„Wer profitiert vom Euro?“ – Artes kritisches Investigationsmagazin zu nächtlicher Stunde

Vox Pop heisst das neue „Investigationsmagazin“ von ARTE.

„Offen und lehrreich beleuchtet Vox Pop jede Woche gute Initiativen der europäischen Institutionen und Bürger, wie auch die Missstände. John Paul Lepers unterhält sich mit den Bürgern Europas.“, so die ARTE-Ankündigung.

Der Sendetermin? Sonntags kurz nach 20:00 Uhr, zur besten Sendezeit – im französischen Fernsehen. Bei uns in der Nacht zum Montag (z.B. 2:45 Uhr), mit einer Wiederholung tags darauf um 6:15 Uhr.

Die  Vox Pop-Ausgabe vom 12. Mai 2014 zog Bilanz über den Euro. „Wer hat 12 Jahre nach seiner Einführung von der Einheitswährung profitiert?“, so die brisante Fragestellung.

Hier einige Auszüge, die auch in Deutschland das Licht des Tages verdienen und nicht einigen Nachteulen vorbehalten bleiben sollten.

David Faneca (Journalist): Die Mehrheit der Portugiesen möchte in der Eurozone bleiben, trotz der Krise und des von der Troika auferlegten Sparkurses. Letztes Jahr hat der Ökonom Joao Ferreira do Amaral einen Bestseller veröffentlicht: „Warum wir aus dem Euro austreten sollten?“ Der Beitritt zur Einheitswährung sei der Wille der Elite, nicht der des Volkes gewesen. Ein Euro-Austritt müssse verhandelt werden, um Portugal wieder wettbewerbsfähig zu machen. Einige euroskeptische Parteien teilen seine Meinung.

Moderator: Auch in den Ländern, die den Euro übernehmen sollen, herrscht Skepsis.

Monika Rebala (Journalistin): Die Polen sind keine großen Euro-Fans und werden den Euro wohl nicht wie geplant 2015 einführen. Nur 44 Prozent der Polen wollen den Zloty aufgeben. Sie befürchten einen negativen Einfluss auf die Wirtschaft. Laut Polens Premierminister wird man die Einheitswährung dann übernehmen, wenn Polen dazu bereit ist. Der Regierung fehlt die notwendige Mehrheit für die Änderung der Verfassung, die besagt, dass nur die polnische Zentralbank Währungen ausgeben darf.

(Es folgt der Bericht über den Beitritt Lettlands zur Eurozone.)

Moderator: Warum zwingen Banken ein Land zum Euro? Welchen Interessen dient die Einheitswährung? 2002, als zwölf Länder den Euro einführen, wird die europäische Währung dem Bürger als Fortschritt präsentiert.

Werbevideo aus dem Jahr 2002: „Das schafft Beziehungen. Kein Umtausch. Weniger Kosten. Bequem reisen. Wohin fahren wir?“ – „Mir gefällt der blaue Schein am besten.“

Moderator: Schon damals kritisiert ein Mann den Druck von Industrie und Finanzwelt auf diese Währung.

Olivier Hoedeman (Koordinator „Corporate Europe Observatory“):  Der Euro wurde dem Bürger als Märchen verkauft. Dennoch wurden schon damals Stimmen laut gegen die Einheitswährung. Schlimme Folgen für die schwächsten Wirtschaften wurden prophezeit. All diese Bedenken wurden vom Tisch gefegt. Ja, ich denke, wir wurden manipuliert.

Moderator: 10 Jahre hat eine mächtige Industrie und Finanzlobby hinter den Kulissen gewirkt, um die Einführung des Euro durchzusetzen.

Fernsehbild: Logo der „Association for the Monetary Union of Europe (AMUE)“

Moderator: Die „Vereinigung für die Europäische Währungsunion“ wurde eigens zu diesem Zweck gegründet. Sie vereint Spitzenmanager wie Francois Xavier Ortoli, ehemaliger Präsident der EU-Kommission, heute Chef von „Total“; Hilmar Kopper, Vorstandschef der Deutschen Bank, oder Giovanni Agnelli, Fiat-Chef.

Bertrand de Maigret war Generalsekretär der Vereinigung. Für ihn hätte es ohne die Lobbyarbeit dieser Bosse die Einheitswährung nie gegeben.

Bertrand de Maigret (ehem. Generalsekretär AMUE): Hätten all diese Unternehmer nicht ganz konkret mit ihren jeweiligen Regierungen gesprochen und gesagt, wir brauchen Währungsstabilität, wir brauchen Zinsstabilität, ansonsten können wir mit der Konkurrenz aus den USA und Japan nicht mithalten, hätten die Politiker mancher Länder wohl nicht den Mut gehabt, die Euroeinführung in Angriff zu nehmen. Der Euro war der Wille multinationaler Konzerne und Banken, die bei den Staatschefs vorsprachen, wie in Frankreich. Staatspräsident Mitterand und Elisabeth Guigou waren bei der Einführung des Euro federführend. Ich wäre nicht so dreist zu behaupten, wir hätten sie überzeugt. Wir haben ihnen erklärt, was wir wie und warum machen. Ich glaube, die Botschaft ist angekommen.

Moderator: Elisabeth Guigou, beigeordnete Ministerin für Europäische Angelegenheiten, verhandelte damals den Maastrichter Vertrag, der die Einheitswährung vorsieht.

Elisabeth Guigou (PS-Abgeordnete): Ein paar führende Köpfe aus Industrie und Finanzwelt wollten das in der Tat. Aber als es um die Unterzeichnung des Vertrags von Maastricht ging, bin ich im Jahr 1992 durch ganz Frankreich gereist. Es ist gut, dass wir nicht zuletzt durch Francois Mitterands Engagement eine Mehrheit bekamen, denn so hatten zumindest nicht allein die Lobbyisten dafür gestimmt.

Reporter: Spielten sie eine wichtige Rolle?

Elisabeth Guigou: Sie spielten eine Rolle, vor allem bei den Gesprächen mit den Deutschen.

Moderator: Heute ist in ganz Europa eine Debatte über die Einheitswährung entflammt. Nicht nur die Populisten fordern den Euro-Austritt, sondern auch Wirtschaftsexperten und Intellektuelle. Sie kritisieren die sozialen Kosten. Ebenso wie manche Politiker, zum Beispiel der Souveränitätsverfechter Nicolas Dupont-Aignan. Für ihn ist der Euro gescheitert.

Nicolas Dupont-Aignan (Vorsitzender „Debout la République“): Ganz Europa kann nicht dieselbe Währung haben, denn die deutsche Produktivität, die deutsche Demografie ist nicht dieselbe wie die der südlichen Länder. Es ist also ein System, das die europäische Brüderlichkeit zerstört. Entweder man behält den Euro und zerstört Europa, oder man ersetzt den Euro und rettet Europa.

Moderator: Für Elisabeth Guigou dagegen wäre der Euro-Austritt ein schwerer Fehler.

Elisabeth Guigou: Ich bin der Meinung, der Euro hat uns in der Finanzkrise geschützt. Er hat das verheerende System beendet, das es Anfang der 90er Jahre gab. Die Abwertungskonkurrenz zwischen den europäischen Währungen, die zu Verarmung, Arbeitslosigkeit und Stagnation führte. Es ist absolut falsch, den Euro zum Sündenbock für alles zu machen, was nicht funktioniert.

Moderator: Der Euro, nur Sündenbock der Krise? Sicher ist, dass der Euro das Fehlen einer gemeinsamen Wirtschaftspolitik aufgedeckt hat. So haben viele Staaten die sozialen Folgen der Einheitswährung nicht verkraftet.

Im letzten Teil des Beitrags interviewt der Moderator John Paul Lepers den deutschen Spitzenökonomen Hans-Werner Sinn, der soeben sein neues Buch „Gefangen im Euro“ veröffentlicht hat, über die Wandlung seiner Einstellung zum Euro. Sinn war ehemals ein Befürworter der Euro-Einführung, gehört inzwischen jedoch zu den Euro-Kritikern. Hier die Kurzfassung (ca. Min. 11:30 – 17:00) und hier die Langfassung des Interviews.

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2 Kommentare

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