Schranken für die Banken – Gedanken zur Rückbindung des Finanzsektors an die Wirklichkeit – Ein Gastbeitrag von Stefan Thiesen

Der folgende Beitrag ist die erweiterte Fassung eines Kommentars, den Stefan Thiesen zum Blogartikel „Euro-Rettung im Billionen-Bereich“ schrieb. Wegen seiner zukunftweisenden Gedanken und brillanten Argumentation bat ich den Autor um einen Gastbeitrag (Hervorhebungen von mir).

Ich muss mich jetzt erstmal am Kopf kratzen. Hebel. Also wie ist das.

Banken nehmen günstig Geld am „Geldmarkt“ auf bzw. erzeugen es mit Hilfe der Zentralbank aus dem Nichts (soviel zum Thema Realwirtschaft). Das Geld verleihen sie dann an einen abgewirtschafteten und „heruntergerateten“ Staat, dessen Staatsanleihen enorme Zinsen bringen, bei einem enormen Risiko (dass die hohen Zinsen, die das Ausfallrisiko widerspiegeln sollen, wiederum das Risiko selber mit verursachen, lasse ich für den Augenblick beiseite). Man muss kein Astrophysiker sein, um zu erahnen, dass der abgewirtschaftete Staat auf diese Weise noch mehr in Zahlungsschwierigkeiten gerät, die ja bereits die Begründung für das schlechte Rating und die hohen Zinsen waren.

Weiter geht‘s… Die Banken sitzen auf faulen Anleihen. Jetzt soll der Staat einspringen, um die Banken zu stützen. Das tut er, indem er den Banken eine Mindestgarantie gibt für die faulen Staatsanleihen. Aus Steuergeldern. Und jetzt gehen die Banken her, besorgen sich billiges Geld von der Zentralbank, und kaufen dafür hochverzinste Staatsanleihen herabgewirtschafteter Länder, nur dass sie diesmal obendrauf einen garantierten Rückkaufwert für die Anleihen bekommen.

Aha. Kurz gesagt: wir alle finanzieren eine Gewinn-Ausfallversicherung für die Geschäfte der Banken. Dummerweise muss das herabgewirtschaftete Land aber noch immer Zinsen bezahlen.

Hier mein Gegenvorschlag: Lassen wir die Banken eine nach der anderen fein säuberlich in Konkurs gehen und abwickeln. So wie man das eben tut mit Unternehmen, die sich finanziell überhoben haben. Solange das Risikomanagement auf Seiten von Banken, Hedge Fonds und sonstigen Großinvestoren darauf spekulieren kann, dass die Bürger schon einspringen werden, solange wird alles so weitergehen. Immer weiter und weiter.

Wir wollen mal nicht vergessen, dass der „Finanzsektor“ zunächst einmal ein völlig unproduktiver Wirtschaftszweig ist. Banken produzieren gar nichts. Hedge Fonds auch nicht. Es ist ohne Schwierigkeiten eine Wirtschaft vorstellbar, in der die Banken eine völlig untergeordnete Rolle spielen – als (Auf-) Bewahrer und Vermittler von Geld. Gegen eine kleine Gebühr. In bescheidenen kleinen regionalen Büros. Ohne Mega-Glastürme rund um den Globus.

Die Regeln des weltweiten Finanzkasinos sind keine Naturgesetze. Sie sind in all ihrer Beliebigkeit von Menschen erdacht und können auch von Menschen wieder verändert und zurechtgerückt werden.

Wie lautet der Kampagnen-Slogan noch: „Rettet die Menschen, nicht die Banken“. Recht so. Ich bin 43 Jahre alt, und ich kann mich gut daran erinnern, dass mein Vater, der als Maurermeister eine kleine Baufirma hatte, seinen Mitarbeitern am Zahltag Lohntüten in die Hand drückte. Mit Bargeld darin. Das war nicht im Mittelalter. Wir reden über die 70ger. Zu dieser Zeit hatten so manche Leute noch gar kein Bankkonto.

Heute haben wir andere Zeiten. Wir sollten unsere Kreativität schweifen und walten lassen, wie wir ein neues, anderes Normalbürger-Banksystem schaffen können, das ins 21. Jahrhundert passt. Am besten gleich zusammen mit einem zukunftsfähigen Geldkonzept, das nicht inhärent zu exponentiellem Wachstumswahn zwingt. Ein paar Ansätze wie Bitcoin & Co sind ja bereits unterwegs und rufen hinter den Kulissen nervöses Jucken und Zucken bei den wenigen Lobbyisten hervor, die begreifen, was da vor sich geht.

Es war ausgerechnet Spekulationspapst André Kostolany, der bereits in seinem populären Buch „Wunderland von Geld und Börse“ (1982) mahnte, insbesondere Großbanken dürften keinesfalls nur Profitinteressen dienen. Sie sollten vielmehr „fast ein Versorgungsunternehmen sein„. Und weiter meinte er über eine jede Großbank:

Unter keinen Umständen darf sie – egal welche Profite dabei herausspringen – gegen die Interessen der Allgemeinheit handeln.

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2 Kommentare

  1. Markus Wichmann

     /  24. Oktober 2011

    Dieser Kommentar des Börsenbriefs „Steffens Daily“ zum gegenwärtigen Stand der Euro-Krise aus Sicht der Märkte und Börsianer erreichte mich heute. Ein wunderbares Beispiel für das Denken dieser Leute und deren vermutlich gewinnträchtige Spekulation darauf, dass die Politik die Wünsche der Märkte schon erfüllen wird.

    Der Wunsch der Märkte in der Euro-Krise
    von Torsten Ewert

    Sehr verehrte Leserinnen und Leser,
    seit Anfang Oktober zeigen die Märkte nach Crash und Unsicherheit erstmals wieder eine gewisse Stärke. Dafür könnte es mehrere Gründe geben, unter anderem dass sich die Konjunkturängste etwas abgeschwächt haben. Der aufmerksame Beobachter dürfte jedoch bemerkt haben, dass zuvor ein öffentliches Umdenken in der Frage der Lösung der Euro-Krise stattfand. Es scheint daher, die Märkte wittern Morgenluft, dass das europäische Schuldenproblem in ihrem Sinne gelöst wird.

    Der wahre Grund für die jüngste Stärke der Märkte

    Mit Beginn des vierten Quartals rückt schließlich auch die Weihnachtszeit unaufhaltsam näher. Die Börsianer hatten ihren Wunschzettel aber schon längst geschrieben. Er ist kurz und präzise: Die Märkte wünschen sich erneute massive Kapitalspritzen für die Banken.

    Und speziell die jüngste Stärke der europäischen Märkte kam genau dann auf, als Berichte publik wurden, nach denen nun auch Europolitiker diese schon länger, z.B. vom IWF, erhobene Forderung unterstützen. Aus diesem Grund führte auch die Nachricht über den bevorstehenden oder Quasi-Kollaps der belgisch-französischen Dexia-Bank Anfang Oktober nicht zu Kursverlusten, sondern zu einem Kursanstieg: Die Anleger hoffen offenbar, dass dieses Ereignis die Ängste der Politiker vor einem erneuten gravierenden Bankenproblem veranlasst, die Geldschleusen wie nach der Lehman-Pleite erneut vorbehaltlos zu öffnen. Nur die EZB ließ bei Ihrer Sitzung in der ersten Oktoberwoche entsprechende Signale vermissen, was dann auch prompt zu einem zwischenzeitlichen Rückschlag führte.

    Ein Hebel soll alle Schleusen öffnen

    Inzwischen erhielt dieser Optimismus neue Nahrung durch die Diskussion zur „Hebelung“ des Euro- Rettungsfonds. Das ließ die Märkte weiterhin im Bullenmodus verharren. Erst im Vorfeld des neuen Euro-Krisengipfels in dieser Woche zeigten sich die Anleger abwartend, da es vor allem von deutscher Seite weiterhin erhebliche Vorbehalte gegen eine solche „Lösung“ gibt.

    Noch ist der Leidensdruck nicht hoch genug, so dass die Bereitschaft für solch drakonische Maßnahmen weiterhin fehlt. Doch die Front der „Bewahrer-Fraktion“ unter den Politikern bröckelt.

    In der Perspektive (und dabei eher mittel- als langfristig) werden sich die Märkte jedoch durchsetzen. Das Zeitfenster, das die Politik mit ihren Spar- und Rettungspaketen zur Lösung der Schuldenkrise benötigt, ist im Vergleich zu den Erwartungen der Investoren (und der Geduld der betroffenen Bürger) einfach zu groß.

    Als Anleger müssen Sie spätestens jetzt handeln!

    Auf diesen Umschwung müssen Sie sich vorbereiten. In der Stockstreet Investment Strategie tun wir dies bereits durch einige Umschichtungen der jüngsten Zeit. Natürlich werden wir das nun weiterführen und intensivieren.

    Das Problem besteht darin, dass für diese Situation kein Politiker oder Ökonom auch nur den Hauch eines Plans hat. Wir sind Teil eines gigantischen Experiments, und es ist zu erwarten, dass die Versuchsreihe nur über weitere Irrtümer zu einem Ergebnis führen wird (die bisherigen Rettungsmaßnahmen stehen jedenfalls – selbst gemessen an den offiziellen Äußerungen – zu etwa 80 % zur Disposition…).

    Und es ist anzunehmen, dass auch der Wunsch der Märkte, eine nochmalige bedingungslose Bankenrettung, nicht die optimale Lösung darstellt – zumal die Mittel dafür gar nicht mehr regulär aufzubringen wären.
    Damit sind wie bereits 2008/09 zwei völlig gegensätzliche Szenarien denkbar, die entsprechend gegensätzliche Anlagestrategien erfordern. Damit Sie darauf möglichst optimal vorbereitet sind, bereiten wir eine Sonderausgabe zu diesem Thema vor, die in den kommenden Tagen verfügbar sein wird. Wenn es so weit ist, werden wir Sie natürlich an dieser Stelle informieren.

    Antworten
  2. Stefan Thiesen

     /  16. Dezember 2012

    Derzeit wird ja etwas gemacht, das zunächst unerhört klingt: den Schuldenstaaten (hört sich fast an wie „Schurkenstaaten) werden Zinsen erlassen. Uff. Da KOSTET uns doch Griechenland mal eben rund 700 Millionen! Wirklich? Eher unwirklich, denn es handelt sich nicht um Kosten, sondern um Geld aus dem Nichts, das schlicht erst gar nicht entsteht. Damit kann ich zunächst leben (mir ist bewusst – in Wirklichkeit ist alles viel komplizierter, aber unterm Strich ist es dennoch so). Schwierigkeiten entstehen nur, wenn noch gar nicht existierendes Geld bereits verplant ist. Das sollte man ja auch nicht tun (empfahl mein verstorbener Banker Großvater immer).

    Daneben fallen mir ein paar konkretere Reformmaßnahmen ein, die an relativ wenigen Hebeln ansetzen:

    -Eher banal: steuerliche Gleichbehandlung ALLER Einkommensarten. Sollte selbstverständlich sein.
    -Renten Pflichtversicherung für alle (oder steuerfinanzierte Rente).
    -Öffentlich rechtliche Kranken Pflichtversicherung für alle

    (Für beliebige Zusatzrente, Sicherung der Yacht im Alter, Einzelzimmer mit Aussicht im Hospital, Chefarzthändedruck und Porzellanzähne kann sich ja jeder privat und freiwillig selber versichern. Habe ich nichts dagegen. Aber die Versicherungen haben kein Recht auf gesamtgesellschaftliches Zwangssponsoring wie durch Riester).

    Antworten

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