Steinbrücks Fall

Vor gut drei Monaten schrieb ich hier über die problematische Persönlichkeit des SPD-Kanzlerkandidaten: seine Neigung zu Arroganz und Zynismus, seinen grimmigen Ernst, die latente Aggressivität und intellektuelle Selbstgefälligkeit, den fehlenden Charme. Ich kam zu dem besorgten Ergebnis, dass Steinbrück wegen seiner wenig gewinnenden Ausstrahlung schlechte Voraussetzungen mitbringt, ein erfolgreicher Kanzlerkandidat zu sein.

Dass sich der Kandidat jedoch derart schnell und in einem Maße selbst demontiert, wie dies in der Geschichte der Bundestagswahlkämpfe einmalig ist: ein Absturz der Sympathiewerte innerhalb weniger Wochen auf ein Niveau unterhalb von Westerwelle – das überstieg mein Vorstellungsvermögen.

Steinbrücks Fall ist die glasklare Folge seiner Selbstherrlichkeit, psychologisch formuliert: seiner ausgeprägten narzisstischen Persönlichkeitstendenz. Was jetzt mühsam als Ehrlichkeit und Geradlinigkeit verkauft werden soll, ist in Wahrheit die Unfähigkeit des Kandidaten, sein dickschädeliges Ego zu drosseln und sich um eines größeren Zieles willen an die Erwartungen der Wähler anzupassen. Es zeugt von einer erheblichen egozentrischen Borniertheit, nach dem Desaster der millionenschweren Honorareinnahmen mit Vorträgen, die der frühere Finanzminister neben seiner Abgeordnetentätigkeit gehalten hat, nun auch noch die relativ geringe Vergütung des deutschen Bundeskanzlers, gemessen an den in der freien Wirtschaft gezahlten Gehältern für Topmanager, zu kritisieren.

Mit seiner Haltung, „ich sage, was ich denke, egal, wie es in der Bevölkerung ankommt“, zeigt Steinbrück, dass er die mit der Übernahme der SPD-Kanzlerkandidatur verbundene Verantwortung für seine Partei nicht verstanden hat, die auf sein zielführendes Wohlverhalten angewiesen ist.

Vielleicht hätte man ihn vorab Gracians „Handorakel der Weltweisheit“ lesen lassen sollen, das voll mit guten Ratschlägen für in der Öffentlichkeit stehende Personen ist. Aber: es hätte nichts genutzt. Eigenschaften, die derart tief im Charakter eines Menschen verankert sind, sind resistent gegen gute Ratschläge.

Während die CDU durch einen Merkel-Bonus gestützt wird, lastet auf der SPD nun ein Steinbrück-Malus. Für das ursprünglich durchaus aussichtsreiche Projekt einer rot-grünen Bundesregierung nach den nächsten Wahlen und für die SPD als Partei ist der dramatische Absturz  des Kandidaten in der Wählergunst – aus Gründen, die allein in seiner Person liegen – äußerst bitter. Die Folge ist, dass ein großer Teil der aus politischen Gründen eigentlich wechselbereiten Schwarz-Gelb-Wähler nun doch wieder Merkel den Vorzug geben, weil sie Peer Steinbrück auf keinen Fall zum Kanzler wählen wollen.

Nur ein höchst unkonventioneller Schritt könnte jetzt noch eine Trendwende einleiten: Steinbrücks Rücktritt als Kandidat (am besten auch gleich der von Wowereit als Berlins Regierender Bürgermeister) und die Kandidatenkür von Frank-Walter Steinmeier. Da aber die Wahlkampfvorbereitungen – die Plakate, Werbespots etc. – in den letzten Wochen ganz auf den derzeitigen Kandidaten zugeschnitten wurden, würde das die SPD teuer zu stehen kommen.

Finanziell. Andernfalls politisch.

Siehe auch:
  • Clowns-Äußerung – Napolitano sagt Gespräch mit Steinbrück ab – Spiegel Online, 27.02.2013
    • „Italiens Staatspräsident Giorgio Napolitano hat kurzfristig ein Treffen mit Peer Steinbrück abgesagt. Zuvor hatte der SPD-Kanzlerkandidat über die Wahl in Rom gesagt, es hätten „zwei Clowns“ gewonnen.“
    • „Die Äußerungen könnten in der italienischen Politik für erhebliche Verärgerung sorgen. Auch in der SPD wird der flapsige Spruch als äußerst ungeschickt bezeichnet. Jemand, der Kanzler werden wolle, sollte sich damit zurückhalten, gegen ausländische Politiker zu sticheln, mit denen er später womöglich zu tun haben werde, hieß es in der Partei.“
  • Steinbrücks Klartext-ProblemVeit Medick – Spiegel Online, 27.02.2013
    • „Zwei „Clowns“ als Sieger: Die Äußerungen von Peer Steinbrück über den Wahlausgang in Italien sorgen für diplomatische Spannungen und Irritationen in seiner eigenen Partei. Der Fall zeigt: Der SPD-Kanzlerkandidat schätzt die Wirkung seiner Worte noch immer falsch ein.“
  • FDP schmäht Steinbrück als „Peerlusconi“ – Spiegel Online, 28.02.2013
    • „Mit markigen Worten zur Italien-Wahl hat Peer Steinbrück den Präsidenten des Landes verärgert – nun muss er selbst Spott ertragen: FDP-Politiker Wissing bezeichnet ihn als „Peerlusconi“ – in Anlehnung an Silvio Berlusconi, den der SPD-Kanzlerkandidat einen Clown genannt hatte.“
  • Um Kopf und KragenHans Monath & Elisa Simantke – Tagesspiegel, 01.03.2013
    • „Das Motto lautet: „Klartext reden“. So will sich Peer Steinbrück als Kanzlerkandidat empfehlen. Doch seine lockeren Sprüche bringen immer öfter Ärger mit sich. Kann er sich noch ändern?“
  • Deutsch-italienische Verstimmung: Wut auf die CrautiHans-Jürgen Schlamp (Rom) – Spiegel Online, 01.03.2013
    • „Da sind sie wieder, die bösen Deutschen und die faulen Italiener. Die wütenden Vorwürfe nach Peer Steinbrücks „Clown“-Sprüchen zeigen, dass Vorurteile in beiden Ländern noch immer tief sitzen. Die gegenseitigen Schimpftiraden haben schon Tradition.“
  • Steinbrücks Beliebtheitswerte sacken ab – Zeit, 04.04.2013
    • „Noch 32 Prozent sind mit der Arbeit von Steinbrück zufrieden – der schlechteste Wert seit acht Jahren. Äußerungen zum Sportunterricht für Muslime sorgen für neue Kritik.“
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Ein Kommentar

  1. Der Mann ist eine Gefahr für unser Land. Er erkennt nicht, daß grade die falsche Währungsunion Unfrieden in Europa stiftet und will stattdessen die falschen Strukturen mit noch mehr Geld stützen: vgl. http://www.welt.de/wirtschaft/article112717148/Deutschland-steckt-laengst-in-einer-Haftungsunion.html

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