Causa Wulff: Kesseltreiben und/oder präsidiales Versagen? – Interessante Stellungnahmen

  • Dossier „Bundespräsident Wulff: Sein Credo ist Ehrlichkeit“Cicero – Magazin für Politische Kultur
    • „Mit dem Leitspruch „Ehrlich, mutig, klar“ stieg er auf, jetzt droht er an seinen eigenen Maßstäben zu fallen: Bundespräsident Christian Wulff, der Privatkredit und seine Unternehmerfreunde“
  • Kommunikationsberater: „Kai Diekmann spielt Gott“W&V, 05.01.2012
    • „‚Kai Diekmann spielt Gott.‘ Diesen Vorwurf macht Kommunikationsberater Hasso Mansfeld dem Bild-Chefredakteur im Umgang mit der Affäre Christian Wulff. Diekmann wolle mit der ‚Kampagne gegen Wulff‚ der Republik beweisen, dass man Politik ohne Bild nicht betreiben könne. ‚Medien sind die vierte Macht im Staat und haben damit eine sehr wichtige Aufgabe. Sie sollen aber nicht selbst Politik machen – wie es Kai Diekmann mit der Bild gerade macht‘, kritisiert Mansfeld.“

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Kommentar MW:  Er macht Politik mittels einer gezielt inszenierten Skandalisierungskampagne der Affäre Wulff.

Skandalisierung bedeutet immer gezieltes Schüren von Empörung („Aufhetzen“) durch

  • emotionalisierte und dramatisierende Berichterstattung,
  • selektive, verkürzende und verzerrende Darstellung von Sachverhalten und Fakten,
  • Vorenthalten vollständiger Informationen (Halbwahrheiten),
  • Aufbauschen und Überspitzen von Negativaspekten,
  • Polemisierung und Entrüstungsrhetorik,
  • jeglichen Verzicht auf eine faire, ausgewogene oder gar wohlwollende Betrachtung
  • sowie auf Beachtung des Verhältnismäßigkeitsaspekts bei den vorgenommenen Bewertungen.

Stattdessen…

  • die genüssliche Verwendung von Häme, Spott, Schadenfreude
  • und zahlreicher weiterer Spielarten von Entwertung der skandalisierten Person, ihrer Eigenschaften und Handlungen.

Kurzum:

  • Gerechtfertigt scheinbar durch ein Fehlverhalten der skandalisierten Person wird ein höchst boshafter kommunikativer Prozess in Gang gesetzt mit dem Ziel, der Person Schaden zuzufügen bzw. sie zu Fall zu bringen, und gleichzeitig die Aggressionslust des Massenpublikums zu bedienen, das für Derartiges nur allzu empfänglich ist.
  • Auf der Strecke bleiben unsere besseren Eigenschaften: Sachlichkeit; Fairness; Fehlerfreundlichkeit; der Grundsatz „in dubio pro reo“; Ausgewogenheit, Wohlwollen, eventuell Milde im Urteil.

Fazit: Skandalisierung im beschriebenen Sinn bedeutet Kulturverlust und Primitivierung. Sie lässt Niedertracht gerechtfertigt erscheinen und macht sie auf diese Weise salonfähig.

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  • „Diekmanns Anmaßung – Der Feldzug der ‚Bild‘ passt ins Bild der eitlen Medien“ – Kommentar von Ulrich Schultetaz, 07.01.2012
  • „Denn sie wissen nicht, was sie tun“Martin Eiermann über psychodynamische Hintergründe des Medienumgangs mit der Wulff-Affäre – The European, 08.01.2012
    • Christian Wulff steht vor einer medialen Phalanx. Es zeigt sich: Wenn’s hart auf hart kommt, haben harte Kerle immer noch bessere Karten als der nette Präsident von nebenan. (…) Nettigkeit schafft es höchstens ins kollektive Kurzzeitgedächtnis der Nation. Und nicht nur das Volk liebt seine kampf- und gelgestählten Helden, auch die Medien tun es. (…) Wer sich als Präsident von nebenan präsentiert, bekommt spätestens in der Krise die Quittung dafür – dann hat auch die Liebe der Medien schnell ein Ende. Dann kommt es eben doch wieder auf Beißer-Qualitäten an, und auf den Willen der Medien, dieses Beißer-Image auch zu replizieren und dem Helden zur rechten Zeit zur Seite zu springen. Sp – ätestens seit dem Showdown zwischen Wulff und Axel Springer dürfte dieser Wille gen null tendieren. Übrig bleibt als Bodensatz allein das Bild des tragischen Verlierers.“
  • „Bellevue ist keine Lehranstalt zur Charakterformung“Jan-Eric Peters (Chefredakteur der „Welt“) beschreibt den auf Wunsch des Bundespräsidenten zustandegekommenen Besuch des „Welt“-Reporters Uwe Müller im Schloss Bellevue am 25.06.2011 zu einem Hintergrundgespräch über eine geplante Veröffentlichung über die Familie von Christian WulffWelt, 08.01.2012
  • „Causa Wulff – was PR-Profis dazu sagen“PR-Journal, 09.01.2012
  • „Am Tropf von BILD“Michael Spreng über das „sich täglich neu selbst anschiebende Medienkarussell“, die bislang fehlende „kritische Aufarbeitung der Rolle von BILD“ und das „Versagen des kritischen Medienjournalismus“ im Fall Wulff – Sprengsatz, 09.01.2012
  • „Vom Glück, ‚Bild‘ zu sein“Stefan Niggemeier über die trickreiche Rolle der „Bild“-Zeitung bei der Skandalinszenierung – Blog Stefan Niggemeier, 09.01.2012
    • „Ich frage mich, ob man als „Bild“-Zeitung-Macher manchmal darunter leidet, dass man es zu leicht hat. Man kann heute alle Register eines unseriösen Schmuddelblattes ziehen, und sich morgen wieder als seriöse Zeitung geben. Man hat die Wahl, Dinge zu veröffentlichen, Dinge nicht zu veröffentlichen und Dinge zu veröffentlichen, ohne sie zu veröffentlichen. Man kann es mit der Wahrheit ganz genau nehmen oder schon das Konzept „Wahrheit“ an sich als eine Erfindung von Korinthenkackern abtun. Man muss niemandem Rechenschaft ablegen oder tut es einfach nicht. Und keine Sekunde muss man sich um sein dummes Geschwätz von gestern kümmern.“
  • „Wider die Maßlosigkeit“Heribert Prantl über den Verlust des Maßes bei Präsident und Presse, Süddeutsche Zeitung, 09.01.2012
    • „So gnädig Christian Wulff in der Kreditaffäre zu sich selbst ist, so gnadenlos sind die Medien im Umgang mit dem Bundespräsidenten. Dabei wiederholen sich die Kritiker und verbreiten teils blühenden Unsinn. Gefährlich wird es, wenn aus dem Streit eine Machtprobe zwischen Presse und Bundespräsident wird.“
  • „WulffPlag“ stochert im Nebel – „Im Internet wollen sich User jetzt einen eigenen Reim auf die Affäre machen.“ – RP online, 10.01.2012
    • Ausschnitt: „Inzwischen beschäftigen sich auch die Medien mit ihrem Vorgehen in Sachen Wulff. Der Bundesvorsitzende des Deutschen Journalisten-Verbandes (DJV), Michael Konken, sieht die „dominante Medienberichterstattung“ inzwischen kritisch. Diese sei vielleicht auch etwas übers Ziel hinausgeschossen, sagte er Deutschlandradio Kultur. Kampagnen-Journalismus sehe er im Moment zwar noch nicht, aber man müsse aufpassen, dass es nicht dazu komme, meinte Konken. Konkret sprach er die „Bild“-Zeitung an. Diese versuche vielleicht, die „seriösen Medien“ für sich zu benutzen, um „die Botschaft zu platzieren: Dieser Bundespräsident ist nicht mehr haltbar“.
  • Wulff schickte WeihnachtspostFelix Dachselüber detaillierte Fragen der taz an Bild und noch detailliertere Antworten – 25.01.2012
    • „Welche Rolle spielt Bild-Chef Kai Diekmann in der Mailbox-Affäre? Die taz hat nachgehakt. Die ‚Bild‘ antwortet mit einer Flut aus Details. Im Anhang: die vollständige Dokumentation.“
  • LBBW-Prüfungsausschuss: Kreditvergabe an Herrn Wulff erfolgte regelkonform– Presseinformation der Landesbank Baden-Württemberg, 26.01.2012
    • „Als Ergebnis der internen Prüfung wurde vom Prüfungsausschuss in der heutigen Sitzung festgehalten, dass die Kreditvergabe gemäß den internen und banküblichen Regelungen erfolgte; ein Fehlverhalten in der Bank wurde nicht festgestellt.“
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