Das Grass-Gedicht: Was zutrifft und was nicht (2)

Analyse des 2. Abschnitts des Gedichts „Was gesagt werden muss“ von Günter Grass:

(2) Doch warum untersage ich mir, jenes andere Land beim Namen zu nennen, in dem seit Jahren – wenn auch geheimgehalten – ein wachsend nukleares Potential verfügbar, aber – weil keiner Prüfung zugänglich – außer Kontrolle ist? Das allgemeine Verschweigen dieses Tatbestandes, dem sich mein Schweigen untergeordnet hat, empfinde ich als belastende Lüge und Zwang, der Strafe in Aussicht stellt, sobald er mißachtet wird; das Verdikt “Antisemitismus” ist geläufig.

Diese zwei Sätze, im Gedicht auf zwei Strophen aufgeteilt, enthalten 8 Aussagen:

  1. In Israel („jenem anderen Land“) ist seit Jahren ein wachsendes nukleares Potential verfügbar.
  2. Dies wird geheimgehalten.
  3. Die betreffenden Atomwaffen sind keiner Prüfung zugänglich und daher außer Kontrolle.
  4. Der Autor fragt sich, warum er sich untersagt, Israel in diesem Punkt beim Namen zu nennen.
  5. Sein Schweigen hat sich einem allgemeinen Verschweigen des Tatbestandes der Aussagen 1-3 untergeordnet.
  6. Dieses allgemeine Verschweigen empfindet Grass als belastende Lüge und Zwang.
  7. Er empfindet, dass Strafe in Aussicht gestellt wird, sobald der Zwang zum Verschweigen der israelischen Nuklearwaffen missachtet wird.
  8. Er deutet an, das Verdikt „Antisemitismus“ sei die zu erwartende Strafe.

Es kann als gesichert gelten, dass Israel seit vielen Jahren Atomwaffen besitzt. Dies wird offiziell zwar weder von Israel noch zum Beispiel von Israels Hauptverbündeten, den USA, eingeräumt, ist aber geradezu der klassische Fall eines offenen Geheimnisses. Auch der ehemalige israelische Regierungschef Olmert bestätigte in einem Interview im Jahre 2006 indirekt die Existenz israelischer Nuklearwaffen. Von „halboffizieller“ Seite (z.B. von NGO’s), von Wissenschaftlern und in zahlreichen seriösen Publikationen wird darüber seit langem offen berichtet (vgl. Links zu weiteren Quellen unten).

Wenn Grass also ein „allgemeines Verschweigen“ des israelischen Atomwaffenarsenals konstatiert und dies gar als belastende Lüge und Zwang empfindet, so ist das in dieser Form nicht zutreffend. Richtig ist allerdings: ein offenes Thematisieren israelischer Atomwaffen und der damit verbundenen Probleme durch offizielle Repräsentanten von mit Israel verbündeten Staaten würde als „politisch nicht korrekt“ gelten und unterbleibt daher praktisch durchgängig. Dieses Schweigegebot im Dienst der Loyalität zum Staat Israel und der entsprechenden „Political Correctness“ mag in manchen Ländern, allemal in Deutschland, auch für weitere, nicht zur Gruppe der Politiker gehörende Personen des öffentlichen Lebens gelten, z.B. für Kulturschaffende. Somit ist es nicht ganz aus der Luft gegriffen, wenn Grass auch für sich selbst ein solches Schweigegebot empfunden hat.

Dass es das Verdikt „Antisemitismus“ ist, das bei einem Bruch dieses Schweigegebots droht, dürfte – wiederum in dieser generalisierten Form – weit übertrieben sein. (Dies ist meine persönliche Einschätzung, wobei ich nach der Lektüre des unten zitierten Aufsatzes von Antony Lerman einschränkend einräume, dass meine Annahme auf keinerlei empirischen Erkenntnissen beruht.)  Grass selbst wird jetzt zwar aufgrund seiner Veröffentlichung – zu Unrecht – Opfer eben dieses Vorwurfs. Sein Text enthält indessen erheblich mehr israelfeindliche Aussagen als nur ein besorgtes Aufzeigen der mit den israelischen Atomwaffen verbundenen Probleme. Das Verdikt „Antisemitismus“ droht möglicherweise dann, wenn man sich mit Kritik an Israel derart weit aus dem Fenster lehnt, wie Grass es getan hat. Dennoch ist dieser Vorwurf ihm gegenüber abwegig. Antisemitismus darf niemals allein aufgrund von Kritik am politischen Handeln des heutigen Staates Israel konstatiert werden, sondern muss immer durch davon unabhängige, zweifelsfrei antisemitische Handlungen oder Äußerungen nachgewiesen werden. Wird der Antisemitismus-Vorwurf inflationär oder unbegründet erhoben, richtet sich dies zurecht sogleich gegen diejenigen, die ihn aussprechen – „mit flinker Lippe“ als bequemes Killerargument, wie wir dies jetzt im Fall Grass erleben müssen.

In einem Beitrag für openDemocracy zur Reaktion auf das Grass-Gedicht von israelischer und jüdischer Seite setzt sich Antony Lerman eingehend mit dem „Antisemitismus-Verdikt“ im Grass’schen Sinne auseinander, also mit der Neigung, reflexartig und inflationär mit Antisemitismus-Vowürfen zu reagieren, beispielsweise bei Kritik am politischen Handeln des Staates Israel. Lerman übernimmt zunächst eine Antisemitismus-Definition von Brian Klug:

„At the heart of antisemitism is the negative stereotype of ‚the Jew‘: sinister, cunning, parasitic, money-grubbing, mysteriously powerful, and so on. Antisemitism consists in projecting this figure onto individual Jews, Jewish groups and Jewish institutions.“

Dann fährt er fort:

“ If we look at Israel as a „Jewish group“ and search for Klug’s negative stereotype of „the Jew“ projected onto Israel in Grass’s poem, we find no such thing. (…) The Grass controversy (…) is about far more than just facts, intelligent judgment and expertise. A juggernaut of demonization and accusation rolls into action (…), often before anyone has given full consideration to what has been said or taken place, suggesting a clear predisposition to bring prior assumptions to bear on the incident. (…)

Especially relevant for Europe are such assumptions as: because it was responsible for the Holocaust, Germany is never to be trusted; for Jews, Europe is a graveyard, a continent that, like Medea, repeatedly devours its Jewish children; anti-Zionism is merely Jew-hatred by another name. I would argue that this cluster of assumptions and beliefs is currently so widespread and influential, so appealing in its simplicity and facile coherence, that it plays a powerful role in shaping the response to such events as the Grass poem. Mere evidence that there may be a more complex, alternative story doesn’t stand a chance.“

Soweit die – für mich überraschende – Auffassung von Antony Lerman, ehemaliger Direktor des „Institute for Jewish Policy Research“ und Gründungsherausgeber des „Antisemitism World Report“, der von 1992-1998 erschien (Blog von Antony Lerman).

Absolut richtig und in der Tat Anlass zur Sorge ist, dass die israelischen Atomwaffen einer Überprüfung durch Dritte – zum Beispiel durch die Internationale Atomenergie – Organisation nicht zugänglich und somit „außer Kontrolle“ sind. Israel ist dem Atomwaffen-Sperrvertrag nie beigetreten, im Unterschied zum Iran.

Quellen zu den israelischen Atomwaffen

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3 Kommentare

  1. Schade, das ist doch recht einseitig. M.E. geht es im Gedicht nicht um Israel-Iran, sondern um Grass‘ Rolle als Deutscher (mit SS-Vergangenheit). Die Schwerpunktsetzung der Links auf Israel als Atommacht scheint mir daher falsch.

    http://majaschwarz.wordpress.com/2012/04/05/ein-kapitel-kein-gedicht/

    Antworten
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