Ökonomie des glücklichen Lebens – Hippokratischer Eid für Ökonomen? – Gesprächsserie bei dradio Kultur

Für die Deutschlandfunk-Reihe „Essay und Diskurs“ produzierte Stefan Fuchs eine dreiteilige Gesprächsserie mit führenden kritischen Ökonomen zum Thema „Ökonomie des glücklichen Lebens – Vom ethischen Umbau der Wirtschaft“.

„Die aktuelle Dauerkrise der Wirtschaftswissenschaften wirft zugleich die Frage ihrer ethischen Grundlagen auf. Eine wachsende Zahl der Ökonomen fordert so etwas wie einen Hippokratischen Eid für ihre Disziplin.

Wie die Medizin dem Wohl des Patienten, müssten die Wirtschaftswissenschaften dem Lebensglück der Mehrheit und nicht den Interessen einiger weniger verpflichtet sein. Die Kritiker des ökonomischen Mainstreams erinnern an den Gründungsvater der Volkswirtschaftslehre Adam Smith, der zugleich Moralphilosophie lehrte und eine geschichtliche Tradition begründete, die von Max Weber bis John Maynard Keynes immer schon die Einbettung des Kapitalismus in ein regulatorisches Wertesystem forderte.

In seiner Gesprächsserie mit Yanis Varoufakis, Ann Pettifor und David Graeber versucht Stefan Fuchs, die Grundlagen einer nach wie vor aktuellen und dringend erforderlichen Wirtschaftsethik herauszuarbeiten, die sich von der Verschleierung einer angeblich objektiven Logik des Marktes absetzt. Wirtschaftsethik richtig verstanden ist danach kein moralisches Feigenblatt, sondern zielt auf den Kern des wissenschaftlichen Selbstverständnisses der Ökonomie.

Ebenso ist Wirtschaftsethik Teil einer transdisziplinären Rückführung der Volkswirtschaft in die Sozialwissenschaften. Auch die objektiven Interessenkonflikte, die in den Wirtschaftswissenschaften durch ihre Rolle in der Politikberatung entstehen, müssten im Rahmen einer ethischen Rückbesinnung der Disziplin offengelegt werden.“

Das erste, am 16.06.2013 gesendete Gespräch führte Stefan Fuchs mit dem griechischen Ökonomen Yanis Varoufakis (engl. Yanis VaroufakisWikipedia), Autor von „Der globale Minotaurus“  und (gemeinsam mit Stuart Holland) des „Modest Proposal for Resolving the Eurozone Crisis“. Yanis Varoufakis betreibt außerdem einen renommierten Blog zur makroökonomischen Lage nach der Krise 2008 mit „thoughts for the post-2008 world“, in dem er das Interview mit Deutschlandradio Kultur ebenfalls veröffentlichte.

Hier einige Gesprächsausschnitte (Hervorhebungen von mir):

„Stefan Fuchs: Professor Varoufakis, wenn man die Verwüstungen beklagt, die die Austerität im Herzen Europas anrichtet, in Ländern wie Spanien, Portugal, oder hier ganz besonders in Griechenland, die Schleifspuren in Hunderttausenden von Biografien, Zerstörung von Lebensplänen, verlorene Jugend, erzwungene Emigration, dann werden Vertreter Ihrer Zunft nicht müde zu versichern, das sei nur die bittere Medizin, die man dem Patienten verabreichen müsse, damit er wieder gesunde, das sei das Tal der Tränen, durch das man gehen müsse, um das Gelobte Land zu erreichen, Schumpeters “kreative Zerstörung”, damit sich die Marktwirtschaft daraus wie der Phönix aus der Asche erhebe. Tatsächlich kennen wir Krisen des Kapitalismus, die nach diesem zyklischen Modell von Leben und Tod verlaufen sind. Diese Krise aber, sagen Sie, sei ganz anders, sie gleiche aufs Haar der Weltwirtschaftskrise von 1929. Wie begründen Sie das?

Yanis Varoufakis: Krisen können heilsam sein. Sie können wie kontrollierte Brände wirken, die das brennbare Material in einem Wald reduzieren, damit bei einem Flächenbrand nicht der gesamte Baumbestand zerstört wird. Aber es gibt auch Zusammenbrüche des ganzen Systems, die der Zerstörung des ganzen Waldes gleichen. Die Krise von 2008 stellte den Auftakt zu einer Neuauflage der Weltwirtschaftskrise von 1929 dar. Die Parallelen sind unübersehbar. Beide Krisen begannen mit dem Zusammenbruch der Finanzindustrie. 2008 stand die Wall Street vor dem Aus und wurde nur durch die Großzügigkeit der Steuerzahler gerettet. Wie 1929 wurde aus der Bankenkrise sehr schnell eine Schuldenkrise, die dann die Realwirtschaft in Mitleidenschaft zog. (…)

(In der Nachkriegszeit hatten) Politiker und Wirtschaftswissenschaftler (…) verstanden, dass man die Makroökonomie, das heißt ein gesamtwirtschaftliches System, nicht planen und managen kann, als hätte man es mit einem einzelnen Unternehmen zu tun. 

Als Bretton Woods (…) 1971 zusammenbrach, begann eine Ära der Deregulierung, und die Wirtschaftswissenschaften folgten diesem Trend. Immer mehr klammerten die makroökonomischen Modelle gesamtwirtschaftliche Aspekte aus. Sie beschrieben schließlich Robinson Crusoe auf seiner einsamen Insel. Ein Individuum zugleich in der Rolle des Konsumenten, des Produzenten und des Sparers. Modelle des globalen kapitalistischen Wirtschaftssystems, als bestünde es nur aus einer einzigen Person. 

Das Tragische an diesen Robinson Crusoe Modellen ist, dass sie die Krise nicht erklären können. Wenn man Robinson auf einer einsamen Insel ist, warum sollte man sparen und nicht investieren? Das macht keinen Sinn. Wenn man von der Ernte etwas zurückbehält, dann doch nur, um es später als Saatgut zu nutzen. In diesen lächerlichen makroökonomischen Modellen entspricht das Gesparte deshalb immer den Investitionen. Unsere Wirtschaftspolitik beruhte also auf gesamtwirtschaftlichen Modellen, in denen diese Art der Krise gar nicht vorkommt. Als sie dann ausbrach, war das Erstaunen groß, und die Volkswirte fragten sich, wie das geschehen konnte. Es konnte geschehen, weil Krisen Bestandteil unserer Welt sind, sie aber in den Modellen nicht auftauchen. (…)

Auch wenn die statistischen Berechnungen (von Carmen Reinhart und Kenneth Rogoff) richtig gewesen wären, haben sie den sehr viel schwereren Fehler gemacht, Korrelation mit Kausalität zu verwechseln. Auf einer statistischen Grundlage ist es nicht möglich, zu behaupten, eine bestimmte Verschuldungsrate führe zum Rückgang des Wachstums. Wir betreiben keine Experimentalwissenschaft. Wir sind keine Physiker, die Laborversuche durchführen können. Wir können nicht mal kurz ins Jahr 2008 zurückgehen und nachsehen, was passiert wäre, hätte die US Notenbank auf eine quantitative Lockerung durch den Ankauf von Staatsanleihen verzichtet. Solche Spekulationen führen in ein intellektuelles Desaster. 

Jedes Jahr zu Weihnachten steigt die Nachfrage nach Kinderspielzeug. Das bedeutet aber nicht, dass Weihnachten durch die erhöhte Nachfrage nach Spielzeug verursacht wird. Politiker haben politische Ziele. Da ist es insbesondere für Finanzminister verführerisch, die jeweilige Politik so darzustellen, als beruhe sie auf wissenschaftlichen Erkenntnissen. Man fühlt sich besser, wenn man die eigene Politik mit theoretischen Modellen begründen kann, die von sogenannten Wirtschaftsweisen angeboten werden. 

Das Ergebnis ist eine sehr ungesunde symbiotische Beziehung zwischen einer Wirtschaftspolitik, die auf politischen Vorurteilen basiert und einer Wirtschaftstheorie, die auf unzulässigen Vereinfachungen beruht, sich aber als wissenschaftliche Objektivität ausgibt. (…)

Ökonomen haben immer versucht, den öffentlichen Diskurs zu dominieren, überzeugender zu wirken, indem sie sich als “Physiker der Gesellschaft” aufspielten. Wenn man ein guter Physiker ist, spielt es keine Rolle, ob man links oder rechts steht, ob man Muslim oder Christ ist. In den Wirtschaftswissenschaften ist das anders, weil sie keine Naturwissenschaft sind. Das hat keine der ökonomischen Schulen daran gehindert, wissenschaftliche Objektivität in Anspruch zu nehmen.

Nicht nur die “Chicago Boys”, auch Karl Marx suchte nach einer wissenschaftlichen Erklärung für den inneren Mechanismus des Kapitalismus und versuchte mit mathematischer Gewissheit nachzuweisen, dass der Sozialismus eine notwendige Folge der Krisen des Kapitalismus sei. Die Vertreter der sogenannten neoklassischen Schule tun das ebenso wie die Neoliberalen. Alle hängen dem Irrglauben an, die Wahrheit über die wirtschaftlichen Prozesse könne man in mathematischen Gleichungen und abstrakten Modellen finden. Und natürlich sind diese Modelle nicht wertfrei. Sie beinhalten immer ein Ethos, allerdings ein zutiefst menschenfeindliches. Es gibt nichts moralisch Abstoßenderes als dieses Leugnen der den Wirtschaftstheorien zugrunde liegenden moralischen Werturteile. (…)

Auf der Linken, auf der Rechten, in der Mitte, überall gab es Stimmen der Vernunft, die auf die Bedeutung der Unbestimmbarkeit in wirtschaftlichen wie in allen vom Menschen bestimmten Abläufen hinweisen. Der junge Marx wusste, dass die Wirtschaftsgeschichte keinem Determinismus unterliegt. Später hat er dieses Wissen seinem Anspruch auf Wissenschaftlichkeit geopfert. Ein Vertreter der äußersten Rechten, der österreichische politische Ökonom Friedrich Hayek, verstand sehr wohl, dass geschlossene mathematische Modelle keine gültigen Aussagen über das Marktgeschehen machen können, weil menschliches Handeln unbestimmbar ist. Mein Plädoyer für das Akzeptieren der radikalen Unbestimmbarkeit der Ökonomie ist weder politisch links noch rechts. 

Wir müssen auf die Menschen zugehen und zugeben, dass wir keine Experten sind, dass es gar keine Experten geben kann. Wenn das Wirtschaftsgeschehen ein radikal unvorhersehbarer Prozess ist, gibt es keine Prognosemöglichkeit. Das ist zugleich die Basis für eine politische Ökonomie. Radikale Unbestimmbarkeit bedeutet Offenheit, erlaubt erst Demokratie in der Wirtschaftspolitik. Sie unterstreicht die Pflicht aller Bürger, sich selbst eine fundierte Meinung zu bilden, selbst die Verantwortung zu übernehmen und sich nicht auf irgendwelche selbst ernannten Wirtschaftsweisen zu verlassen. Wenn ich also zur Eurokrise Stellung nehme, tue ich das als aktiver Bürger. Ich finde es wichtig, dass wir alle Stellung nehmen und durch den Austausch von Argumenten eine allgemeine Debatte anstoßen. (…)

Ein Hippokratischer Eid für Wirtschaftswissenschaftler sollte zwei grundlegende Bestimmungen enthalten. Zuerst müssten alle Ökonomen verpflichtet sein, die Auftraggeber der von ihnen erstellten Gutachten offenzulegen. Viele Volkswirte arbeiten für Banken und andere Institutionen, die ganz eigene Interessen verfolgen. Dann müssten alle Ökonomen schwören, unter allen Umständen ihre intellektuelle Offenheit zu bewahren, immer bereit zu sein, die Grundlagen ihrer Überzeugungen zur Diskussion zu stellen. (…)

Angefangen von der Politik der Regierung Reagan in den USA bis zu jener der Regierung Thatcher, die sich von Großbritannien aus in Europa ausbreitete, wurde buchstäblich jede Wirtschaftspolitik, die im Westen seit den siebziger Jahren praktiziert wurde, mit wissenschaftlichen Erkenntnissen begründet. Diese aber basierten auf Modellen, die mathematisch nur funktionierten, weil die Dimension der Zeit ausgeklammert wird. Sie beruhen auf der Fiktion eines zeitlosen Universums, das eine Millisekunde dauert. 

Wenn man versucht, die Zeit in diese Modelle einzuführen, brechen sie zusammen, weil die Gleichungen dann nicht mehr gelöst werden können. Ästhetisch sehr schöne Modelle mit einer atemberaubenden mathematischen Komplexität, die niemand außer uns Ökonomen versteht. Sie wird benutzt, um der Gesellschaft zu signalisieren, schaut, wir sind Wissenschaftler, vertraut uns, wir wissen, wovon wir sprechen. Nie aber wird zugegeben, dass diese Modelle nur funktionieren, wenn es keine Zeit gibt. Ich würde deshalb die Ehrlichkeit in einem Hippokratischen Eid für Wirtschaftswissenschaftler festschreiben. Ehrlichkeit über die Annahmen, die unseren Arbeiten zugrunde liegen. Und die Verpflichtung, das von den Dächern der Parlamente herab zu verkünden, bevor die Finanzminister unsere Modelle benutzen, um ihr Tun damit zu rechtfertigen. (…)

Als Bürger, Volkswirtschaftler und Politiker ist es unsere moralische Pflicht, Leiden zu minimieren und die Wohlfahrt der Menschen zu mehren! Der Kapitalismus durchläuft eine Phase massiven Systemversagens. Fabriken haben ihre Arbeit eingestellt, obwohl sie Dinge herstellen könnten, die die Menschen brauchen. Arbeiter, die bereit sind für Löhne zu arbeiten, die diesen Fabriken Gewinne bringen könnten, können keine Arbeit finden. Arbeitgeber, die, wenn sie Arbeiter einstellen, von der panischen Angst beherrscht werden, dass sie für ihre Waren keine Käufer finden, stellen nicht ein. Und so gibt es keine Waren, keine Käufer, keine Arbeit und keinen Gewinn. Eine unkontrollierbare Abwärtsspirale. Die Schulden lasten immer schwerer, Löhne und Preise fallen. Schließlich werden die Schulden unbezahlbar. 

Ganze Volkswirtschaften versinken in einem Zirkel aus Angst und Verzweiflung, der ungeheures menschliches Leid verursacht. In dieser Situation ist es unsere moralische, unsere ethische und politische Pflicht, in aller Bescheidenheit nach Mechanismen zu suchen, um dieses Chaos zu beenden. So wie es schon 1929 unsere moralische Pflicht war, als das Versagen der menschlichen Spezies zur weltweiten Katastrophe führte.“

Am 23. Juni 2013 sendet der Deutschlandfunk das zweite Gespräch zwischen Stefan Fuchs und  Ann Pettifor, Direktorin des Policy Research in Macroeconomics (PRIME), zur „Amoralität des Finanzsystems“.

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