren tief in den Dreck gefahren. Wie das geschehen konnte? Weil man sie dabei hat gewähren lassen, ihre eigenen Interessen zu verfolgen und das System so zu organisieren, dass der Reichtum immer wieder in die Taschen ein und derselben kleinen Menschengruppe wandert: in die Taschen der Reichen.

„Die Finanzoligarchie schreibt sich die Regeln selbst“

Der Ökonom Max Otte wirft den Politikern vor, sie hätten sich den Finanzmärkten unterworfen. Er spricht von einem „geradezu abgöttischen Respekt“, wenn Politiker sich davon leiten lassen, „nur nicht die Finanzmärkte zu beunruhigen“. Einen „Aufstand der Bürger gegen die Privilegien der Finanzoligarchie“ fordert der Professor.

Engagieren wir uns also. Nehmen wir die Dinge selbst in die Hand. Schreiben wir die Regeln neu, und zwar so, dass das Finanzsystem den Interessen aller dient. Das Geld muss in produktive Projekte fließen, die die Welt voranbringen. Es soll Produktivität fördern und nicht Spekulation.

Wenn nicht wir, wer sonst soll dies auf den Weg bringen? Bevor es endgültig zu spät ist? Jetzt schlägt die  Stunde der Bürger (nicht „Wutbürger“, wie es sogleich abwertend heißt) – die Stunde eines klugen, intelligenten, wachrüttelnden zivilen Ungehorsams.

Erst wird außerparlamentarisch opponiert, dann werden Wahlen gewonnen. Die Stuttgarter Grünen und die Berliner Piraten haben gezeigt, „wie’d jeht“.

„We want to share insights into the formation of a new social movement as it is still taking shape in real time. The video was shot during the 5th and 6th day of the occupation. This idea to occupy the financial district in New York City was inspired by recent uprisings in Spain, Greece, Egypt, and Tunisia which most of us were following online. Despite of the corporate media’s effort to silence the protests, and Yahoo’s attempt to to censor it in e-mail communication, the occupation is growing in numbers and spreading to other cities in the US and abroad.

Please forward our video to likeminded people via email, facebook, twitter – and make the voices of dissent circulate.

Find the latest news, learn how to participate and support:

Werbeanzeigen

Kluge Papstrede vor dem Bundestag über die Grundlagen des Rechtsstaats

Eine intellektuell anspruchsvolle und tiefgründige Rede über die Grundlagen des Rechtsstaats hat der Papst vor dem Deutschen Bundestag gehalten. Er wurde mehrfach von spontanem Beifall der Abgeordneten unterbrochen und bekam am Ende stehende Ovationen. Über die intellektuelle Kapazität des 84jährigen waren viele Zuhörer offenbar überrascht. Hier geht’s zum Volltext.  Und hier zu der Videoaufzeichnung der Rede sowie zu einer ausführlichen Zusammenfassung.

Zur Psychostruktur des Anders Breivik (3) – Diagnosen Forensischer Psychiater und die Frage der Schuldfähigkeit

 Weitere Presseartikel:
  • Breivik für unzurechnungsfähig erklärt– Spiegel, 29.11.2011
    • „Anders Breivik kommt für die Ermordung von 77 Menschen wohl nicht in Haft, sondern in eine geschlossene psychiatrische Einrichtung. Die Staatsanwaltschaft in Oslo bestätigte am Dienstag, dass zwei Rechtspsychiater den 32-Jährigen Massenmörder für unzurechnungsfähig erklärt haben.“
  • „Als würde Breivk von seiner Schuld befreit“ – Zeit, 29.11.2011
    • „Der Attentäter von Norwegen soll psychisch krank sein, der Strafprozess steht damit infrage. Die Norweger reagieren entsetzt auf diese Nachricht.“
  • Breiviks bizarre WahnweltGerald Traufetter (Oslo) berichtet detailliert den bisherigen Kenntnisstand bzgl. des Gutachtens – Spiegel, 29.11.2011
    • „Er hielt sich für auserwählt, wollte durch Morden sein Land schützen: Jetzt haben Gutachter Anders Breivik für unzurechnungsfähig erklärt – und ihm damit wohl eine Haftstrafe erspart. Die Expertise stellt Norwegen vor die Frage, wie viel Toleranz es aushält.“
  • Breivik-Gutachten trifft ein verwundetes Land– Spiegel, 30.11.2011
    • „Angehörige von Opfern nennen es eine Provokation, Medien werben um Verständnis: Das Gutachten zu Anders Breiviks Geisteszustand hat in Norwegen eine heftige Debatte ausgelöst. Der Umgang mit dem Attentäter ist ein Härtetest für die liberalen Werte des Landes.“
  • „Breivik kann nicht bestraft werden“ – Interview mit Norbert Leygraf, Direktor des Instituts für Forensische Psychiatrie der Universität Duisburg-Essen – Zeit, 30.11.2011
    • „Der Attentäter von Oslo gehört als kranker Mensch in eine Klinik, sagt Psychiater Leygraf im Interview. Trotz Schizophrenie könne Breivik aber sehr wohl logisch denken.“

~~~~~~~~~~

Forensische Psychiater sind diejenigen Fachleute, die in Strafverfahren vom Gericht als Gutachter gehört werden, wenn es um die Frage der Schuldfähigkeit des Angeklagten geht. Hier einige Stellungnahmen Forensischer Psychiater zum Fall Breivik:

  • Prof. Norbert Nedopil, Leiter der Forensischen Psychiatrie der Universität München (‚Psychiater – „Breivik war nicht geisteskrank“ Der Westen, 29.07.2011)
    • „Ich gehe nicht davon aus, dass der Attentäter Wahnvorstellungen hat. Die meisten Menschen, auch die meisten Mörder, haben keine Wahnvorstellungen. Die Regel ist, dass die Menschen keine Wahnvorstellungen haben.“
    • „Im Grunde ist der Mensch so gebaut, dass er Gut und Böse in sich vereint. Aber aufgrund der Natur und der Erziehung wird verhindert, dass er das Böse zu seinem und der anderen Nachteil auslebt.“ Erziehung und soziale Prägung bildeten entscheidende Kontrollen. „Krankheit kann ein Grund dafür sein, dass diese Kontrollen wegbrechen. Bei Breivik sehe ich das aber nicht.“ Aber auch Not, Krieg, Fanatismus verbunden mit Narzissmus könnten die Kontrollen außer Kraft setzen. „Im Jugoslawienkrieg haben wir erlebt, dass Menschen, die vorher völlig unauffällig gelebt haben, fähig waren, grausame Massenverbrechen zu begehen.“
  • Matthias Lammel, Forensischer Psychiater und Gutachter (Berlin) – gleicher Artikel wie vor:
    • ‚… glaubt nicht, dass der Attentäter krank ist. „Dass das ein narzisstischer, ideologischer Fanatiker war, liegt näher“, sagt er. Einen krankhaften Wahn hält auch er für unwahrscheinlich.‘
  • Tarjei Rygnestad, Leiter des forensisch-psychiatrischen Ausschusses in Norwegen, der derzeit an einem Gutachten über Breivik arbeitet („Experte hält Breivik für schuldfähig“ Der Standard, 01.08.2011):
    • ‚Es sei unwahrscheinlich, dass der Attentäter von Oslo, Anders Behring Breivik, für unzurechnungsfähig erklärt werde. (…) Breivik soll laut Tarjei Rygnestad zu jeder Zeit die volle Kontrolle über seine Taten gehabt haben. (…) Die Taten seien so sorgfältig geplant und ausgeführt worden, dass im vorliegenden Fall nicht von einer Geisteskrankheit ausgegangen werden könne, so Rygnestad (…) „Ein Psychotiker kann nur einfache Dinge tun“, erklärte Rygnestad gegenüber der Nachrichtenagentur AP. Selbst die Autofahrt von Oslo nach Utöya sei in einem solchen Fall zu kompliziert. „Wenn man Stimmen im Kopf hat, die einem Befehle geben, dann behindert das, und das Bedienen eines Autos ist ein sehr komplexer Vorgang“, erklärte Rygnestad. Daher sei es nicht sehr wahrscheinlich, dass Breivik psychotisch ist. Auch die Art wie er seine Anschläge vorbereitete, etwa über Jahre das Bombenmaterial besorgte und sich die notwendigen Fähigkeiten antrainierte und dabei seine Tarnung nie aufgab, um nicht entdeckt zu werden, spreche nicht für eine Psychose, so Rygnestad.
  • Frank Urbaniok, Leiter des Psychiatrisch-Psychologischen Dienstes der Züricher Justiz („Mörderische Abgründe gibt es in allen Menschen“Wissen57, 03.08.2011)
    • ‚Führende Gerichtspsychiater halten (Breivik) nach gründlichem Studium des Tathergangs nicht für einen pathologisch gestörten, im krankhaften Wahn handelnden Irren. Ganz im Gegenteil sehen sie in ihm einen Überzeugungstäter, der aus einer wirren, teils selbst gebastelten Ideologie möglichst viel Gewalt ausüben wollte. Frank Urbaniok (…) sagt: „Das gezielte und kühl berechnende Tatvorgehen spricht klar für die zweite Variante. Der Grad der Gefährlichkeit eines Menschen lässt nicht unbedingt auf eine massive psychiatrische Störung schließen, da gibt es keinen automatischen Zusammenhang. Im Fall Breivik sprechen die akribische Planung und die Kühle der Durchführung gegen eine schwere psychische Erkrankung.“‘ (…)
    • ‚Laut Frank Urbaniok hat Anders Behring Breivik den Bezug zur Realität offenbar nicht vollständig verloren, denn in seinem Koordinatensystem ist das Morden eine Nebenwirkung für das Erreichen eines größeren Ziels. (…) Zur Besonderheit der Morde von Norwegen gehört, dass der Täter als Folge seines Feldzugs nicht den eigenen Tod suchte. Anders Behring Breivik ging es bewusst um die Veröffentlichung seines Tuns, was ihm methodisch ebenso gelungen ist wie die präzise Ausführung seines Mordplans.‘
  • Nahlah Saimeh, Ärztliche Direktorin des Zentrums für Forensische Psychiatrie in Lippstadt – gleicher Artikel wie vor:
    • ‚Nahlah Saimeh (…) ist davon überzeugt, dass eine Diagnose einer Psychopathie bei terroristischen Attentätern in der Regel falsch ist. Sie erklärt: „Häufig steht ein massives narzisstisches Selbstwertproblem dahinter, aber keine Persönlichkeitsstörung im krankheitswertigen Sinne. Massenmörder und Amokläufer sind häufig von einer großen inneren Leere geprägt.“ Zudem entspricht ihre Stellung im Beruf und der Gesellschaft nicht derjenigen, die sie für angemessen halten. „Während es Amoktätern oft um Rache oder Kränkung geht, entwickeln politische Mörder häufig ein bizarres, pathologisches Gerechtigkeitsempfinden mit einem aggressiven Gewissen für richtig oder falsch. Das stützt das fragile Selbstwertgefühl wie eine Prothese.“

Es wird deutlich, dass forensische Psychiater sich vorwiegend dafür interessieren, ob eine manifeste Psychose mit Wahnvorstellungen vorliegt, wie beispielsweise bei der Lafontaine-Attentäterin. Ist dies zu verneinen, tendieren sie dazu, Schuldfähigkeit anzunehmen. Gegenüber dem Focus bekannte Prof. Nedopil, er habe es in seiner langjährigen Praxis als Experte nur viermal erlebt, dass einem Straftäter aufgrund einer Persönlichkeitsstörung verminderte Schuldfähigkeit zugesprochen werde.

Hierzu ein Ausschnitt aus dem Wikipedia-Artikel zur Schuldunfähigkeit:

Nach § 20 StGB handelt ohne Schuld, „wer bei Begehung der Tat

  • wegen einer krankhaften seelischen Störung,
  • wegen einer tiefgreifenden Bewußtseinsstörung oder
  • wegen Schwachsinns oder
  • einer schweren anderen seelischen Abartigkeit

unfähig ist, das Unrecht der Tat einzusehen oder nach dieser Einsicht zu handeln.“

Schuldunfähig kann also sein, wer im Moment der Tat nicht das Schuldhafte seines Handelns erkennt oder nicht in der Lage ist, sich zu steuern.

Die aufgezählten psychischen Ursachen (sogenannte Eingangskriterien oder -merkmale) einer geminderten oder nicht vorhandenen Steuerungs- oder Einsichtsfähigkeit stellen Kategorien dar, die in der Psychologie und Medizin ungebräuchlich sind und im Grunde nur im Rahmen der Forensik verwendet werden.

  • Unter einer krankhaften seelischen Störung werden hirnorganisch bedingte Zustände – auch verursacht durch psychotrope Substanzen wie Alkohol (Vollrausch) – oder Psychosen verstanden.
  • Als tiefgreifende Bewußtseinsstörung gelten Erscheinungen, die Bewusstseinsveränderungen oder -einengungen darstellen, die keine Störung von psychopathologischer Relevanz konstituieren, etwa Erschöpfung, Ermüdung, Schlaftrunkenheit und vor allem emotionale Verwirrtheitszustände, die dazu führen können, dass eine Tat „im Affekt“ begangen wird (zum Beispiel unter Verlust der Steuerungsfähigkeit). Ein Versuch, derartige Zustände dennoch psychiatrisch diagnostizierbar zu machen, besteht in der Klassifizierung als akute Belastungsreaktion.
  • Als Schwachsinn werden Stufen angeborener Intelligenzschwäche ohne nachweisbare Ursache bezeichnet (Intelligenzminderung). Intelligenzschwächen, die im Zuge einer Demenz entstehen, werden indessen dem ersten Eingangskriterium zugeordnet.
  • Unter das Eingangskriterium schwere andere seelische Abartigkeit (häufig SASA abgekürzt) fallen eine ganze Reihe psychopathologischer Diagnosen. Darunter werden Persönlichkeitsstörungen, Paraphilien, Störungen der Impulskontrolle, Alkoholismus und andere substanzgebundene Abhängigkeiten sowie nicht-substanzgebundenen Abhängigkeiten wie Spielsucht verstanden.“

Breivik – schuldfähig oder schuldunfähig?

Es scheint mir eindeutig, dass bei Anders Behring Breivik eine schwere kombinierte Persönlichkeitsstörung mit narzisstischer, antisozialer und paranoider Akzentuierung vorliegt. Daher stellt sich die Frage, ob er das Unrechtmäßige seines Handelns erkennen und nach dieser Einsicht handeln konnte, oder ob seine verzerrte Realitätswahrnehmung im Rahmen seines ideologischen Denksystems diese Erkenntnis bzw. ein Handeln danach verhindert hat.

Natürlich war Breivik bewusst, dass seine Tat gemessen an den Normen des geltenden Rechtssystems unrechtmäßig war, aber seine Überzeugung, sich aufgrund höherer Werte außerhalb dieses Rechtssystems stellen zu dürfen, ist ja gerade zentraler Bestandteil seiner psychischen Störung. Hätte er also am Tage des Attentats auch anders handeln können? Wäre es ihm möglich gewesen, zwischen einem rechtmäßigen und einem rechtswidrigen Handeln frei zu wählen und seine Willensentscheidung von dem Gebot bestimmen zu lassen, nicht töten zu dürfen? Oder war er von seiner Weltsicht und seinen Werturteilen in einem Maße durchdrungen, dass er ihnen ohne wirklichen mentalen Entscheidungsspielraum ausgeliefert war. Der stärkste pathologische Zug des typischen Attentäters, meint der Autor Manfred Schneider, sei seine  „ungeheure Gewissheit“. Aus welcher Quelle hätte ein Umdenken, eine Einsicht kommen können?

Wird die Rigidität eines fanatischen, paranoiden und megalomanen Denk- und Bewertungssystems, das sich aus psychischen Gründen über Jahre hinweg gebildet und zu einer Weltsicht wie der von Breivik geführt hat, möglicherweise unterschätzt, auch wenn es sich dabei nicht um einen psychotischen Wahn im engeren Sinn handelt?

Kann der Betreffende aus diesem Denk- und Bewertungssystem, das innerhalb seiner Psychodynamik eine wichtige Funktion erfüllt, aus freiem Entschluss aussteigen? Ist er in der Lage, einen Standpunkt außerhalb seines üblichen Denksystems einzunehmen und von dort zu einer Relativierung dessen zu gelangen, was er jahrelang geglaubt hat? Einen Standpunkt im Sinne eines selbstkritischen inneren Beobachters, ungefähr so, wie in diesem Schaubild dargestellt? Oder war ihm genau dieses nicht möglich?

Warum sind eigentlich so viele Menschen derart glühende Verfechter einer sehr restriktiven Abwägung der Frage der Schuldfähigkeit und wollen Täter unbedingt in einer Strafanstalt und nicht in einer psychiatrischen Klinik untergebracht sehen? In beiden Fällen sind die Täter langjährig hinter Gittern.

Wenn man sich aber den Fanatismus derer vor Augen führt, die auf Wegsperren im Gefängnis bestehen und Wegsperren in der Psychiatrie als zu milde empfinden (nicht zu reden von den „Rübe ab“-Anhängern), bekommt man ein gutes Gefühl dafür, in welchem Ausmaß der Spielraum einer Entscheidung nach rationalen Kriterien eingeengt wird, sobald starke Emotionen im Spiel sind.

Im Fall einer emotional hoch besetzten, fanatisch geglaubten und für richtig befundenen Ideologie ist der mentale Raum für einen selbstkritischen inneren Beobachter, der die eigene Sichtweise in Frage stellt, kaum vorhanden.

Guttenbergs Zapfenstreich: „Smoke on the water, fire in the sky“

Deep Purples „Smoke on the water“, einen der berühmtesten Rocksongs aller Zeiten, wird das Stabsmusikkorps der Bundeswehr heute abend auf Wunsch des Ex-Verteidigungsministers zu dessen militärischem Abgesang, dem Großen Zapfenstreich, intonieren. Dieses uralte, pompöse Militärzeremoniell ist wahrlich nicht mehr zeitgemäß, und in diesem Fall fragt man sich zudem besorgt, was das Traditionsblasorchester der Bundeswehr wohl aus dem ihm völlig artfremden Musikstück machen wird, das doch so ganz auf elektrische Gitarren zugeschnitten ist.

Der Text des Songs, der auf einer wahren Begebenheit beruht, lädt zu einer schmunzelnden Betrachtung darüber ein, welcher Schalk, welche bewußten oder unbewußten Motive den bekennenden Rockliebhaber wohl gerade dieses Prachtstück der Rockgeschichte haben wählen lassen, das – versteht man den Text in einem übertragenen Sinn – voller Bezüge zu Guttenbergs eigener Geschichte ist. Beim zweiten Musikwunsch des Freiherrn, dem Marsch „Ludwig II.“, liegt dies auf der Hand: dessen Namensgeber war bekanntlich der schillernde bayerische „Märchenkönig“, mit dem der fränkische Freiherr oftmals verglichen wird.

„Smoke on the water“ erzählt die Geschichte einer ziemlichen Katastrophe (ausführlicher hier), die über die Rockband Deep Purple hereinbricht, als sie Anfang Dezember 1971 ihr Album „Machine Head“ aufnehmen will – am Tag darauf wird übrigens Karl Theodor das Licht der Welt erblicken. Mit einem von den Rolling Stones geliehenen mobilen Tonstudio ist die Band eigens an den Genfer See gefahren, um die Konzerthalle des Kasinos von Montreux als Aufnahmeort zu verwenden. Dort, im „best place around“, gibt zunächst Frank Zappa mit den „Mothers of  Invention“ ein Matinee-Konzert. „Irgendein Idiot“ ballert dabei vor lauter Übermut mit einer Leuchtpistole herum und setzt den gesamten Komplex nachhaltig in Brand („…some stupid with a flare gun burned the place to the ground“). Deshalb gibt es so reichlich „smoke on the water, fire in the sky“.

„They burned down the gambling house, it died with an awful sound“ – „sie brannten das Spielkasino nieder, es endete mit einem entsetzlichen Geräusch“ – „unter grauenhaftem Getöse“, findet man auch in den Übersetzungen. „Funky Claude“Claude Nobs, der spätere Gründer und Leiter der Jazzfestspiele Montreux, der die Band bei ihrem Besuch betreut  – versucht zunächst zu retten, was zu retten ist, schafft vor allem die Kids da raus, und sucht den Rockmusikern dann einen neuen Aufnahmeort.  Die Zeit läuft jedoch davon, und es sieht so aus, als würden sie das Rennen verlieren („Swiss time was running out, it seemed that we would lose the race“). Nach einer Zwischenstation landen sie schließlich im Montreux Grand Hotel, das zwar „leer, kalt und kahl“ ist, aber mit der mobilen Aufnahmestation kann das Projekt dort zu einem guten Ende gebracht werden. Als Sahnehäubchen verarbeiten die Musiker das Erlebte noch zu ihrem späteren Welthit.

Alles halb so wild, am Ende wird’s gut ausgehen – ob das die Botschaft ist? Die ganze Affäre nur eine weitere Zutat zur „verwegenen Charakter- und Lebensmelange“? Easy come, easy go, easy come back – Funky Horst wird’s scho richten?

„No matter what we get out of this, I know… I know we’ll never forget” – „egal, was wir da herausbekommen“, endet der Rocksong, „ich weiß, vergessen werden wir es nie“.

Wir auch nicht. Ob wir es irgendwann einmal verzeihen werden, ist eine andere Frage.

Der Originaltext der drei Strophen:

We all came out to Montreux on the Lake Geneva shoreline
To make records with a mobile – We didn’t have much time
Frank Zappa and the Mothers were at the best place around
But some stupid with a flare gun burned the place to the ground

They burned down the gambling house, it died with an awful sound
Funky Claude was running in and out, pulling kids out of the ground
When it all was over, we had to find another place
Swiss time was running out, it seemed that we would lose the race

We ended up at the Grand Hotel, it was empty, cold and bare
But with the Rolling Truck Stones thing just outside making our music there
With a few red lights an‘ a few old beds, we made a place to sweat
No matter what we get out of this, I know… I know we’ll never forget

S. auch „Smoke on the Bendlerblock“ – Eine Stilkritik von Ralf Klassen (stern.de, 10.03.2011) und „Guttenberg tritt seine ‚Zeit der Reue und Buße‘ an“ von Torsten Krauel (Welt, 10.03.2011)

11.03.2011: Das Bundesministerium der Verteidigung hat auf seiner Webseite die Abschiedslaudatio von Thomas de Maiziere und die Dankesrede Karl Theodor zu Guttenbergs als Hörbeitrage veröffentlicht (hier eine Transkription der Dankesrede).

„Eine notwendige Zeit der Reue, wahrscheinlich auch der Buße“ folge für ihn jetzt, sagte Guttenberg unter anderem. Na, das wär doch schon mal was. Und zu seinen Musikwünschen: „Einige werden sich wundern über die Titelauswahl beim Großen Zapfenstreich. Ich rufe der überschaubaren Zahl der Ironiebegabten unter den Kommentatoren zu, dass sie diese Ironie mal einsetzen sollten oder als solches sehen sollten.“ Das spricht für meine Interpretation (und gegen die von Herrn Klassen (Stern, s.o.)).

Guttenberg – ein Psychopath?

Diese Frage wirft der Bayreuther Staatsrechtler Prof. Oliver Lepsius in einem Interview mit dem Bayrischen Fernsehen auf. Die wesentlichsten Aussagen des Nachfolgers auf dem Lehrstuhl von Herrn zu Guttenbergs Doktorvater:

„Für mich steht außer Frage, dass Herr zu Guttenberg ein Betrüger ist. Er hat planmäßig plagiiert. Er hat eine Collage von Plagiaten angefertigt, über hunderte von Seiten – und er glaubt, er hat es nicht getan. Er stellt eine Dissonanz fest zwischen dem, was er objektiv getan hat und dem, was er subjektiv getan haben will. Das ist absurd.“ (…)

„Jemand schreibt 400 Seiten, und das ist eine Collage, das ist von Anfang an als Collage geplant. Das ist doch kein Versehen. Hier geht jemand bewußt vor. Der Mann hatte einen bewußten Vorsatz des Plagiierens. Mir ist vollkommen schleierhaft, wie er diesen Vorsatz bestreiten kann. Mich würde, darf ich ehrlich sein, die Einschätzung eines Psychologen interessieren, was ein Psychologe zu einem solchen Fall von Wirklichkeitsverdrängung meint.“ (…)

„Die Kanzlerin geht fehl in der Annahme, dass der Doktorgrad irrelevant sei für die Ausführung seines Amtes. Entscheidend ist doch seine Wahrnehmung von dem, was er getan hat, und die divergiert von dem, was er objektiv getan hat. Das ist die politische Dimension dieses Skandals. (…) Das politische Berlin muss sich schon die Frage stellen, ob jemand das Amt eines Bundesministers ausüben kann, der „X“ tut, aber in Abrede stellt, dass er „X“ getan hat. Wer solch eine Selbsteinlassung vornimmt, von dem muss man fragen, wenn er in diesem Fall nicht wusste, was er tut, weiß er es denn in anderen Fällen.“

Auf die Frage nach den Auswirkungen dieses Falles auf die Wissenschaften: „Es ist natürlich erst einmal ein Schock, nicht nur für uns in Bayreuth, sondern ich denke, für die scientific community insgesamt. Es ist auch einfach ein Ausmaß an Dreistigkeit, das wir noch nicht erlebt haben.“

Und auf die Frage nach dem Verbleib von zu Guttenberg im Ministeramt: „Also, als Wissenschaftler wäre der Mann erledigt, das ist gar keine Frage. Es steht mir nicht zu, als Wissenschaftler jetzt politische Konsequenzen zu fordern. Als Staatsbürger freilich möchte ich doch schon sagen, ich wünsche mir Minister, die wissen, was sie tun und ein Verantwortungsgefühl für ihre eigenen Handlungen haben. Und die Art und Weise, wie der Minister in der letzten Woche mit der Causa umgegangen ist, lässt bei mir als Staatsbürger erhebliche Zweifel an seinen charakterlichen Fähigkeiten zur Selbsteinschätzung seiner Handlungen erkennen.“

Promi-Werbung für Bild-Zeitung: Judith Holofernes watscht Agentur Jung von Matt ab

Eine knackige und kluge Antwort von Judith Holofernes („Wir sind Helden“) an die Hamburger Werbeagentur Jung von Matt auf deren Anfrage wg. Teilnahme an der Promi-Werbekampagne für die Bild-Zeitung.

Liest man mit großem Vergnügen, und sollte man weiter verbreiten.

Die Anfrage

Sehr geehrte Damen und Herren,

wir sind als Werbeagentur mit der aktuellen BILD-​Kampagne betraut, in der wir hochkarätigen Prominenten eine Bühne bieten, ihre offene, ehrliche und ungeschönte Meinung zur BILD mitzuteilen.

Derzeit planen wir die nächste Produktionsphase für Frühjahr 2011. Die neu zu produzierenden TV- und Kinospots sowie Plakat-​ und Anzeigenmotive sollen die bestehenden Motive von Veronica Ferres, Thomas Gottschalk, Philipp Lahm, Richard von Weizsäcker, Mario Barth u.v.m. ergänzen.

Für diese Fortführung der Kampagne möchten wir sehr gern “Wir sind Helden” gewinnen.

Das schöne an der Kampagne ist, dass sie einem guten Zweck zu Gute kommt. BILD spendet in Namen jedes Prominenten 10.​000,- Euro an einen von Ihnen zu bestimmenden Zweck.

Lassen Sie uns gern telefonieren und die Details besprechen. Zur Detailinformation senden wir Ihnen bereits heute anbei einige weiterführende Informationen.

Ich freue mich dazu von Ihnen zu hören.
Herzliche Grüße aus Hamburg,
Jung von Matt/Alster Werbeagentur GmbH

Unsere Antwort

Liebe Werbeagentur Jung von Matt,

bzgl. Eurer Anfrage, ob wir bei der aktuellen Bild -​Kampagne mitmachen wollen:

Ich glaub, es hackt.

Die laufende Plakat-​Aktion der Bild-​Zeitung mit sogenannten Testimonials, also irgendwelchem kommentierendem Geseiere (Auch kritischem! Hört, hört!) von sogenannten Prominenten (auch Kritischen! Oho!) ist das Perfideste, was mir seit langer Zeit untergekommen ist. Will heißen: nach Euren Maßstäben sicher eine gelungene Aktion.

Selten hat eine Werbekampagne so geschickt mit der Dummheit auf allen Seiten gespielt. Da sind auf der einen Seite die Promis, die sich denken: Hmm, die Bildzeitung, mal ehrlich, das lesen schon wahnsinnig viele Leute, das wär schon schick… Aber irgendwie geht das eigentlich nicht, ne, weil ist ja irgendwie unter meinem Niveau/evil/zu sichtbar berechnend… Und dann kommt ihr, liebe Agentur, und baut diesen armen gespaltenen Prominenten eine Brücke, eine wackelige, glitschige, aber hey, was soll’s, auf der anderen Seite liegt, sagen wir mal, eine Tüte Gummibärchen. Ihr sagt jenen Promis: wisst ihr was, ihr kriegt einfach kein Geld! Wir spenden einfach ein bisschen Kohle in eurem Namen, dann passt das schon, weil, wer spendet, der kann kein Ego haben, verstehste? Und außerdem, pass auf, jetzt kommt’s: ihr könnt sagen, WAS IHR WOLLT!

Und dann denken sich diese Promis, im Rahmen ihrer Möglichkeiten, irgendeine pseudo -​distanziertes Gewäsch aus, irgendwas “total Spitzfindiges”, oder Clever-​ Unverbindliches, oder Überhebliches, oder… Und glauben, so kämen sie aus der Nummer raus, ohne ihr Gesicht zu verlieren. Und haben trotzdem unheimlich viele saudumme Menschen erreicht! Hurra.

Auf der anderen Seite, das erklärt sich von selbst, der Rezipient, der saudumme, der sich denkt: Mensch, diese Bild -​Zeitung, die traut sich was.

Und, die dritte Seite: Ihr, liebe jungdynamische Menschen, die ihr, zumindest in einem sehr spezialisierten Teil eures Gehirns, genau wisst, was ihr tut. Außer vielleicht, wenn ihr auf die Idee kommt, “Wir sind Helden” für die Kampagne anzufragen, weil, mal ehrlich, das wäre doch total lustig, wenn ausgerechnet die…

Das Problem dabei: ich hab wahrscheinlich mit der Hälfte von euch studiert, und ich weiß, dass ihr im ersten Semester lernt, dass das Medium die Botschaft ist. Oder, noch mal anders gesagt, dass es kein “Gutes im Schlechten” gibt. Das heißt: ich weiß, dass ihr wisst, und ich weiß, dass ihr drauf scheißt.

Die BILD -​Zeitung ist kein augenzwinkernd zu betrachtendes Trash-​Kulturgut und kein harmloses “Guilty Pleasure” für wohlfrisierte Aufstreber, keine witzige soziale Referenz und kein Lifestyle-​Zitat. Und schon gar nicht ist die Bild -​Zeitung das, als was ihr sie verkaufen wollt: Hassgeliebtes, aber weitestgehend harmloses Inventar eines eigentlich viel schlaueren Deutschlands.

Die Bildzeitung ist ein gefährliches politisches Instrument — nicht nur ein stark vergrößerndes Fernrohr in den Abgrund, sondern ein bösartiges Wesen, das Deutschland nicht beschreibt, sondern macht. Mit einer Agenda.

In der Gefahr, dass ich mich wiederhole: ich glaub es hackt.

Mit höflichen Grüßen,
Judith Holofernes

http://www.wirsindhelden.de/index.html

Auch Twitgeridoo! postet diesen „Schriftwechsel“ – mit einem Hinweis zu einem weiteren Kommentar von Judith Holofernes zur Bild-Zeitung.

In der taz-Ausgabe vom 28.02.2011 schaltete die BILD-Zeitung eine ganzseitige bezahlte Anzeige mit dem Brief von Judith Holofernes und dem Zusatz “BILD bedankt sich bei Judith Holofernes für ihre ehrliche und unentgeltliche Meinung”.  In der gleichen taz-Ausgabe erschien ein Interview mit Judith Holofernes zu den Vorgängen.

„Zeittotschlagmaschine für die Ungebildeten“ – zu RR’s Medienkritik

Zur Abwechslung ein wenig Medienkritik.

Reich-Ranickis wunderbare Attacke gegen den „Blödsinn“ der gegenwärtigen Fernsehunterhaltung ist Gegenstand einer ausgedehnten Debatte in den Feuilletons. „Der Tagesspiegel“  brachte heute einen klugen Artikel von Harald Martenstein über den „Partyschreck“, den „Zeit Online“ übernahm. Einige Auszüge:

„Der alte Mann brachte einen Mut auf, den nicht viele besitzen. Wer schafft es, Hunderten von Leuten geradeaus ins Gesicht zu sagen, dass man für dumm hält, was sie gerade stundenlang bejubelt haben? Während Reich-Ranicki redete, zeigten die Kameras Gesichter aus der Zuschauermenge, Ferres- und Kernergesichter. Das Dauergrinsen, das sie an diesem Abend trugen, ging nicht ab. Sie lächelten weiter. Anders können sie offenbar gar nicht. (…) Die Party ging weiter. In den Nachrichten machte man mit dem Eklat Werbung für die Sendung, die vorab aufgezeichnet worden war. „Topquote“, meldete stern.de, und: „Besser konnte es für das ZDF nicht laufen.“ Das System verdaut alles. (…)

Das größte Problem bestand allerdings in der Zeremonie des Verleihens. Die Zeremonie sollte auf keinen Fall nach „Kultur“ aussehen, nach Ernst, pathetisch gesagt, nach Wahrheit. Egal, wie ernsthaft, witzig oder engagiert die Sendungen im Einzelnen tatsächlich waren, es wurden fast immer dümmliche oder reißerische Passagen zusammengeschnitten. In Thomas Gottschalks Präsentation und in den Reden der Laudatoren verwandelten sie sich alle in harmlose Unterhaltung, in Partystimmung und Small Talk. Selbst die Oscar-Zeremonie, kein Ort, an dem ästhetische Revolutionen stattfinden, wirkt intellektuell, frech und selbstkritisch, verglichen mit dem Deutschen Fernsehpreis. (…)

Es ist kein Zufall, dass Reichs Nachfolgerin Elke Heidenreich nur noch lobt und niemals kritisiert. So hätten sie es gerne überall. Nicht meckern, nur feiern. Der Fernsehpreis soll den kritischen und deshalb lästigen Grimme-Preis in den Hintergrund drängen. So, wie Heidenreich Nachfolgerin Reich-Ranickis ist, wie die Filmindustrie den Deutschen Filmpreis auf Mainstream zu trimmen versucht, wie die hübsche Katharina Wagner statt der intellektuellen Nike Wagner Bayreuth übernimmt, wie das Wort Bestsellerautor den Begriff Schriftsteller verdrängt, wie fast überall seit Jahren die Bilder größer werden und die Texte kleiner. Man hat das Gefühl, als solle das Publikum umerzogen werden, hin zur Anspruchslosigkeit von Maden. (…)

Aber Kultur kann mehr, im Fernsehen, in der Literatur, überall. Es ist möglich, die Welt aus einem anderen Blickwinkel zu sehen, es ist möglich, etwas zu durchschauen, es ist möglich, erschüttert, entzückt oder wütend zu sein. Kitsch schafft das nicht, Kalauer schaffen das nicht. Ein Fernsehen, das sich so präsentiert, als sei es nicht statthaft, über Kitsch und über Kalauer hinauszudenken, schafft sich als kulturelle Institution selber ab. Es wird zu einer Zeittotschlagsmaschine für die Ungebildeten, die anderen wandern ins Internet ab. Dort gibt es alles.“

Dazu ein FAZ-Interview mit Reich-Ranicki nach seinem Auftritt und Elke Heidenreichs sehr persönlicher Bericht über die Veranstaltung.

Gute Gelegenheit, mal wieder auf Neil Postman hinzuweisen, mit seiner Warnung, dass wir uns noch zu Tode amüsieren – ein Klassiker der Medienkritik.

„Problematisch am Fernsehen ist nicht, dass es uns unterhaltsame Themen präsentiert, problematisch ist, dass es jedes Thema als Unterhaltung präsentiert“, so ein berühmtes Diktum von Postman. Hier eine Zusammenfassung seiner Thesen.

15. Okt. 2008: „Götz George springt Reich-Ranicki bei“ (Focus)

17. Okt. 2008: „Reich-Ranicki-Talk – Gottschalk erwartet keinen Effekt“ (Spiegel)

Kunst oder Leben, das ist hier die Frage

Der Verfasser des hier von mir kommentierten Artikels im Transatlantikblog hat seine Aussagen ergänzt und überarbeitet. Sein Gedankengang ist jedoch im wesentlichen derselbe geblieben. Ich habe ihm einen weiteren Kommentar gesandt:

Sie machen in Ihrem Artikel durchgängig einen Denkfehler – denselben wie seinerzeit Stockhausen. Sie verlieren einen entscheidenden kategorialen Unterschied aus dem Blick: den zwischen einem Kunstwerk als einem Produkt menschlicher Phantasie, das auf einer Zeichenebene, einer symbolischen Ebene, zum Ausdruck gebracht wird, und der tatsächlichen Umsetzung von Phantasien im wirklichen Leben.

Die Schriften de Sades oder die Filme Pasolinis mag man als Kunst betrachten. Tatsächliche Akte lustvoller Grausamkeit, mögen sie noch so kunstvoll ausgeführt sein, sind einfach Akte lustvoller Grausamkeit. Ihnen fehlt der „Als-ob-Charakter“ eines Kunstwerks.

Shakespeare hat Theaterstücke geschrieben, die auf Bühnen aufgeführt wurden. Seine „vor Blut triefenden und meist nicht gut endenden Stücke“ sind Kunstwerke, in denen er seine Gedanken und Phantasien über uns Menschen zum Ausdruck brachte, damit sie im Theater zur Erbauung der Zuschauer in Szene gesetzt werden („Erbauung“ im weitesten Sinne). „Wir vor der Bühne“ sind eben gerade nicht „auch auf der Bühne“, sondern es wird uns mit dem Theaterspiel, dem wir zuschauen, allenfalls ein Spiegel vorgehalten, in dem wir eigene Motive, Neigungen und Konflikte erkennen können. Wenn es tatsächlich “unser Blut ist, das gerade trieft“ und nicht Theaterblut, so haben wir die Sphäre des Zeichenhaften, des Symbolischen, und damit die Ebene der Kunst verlassen und befinden uns im tatsächlichen Leben.

„Brutales, verbrecherisches, menschenverachtendes Menschenwerk, die Realisierung einer monströsen Phantasie“ im wirklichen Leben ist – wenn Sie so wollen, per definitionem – keine Kunst. „Eine umgesetzte Todesphantasie“ ist nicht „mörderische Kunst“, sondern Mord.

******

Beuys hat eine von ihm ausgestellte Badewanne als Kunstwerk angesehen, und das lag in der Tat in seiner Definitionshoheit. Wenn er aber die Badewannen anderer Leute gegen deren Willen beschmutzt hätte, ganz real, und behauptet hätte, das sei eben ein Kunstwerk von ihm, so hätte er seine Definitionshoheit überschritten. Er hätte noch versuchen können, sich mit dem Humpty-Dumpty-Prinzip zu helfen („Wenn ich ein Wort verwende, dann bedeutet es genau, was ich es bedeuten lasse, und nichts anderes.“) – aber das hätte man ihm nicht durchgehen lassen.

Mit Ihren Ausführungen zu Sibelius und Hochhuth sprechen Sie die Wirkmächtigkeit mancher Kunstwerke an. Diese ist doch völlig unbestritten. Aber der eine kreierte Kompositionen, der andere Theaterstücke – geistige Schöpfungen also, die bei den Rezipienten ebenfalls auf einer geistig-seelischen Ebene eine „Transformation“ bewirkten (ein Begriff, den Stockhausen liebte und der den missverständlicheren der „Erbauung“ getrost ersetzen mag).

Hätten die Künstler jedoch Transformationen durch direkte Eingriffe in die gesellschaftlichen Verhältnisse bewirkt – indem sie eine Partei gegründet oder Prozesse geführt hätten, oder in den Krieg gezogen wären – so hätten sie mit diesen Aktionen den Raum der Kunst verlassen und wären in den Raum der Machtausübung eingetreten. Sie hätten nicht mehr die Köpfe der Menschen mit geistigen Kreationen beeinflussen wollen, sondern den Lauf der Welt durch ganz reales Handeln im gesellschaftlichen Raum, wie alle anderen Nicht-Künstler auch, seien sie nun Politiker oder Terroristen.

Osterbotschaft: „Wie hältst Du’s mit der Religion?“

Nicht dass ich etwas gegen Ostern hätte, Gott behüte – nicht im geringsten. Es gehört zu unserer Kultur wie Weihnachten, Sylvester, Pfingsten und der Maifeiertag. Daran wollen wir nicht rütteln. Festtage unterteilen das Jahr auf das Angenehmste und heben die allgemeine Stimmung. Der Papst droben im Vatikanfenster, seine mit dem Urbi-et-Orbi-Segen verbundenen Osterwünsche in zig Sprachen – das gehört für viele unserer Mitmenschen dazu und richtet keinen Schaden an.

Dennoch wollen wir – dem Gedankengut der Aufklärung verpflichtet – daran erinnern, dass es mit dem historischen Jesus, seiner Auferstehung und dem leeren Grab so eine Sache ist. Prof. Thomas L. Thompson, Lehrstuhlinhaber für die Erforschung des Alten Testaments an der Universität Kopenhagen, erläutert sie heute eingehend in der Frankfurter Rundschau:

„Es geht mir darum, klar zu machen, dass die Evangelien nicht in einer wie auch immer rekonstruierten historischen Wirklichkeit des ersten Jahrhunderts spielen. Sie und mit ihnen das leere Grab sind Teil einer fiktiven Geschichte, in der das alte Thema des Sieges des Lebens über den Tod zu einem beeindruckenden vorläufigen Abschluss gebracht wird, wenn Jesus – wie Elia vor ihm – vom Himmel aufgenommen wird, so dass eine neue Generation ihre Geschichte wieder von Neuem beginnen kann. Der Jesus, den wir aus den Evangelien kennen, der Jesus, der am Kreuz starb und von dem es das leere Grab gibt, ist ein Jesus, den die Autoren der Evangelien – die erzählerischen jüdischen Traditionen verarbeitend – uns geschenkt haben.“

Thompson ist einer der Protagonisten der Kopenhagener Schule der Bibelforschung, die die Bibel nicht als Darstellung historischer Ereignisse, sondern als eine Sammlung von Geschichten ansieht.

„Fragen nach einem historischen Jesus gehen fehl. Ihnen geht es mehr darum, das Christentum zu legitimisieren als irgendetwas Relevantes über das zu sagen, was die Bibel meinte. Ob es jemals einen historischen Jesus gab, wissen wir definitiv nicht. Wir wissen aber: Die Evangelien sind an einem solchen Jesus nicht interessiert. Alles, was wir über Jesus wissen, stammt aus Allegorien, aus fiktiven Geschichten, die fest verwurzelt sind in uralten vorderasiatischen literarischen Traditionen. (…) Wir haben keine Ahnung, wer Jesus war, wenn er im ersten Jahrhundert außerhalb der Geschichten, die über ihn geschrieben wurden, wirklich gelebt haben sollte. Wir haben nur diese Geschichten, und keine von ihnen startet im ersten Jahrhundert.

Jesus als eine literarische Figur, eine Art Romanfigur, wie Interviewer Arno Widmann meint?

Sei’s drum. Ich halte es mit dem Pragmatiker William James. Die wesentliche Aussage seines Klassikers „Die Vielfalt religiöser Erfahrung“ (1902) könnte man so zusammenfassen: „Wenn Religion einem Menschen zu Inspiration verhilft und ihn vollkommener macht, so hat sie ihren Zweck erfüllt.“

„Aber nur dann!“, ist unbedingt hinzuzufügen, in einer Zeit, in der „Pathologien der Religion“ (Papst Benedikt XVI.), wie unter anderem alle fundamentalistischen Richtungen, eine große rückwärtsgewandte, in vielen Fällen diabolische Macht entfalten; also unter dem Deckmantel der Religion in Wahrheit „das Werk des Teufels“ verrichten.

In diesem Sinne: Frohe Ostern!