Gabor Steingart: Die USA nach Trumps Amtseinführung

In seinem heutigen Morning Briefing kommentiert Handelsblatt-Herausgeber und USA-Kenner Gabor Steingart die tolldreiste Rede Donald Trumps zu seiner Amtseinführung  (Video mit deutscher Übersetzung) und die nun entstandene politische Lage in den USA. Er beschreibt aber auch auch den Gegenwind, mit dem Trump im eigenen Land zu rechnen hat, und die Möglichkeit eines frühen Amtsenthebungsverfahrens.

„Was wir gestern von Donald Trump gehört haben, war keine präsidiale Rede, sondern eine president-donald-trumpKampfansage. Übellaunig im Ton. Eisenhart in der Sache. Change minus Hope. Donald Trump nutzte seine Antrittsrede zur Abrechnung mit dem politischen Establishment und lieferte dabei nichts Geringeres als ein populistisches Manifest.

Bisher hätten die Eliten sich immer nur selbst gefeiert, sagte er: „Ihre Siege waren nicht eure Siege, ihre Triumphe waren nicht eure Triumphe“. Diesmal werde die Macht nicht von einer Partei an die nächste, sondern von Washington direkt an das Volk übergeben. In dessen Auftrag will er seine Amerika-First-Politik durchsetzen, das heißt Fabriken „zurückholen“, den Islamismus„ausrotten“, das von Drogengangs angerichtete „Blutbad“ in den Städten beenden, und die Nato-Partner sollen für ihre Sicherheit künftig selbst zahlen. Die Trump-Agenda klingt nach Bürgerkrieg im Innern und Eiszeit in den auswärtigen Beziehungen. Nicht, dass er beides kaltblütig plant, aber er nimmt es in Kauf. Der neue Präsident liebt Streit, nicht Konsens. Er will nicht umarmen, er will zudrücken.

Der gestrige Tag war sein Tag, doch die Tage seiner Gegner kommen auch noch dran. Es sind insbesondere drei Herausforderer, die ihn noch vor dem nächsten Wahltag zu Fall bringen könnten.

Gegner Nummer 1: Das andere Amerika. Im Land baut sich eine Anti-Trump-Stimmung auf. Während zum Washingtoner Open-Air-Konzert am Vorabend der Amtseinführung nur etwa 10.000 Menschen kamen, standen in New York rund20.000 Menschen auf der Straße, um gegen Präsident Nummer 45 zu demonstrieren. Auf ihren Plakaten stand „Not My President“. Die Bewachung des Trump Towers an der Fifth Avenue, Ecke 56th Street, kostet den Staat derzeit rund eine halbe Million US-Dollar am Tag.

Gegner Nummer 2: Die Medien. Trump hat unter Verlegern, Produzenten, Filmemachern und Journalisten kaum Freunde. „CNN“, „Washington Post“, „New York Times“ und Hollywood können sich mit der eruptiven Persönlichkeit des neuen Präsidenten nicht anfreunden. Gegen diese Wand medialer Ablehnung wird Trump auf Dauer nicht antwittern können. Er hasst, sie hassen zurück. Er setzt die Agenda, und sie die ihre dagegen. Die Umfragewerte von Trump waren gestern die niedrigsten, die je am Tag einer Amtseinführung gemessen wurden.

Gegner Nummer 3: Das Parteiensystem. Washington reagiert allergisch auf den Außenseiter. Längst haben sich Demokraten und Republikaner zusammengetan, um die Kontakte des Trump-Teams nach Russland im Geheimdienstausschuss auf Capitol Hill zu untersuchen. Der republikanische Mehrheitsführer Paul Ryan sieht sich nicht als Trump-Unterstützer, sondern als Trump-Nachfolger. Er ist der Wolf, der sich das Schafsfell über die Ohren gezogen hat. Oder anders gesagt: Nicht nur Demokraten träumen von einem frühen Amtsenthebungsverfahren.

Amerika steht vor einer Periode neuerlicher Polarisierung. Die Großartigkeit, von der Trump so gern spricht, wird sich unter diesen Bedingungen nicht einstellen können. Ein eisiger Wind weht durch das Land. Die Dämonen des Bruderzwists sind unterwegs.“

Außerdem:
  • Trump: An American Horror Story – Project Syndicate Focus
    • „Get to grips with President Trump; Project Syndicate has published more than 100 articles exploring the implications of his presidency for politics, the economy, and world peace and security. They are all here.“
  • Kommentar zu Trumps Antrittsrede – Frankfurter Rundschau, 20.01.2017
    • „Donald Trump hat eine demagogische, eine verlogene Rede gehalten. Der Milliardär, der von der Politik der rabiaten Einkommensverteilung von unten nach oben profitierte und weiter profitiert, der sich weigerte Steuern zu zahlen, spielt sich auf als Robin Hood und erklärt: „Heute wird nicht die Macht einfach von einer Regierung auf eine andere übertragen oder von einer Partei auf eine andere Partei – heute übertragen wir die Macht von Washington D.C. und geben sie Euch zurück, dem amerikanischen Volk.“ Dieses „Wir“ ist Donald Trump, niemand sonst. Und das amerikanische Volk ist sein Volk. Das blonde, reiche Amerika, das um ihn herumsteht. Je weniger die Demagogen von ihren Versprechungen verwirklichen können, desto schärfer und aggressiver müssen sie reden. Diesen Weg wird Trump gehen. Er hat keine politische Agenda. Er will gewinnen. Sonst nichts.“
  • Der Imperator gibt kein Pardon – Kommentar von Stephan-Andreas Casdorff (Chefredakteur) – Tagesspiegel, 20.01.2017
    • „Donald Trumps erste Rede im Amt hat gezeigt, welcher Geist von jetzt an herrscht. Das Amerika, wie er es repräsentiert, kommt zuerst, immer und überall. Gegnern macht er Angst.“
  • Amerika kurz und klein geredet – Kommentar von Jochen Arntz (Chefredakteur Berliner Zeitung) – Kölner Stadt-Anzeiger, 20.01.2017
    • „Eine Rede gegen den eigenen Staat.“
  • Eine Gefahr für sein Land und die ganze Welt! – Kommentar von Elmar Theveßen – ZDF, 20.01.2017
    • „Kein Respekt vor seinen Vorgängern. Keine Demut vor der Aufgabe. Keine Kompromisse. „

  • Trumps verstörende Antrittsrede: Keine Angst, der will nur dealen – Kommentar von Veit Medick (Washington) – Spiegel Online, 21.01.2017
    • „Mit seiner Antrittsrede versetzt Donald Trump den Westen in Angst. Aber wenn Europa auf den neuen US-Präsidenten trotzig und panisch reagiert, tut es genau, was er bezweckt.“
  • Düstere Zukunftsvision: Gute Nacht, Amerika! – Kommentar von Martin Ganslmeier (NDR), 21.01.2017
    • „Mit Trump sitzt erstmals ein rechtspopulistischer Demagoge im Weißen Haus. Der US-Präsident setzt auf Nationalismus und Protektionismus. Die Stimmung nach der ersten Rede: nicht hoffnungsvoll, sondern düster.“
  • US-Präsident Trump: Rede eines Radikalen – Kommentar von Dietmar Ostermann – Badische Zeitung, 21.01.2017
    • „Da kann einem der Atem stocken. Mit seiner ersten Rede als 45. Präsident der Vereinigten Staaten hat Donald Trump den radikalen Bruch verkündet. Was Trump nach der Amtseinführung auf den Stufen des Kapitols zu sagen hatte, war eine Kampfansage an die alten Eliten, die alten Regeln, die alten Partner in der Welt.“
  • Trumps Antrittsrede: Das sagt die internationale Presse – HNA, 21.01.2017
    • „Kampfansage, Drohung, Unanständigkeitserklärung: Für ihre Analysen von Donald Trumps Antrittsrede finden viele Nachrichten-Medien klare, sorgenvolle Worte.“
  • Warum Trumps Plan wirtschaftlich irrational ist – Kommentar von Harald Schumann
    • „Donald Trump erklärt die Globalisierung für Teufelszeug und übersieht dabei großzügig, wie tief auch die US-Wirtschaft ins internationale Freihandelsnetz verwoben ist.“
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4 Kommentare

  1. Möglicherweise hat Präsident Trump noch einen weiteren Gegner, der ihm bislang gar nicht geläufig war:
    Die Gewaltenteilung.

    Als Geschäftsmann war er in seinem Firmenimperium gewissermaßen Legislative und Exekutive in einem, und mit starken Einschränkungen vielleicht sogar ein wenig Judikative.

    Als Präsident der USA ist er der Gewaltenteilung eines demokratischen Rechtsstaats unterworfen (m.W. mit nur wenigen gesetzlich geregelten Ausnahmen), was ihm einige ganz neue Erfahrungen im Umgang mit der eigenen Macht und mit den Grenzen der eigenen Macht näherbringen mag.
    Ob seine Anpassungsfähigkeit dafür ausreicht ?

    Eckhardt Kiwitt, Freising

    Antwort
    • Markus Wichmann

       /  22. Januar 2017

      Interessanter Gedanke. Trumps Anpassungsfähigkeit an andere Regeln als seine eigenen und an jene, die ihm aus dem Geschäftsleben bekannt sind (mit dem reichhaltigen Repertoire vielfältigster Tricksereien), schätze ich als augesprochen gering ein – allemal bei einem 70jährigen.

      Menschen mit einer derart ausgeprägten narzisstischen Persönlichkeitsstörung fehlt die Möglichkeit, die psychischen Grundmuster („constraints“) abzulegen bzw. zu verlassen, die ihr Erleben und Verhalten bestimmen: beispielweise die andauernde Notwendigkeit, sich der eigenen Grandiosität zu versichern, oder die Tendenz zur Idealisierung und Dämonisierung Anderer (die rasch wechseln kann: Obama und Hillary Clinton sind meistens ein „Desaster“, dann aber auch wieder großartige Menschen, die unglaublich viel für die USA geleistet haben. Da Trump das im jeweiligen Moment auch genau so erlebt, erscheint es ihm vollkommen widerspruchsfrei.)

      Ein treffendes Beispiel ist Trumps grotesk unpassende, skandalöse Rede vor den CIA-Mitarbeitern an „day two“, die er u.a. dazu verwendet hat, damit zu prahlen, wie oft er im letzten Jahr auf dem Titelblatt des Time-Magazins zu sehen war, und die ihm u.a. eine vernichtende Kritik des ehemaligen CIA-Direktors Brennan eingebracht hat („he should be ashamed of himself“).

      Ein Patient von mir mit einer ausgeprägten narzisstischen Störung hat sein Verhältnis zum Recht, dem wir ja alle gleichermaßen unterworfen sind, ganz unverblümt mit den Worten zum Ausdruck gebracht: „Ich habe mein eigenes Recht.“

      Antwort
  2. Ein Psychogramm zu Trump, das auch zum Beitrag Sonia Mikichs cooler Kommentar zum Trump-Interview passt, gibt es übrigens hier:
    The Donald: „Liebe und Anerkennung“ und Verantwortung

    Antwort
  1. Präsidiale Amtserfahrungen | PI - München

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