Der Euro als Unfriedenstifter

Nach meinem Eindruck wird ein ökonomisch implodierendes Europa immer wahrscheinlicher. Die Schockwellen werden mehr oder weniger die gesamte  Weltwirtschaft erfassen. Darauf ist die Bevölkerung der hochentwickelten Industriestaaten jedoch nicht im Mindesten vorbereitet – weder in Nordeuropa noch in anderen Regionen.  Breite Bevölkerungsschichten werden schwerwiegenden, völlig ungewohnten wirtschaftlichen Belastungen ausgesetzt sein, und die Betroffenen werden dies als zutiefst ungerecht empfinden – so wie heute schon die „kleinen Leute“ in Griechenland und Spanien, angesichts der Massenarbeitslosigkeit aber auch die jungen Leute, die sich ihrer Lebensperspektiven beraubt sehen.

Der daraus entstehende Frustrationsdruck frisst sich tief in die Psyche der Menschen hinein und führt bei vielen je nach Disposition zu depressiven oder aggressiven Verarbeitungsformen. Zur psychischen Entlastung nimmt man verbreitet Schuldzuweisungen für die missliche Lage vor, und selbstverständlich wird die Schuld bevorzugt externalisiert, also bei Anderen angesiedelt, mit denen man selbst nicht identifiziert ist: in Nordeuropa wird der schwarze Peter den allzu sorglosen, leichtfertigen, unproduktiven und zur Korruption neigenden Südländern zugeschoben; im Süden sind die Nordländer die Bösen, allen voran die hartherzigen, grausamen Deutschen.

Welches Verrohungspotential aus einer solchen Situation erwächst, kann man bereits heute am Argumentationsstil und -gehalt bei Auseinandersetzungen in der ökonomischen Blogosphäre über die Kausalitäten des Griechenlanddesasters und die Rolle der „hässlichen Deutschen“  dabei erkennen.

Der Euro sei ein großes europäisches Friedensprojekt, werden unsere Politiker nicht müde zu betonen. Die Krise bringt indessen das Gegenteil mit sich. Das Experiment, Länder mit extrem unterschiedlicher wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit und ebenso unterschiedlichen historisch gewachsenen Stilen, ihr Wirtschaftsleben zu gestalten, diese Länder in das Prokrustesbett einer gemeinsamen Währung zu zwängen, war ökonomisch immer schon unausgegoren und erweist sich jetzt endgültig als idiotisch.

Die Mentalitäts- und  Interessenunterschiede der ungleichen Partner blühen in der Krise auf und erzeugen ein Klima der Bitterkeit und Feindschaft in Europa. Alte, längst erledigt geglaubte Ressentiments werden zu neuem Leben erweckt. Mitnichten stärkt das Projekt den Frieden in Europa – es stiftet gravierenden Unfrieden.

Siehe auch:
Presseartikel, die den wachsenden Unfrieden innerhalb der Eurozone dokumentieren (August 2012):

  • Monti fürchtet Auseinanderbrechen Europas– Spiegel Online, 05.08.2012
    • „Italiens Premier Mario Monti sieht Europas Zukunft düster. Im SPIEGEL-Interview spricht er über eine drohende „psychologische Auflösung Europas“ und die Grundlagen der Union. Allen Regierungschefs der Euro-Zone empfiehlt er mehr Unabhängigkeit von den Parlamenten.“
  • Deutschland-Bild in Italien: „Seid ihr alle merkelisiert?“Hans-Jürgen Schlamp über sein Leben als Deutscher in Italien – Spiegel Online, 05.08.2012
    • „In Italien wächst die Wut auf Deutschland. Berlusconi-Blätter ziehen über die Bundeskanzlerin her. In Bars, Kneipen und beim Plausch mit dem Nachbarn müssen Bundesbürger erklären: Warum folgt eine ganze Nation „der Merkel“ bei ihrem Euro-Kurs?“
  • Streit um Euro-Schuldenländer: Stunde der ScharfmacherPhilipp Wittrock über die schärfer werdendenden Auseinandersetzungen innerhalb der Eurozone – Spiegel Online, 05.08.2012
    • „Die Töne in der Euro-Krise werden immer schriller: Nationale Ressentiments leben wieder auf, die CSU will an Griechenland ein ‚Exempel statuieren‘. Italiens Ministerpräsident Monti warnt im SPIEGEL eindringlich vor einer Zerstörung Europas – und sorgt selbst für neue Spannungen.“
  • Euro-Krise: Monti erzürnt deutsche Politiker– Spiegel Online, 06.08.2012
    • „Italiens Premier erntet wütende Kritik aus Deutschland: Mario Monti appelliert im SPIEGEL dafür, dass die Regierungen der Euro-Länder unabhängiger von ihren Parlamenten entscheiden sollen. Dafür greifen ihn Politiker aus Opposition und Koalition scharf an – die Forderung des Italieners sei ‚undemokratisch‘.“
  • Vom „Vierten Reich“ und „Nazideutschen“: Antideutsche Stimmung kocht in Italien hochTobias Piller(Rom) – FAZ, 07.08.2012
    • „In der italienischen Eurodebatte wird der Ton gegenüber Deutschland immer aggressiver. ‚Die Nazideutschen wollen uns Lektionen in Demokratie geben‘, heißt es in einer Zeitung. In einer anderen ist vom Berliner ‚Drang zur Bestrafung‘ anderer Länder zu lesen.“
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