Josef Joffes heillose Papstkritik

Die deutliche Kritik des Papstes an unserem gegenwärtigen Wirtschaftssystem schlägt Wellen. In zwei Beiträgen in der „Zeit“ wettert deren Mitherausgeber und ehemalige Chefredakteur Josef Joffe gegen das kritische Papstschreiben – mit abstrusen Argumenten.

Gleich zwei Kommentare verfasste Josef Joffe zum Schreiben „Evangelii gaudium“ von Papst Franziskus. Der Kapitalismus, so Joffe, sei „eine wunderbare Projektionsfläche, auf die alle Übel dieser Welt geworfen werden können“. Mit seiner „heillosen Kapitalismuskritik“ gehe der Papst jedoch fehl. Er wünsche „den Kapitalismus zur Hölle – und dann was? Vorwärts in die Vergangenheit von Feudalismus und Kommunismus?“.

Nüchtern definiert sei der Kapitalismus nach Marx und Max Weber doch lediglich „eine Wirtschaftsordnung, die auf dem Privatbesitz von Produktionsmitteln und der Steuerung durch den Markt beruht – durch Angebot, Preis und Nachfrage. Der Motor ist das Gewinnstreben.“ In diesem Sinne sei der Kapitalismus „identisch mit der Moderne seit dem Feudalismus – mit einem gescheiterten Zwischenspiel namens Sowjetkommunismus“.

Am Vergleich von Kapitalismus einerseits und Feudalismus, Kommunismus, Bolschewismus, Real- und Nationalsozialismus andererseits arbeitet Joffe sich sodann ab in seiner Papstkritik. Das päpstliche Schreiben richtete sich indes keineswegs gegen den Kapitalismus im allgemeinen, sondern erkennbar gegen dessen heutige Organisationsform, gegen die bekannten Negativexzesse unseres gegenwärtigen Wirtschaftssystems. Der Begriff „Kapitalismus“ kommt im Papstschreiben gar nicht vor.

Nachdem 338 meistenteils kopfschüttelnde Leserkommentare an Joffes Argumentation kein gutes Haar gelassen hatten, legte der nochmal nach: „Das Kommentariat“ nehme es kopfnickend auf, wenn der Papst „den K.“ verteufele und lehre, „der Kapitalismus tötet“. Dabei könne man doch mit dem gleichen Recht behaupten, „der Sozialismus tötet – oder gar: die Religion tötet“, wenn man an die Abermillionen denke, die unter Stalins und Maos Realsozialismus und unter Hitlers Nationalsozialismus ihr Leben ließen, nicht zu reden von den Religionskriegen „im Namen des wahren Gottes, (die) im 16. und 17. Jahrhundert die Bevölkerung Europas millionenfach dezimiert“ hätten.

Erst „im Zusammenspiel von K. und Maschinenenergie (sei) Reichtum von der astronomisch wachsenden Sorte“ entstanden, schwärmt Joffe. „Vor 150 Jahren hätte Franziskus mit seiner Kampfschrift ein reales Bild des K. getroffen, aber diesen Horror haben Charles Dickens und Gerhart Hauptmann plastischer angeprangert.“ Doch diesen Kapitalismus gebe es nicht mehr: „Er ist ein Pappkamerad.“

Wenn man den Kapitalismus kritisiere, müsse man fragen, „im Vergleich wozu? Kuba, Venezuela, Saudi-Arabien? Dem Klepto-Kapitalismus Russlands? All den Staatswirtschaften, die im 20. Jahrhundert untergegangen sind?“

Joffes Kommentare sind ein Musterbeispiel dafür, wie man einen missliebigen Standpunkt bewusst verdrehen, missverstehen und zurechtbiegen kann, um die eigenen Argumente sodann gegen den Popanz zu richten, den man selbst aufgebaut hat.

Die von Papst Franziskus angeprangerten inhumanen Verwerfungen des gegenwärtigen, in Marxscher Terminologie „spätkapitalistischen“ Wirtschaftssystems mit dem Verweis auf noch ungerechtere Alternativen aus der zurückliegenden Wirtschaftshistorie zu kritisieren, das ist so, als würde man heutige ärztliche Kunstfehler mit dem Hinweis auf noch größere Pfuschereien in vergangenen Jahrhunderten in Schutz nehmen.

Joffe weiß natürlich, dass die einzig ernst zu nehmende und gewiss auch nach Ansicht des Papstes anzupeilende Alternative eine soziale Marktwirtschaft ist, wie sie z.B. die skandinavischen Staaten weitgehend realisiert haben. Aber um seine rabulistische Polemik loszuwerden, blendet er dies systematisch aus.

„Brüderlich teilen“ würden sich zudem Staat und Kapital den Markt inzwischen, etwa die Hälfte der Wirtschaftsleistung greife sich in Europa der Staat. Ein Drittel seien

„Transfer-Zahlungen vom reicheren Peter zum ärmeren Paul. Kartelle, Trusts und Monopole, die bis ins 20. Jahrhundert wider den Markt Traumrenditen einfuhren, sind von der harten Hand des Staates zertrümmert worden. Ausbeutung? Gegen die stehen Gewerkschaften und Arbeitsgesetze.“

„To turn a blind eye to something“ sagen die Engländer, wenn man etwas Wahrgenommenes bewusst verleugnet (in Anspielung auf den einäugigen Lord Nelson, der behauptet hatte, er müsse sein Fernrohr wohl an sein blindes Auge gehalten haben, als er in der Seeschlacht von Kopenhagen das Signal zum Rückzug ignorierte).

Massenarbeitslosigkeit in Südeuropa; wachsende Schere zwischen Arm und Reich und Kinderarmut in Deutschland; Ausbeutung der Dritten Welt im Zuge der Globalisierung; Banken, die systematisch Zinssätze und Währungen manipulieren: alles ausgeblendet. Stattdessen als Fazit: „Im Gegensatz zum Feudalismus und Realsozialismus glänzt der demokratische K. als beispiellose Wohlstandsmaschine, die zugleich unendlich reformfähig ist“.

Die Welt aus der Sicht des Topjournalisten Josef Joffe, neben Altbundeskanzler Helmut Schmidt Herausgeber der „Zeit“. Einer der Nachfolger von Marion Gräfin Dönhoff, die journalistische Maßstäbe setzte und, obwohl längst verstorben, immer noch als Mitherausgeberin genannt wird.

Und nun Joffe…

What a shame. What a crying shame.

Siehe auch:
  • „Der Heiler des Herrn“Kardinal Rainer Maria Woelki über die Kritik von Papst Franziskus am gegenwärtigen Wirtschaftssystem – Christ & Welt, 50/2013
    • „Der Papst richtet wie ein guter Arzt den Blick auf die Wurzeln des Übels. – Eine Wirtschaft, die nicht dem Menschen dient, dient zu nichts. Aber es geht nicht nur um den Inhalt seiner Aussagen, sondern auch der neue Ton bleibt nicht ohne Wirkung. Man hat fast den Eindruck, dass der Schrei der Ausgegrenzten widerhallt in seinen glasklaren Worten.“
  • Tötet dieses System?Kardinal Karl Lehmann über das Papstschreiben – Christ & Welt, 50/2013
    • „Wenn Papst Franziskus zur harschen Kritik des kapitalistischen Wirtschaftssystems ansetzt, wäre es wahrscheinlich gut gewesen, die überaus kritische Haltung der katholischen Soziallehre zum Kapitalismus in den verschiedenen Wandlungen der Wirtschaftsgeschichte, aber auch der kirchlichen Verlautbarungen seit der ersten Sozialenzyklika 1891 im Kontext des neuen Schreibens stärker zu betonen.“ 
    • „„Evangelii gaudium“ lässt sich aber nicht auf eine wohlfeile und relativ billige Kapitalismuskritik reduzieren. Der Text kennt auch durchaus „noble“ Fortschritte und Verbesserungen des sozialen Zusammenlebens der Menschen. Aber er geht mit bestimmten Tendenzen unserer Gesellschaften sehr deutlich ins Gericht: Es gibt eine steigende Ungleichheit in der Verteilung der Güter; die Wohlstandskultur betäubt; oft wird das Geld vergöttert; es gibt eine „absolute Autonomie der Märkte“; die Finanzspekulation verstärkt dies alles; eine Gier nach Macht und Geld ist unverkennbar; wir leben in einer „Wegwerfkultur“, in der ein außerordentlicher Konsumdruck vorherrscht; die Vernichtung von vielen Nahrungsmitteln, eine auch in fortgeschrittenen Ländern bestehende Korruption und eine hohe Steuerhinterziehung werden genannt. So ist es für Papst Franziskus auch ein Skandal, wie viele Menschen aus einer solchen Welt ausgeschlossen werden und als „Abfall“ gelten. „Ausschluss“ ist ein Schlüsselwort des neuen Schreibens. Kein Wunder, dass in diesen Bereichen auch jede Ethik als unvereinbar abgelehnt wird. „
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6 Kommentare

  1. Gerdner

     /  16. Dezember 2013

    Hat dies auf Gerd sein Blog rebloggt und kommentierte:
    Dem kann ich nur uneingeschränkt zustimmen

    Antworten
  2. seyinphyin

     /  16. Dezember 2013

    Erstaunlich ist doch immer wieder, wie Leute glauben, dass Kapitalismus etwas modernes wäre. Das Prinzip des Kapitalismus von Besitz = Macht ist ja nun uralt, und wer auf den Feudalismus schimpft, sollte an sich doch von beidem genug wissen, um zu sehen, dass Kapitalismus lediglich eine Neuauflage des Feudalismus ist, nur etwas breiter aufgestellt, weil Grundbesitz allein eben nicht mehr so sonderlich die Bedeutung hat und im Gegensatz zu „Kapital“ in seiner Vielfältigkeit auch nicht grenzenlos angehäuft werden kann.

    Kommunismus = Vergangenheit? Wie soll das gehen? Sieht man in die Vergangenheit, sieht man da keinen Kommunismus, nur Kapitalismus und seinesgleichen und zwar die gesamten Jahrtausende der Geschichtsschreibung, sofern es nicht gerade über irgendwelche kleinen Stämme ist, die schon allein durch ihre Größe eine andere Dynamik haben.

    Wie kann also Kommunismus Vergangenheit sein? Wegen der SU, China, NK? Nun, sieht man sich an, was dort stattfand/-findet, so sucht man vergeblich nach kommunistischen Prinzipien. Eine klassenlose Gesellschaft sieht anders aus, völlig anders, geradezu entgegengesetzt.

    Wer sich auf die Lügen eines Lügners stützt, ist selbst einer…

    Antworten
  3. Hallo!
    Die meisten Autoren scheinen immer noch nicht begriffen zu haben, dass im Gegensatz zu Kommunismus & Sozialismus der Kapitalismus keine Staatsform ist. Das ist ein ernstes Hindernis für fruchtbare Diskussionen. Somit ist auch ein Vergleich z.B. zwischen Feudalismus und Kapitalismus ähnlich wie zwischen einem Auto und einem Flugzeug. Es gibt keine nennenswerten Perioden oder gesellschaftlichen Räume (jedenfalls zum Zwecke dieser Diskussion), in denen wenigstens elementare Teile oder Mechanismen des Kapitalismus genutzt wurden (werden mussten); wie auch schon in den frühesten Stadien des Bolschewismus.
    Ein weiterer Fehler ist es, den Kapitalismus mit menschlichen Eigenschaften / Tugenden mit verkehrter Kausalität zu verknüpfen. Geiz, Gier, Neid, Missgunst gab es auch bei den Khmer Rouge und seit Thales und die Chrematistik wurde schon von Aristoteles behandelt.
    Vergessen wird gerne, dass es gerade diese menschlichen Eigenschaften der grenzenlosen Produktivität und Kreativität es sind, die den Menschen aus seiner Höhle gezerrt haben und auf dem Mond wandern ließen.
    Nette Grüße

    Antworten
  4. Wer sich mit der Privatisierung des Weltgeldsystems beschäftigt und J.P. Morgan der Rothschilds u.a. dazu nimmt, wird wissen, was uns die Politik aufs Auge gedrückt hat. Die Selbstversorgung von denen, die an der Staatszitze hängen, der Feudalismus, das Ausufern des Reichtums einer Minderheit versteckt agierender Menschen in Hochfinanz und Wirtschaft hat wieder einmal geschafft, dass weite Teile Europas von Betrügern oder der Intelligenz des Bösen wirtschaftlich an die Wand gefahren werden. Das Vermögen, das durch Betrug erwirtschaftet wurde, wird nicht angetastet. Statt dessen lehnen sich die zurück, verzehren einen Teil des Reichtums und warten auf ihre gekauften Staatsmänner, die es in ihrem Sinne wie gewünscht weiterführen.
    „Die von Papst Franziskus angeprangerten inhumanen Verwerfungen“ – dass den Besitzenden so etwas nicht passt, dafür haben sie ihre Medien, die laut brüllen und auf weitere Berieselung drängen. Allerdings wäre es schon ein Anfang, wenn der Papst, ohne um sein Leben zu fürchten, die wirtschaftliche Seite des Vatikans in Ordnung brächte.

    Antworten
  5. Bernie

     /  16. Dezember 2013

    Interessant finde ich auch, dass Herr Joffe folgendes schreibt:

    „[…]Wenn man den Kapitalismus kritisiere, müsse man fragen, „im Vergleich wozu? Kuba, Venezuela, Saudi-Arabien? Dem Klepto-Kapitalismus Russlands? All den Staatswirtschaften, die im 20. Jahrhundert untergegangen sind?“[…]“

    …hat er eigentlich gar nichts mitbekommen? Hat er geschlafen, als z.B. Kuba und Venezuela sich endgültig vom autoritären Staatskommunismus verabschiedet haben? Was sagt der gute Herr denn zu dem Vorgang, dass Castro und Obama sich bei der Beerdigung von Mandela – als historische Geste – die Hände geschüttelt haben? Wo ist der gute Herr Joffe eigentlich die letzten Jahre seit dem Ende des weltweiten Staatskommunismus gewesen? Auf dem Mars vielleicht? Es soll ja nur noch einen einzigen Staat geben, der nach US-Sicht so funktioniert wie der längst tote (Staats-)Kommunismus autoritärer Prägung – Nordkorea.
    Wieso erwähnt Joffe China eigentlich nicht? Liegt es daran, dass die Volksrepublik China größter Verbündeter Deutschlands in Wirtschaftsfragen ist – Fragen über Fragen, die mir der gute Herr Joffe sicher nicht beantwortet.

    Übrigens, in dessen Ansichten ist man sicher schon ein Kommunist, wenn man die Zustände des Altkanzlers Helmut Kohl zurückwünscht – in wohlfahrtsstaatlicher und arbeitsmarktpolitischer Hinsicht.

    Amüsierte Grüße
    Bernie

    PS: Man sollte mal z.B. den hochaktuellen Film „7 Tage in Havanna“ sehen, um zu bemerken, dass sich trotz US-Blockade einiges in Richtung marktwirtschaftlichem Kapitalismus in Kuba getan hat – das alte Kuba ist längst tot, das autoritäre Kommunismus-Modell ist gemeint, aber Herr Joffe hat diesen Tod längst verschlafen….

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