Die gute Nachricht: auf die Katastrophe folgt ein neues Gleichgewicht – irgendwann…

Täglich „neue“ Zuspitzungen der Eurokrise – da gehen einem langsam die Überschriften aus. Entgegen der fortgesetzten Beteuerungen des Finanzministers scheint die Krise auf einem unaufhaltsamen Weg, dessen weiterer Verlauf in der Physik unter dem Etikett Chaos- oder Katastrophentheorie beschrieben wird. Es geht dort um in nichtlinearen dynamischen Systemen auftretende Phänomene, bei denen bereits kleine Veränderungen der Umgebungsbedingungen plötzliche dramatische Verhaltensänderungen des Systems nach sich ziehen.

Catastrophes are bifurcations between different equilibria, or fixed point attractors. Due to their restricted nature, catastrophes can be classified based on how many control parameters are being simulataneously varied. For example, if there are two controls, then one finds the most common type, called a „cusp“ catastrophe. If, however, there are more than five controls, there is no classification. (CompLexicon)

Was meinen Sie, wieviel Parameter bzw. Variablen im Endstadium der Eurokrise gleichzeitig aufeinander einwirken und das ökonomische Gesamtsystem in die Mangel nehmen werden? Jedenfalls wird es nicht im Entferntesten so elegant zugehen wie im Schema einer „Cusp-Katastrophe“ (oben) mit nur zwei variierenden Parametern.  Nein, chaotisch wird es werden, und es wird lange Zeit dauern, bis wieder ein halbwegs erträglicher neuer Gleichgewichtszustand erreicht sein wird.

Nachtrag 30.07.2012

Dieser Blogbeitrag mit einem Ausflug in die Chaostheorie wurde am 24. Juli 2012 veröffentlicht. Einen Tag später, am 25. Juli, 14:03 Uhr, erschien bei Spiegel Online die von mir sehr geschätzte wöchentliche Kolumne von Wolfgang Münchau („Die Spur des Geldes“), diesmal mit dem Titel „Die Logik des Bank-Run“.  Auch Münchau erläutert die „Dynamik einer Schuldenkrise“ mit Hilfe der Chaostheorie. Einige Auszüge:

Ökonomen lieben das Gleichgewicht, auf das sich alles einpendelt. Deshalb verstehen sie die Euro-Krise nicht. Denn hier geht es um Chaostheorie. Um sich selbst verstärkende Prozesse, die sogar Deutschland erfassen könnten. Die Rating-Agentur Moody’s hat recht mit ihrer Gelben Karte.

Ein zentraler Gedanke in der Ökonomie ist die Idee des einen Gleichgewichts. Auch wenn Angebot und Nachfrage nicht zu jedem Zeitpunkt im Gleichgewicht stehen, dann pendeln sie sich zumindest darauf ein. Ökonomen kennen zwar auch das theoretische Konzept vielfacher Gleichgewichte: Abhängig von den Rahmenbedingungen können Märkte an ganz unterschiedlichen Punkten ins Gleichgewicht kommen. Zum Beispiel bei stagnierender Wirtschaft und hoher Arbeitslosigkeit – oder bei Vollbeschäftigung und kräftigem Wachstum. Doch mit der Idee vielfacher Gleichgewichte können Ökonomen nicht gut arbeiten. Sie ist eher was für Physiker, Fußnoten und Exzentriker.

Um die Ereignisse zu verstehen, die in diesen Tagen in Spanien stattfinden, kommt man um das Konzept vielfacher Gleichgewichte allerdings ebenso wenig herum wie um einige Anleihen bei der physikalischen Chaostheorie. In Spanien sind die Marktzinsen von über 7,6 Prozent für Zehnjahres-Anleihen anders nicht zu erklären. Dieser Zinssatz könnte auch sechs Prozent betragen oder vier Prozent oder zehn Prozent. In Großbritannien liegt er bei unter zwei Prozent – obwohl das Land einen ähnlichen Schuldenstand aufweist wie Spanien und eine ähnliche Immobilienblase und einen ähnlich verkorksten Finanzsektor. (…) Was wir in Spanien erleben, ist das Paradebeispiel eines sich selbst verstärkenden Prozesses, einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung. Aufgrund schlechter Nachrichten steigen die Zinsen. Das beeinträchtigt Spaniens Solvenz – die Fähigkeit, Schulden zu bedienen. Die Marktteilnehmer sehen das ebenfalls so und verlangen noch höhere Zinsen, um sich gegen das Risiko eines Zahlungsausfalls abzusichern. Die höheren Zinsen verstärken die Zweifel an Spaniens Solvenz weiter. Es kommt zu einem Teufelskreis. (…)

Nach diesem Muster ist auch die Griechenland-Krise eskaliert (…). Je mehr man Athen zum Sparen zwang, desto höher wurden die griechischen Schulden, was zu noch brutaleren Sparrunden zwang. Wenn Länder erst in einem solchen Teufelskreis stecken, dann gibt es kein Entrinnen. (…) Ein Physiker würde hier von einem dynamischen System sprechen, das zum Teil chaotische Züge aufweist. Prozesse, die durch irgendeinen Auslöser angestoßen wurden, schaukeln sich gegenseitig auf. Es gibt nicht mehr das bei Ökonomen so beliebte eine Gleichgewicht, an dem diese Prozesse automatisch zum Stillstand kommen. (…)

Chaos setzt in einem dynamischen System ein, wenn ein bestimmter Schwellenpunkt überschritten ist. Dieser Punkt ist nicht unbedingt vorher bekannt. Spanien hat ihn wohl überschritten. Ob Italien ihn ebenfalls überschritten hat, ist schwer zu sagen. In jedem Fall ist Italien nicht mehr weit von diesem Punkt entfernt. Wenn Italien erst einmal dort ist, dann wird man nach Frankreich schauen. Und nach Belgien. Und von dort aus Richtung Osten, nach Deutschland. Moody’s hat diesen Blick bereits gewagt.

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