Makroökonomie: „Wirtschaftsweise ratlos“

»Die Ideen der Ökonomen und politischen Philosophen,
seien sie richtig oder falsch,
sind mächtiger, als man im Allgemeinen glaubt.
Tatsächlich wird die Welt von wenig anderem beherrscht.«

John Maynard Keynes

Unter dem Titel „Wirtschaftsweise ratlos“ sendet der Deutschlandfunk derzeit eine dreiteilige Reihe mit Experteninterviews zum gegenwärtigen Zustand der Volkswirtschaftslehre, deren Rezeption wärmstens empfohlen wird.

Keine andere Wissenschaft aus dem Feld der Sozialwissenschaften bzw. „Soft Sciences“ hat derart weitreichende Auswirkungen auf unsere Lebensrealität wie die Volkswirtschaftslehre in Form ihrer jeweils vorherrschenden Schulrichtung. Dies erkennt man nicht zuletzt am unterschiedlichen politischen Umgang mit der Finanzkrise in den Vereinigten Staaten und in Europa, vor allem in Deutschland. Die Finanz- und Wirtschaftspolitiker auf beiden Seiten des Atlantiks und ihre Berater verfolgen gänzlich verschiedene makroökonomische Denkansätze, was bei den Versuchen der Krisenbewältigung zu einem nahezu gegensätzlichen Herangehen führt.

Die jeweiligen makroökonomischen Vorstellungen bestimmen das Handeln der wirtschafts- und finanzpolitischen Entscheidungsträger und haben somit auf das weltweite Wirtschaftsleben einen enormen Einfluss. Gleichzeitig handelt es sich bei den verschiedenen wirtschaftswissenschaftlichen Ansätzen („Schulen“) jedoch um Denkkollektive i.S. von Ludwik Fleck, die teilweise auf höchst fragwürdigen Grundannahmen über das Wirtschaftsleben aufbauen und keineswegs durchgängig empirisch abgesichert sind. Daher ist eine Problematisierung der Qualität von Theorien, Modellen und Prognosen der makroökonomischen Wissenschaft von herausragender Bedeutung.

Aus dem Einführungstext zur Sendereihe:

Im August prognostizierte der Wirtschaftswissenschaftler Olivier Blanchard eine Ära großen Fortschritts, die durch eine perfekte Übereinstimmung von wirtschaftlichen Erwartungen und wissenschaftlichen Methoden möglich geworden sei. Einen Monat später begannen die Finanzmärkte zusammenzubrechen. Als die größte Weltwirtschaftskrise seit 1928 mit einem geschätzten Schaden von 60 Billionen US Dollar über die Welt hereinbrach, stand die überwältigende Mehrheit der Wirtschaftswissenschaftler plötzlich nackt da. Kaum einer hatte die Katastrophe kommen sehen.

Die moderne Volkswirtschaftslehre mit ihren eleganten mathematischen Modellen und ihrem unbeirrbaren Glauben an die Rationalität der Wirtschaftssubjekte wurde zum ersten Opfer der Krise. Im Schlaglicht des Financial Melt-down waren intellektuelle Misere und mittelalterlicher Obskurantismus unübersehbar. Für den Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stiglitz ist auch die Wirtschaftswissenschaft selbst mit dem Beinahe-GAU an den Finanzmärkten in eine tiefe Existenzkrise geraten. Die Ökonomie, wie sie vor allem an den amerikanischen Elite-Universitäten gelehrt wird, hat die Gefahr nicht nur nicht vorhergesehen, sie hat die Katastrophe entscheidend mitverursacht. (…) Die Politik geht seit mehr als drei Jahrzehnten davon aus, dass es eine wissenschaftliche Basis für die Deregulierung der Märkte gibt. Nach der Krise wissen wir, dass es Vorhersagen und quasi Naturgesetze in der Ökonomie nicht gibt.

In der Sendereihe „sollen die Versäumnisse der Nationalökonomie und die politischen Folgen zur Sprache kommen.“ In der ersten am 13.11.2011 gesendeten Folge mit dem Titel „Jenseits des Homo oeconomicus“ interviewte Stefan Fuchs den wirtschaftspolitischen Chefkommentator der Financial Times, Martin Wolf, einen der weltweit angesehensten Wirtschaftsjournalisten. Mit großer Kennerschaft und gleichzeitig gut verständlich erläutert Martin Wolf die Unterschiede der gegenwärtig vorherrschenden Denkansätze von Keynsianern und Neoklassikern und zeichnet den bedeutenden Einfluss dieser makroökonomischen Schulen auf das politische Herangehen an die Finanzkrisen der letzten Jahre nach.

Gesprächspartner der beiden weiteren Interviews sind André Orléans („Ökonomie – Sozialwissenschaft wider Willen?“, s. gesonderter Beitrag „Von der scheinrationalen Volkswirtschaftslehre zum absurden Finanzkapitalismus“) und James K. Galbraith („Mythos freier Markt“). Die Beiträge können als Text, Podcast oder Audio on Demand abgerufen werden.

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2 Kommentare

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