Absurditäten unseres Finanzsystems (1)

Aus dem Spiegel-Online-Beitrag „Euro-Retter wollen radikalen Schuldenschnitt durchdrücken“ vom 25.10.2011:

„Um neue Mittel aufzutreiben, sollen nun vor allem die Banken stärker an der Griechenland-Rettung beteiligt werden. Es wäre nötig, dass sie auf 60 Prozent ihrer Forderungen verzichten, damit das geplante zweite Rettungspaket der Troika ausreicht, heißt es in dem streng vertraulichen Bericht. Bislang sollten die Privatgläubiger nur auf 21 Prozent ihrer Forderungen verzichten.

Die Euro-Retter haben allerdings ein Problem: Offiziell dürfen sie den Banken gar keine Vorschriften machen. Denn wenn die Institute nicht freiwillig darüber entscheiden, wie viele Schulden sie Griechenland erlassen, würden die Rating-Agenturen das sofort als Staatspleite werten – mit unvorhersehbaren Folgen für die Finanzmärkte. Wie die Agenturen auf einen 60-Prozent-Schnitt reagieren würden, ist noch nicht klar.“

Eine der zahlreichen Absurditäten unseres Weltfinanzsystems: Jeder weiß, dass Griechenland Pleite ist. Auch die drei großen, privaten Ratingagenturen wissen es. Und dass die Quote des Schuldenschnitts zwischen Politik – inkl. Institutionen wie EZB und IWF – und einigen Spitzenbankern ausgehandelt wird, das wissen Moody’s, Fitch und Standard & Poor’s auch. Und trotzdem „müssen“ alle so tun, als würden die Banken freiwillig entscheiden, auf wieviel ihrer Forderungen gegenüber Griechenland sie verzichten. Weil die Ratingagenturen das sonst als  Staatspleite werten „müssten“. Die bekäme damit – so funktioniert unser Finanzsystem – einen offiziellen Charakter.  Und der – erst der (!) – hätte unabsehbare Folgen für die Finanzmärkte, weil die Griechenlands Staatspleite nun auch offiziell wahrnehmen „müssten“, die sie seit langem kennen.

Die  englische Redewendung „to turn a blind eye to something“, die verwendet wird, wenn man zwar etwas wahrnimmt, es  eigentlich aber nicht wissen will und daher ignoriert, geht zurück auf den einäugigen Lord Nelson, der in der Seeschlacht von Kopenhagen (1801) das Signal seines Flottenchefs zum Rückzug ignorierte und dies hinterher damit begründete, er habe sein Fernrohr wohl an sein blindes Auge gehalten.

Ganz schön viel Einäugige unterwegs in der Finanzwelt. Aber wir wissen ja, unter Blinden ist der Einäugige König. Wer die Blinden sind? Na wir. Aber nicht mehr lange.

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