Europas Endkampf: Mit dem Rücken zur Wand, vor uns der Abgrund

Die Nerven liegen blank. Beim G 20 – Gipfel fühlt EU-Kommissionspräsident Barroso sich von einem kanadischen Reporter, der wissen möchte, warum die Nordamerikaner für die Probleme der reichen Europäer geradestehen sollen, derart provoziert, dass er sich nordamerikanische Belehrungen sichtlich gereizt verbittet und die eigentliche Ursache für Europas Probleme in den USA verortet. „Europa gegen den Rest der Welt“, fasst der Spiegel die Atmosphäre des Gipfels zusammen.

Weltbank-Chef Robert Zoellick hält die milliardenschwere Rettung spanischer Banken für schlechtes Krisenmanagement: „Die Umsetzung war extrem dürftig. Wir warten darauf, dass Europa sagt, was zu tun ist.“ Derweil steigen die Renditen spanischer Staatsanleihen trotz des positiven Wahlausgangs in Griechenland auf Rekordniveau: 10-jährige Titel rentieren bei 7,1 – 7,2 %, einjährige Kurzläufer bei 5,074 %, im Vergleich zu knapp 3 % bei der letzten vergleichbaren Auktion. Das ist der höchste Zinssatz, den das Land für Papiere mit dieser Laufzeit seit Beginn der Währungsunion zahlen muss.

Gleichzeitig bricht der ZEW – Kojunkturindex für Deutschland so stark ein wie seit 14 Jahren nicht mehr.  Auch Italien, neben Spanien der zweite hochverschuldete Wackelkandidat in Südeuropa, der – anders als Griechenland und Portugal – die Eurozone ernsthaft gefährden kann, steckt tief in der Rezession. Dessen Banken sind „begraben unter einem Berg von italienischen Staatsanleihen“, deren Renditen wieder bei 6% liegen – und dies bei einem Refinanzierungsbedarf von allein 20 Mrd. Euro nur in dieser Woche. Der gesamte italienische Schuldenberg liegt bei 2 Billionen, also 2000 Mrd. Euro.

Es ist bereits seit langem klar, dass der Euro nicht unmittelbar an Griechenland scheitern würde, sondern an dem Refinanzierungsbedarf von Spanien und Italien, für den kein Rettungsschirm groß genug wäre, sollten diese beiden Staaten ihre zur Rückzahlung fälligen Staatsanleihen nicht mehr selbstständig am Kapitalmarkt refinanzieren können. Es ist auch klar, dass sie 6 – 7 % Zinsen nicht lange durchstehen würden. Spätestens dann blieben nur Eurobonds – mit der Folge höherer Zinsen, vor allem aber einer dramatisch wachsenden Haftungssumme für Deutschland. Das wäre dann der Fall der Überforderung, wie die Kanzlerin ihn bereits an die Wand malt. Und es wäre ein Politikversagen ohnegleichen.

Siehe auch:
  • Euro in Crisis – Financial Times Themenseite „In Depth“
  • It’s All Connected: A Spectator’s Guide to the Euro CrisisBill Marsh– New York Times, 22.10.2011
    • „Charting the web of debt exposure among sagging economies.“
  • «Das führt zum totalen Zusammenbruch»– Tagesanzeiger (Zürich), 12.06.2012
    • „Der US-Wirtschaftswissenschaftler Nouriel Roubini warnt vor dem Ende der Eurozone. Noch beunruhigender: IWF-Chefin Christine Lagarde sagt, es bleiben nur noch drei Monate zur Lösung der Krise.“
  • Amerika will Europa vor sich selbst rettenHeike Buchter– Zeit, 13.06.2012
    • „Die Amerikaner trauen den Europäern nicht mehr zu, ihre Probleme selbst zu lösen. Jetzt entwerfen sie eigene Rettungspläne.“
  • Drei Optionen für die Euro-Rettung Mark Schieritz – Zeit, 14.06.2012
    • „Gemeinsame Schulden, eine Bankenunion oder mehr Geld von der Zentralbank: Europa diskutiert, wie seine Währung zu retten ist.“
  • Ist es schon zu spät?Tomasz Konicz– Telepolis, 15.06.2012
    • „Kann ein katastrophaler Zusammenbruch der Eurozone noch abgewendet werden – und was müsste dahingehend unternommen werden?Wer mal in Zeitungsspalten gepresste Panik studieren möchte, dem sei gegenwärtig die Lektüre all der unzähligen Wirtschaftsartikel und Kommentare in der Auslandspresse empfohlen, in denen die Bundesregierung aufgefordert wird, endlich ihre Blockadehaltung bei der Einleitung kreditfinanzierter Konjunkturmaßnahmen aufzugeben. Ein Überblick gefällig? (Erster Teil einer Artikelserie zur Krise des Kapitalismus.)“
  • Die Selbstherabstufung der PolitikWolfgang Münchau– Financial Times (London), 16.06.2012
    • „Nach der kollektiven Herabstufung von neun Ländern der Eurozone, darunter Frankreich, ist deutlich geworden, dass sich die EU-Politik mit ihrer Kombination von Rettungsfonds und Sparpolitik erschöpft hat. Zeit für Angela Merkel und ihre Partner, eine glaubwürdige Lösung zu finden.“
  • Euro-Apocalypse Now?Ralf Streck, Telepolis, 17.06.2012
    • „Am Montag werden sich die Staats- und Regierungschefs der 20 führenden Schwellen- und Entwicklungsländer (G20) in Mexiko treffen. Erneut wird dieser Gipfel unter dem Schatten von den Entwicklungen in Griechenland stehen. Doch mit dem lange absehbaren Absturz Spaniens ist mit dem viertgrößten Euroland ein Schwergewicht hinzugekommen. Ein Domino-Effekt, ausgelöst durch Griechenland, dürfte Spanien zu Fall bringen und könnte Italien mitreißen, was auch ungeahnte Folgen für die Weltwirtschaft hätte.“
  • Institut beziffert Risiken für Deutschland bei Zusammenbruch des Euro auf 1,5 Billionen Euro – Central FM Media, 17.06.2012
  • Neues Modell gegen die Krise: EU-Strategen tüfteln an Euro-Bonds light– Spiegel Online, 17.06.2012
    • „Den Euro-Rettern läuft die Zeit davon. Deutschland sperrt sich gegen Euro-Bonds – nun bastelt die EU nach SPIEGEL-Informationen an einer Light-Version der gemeinsamen europäischen Schuldscheine. Die Anleihen sollen eine kurze Laufzeit bekommen und in der Summe begrenzt werden.“
  • „Die Deutschen sollten besorgter sein als andere“ – US-Ökonom Barry Eichengreen über die ernste Gefahr einer Weltwirtschaftskrise wie in den 1930er Jahren – Zeit-Interview, 19.06.2012
    • „Ich denke, dass die deutsche Kanzlerin die Dynamik der Krise im Wesentlichen versteht. Was sie hemmt, ist ihr eigenes Temperament und innenpolitische Zwänge. Frau Merkel will kühl überlegt an einer politischen Union, einer Fiskalunion und einer Bankenunion in Europa arbeiten – in dieser Reihenfolge. (…) Das Problem daran ist: Während Angela Merkel bedächtig voranschreitet, bewegt sich die Krise sehr schnell. Europa braucht eine Bankenunion, eine Fiskalunion und eine politische Union – und zwar in dieser Reihenfolge. Solange Frau Merkel, die Bundesbank und die deutsche Öffentlichkeit nicht ihre Sichtweise ändern, wird sich die Krise weiter verschärfen.“
  • Chefinvestor der Deutschen Bank prophezeit Euro-Crash– Spiegel Online, 19.06.2012
    • „Griechenland hat pro-europäisch gewählt, doch viele Investoren geben das Land bereits auf. Ein ranghoher Anlagemanager der Deutschen Bank setzt auf einen schnellen Austritt Athens aus der Währungsunion – und hält ein Auseinanderbrechen der Euro-Zone für „sehr wahrscheinlich“.“
  • EndzeitstimmungMark Schieritz– Herdentrieb (Zeit-Finanzblog), 19.06.2012
    • „Ich glaube nicht, dass sich in Europa eine echte politische Union verwirklichen lässt und deshalb glaube ich auch, dass das Schicksal des Euro besiegelt ist. Eine Währung ohne Staat wird auf Dauer nicht überleben – und Europa ist für diesen Staat offensichtlich nicht bereit, zumal wenn er durch die Währung erzwungen wird. Auch die Amerikaner brauchten von Hamilton bis zu den Vereinigten Staaten von Amerika in der jetzigen Form einige Jahrzehnte und einen ziemlich blutigen Bürgerkrieg.“
  • Euro-Rettung: Auf dem Weg in Dantes HölleWolfgang Münchau malt den Teufel an die Wand – und öffnet uns die Augen. – Spiegel Online, 20.06.2012
    • „Sollten wir in der Euro-Krise statt auf einen Schrecken ohne Ende auf ein Ende mit Schrecken setzen? Niemals! Das wäre ruinös, gerade für Deutschland. Doch mit ihrer Politik führt uns Kanzlerin Merkel genau dorthin – schnurgerade in Dantes Hölle.“
    • „Ein Ende mit Schrecken wäre ruinös, gerade für Deutschland. Zunächst würde der europäische Binnenmarkt eine Rückkehr zu flexiblen Wechselkursen nicht überleben. Die deutsche Exportindustrie würde sich nicht davon erholen. Es droht auch ein finanzieller Kollaps. Die Bundesbank hat gegenüber der Europäischen Zentralbank Forderungen von rund 700 Milliarden Euro, die sich aus dem Zahlungssystem Target 2 ergeben. Diese Forderungen steigen jeden Monat. Kommt der Bruch Ende des Jahres, droht ein Gesamtverlust in der Größenordnung von ein bis zwei Billionen Euro, einschließlich der Risikoleistungen aus den Schutzschirmen und der Rettung der dann bankrotten deutschen Banken. Das sind rund 40 bis 80 Prozent unseres jährlichen Bruttoinlandsprodukts. Angela Merkels Politik des Aufschubs ist noch ruinöser. Mit jedem Monat werden die Belastungen Deutschlands im System höher. Ein Beispiel für diesen Wahnsinn ist Griechenlands Schuldenexplosion. Als die Krise begann lag Griechenlands Schuldenlast gerade mal bei 100 Prozent. Nach mehreren Jahren des Sparens und trotz Schuldenschnitts ist der Schuldenstand mittlerweile höher. Wenn jetzt Spanien und Italien ebenfalls unter den Schirm rutschen sollten, dann bürgen Deutschland und Frankreich zusammen für mehr als vier Billionen Euro Schulden. Das ist mehr als das jährliche Einkommen beider Länder zusammen. Wir steuern schnurgerade auf den größten Staatsbankrott der Weltgeschichte zu. Ich kenne nur zwei Lösungen, die das vermeiden: (…)“

  • Deutschland wieder auf dem Weg in die DeflationDieter Wermuth analysiert die jüngste Preis- und Geldmengenentwicklung – Herdentrieb (Zeit-Finanzblog), 20.06.2012
  • Zu Spanien:
    • The Spanish bail-out – Going to extra time– The Economist, 16.06.2012
      • „The €100 billion pledged to help Spain was meant to rescue the banks and calm the euro zone. Instead it has added to the drama“
    • Scheindebatte um Griechenland – Trotz des Wahlsiegs von Nea Dimokratia hat sich der Absturzkurs für Spanien deutlich verstärkt – Telepolis, 18.06.2012
    • Spain is Now Facing a Banking Crisis and a Sovereign Crisis At the Same Time– Zero Hedge, 19.06.2012
      • „How on earth Spanish banks can roll over €600 billion in bonds at a time when the global bond market has just learned that all private bondholders will be subordinate to the ESM is beyond me.“
    • Spanien taumelt Richtung PleiteStefan Schultz analysiert die spanischen Risiken – Spiegel Online, 19.06.2012
      • „In Spanien verschärft sich die Krise: Die Zinsen für Staatsanleihen schnellen in die Höhe, die Löcher in den Bilanzen der Banken werden immer größer. Dem Land droht die Zahlungsunfähigkeit – trotz der versprochenen Hilfen von bis zu 100 Milliarden Euro. Muss die EU noch mal eingreifen?“
      • „Es ist fast wie ein Naturgesetz der Euro-Krise: Staaten, die unter den Rettungsschirm müssen, sind auf Jahre weitgehend vom Kapitalmarkt abgeschottet. Bei den kleinen Ländern Griechenland, Irland und Portugal war das noch ein beherrschbares Problem. Sie brauchen zwar regelmäßig frisches Geld, um alte Schulden durch neue abzulösen. Doch ihr Finanzbedarf liegt in einem Bereich, den die anderen Staaten der Währungsunion im Kollektiv decken können – über die europäischen Rettungsschirme EFSF und ESM. Bei Spanien, der viertgrößten Volkswirtschaft der Euro-Zone, sieht das anders aus. Bis 2014 braucht das Land rund 288 Milliarden Euro. Würden die Zinsen für spanische Staatsanleihen weiter steigen, hätte die Euro-Zone ein gewaltiges Problem. Sie könnte das Land mit den bestehenden Mitteln nicht jahrelang durchfüttern. Die Rettungsschirme reichen dafür schlicht nicht aus.“
  • Zu Italien:
    • Es geht abwärts mit ItalienHans Jürgen Schlamp (Rom) – Spiegel, 12.06.2012
      • „Die Wirtschaft schrumpft, die Schulden steigen, die Einkommen sinken. Mit Spanien rutscht auch Italien tiefer in die Krise. An den Finanzmärkten nimmt der Druck auf das Land zu. Die römische Regierung schiebt die Schuld auf Deutschland.“
    • Kurz vor dem KollapsWolfgang Münchau beschreibt, wie es zum finalen Euro-Kollaps kommen könnte – Spiegel Online, 13.06.2012
      • „Muss nach Spaniens Banken bald auch Italien unter den europäischen Rettungsschirm? Die Hilfen würden bei weitem nicht reichen – der Euro-Zone droht der Kollaps. Wie würde ein Zusammenbruch ablaufen?“
    • Italien rutscht tiefer die Krise– Spiegel Online, 20.06.2012
      • „Die italienische Wirtschaft ist international immer weniger wettbewerbsfähig. Im April verbuchten die Industrieunternehmen des Landes gut zwölf Prozent weniger Aufträge als noch ein Jahr zuvor – besonders stark war der Rückgang bei den Bestellungen aus dem Ausland.“
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