Auftritt eines grandiosen Egomanen: Wolf Biermann im Bundestag

Eineinhalb lange Minuten spielt er sich erstmal ein auf der Gitarre, zeigt, wie bravourös er auch mit knapp 78 das Instrument noch beherrscht. Dann, ganz weich, fast schmeichlerisch, wendet er sich an den, der jetzt zunächst zu überwinden ist, den er sich gewogen machen muss für das, was er gleich vorhat:

„Herr Lammert, ich freu‘ mich, dass Sie mich hierher gelockt haben – und ich ahne schon, weil ich Sie ja als Ironiker kenne, dass Sie hoffen, dass ich den Linken ein paar Ohrfeigen verpasse…“

Natürlich ist nicht Herr Lammert, der wegen seiner eigenmächtigen, trickreich verschleierten Einladung an Biermann schon erheblichen Ärger mit der Linken-Fraktion bekommen hat und nun bloß inständig hofft, dass alles glatt über die Bühne geht, natürlich ist nicht er der Ironiker, sondern Biermann selbst ist es, indem er coram publicum den Finger mitten in die Wunde legt und genau das unterstellt, was auf keinen Fall sein darf: dass nämlich der zur Neutralität verpflichtete Bundestagspräsident klammheimliche Freude empfinden würde, sollte Biermann seinen Auftritt nutzen, um den Linken Ohrfeigen zu verpassen.

„…aber, das kann ich ja nicht liefern – mein Beruf war doch Drachentöter!“

Es beginnt nun die von grandiosem Narzissmus nur so triefende Selbstdarstellung eines alternden Egomanen, zum 25jährigen Jahrestag des Mauerfalls in den Deutschen Bundestag eingeladen als Gast, um ein Lied vorzutragen. „Drachentöter“ – wer mag ihm dieses Etikett irgendwann einmal angeheftet haben? Er selbst? Jedenfalls taucht es in „Adieu Berlin“ auf, einem seiner späten Lieder.

Im Osten war ich Drachentöter.
Im Westen Wolf – doch niemals Köter,
hing nie an keiner Kette fest.
Ich brach mit blutigen Genossen,
die Gift mir in die Seele gossen.
Schrie all das aus und sang und schwieg.
Im allerbesten Sinn Verräter.
Nicht Opfer, lieber bin ich Täter.

Ein meisterhafter, ein brillanter Lyriker und Liedermacher, das zeigen schon diese wenigen Zeilen. Nun, mit 78 im Bundestag, genügt ihm das aber nicht. Hier will Biermann sich als Mann der Tat präsentieren, was in einem Parlament bedeutet, als Redner, und nicht nur mit einer Gesangseinlage. In einem Parlament wird gestritten, attackiert, bewertet und beurteilt, auch verurteilt. Da geht es um richtig und falsch, gut und schlecht, manchmal auch um gut und böse. Was passt da besser, als das Drachentöter-Selbstbild in Szene zu setzen, und warum den selbstgestrickten Mythos um die eigene Person nicht gleich zur Berufsbezeichnung machen? „Wolf Biermann, Drachentöter“. Einer wie Siegfried, Herakles oder Perseus – Heldenfiguren, die das Ungeheuer, Sinnbild des menschenfeindlichen Bösen, entweder mit List und Tücke oder in mutigem, heroischem Kampf besiegt haben. Das ist die Liga, in der er jetzt spielt.

Und eben so, wie er sich selbst grandios überhöht und idealisiert, wird er gleich die Besiegten erniedrigen und demütigen, voll Hohn und Häme zur „Drachenbrut“ herabwürdigen, zum „elenden Rest dessen, was überwunden wurde“. Überwunden von wem? Na, von ihm höchstselbst, dem Drachentöter: „Ich habe Euch zersungen mit den Liedern, als Ihr noch an der Macht wart.“ Nicht das Volk, nein: Wolf, der Volksheld. „Es fehlte nicht viel,“ schreibt die „Welt“, „so schien es, und Biermann hätte sich daran erinnert, wie er damals die Mauer allein niedergerissen hat.“

Lammert ahnt, dass die Sache aus dem Ruder zu laufen droht und unternimmt einen Versuch, möglichst humorvoll, den aus der Rolle fallenden Gast der Feierstunde zu bremsen, einer Feier, die schließlich der Versöhnung, der deutschen Einheit dienen soll und nicht dem Ressentiment.

„Ich kann Ihnen auch, Herr Biermann, mit einem Hinweis auf unsere Geschäftsordnung helfen. Sobald Sie für den Deutschen Bundestag kandidieren und gewählt werden, dürfen Sie hier auch reden. Heute sind Sie zum Singen eingeladen.“

Was Lammert wohl nicht ahnt: dass er damit dem alternden Barden, der es nochmal allen zeigen will, eine Steilvorlage liefert. „Ja“, antwortet der in aller Seelenruhe und dem sicheren Bewusstsein, dass dieser Punkt an ihn geht, „aber natürlich habe ich mir in der DDR das Reden nicht abgewöhnt, und das werde ich hier schon gar nicht tun.“ Damit hat er die Lacher auf seiner Seite, die Abgeordneten klatschen stürmisch Beifall. Den Schlagabtausch mit Lammert hat Biermann gewonnen, der Bundestagspräsident ist für’s erste zum Schweigen gebracht.

Könnte man bis hierher vielleicht noch einen Funken „Mannesmut vor Königsthronen“ entdecken und goutieren, so entlarvt sich der selbsternannte Held mit seinem nächsten Satz als boshafter, arroganter Mütchenkühler, als schadenfroher Heimzahler, der seiner Unversöhnlichkeit, seinem ganzen eitlen Ressentiment freien Lauf lässt:

„Ein Drachentöter kann nicht, mit großer Gebärde, die Reste der Drachenbrut tapfer niederschlagen. Die sind geschlagen. Und es ist für mich Strafe genug, dass Sie hier sitzen müssen, dass Sie das anhören müssen…

Und:

Also, Ihr seid dazu verurteilt, das hier zu ertragen, ich gönne es Euch, und ich weiß ja, dass die, die sich Linke nennen, nicht links sind, auch nicht rechts, sondern reaktionär – dass diejenigen, die hier sitzen, der elende Rest dessen sind, was zum Glück überwunden ist.

Losgesprungen als Drachentöter, gelandet als schäbiger Nachtreter, der große Liedermacher. Peinlichkeit macht sich breit, zumindest unter den sensibleren Zuhörern. Die meisten scheinen sich indes damit aus der Affäre des unangenehmen Fremdschämens zu ziehen, dass sie sich emotional auf die Seite des Aggressors schlagen.

„Kein Abgeordneter einer anderen Partei hätte gewagt, die Linke so genießerisch fertigzumachen wie der Mann ohne Rederecht. Wolf Biermann war immer zu eitel, um sich an die Spielregeln für andere zu halten. Diesmal hatte er die Mehrheit der versammelten Volksvertretung auf seiner Seite. Und er genoss es huldvoll wie ein Monarch.“ („Eins in die Fresse, mein Herzblatt“ – Uwe Schmitt, Die Welt, 07.11.2014)

Am nächsten Tag gab Biermann noch ein Konzert im Berliner Ensemble. Dazu ebenfalls die „Welt“:

„Wenn Biermann Verwunderung mimt angesichts der Liebkosungen des Publikums oder auch, mit vor den Mund geschlagener Hand, vor den freien Kräftespielen des Quartetts, wenn er die Linke über die Augen krümmt, um das Scheinwerferlicht abzuwehren, und in die Runde schaut, als wollte er sagen „Was findet ihr nur so verdammt genial an mir?“, wenn er chaplinesk Verblüffung spielt über die Ehre – kurz, wenn Wolf Biermann gespreizt den uneitlen Kerl mimt, ist er schwer zu ertragen. (…) 

‚Frühzeitig hat man mich geehrt/ Nachttöpfe auf mir ausgeleert/ Die Dornenkrone mir verehrt/ Ich hab sie liegen lassen‘. So sang Biermann und bog die Balken. Dornenkronen, die ihm standen, hat er immer gern getragen. Ein bisschen Blut im Gesicht konnte nie schaden. Er ist furchtlos und schamlos, die Welt dreht sich um ihn und soll das gefälligst wissen.

Manchmal plaudert sich Biermann, der Obrigkeit wie uns andere sämtlich duzt, aus der feinen Unverschämtheit in die Peinlichkeit. Auch darauf ist Verlass. Im Berliner Ensemble gelang ihm das, als er einen hohen polnischen Würdenträger erst grob anredete („Wo ist denn der Oberpole?“) und dann aufklärte, dass seine Nationalhymne „Noch ist Polen nicht verloren“ ja nicht gerade ein Hurra-Gesang sei. Eins in die Fresse, mein Herr, nett gemeint. („Was findet Ihr nur so genial an mir?“ – Uwe Schmitt, Die Welt, 09.11.2014)

Seine Lieder, seine Lyrik, durchaus. Als Mensch ist er, zumindest bei seinen öffentlichen Auftritten, oft neben der Spur. Viele Künstler sind Narzissten und Egomanen. Die meisten verstehen indes, die unangenehmen Seiten ihrer Persönlichkeit in der Öffentlichkeit zu verbergen. Biermann nicht – er will es wohl auch gar nicht. Sein Narzissmus gehört mit zur Performance. Leider.

Siehe auch:
  • „Ich sollte die Menschheit retten“Christoph Heinemann spricht mit Wolf Biermann über seine Lebensgeschichte – Deutschlandfunk, 12.08.2011
    • „Als er 16 Jahre alt war ging Wolf Biermann von Westdeutschland in die DDR. Er habe zunächst zu jenen gehört, die für den Bau der Mauer waren, bekennt der Liedermacher. Heute befalle ihn aus diesem Grund ein „Gefühl der Scham“.“
  • Wolf Biermanns Mauerfall: „Wie ein historisches Drama ohne Haupthelden!“Axel Schröder interviewt Biermann über die Zeit zwischen seiner Ausbürgerung und dem Mauerfall 1989 – Deutschlandfunk, 05.11.2014
    • „Heute sagt Wolf Biermann, das sei mehr Angeberei gewesen und seine hilflose Wut „auf die Bonzen im Osten“, wenn er in seinen Liedern den Mauerfall besang. Als es dann passierte, musste er von Hamburg aus zuschauen. „Ein verrücktes Missverständnis, denn eigentlich war ich doch der große Drachentöter“.“
  • „Drachentöter“ von Lammerts Gnaden Willi Winkler gibt auch einen Abriss von Biermanns Lebensgeschichte – Süddeutsche Zeitung, 07.11.2014
    • „Demut ist ihm wesensfremd – deswegen ignoriert Wolf Biermann die Hinweise von Bundestagspräsident Lammert und redet im Parlament. Er geht auf die Linksfraktion los und beschimpft sie als „Drachenbrut“. Zum „Drachentöten“ hatte er zuletzt wenig Gelegenheit.“
  • Viel Selbstgefälligkeit, wenig Gelassenheit – Frank Capellan über Biermanns Bundestagsrede – Deutschlandfunk, 07.11.2014
    • „Mit bedröppelten Mienen mussten die Mitglieder der Linkspartei Wolf Biermanns Kritik über sich ergehen lassen. Doch ihre Abgeordneten seien keinesfalls das, als was Biermann sie verteufeln möchte, kommentiert Frank Capellan. Mit seinen Hasstiraden habe sich der Sänger keinen Gefallen getan.“
    • „Für viele Wähler – vor allem Osten – ist die Linkspartei immer noch das soziale Gewissen der Republik. Ihre Abgeordneten sind keinesfalls das, als was Biermann sie verteufeln möchte (…). Die wenigsten von ihnen waren in der SED, manche waren beim Mauerfall noch Kinder oder Jugendliche, viele sind im Westen aufgewachsen, so wie Richard Pitterle, der heute im Bundestag mitsang, als Biermann sein Lied „Die Ermutigung“ anstimmte, ein Lied das er einst den Häftlingen in den Kerkern der DDR widmete. Ich konnte das auch als Linker im Westen immer mitsingen, ich habe Biermann immer gemocht, ich kann ihn verstehen, auch wenn seine Attacken auf meine Fraktion unbegründet sind – so hat sich Pitterle heute im Deutschlandfunk geäußert. Ein bisschen von dieser Gelassenheit hätte dem 77-jährigen Dissidenten heute ganz gut gestanden. Etwas Größe zum Jahrestag, etwas mehr Versöhnen statt immer nur Spalten.“
  • Biermann-Auftritt: Linke will gegen Lammert vorgehenMatthias Meisner – Tagesspiegel, 11.11.2014
    • „Der spektakuläre Auftritt des Liedermachers Wolf Biermann im Bundestag im Rahmen der Mauerfall-Debatte hat ein Nachspiel. Die Linksfraktion will, dass sich der Ältestenrat des Parlaments mit ihrem Ärger befasst.“
  • Wolf Biermann ist ein Wendehals – Friedrich Schorlemmer – der Freitag, 13.11.2014
    • „Der Bürgerrechtler Friedrich Schorlemmer ist über Wolf Biermanns Auftritt im Bundestag wütend, wo der Liedermacher auf seine Rolle als politischer „Drachentöter“ pochte.“
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