Das Grass-Gedicht: Was zutrifft und was nicht (1)

Wie Stahl Konjunktur hat, hat Lyrik ihre Konjunktur.
Die Herstellungskosten sind gering.
Man nehme: ein Achtel gerechten Zorn,
zwei Achtel alltäglichen Ärger
und fünf Achtel, damit sie vorschmeckt, ohnmächtige Wut.

Günter Grass: „Irgendwas machen“ (1967)
Auszug aus einem Spottgedicht von Grass
zu politischen Protestgedichten

Analyse des Gedichts „Was gesagt werden muss“ von Günter Grass: 1. Abschnitt

(1) Warum schweige ich, verschweige zu lange, was offensichtlich ist und in Planspielen geübt wurde, an deren Ende wir als Überlebende allenfalls Fußnoten sind. Es ist das behauptete Recht auf den Erstschlag, der das von einem Maulhelden unterjochte und zum organisierten Jubel gelenkte iranische Volk auslöschen könnte, weil in dessen Machtbereich der Bau einer Atombombe vermutet wird.

Diese zwei Sätze enthalten die folgenden sechs Aussagen:

  1. Israel behauptet, ein Recht auf einen Erstschlag gegen den Iran zu haben, weil der Bau einer iranischen Atombombe vermutet wird.
  2. Dieser Erstschlag könnte das iranische Volk auslöschen. (Somit ist impliziert, dass Israel das Recht zu einem atomaren Erstschlag behauptet.)
  3. Die Behauptung Israels, ein Recht auf einen (atomaren) Erstschlag zu haben, ist offensichtlich; dieser wurde in Planspielen geübt.
  4. An deren Ende sind wir als Überlebende allenfalls Fußnoten.
  5. Das iranische Volk wird von einem Maulhelden unterjocht und zum organisierten Jubel gelenkt.
  6. Der Autor fragt sich, warum er zu all dem schweigt bzw. diese Sachverhalte zu lange verschwiegen hat.

Die erste Aussage ist nahezu täglich in der Presse zu lesen, wobei allerdings nicht vom Einsatz von Kernwaffen die Rede ist. Grass unterstellt Israel jedoch implizit, einen Erstschlag mit Atomwaffen zu planen, denn – wenn überhaupt – könnte das iranische Volk nur auf diese Weise ausgelöscht werden. Zudem ist der Begriff „Erstschlag“ ausschließlich im Zusammenhang mit dem Adjektiv „atomar“ gebräuchlich. Bei einem präventiven Angriff mit konventionellen Waffen würde man von einem Präventivschlag oder -krieg sprechen. Diese zweite Aussage, ein israelischer Erstschlag könnte das iranische Volk auslöschen, beruht allein auf einer Phantasie des Schriftstellers und hat keinerlei Realitätsgehalt. Die israelische Iran-Politik ist ausschließlich auf die Verhinderung bzw. Ausschaltung eines möglichen iranischen Atomwaffenpotentials gerichtet und nicht auf das Auslöschen der iranischen Bevölkerung. Diese Behauptung ist absurd. Selbst ein Erstschlag mit Atomwaffen würde sich gegen die iranischen Atomanlagen richten, und würde zwar zu grauenhaften Opferzahlen in der iranischen Bevölkerung führen, sie aber nicht auslöschen.

Was mag Grass bewogen haben, eine derart infame Unterstellung in seinen Text aufzunehmen? Vermutlich wollte er ein Gegengewicht schaffen zu den (angeblichen – s.u.) Drohungen aus dem iranischen Regime, Israel zu vernichten. Da die Grass’sche Behauptung jedoch jeder realen Grundlage entbehrt, ist sie in meinen Augen eine perfide Form von Desinformation und Agitation. Mit seiner Auslöschungsphantasie malt Grass den Teufel an die Wand, in der durchsichtigen Absicht, Israel als Feindbild aufzubauen und zu dämonisieren. Iranische Vernichtungsdrohungen gegen Israel erwähnt Grass in seinem gesamten Text übrigens nicht. (Vgl. hierzu jedoch die Debatte darüber, ob es derartige Drohungen überhaupt gibt – s. auch hier und hier, aber auch die betreffenden Äußerungen des religiösen Führers des Iran, Chamenei, zu Israel.)

Die vierte Aussage, wir (die Deutschen? die Europäer?) seien am Ende der Planspiele – diesen Bezug stellt der Text her – als Überlebende nur Fußnoten, passt zu der von Grass beabsichtigten Dramatisierung der Lage. Die israelische Auffassung, berechtigt zu sein, über eine militärische Zerstörung der iranischen Atomanlagen allein zu entscheiden, könnte uns indes tatsächlich zu Fußnoten degradieren – jedoch als Überlebende der durch einen israelischen Angriff ausgelösten kriegerischen Auseinandersetzungen, nicht der Planspiele.

Dass das iranische Volk „von einem Maulhelden“ (Staatspräsident Ahmadinedschad) „unterjocht“ und „zum organisierten Jubel“ gelenkt wird, ist gleich in mehrfacher Hinsicht unzutreffend. Das iranische Volk wird von einem Regime geführt und unterdrückt, das sich komplexe Herrschaftsstrukturen geschaffen hat, und die Position des Staatspräsidenten (Regierungschefs) ist innerhalb der Führung beileibe nicht die mächtigste. Davon unabhängig ist es eine die tatsächliche Situation völlig verzerrende, irreführende Bagatellisierung, einen aggressiven Judenhasser, fanatischen Antizionisten und Holocaust-Leugner wie Ahmadinedschad auf einen „Maulhelden“ zu reduzieren. Auch diese schönfärberische Charakterisierung ist reinste Demagogie.

Fazit: dieser erste Abschnitt des Gedichts mit der Unterstellung, Israel könnte mit einem atomaren Erstschlag die Auslöschung des iranischen Volkes betreiben oder zumindest billigend in Kauf nehmen, und mit der gleichzeitigen Verharmlosung des Bedrohungspotentials der iranischen Seite ist eine groteske, boshafte Verfälschung der tatsächlichen Verhältnisse im Interesse anti-israelischer Agitation.

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Einige Begriffserläuterungen

Agitation: (lat. agitare, „aufregen, aufwiegeln“) politische Verführungskunst; ein Agitator will – meist im Hinblick auf einen politischen Gegner – durch motivierende, anspornende oder aufrührerische Reden und Veröffentlichungen eine größere Menge von Menschen zu einer gemeinsamen Aktion oder Reaktion bewegen. Das aufklärerische Moment tritt in den Hintergrund. Stattdessen wird auf Emotionalisierung, Suggestion, Polarisierung und Vereinfachung gesetzt, um unter Umgehung von Gegenargumenten, Abwägungen oder weiterführenden Überlegungen Stimmungen zu erzeugen. (nach Wikipedia)

Demagogie: „Demagogie betreibt, wer bei günstiger Gelegenheit öffentlich für ein politisches Ziel wirbt, indem er der Masse schmeichelt, an ihre Gefühle, Instinkte und Vorurteile appelliert, ferner sich der Hetze und Lüge schuldig macht, Wahres übertrieben oder grob vereinfacht darstellt, die Sache, die er durchsetzen will, für die Sache aller Gutgesinnten ausgibt…“ (Martin Morlock: Hohe Schule der Verführung. Ein Handbuch der Demagogie. Wien/Düsseldorf 1977, S. 24)

Desinformation: Desinformation ist die gezielte Verbreitung falscher oder irreführender Informationen. Motivation der Desinformation ist meist die Beeinflussung der öffentlichen Meinung bzw. von Gruppen oder Einzelpersonen, um ein bestimmtes politisches oder wirtschaftliches Anliegen des Verbreitenden zu unterstützen. Desinformation kann entweder direkt (Lügen, Betrug) oder indirekt (subtile Unterdrückung objektiver oder überprüfter Fakten, Verschweigen oder Ablenken von der Wahrheit, Implizieren falscher Urteile) geschehen. Eine Information stellt gesichert dann eine Desinformation dar, wenn sie mit objektiven Maßstäben falsifizierbar ist und der Urheber oder Verbreiter der Information dies weiß. (nach Wikipedia)

Propaganda: Propaganda bezeichnet einen absichtlichen und systematischen Versuch, durch gezielt einseitige Darstellung von Informationen Sichtweisen zu formen, Erkenntnisse zu manipulieren und Verhalten zu steuern, zum Zwecke der Erzeugung einer vom Propagandisten erwünschten Reaktion. Entscheidend ist dabei die geschickte Auswahl und gegebenenfalls die Manipulation der Nachricht und nicht ihr Wahrheitscharakter. (nach Wikipedia)

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5 Kommentare

  1. Rüdiger

     /  12. April 2012

    Wie schade, dass hier Wörter auf ihre lexikalische Bedeutung hin untersucht werden, das, was den Text ausmacht, aber überhaupt nicht zu interessieren scheint.(spätestens ab der 8. Klasse ist bei einer Textanalyse auch dieses lineare Vorgehen als unzureichende Vorgehensweise völlig klar.) Schon die Arroganz, den Text aus seiner lyrischen Form zu lösen, bewirkt eine inhaltliche Verfälschung, die auch mit noch so vielen lexikalischen Definitionen nicht aufgewogen werden kann. Schade! Die Ankündigung hörte sich ja relativ gut an.

    Antworten
  2. Markus Wichmann

     /  13. April 2012

    Ihre Kritik an meinem Vorgehen trifft einfach nicht zu. Die Erläuterungen der Begriffe Agitation, Demagogie, Desinformation und Propaganda sind doch nur eine Zugabe zur eigentlichen Analyse des Grass-Gedichts. Diese besteht zunächst darin, den Text in die einzelnen Aussagen zu zerlegen, die in ihm enthalten sind, und diese sodann auf ihren Wahrheitsgehalt hin zu untersuchen. Diese Methode ist als Einstieg in die Textinterpretation nicht nur legitim, sondern drängt sich angesichts der Argumentationsdichte der Thesen dieses meinungsstarken Prosagedichts geradezu auf. Auch wenn der Grass-Text mit viel andeutungshaftem „Geraune“ (Reich-Ranicki) arbeitet, wäre es nun allerdings noch schöner, wenn man die in ihm enthaltenen Behauptungen, mit denen Grass seine Leser von einer bestimmten politischen Haltung überzeugen will, nicht auf ihren Wahrheitsgehalt prüfen dürfte.

    Grass will mit seinem Gedicht Überzeugungsarbeit leisten. Zu diesem Zweck stellt er zahlreiche Behauptungen auf. Jeder vernünftige Mensch wird sich doch zunächst fragen, ob diese zutreffen – allemal nach der 8. Klasse.

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  3. einparteibuch

     /  15. April 2012

    Die „Fußnoten“ scheinen, wie Frank Schirrmacher in der FAZ erklärt hat, eine Anspielung auf eine Rede von Charlotte Knobloch zum Thema Holocaust-Gedenken zu sein.

    Die Worte „Volk auslöschen“ sind unzweifelhaft eine Übertreibung, und sind – da diese Worte, genau wie zahlreiche andere Worte in seinem Gedicht eine bestimmte Assoziation, nämlich die an den Holocaust, auslösen – natürlich auch eine Provokation.

    Die Frage ist: darf ein Dichter in Gedichten übertreiben? Im Deutschunterricht sagt man, die Technik der Übertreibung nenne sich Hyperbel und sei typisch für Gedichte. Reich-Ranicki sagte vor etwa einem Jahr: Man muss überteiben. Eben um den Punkt, auf den man hinaus möchte, also die Dinge, klar zu machen.

    Darf ein Dichter in Bezug auf Israel-Kritik nicht übertreiben? Wenn ja, darf ein Dichter in Bezug auf Iran-Kritik auch nicht übertreiben? Und darf in Bezug auf den Iran auch in journalistischen Artikeln, Politikerreden und so weiter nicht übertrieben werden? Oder haben da doppelte Standards zu gelten?

    Reich-Ranicki macht – vermutlich deshalb – Grass nicht den Vorwurf, zu übertreiben. Er macht Grass hingegen den Vorwurf, in die falsche Richtung zu stoßen. Nicht Israel sei eine Bedrohung für den Weltfrieden, sondern Iran. Angesichts dessen, dass Israel militärische Schläge gegen iranische Atomanlagen plant, und dabei, auch wenn sie mit konvenzionellen Waffen durchgeführt werden, mit erheblichen Strahlenfreisetzungen zu rechnen ist, kann man sicherlich auch den Standpunkt vertreten, dass Israel gegenwärtig die größere Gefahr für den Weltfrieden ist.

    Iran erklärt hochoffiziell, keinen Angriffskrieg gegen niemanden führen zu wollen und die Nukleartechnologie diene ausschließich friedlichen Zwecken. Die US-Geheimdienste sind auch der Meinung, der Iran habe bisher keine Entscheidung getroffen, Nuklearwaffen zu bauen. Viele Experten gehe davon aus, dass Iran eine solche Entscheidung auch nicht treffen wird, da für Iran eine legale nukleare Latenz viel vorteilhafter ist, als Atomwaffen es wären.

    Die UNO definiert jede nicht vom UN-Sicherheitsrat ausdrücklich legitimierte zwischenstaatliche militärische Gewaltanwendung, die nicht zur Abwehr eines unmittelbaren Angriffs dient, als „Verbrechen gegen den Weltfrieden.“ Ein israelischer Angriff auf iranische Nuklearanlagen würde sicherlich in diese Kategorie fallen.

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    • Markus Wichmann

       /  16. April 2012

      Selbstverständlich darf ein Dichter in nahezu allen Gedichtformen auch übertreiben. In einem Prosagedicht, das ganz und gar von Thesen, Behauptungen und Argumenten über hochpolitische Vorgänge der realen Welt lebt, und das zweifellos in der Absicht verfasst wurde, politischen Einfluss auszuüben, sollte der Autor sich dies jedoch dreimal überlegen, wenn er dem Agitations- und Demagogievorwurf entgehen will. Ich persönlich kenne in der lyrischen Literatur kein zweites Gedicht, das derart einem politischen Manifest ähnelt wie dies von Grass, von dem man meiner Meinung nach durchaus zu Recht behaupten kann, es sei eigentlich ein verkapptes politisches Manifest.

      Israel zu unterstellen, es könne mit einem beabsichtigten atomaren Erstschlag das iranische Volk auslöschen, in dem Wissen, dass es sich dabei ursprünglich um einen gegen das jüdische Volk gerichteten, also hochbelasteten Holocaust-Begriff handelt – das ist schon ein Affront, dessen Kaltschnäuzigkeit und übrigens auch Dummheit seinesgleichen sucht.

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  1. Das Grass-Gedicht: Was zutrifft und was nicht (4) « Denkraum

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