Ach, Europa

Ach, Europa

Man presste in ein starres Zwangskorsett,
in eine einz’ge Währungsuni-on,
die Menschen aus verschiedenster Nation – 
und sah nicht, es wird ein Prokrustesbett.

Die Länder, die man so zusammenband,
in denen blühen vielerlei Kulturen.
Hier lebt man strebsam, anderswo entspannt;
und immer auch in passenden Strukturen.

Gefesselt aber an die Einheitswährung,
beraubt flexibler Wechselkurse,
gefangen im ungleichen Wettbewerb

mit
deutschen Musterknaben
fleißigen Exportweltmeistern
braven Merkelwählern

ging es mit Griechen Spaniern Franzosen 
Portugiesen und Italienern 
wirtschaftlich nur noch bergab.

Wenn uns der Euro um die Ohren fliegt,
wenn man ihn eines Tags verloren gibt,
so wisse, dass dies an den Toren liegt,
die Riesenregelwerke bauten
und deren Wirkung blind vertrauten.
Die nicht nach Unterschieden fragten – 
dem   M e n s c h e n  den Respekt versagten.

Ach Europa, schön gedacht.
Ach Europa, schlecht gemacht.

Markus Wichmann

Einer, der diese tiefgreifende Unterschiede von in Jahrhunderten gewachsenen Lebensstilen und Mentalitäten nicht nur erkannt hatte, sondern ihnen einen zentralen Platz in seinem Denken einräumte, war der in Algier aufgewachsene französische Schriftsteller und Existenzphilosoph Albert Camus (1913 – 1960).

„[Camus] entwirft […] das Paradigma des „mittelmeerischen“ Lebens schlechthin. In den Raum, den Himmel und Erde schaffen, fügt sich ebenso der Mensch ein […]. Dieser Mensch versucht gar nicht erst, beispielsweise durch unangebrachten Aktionismus, der mittäglichen Hitze entgegenzuwirken und damit sein Handeln als einzig wahren Maßstab des Lebens zu postulieren. Statt dessen passt er sich problemlos dem bedächtigen Tempo eines Lebens unter der Sonne an und findet sogar an den beiden für die moderne Zeit und ihren Geschwindigkeitswahn so paradoxen Rhythmen der ‚Gemächlichkeit und Trägheit‘ Gefallen.“

aus: Asa Schillinger-Kind, Albert Camus zur Einführung, Hamburg 1999, S. 11

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