Lettischer Wirtschaftsminister: Skandinavische Banken erzwangen Eurobeitritt Lettlands

Dass Lettland den 2014 erfolgten Beitritt zur Eurozone keineswegs aus freien Stücken angestrebt hat, sondern dass die Euro-Einführung in dem baltischen Staat auf massiven Druck schwedischer Banken und Politiker zustande kam, war Insidern durchaus bekannt. Wer sich über die Hintergründe informieren wollte, fand dazu allerdings kaum etwas in den großen Medien oder gar von offizieller Seite. Man war weitgehend auf Informationen aus der Blogosphäre angewiesen.

Nun redete der lettische Wirtschaftsminister Vjaceslavs Dombrovskis  jedoch Klartext. „Eine recht zynische Geschichte“ nennt er den Übergang seines Landes zum Euro in einem Interview mit Vox Pop, dem „Investigationsmagazin von ARTE“.

Hier das Transkript der betreffenden Passage aus der Vox Pop – Sendung „Wer profitiert vom Euro?“ (ca. Min. 6 bis 7) ausgestrahlt am Montag, den 12. Mai, um 2:45 Uhr (!) – Wiederholung auf ARTE am Dienstag, 13. Mai, 6:15 Uhr… – Im französischen Fernsehen wurde der Beitrag übrigens am Sonntag, den 11.05.2014 gesendet, zur besten Sendezeit – abends um 20:10 Uhr.

Moderation: Nach 12 Jahren zweifeln immer mehr an unserer zu teuren Einheitswährung. Wem nützt der Euro? Wir forschen nach.

Riga, die Hauptstadt Lettlands. Am 1. Januar 2014 ist das baltische Land als jüngstes EU-Mitglied der Eurozone beigetreten. Nur ungern haben die Letten ihren Lats aufgegeben. (…) 

Zur Zeit beruhigt der Wirtschaftsminister die Verbraucher. Die Preise sind nicht gestiegen, denn für den Euro-Beitritt haben die Letten schon viele Opfer in Kauf genommen. Drei Jahre lang haben sie einen der strengsten Sparpläne Europas umgesetzt.

Wirtschaftsminister Vjaceslavs Dombrovskis: Die Beamtengehälter wurden drastisch gekürzt und schließlich ganz eingefroren. Wir haben eine sehr hohe Arbeitslosenquote. Viele Letten haben das Land verlassen. 10 Prozent unserer Bevölkerung sind emigriert. Die sozialen Kosten für den Beitritt zur Eurozone waren also sehr hoch.

Reporter: Hat es sich gelohnt?

Wirtschaftsminister Vjaceslavs Dombrovskis: Das wird sich zeigen. (O-Ton: „Time will tell.“)

Moderation: Der lettische Wirtschaftsminister scheint nicht sehr begeistert. Erst am Ende des Interviews liefert er uns den Grund für seine Bedenken. Der Übergang zum Euro wurde von den Finanzinstituten erzwungen und beschleunigt.

Wirtschaftsminister Vjaceslavs Dombrovskis: Eine recht zynische Geschichte. 2009 wollten wir angesichts der Krise unsere Währung um 40 Prozent abwerten. Das wäre ein harter Schlag für die skandinavischen Banken gewesen, die immense Aktiva in Lettland halten. Deshalb waren sie gegen eine Abwertung. Und so blieb aus ihrer Sicht nur eine Lösung: Wir mussten der Eurozone beitreten.

Moderation: Warum zwingen Banken ein Land zum Euro? Welchen Interessen dient die Einheitswährung?  (…)

[Zum weiteren Verlauf der Vox Pop – Sendung „Wer profitiert vom Euro?“ s. nachfolgender Blogbeitrag

Aus der „redaktionellen Vertiefung zur Sendung“ auf der ARTE-Homepage (Autor:  Manuel Vicuña):

„Im Januar 2014 trat Lettland als 18. Land der Eurozone bei – eher widerstrebend und unter großen Opfern an die ausländischen Finanzinvestoren. (…) „Sie haben Zypern gemocht? Dann werden Sie Lettland lieben!“ Mit diesem sarkastisch übertitelten Artikel kommentierte das (französische) Wirtschaftsmagazin Challenge den Beitritt des neuen Euro-Landes. Erzwungene Euro-Übernahme, Aufstellen drastischer Sparpläne, Preisinflation, Kaufkraftminderung in der Bevölkerung, undurchsichtige Holding-Geschäfte … Der überstürzte Beitritt Lettlands zum Euro-Währungsgebiet wirft zahlreiche Fragen auf – und ist umso diskutabler, als weder die lettische Bevölkerung noch die Europäische Zentralbank (EZB) uneingeschränkt dahinter standen.“ 

Die Ereignisse während der lettischen Finanzkrise im Jahr 2009 hat Udo Bongartz in seinem Artikel „‚Die Letten sind ja Hunger gewöhnt‘ – In der Finanzkrise setzte die schwedische Regierung Lettland massiv unter Druck“ eingehend dargestellt (Lettische Presseschau, 18.12.2010). S. außerdem „Lettlands Beitritt zur Eurozone – Ein Musterbeispiel für Budgetsanierung und Volksarmut“ (Der ganz normale Wahnsinn, 12.01.2014) sowie Andreas Wehr, Der Weg in die Knechtschaft.

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