Zur Psychostruktur des Anders Breivik (2) – Stellungnahmen

Zwischenzeitlich gibt es im Netz eine Vielzahl mehr oder weniger fachkundiger, aussagekräftiger Stellungnahmen zur Persönlichkeit von Anders Breivik bzw. zu seiner Persönlichkeitsstörung. Nachfolgend eine kleine Aufstellung mit Links zu einigen der gelungeneren Beiträge, soweit sie mir bekannt geworden sind, aber auch zu Beispielen von ganz und gar misslungenen Psychogrammen oder ähnlichen Stellungnahmen.

Herausragend:

Interessant und aufschlussreich:

  • „Psychogramm eines Massenmörders“
    •  Differenzierter Artikel von Caroline Fetscher über die Persönlichkeitsstruktur und Psychodynamik von Breivik, analysiert und interpretiert u.a. die ausführlichen Passagen in seinem Manifest, die sich mit seinem familiären Hintergrund befassen –Tagesspiegel, 25.07.2011
  • „Dieser Täter ist ein Ideenfanatiker“
    • Interview mit dem Kriminalpsychiatrie-Experten Dr. Reinhard Haller („Das ganz normale Böse“; „Die Seele des Verbrechers“) über die psychischen Hintergründe der Tat Breiviks – NZZ, 25.07.2011
  • „Ob jemand fanatisch wird, ist eine persönliche Angelegenheit“
    • Interview mit der Linzer Psychiaterin Dr. Adelheid Kastner über Attentäter wie Breivik – Der Standard, 25.07.2011
  • „Wir müssen verstehen, wie Breivik denkt“
    • Der norwegische Friedens- und Konfliktforscher Johan Galtung(80), Träger des Alternativen Nobelpreises,  fordert konkrete Konsequenzen aus dem Osloer Attentat  – Spiegel Online, 03.08.2011:
      • „Wir brauchen dringend eine Art Notfallteam, das sich um Menschen wie Breivik kümmert. Menschen, die ihre wahnsinnigen Ansichten im Internet ausbreiten und dort entwickeln. Breivik lebte und arbeitete in Norwegen, aber seine Seele breitete er im Internet aus. Da müssen wir ansetzen. Wir brauchen stärkere Internetkontrollen. Und wir müssen verstehen, wie Leute wie Breivik denken. Die norwegische Polizei, die Sicherheitsdienste haben versagt: Sie haben die Gefahr nicht ernst genommen. „
      • „Die Helfer müssen mit Menschen, die extremistisch denken, in Dialog treten, sie müssen sie im Gespräch herausfordern. Ich selbst habe viel mit Radikalen gearbeitet, mit Rassisten in den Südstaaten der USA, die ähnlich realitätsferne Gedanken hatten wie Breivik. Meine Freunde haben immer gesagt, das bringe doch nichts. Aber das stimmt nicht: Diese Leute wollen, dass man ihre Ideen in Frage stellt, sie lechzen danach, als Gesprächspartner ernst genommen zu werden.“
  • „Anders Breivik – Ein typischer Attentäter“
    • „Ein Gespräch mit dem Germanisten und Philosophen Manfred Schneider, Autor des Buches „Das Attentat. Kritik der paranoischen Vernunft“ (s.u.), über den norwegischen Attentäter Anders Breivik, sein Weltbild und immer wiederkehrende Muster in der Geschichte des Attentats.“ – diesseits.de, 29.08.2011
      • „Vier wesentliche Züge machen den Attentäter (…) aus. Zum einen eine Unfähigkeit, die politischen Dinge in ihrer Kontingenz zu erkennen. Der zweite Zug ist das apokalyptische Bewusstsein. Damit ist eine Einstellung bezeichnet, wonach das vermeintliche Weltübel derart dramatisch ist, dass es die ganze Welt oder zumindest die eigene Kultur mit dem Untergang bedroht. Dieser Zug ist bei Anders Breivik ja sehr dominant. Drittens das Sendungsbewusstsein der Attentäter. Sie fühlen sich auserwählt und nehmen gewaltige Opfer in Kauf, gegebenenfalls bis hin zum eigenen Leben. Der vierte und entscheidende Zug, womöglich auch der stärkste pathologische Zug des typischen Attentäters, ist die ungeheure Gewissheit, die ihn auszeichnet. Er hat nicht die geringsten Zweifel, sondern bewegt sich in einer radikal geschlossenen Konzeption.“
      • „Das Verhalten von Attentätern ist keine Form des Wahnsinns im Sinne einer Verirrung oder Verwirrung des Verstandes. Ich nenne die Paranoia „Übervernunft“. Alle Phänomene werden hierbei nur nach rationalen Gesichtspunkten bewertet. (…) Alle Momente, die sonst noch unsere Beziehung zur Welt ausmachen, Empathie, Zweifel, Feedback, das was als „emotionale Intelligenz“ bezeichnet wird, das fehlt irgendwie. Mit dem Begriff der „rasenden Vernunft“ (…) bezeichne (ich) eine Überfunktion der Vernunft, der Rationalität, bei der weitere wichtige Merkmale des Weltbezugs fehlen.“
      • „Für diese Täter ist der Mangel von väterlicher Autorität im Sinne von Macht und im Sinne einer kulturellen Sichtbarkeit der Vater- und Männerrolle ein qualvoller und pathologisierender Zug. Durch das ganze Manifest von Breivik zieht sich dieses Thema der Vaterlosigkeit. Er spricht selbst, ähnlich wie früher Mitscherlich, von der „vaterlosen Gesellschaft“. (…) Er erlebt das Fehlen des Vaters bzw. die Auflösung der patriarchalischen Struktur als persönliches Leiden.“

Enthält interessante Aspekte:

  • „Das Böse inmitten einer friedlichen Gesellschaft“
    • Kommentar von Dr. Eckhard Bieger SJ aus katholischer Sicht; interessant im wesentlichen wegen des Hinweises auf den Religionsphilosophen René Girard („Ich sah den Satan vom Himmel fallen wie einen Blitz“) – explizit.net, 26.07.2011
  • „Ideologie und Wahnsinn“
    • Markus C. Schulte von Drach erläutert einige der in den Medien kursierenden psychiatrischen Diagnosen (Psychopathie, Soziopathie, Antisoziale Persönlichkeitsstörung, Narzisstische Persönlichkeitsstörung), auch anhand der Persönlichkeiten weiterer Attentäter – Süddeutsche, 27.07.2011
  • „Dahinter steckt Männlichkeitsideologie“ – taz-Interview mit Skandinavien-Expertin Stefanie von Schnurbein– 27.07.2011
    • „An Anders Behring Breivik ist nichts typisch Norwegisches. Er sieht sich als heroischen Einzelnen, der die Welt retten wollte. Davon ist die Skandinavien-Expertin Stefanie von Schnurbein überzeugt.“
  • „General Sprung in der Schüssel: Ein Massenmörder mit Messias-Komplex“
    • Gérard Bökenkamp schreibt über „pathologische Egomanie als Triebfeder extremistischer Gewalt“ und die „politische Sphäre“ als Ort, an dem pathologische Geltungssucht und Größenwahn sich mit einer Ideologie aufladen und in  „Missionen“ münden können, die einen Weg aus der persönlichen Bedeutungslosigkeit in die Unsterblichkeit verheißen, auch wenn (besser: weil) sie über Leichen gehen. – Nach einem etwas holprigen Beginn erreicht der Beitrag Dichte und Tiefgang, auch durch Bezüge zu Alfred Adler, Elias Canetti („Masse und Macht“) und Shakespeares Richard III. – eigentümlich frei, 27.07.2011
  • „Teufels-Killer unterzog sich Schönheits-OP“
    • Ausnahmsweise mal die Bild-Zeitung (28.07.2011): sie berichtet über Breiviks Manipulationen seiner äußeren Erscheinung, um männlicher zu wirken (operative Korrekturen von Nase, Kinn und Stirn in den USA; anabole Steroide; Uniformen) als Symptom seiner narzisstischen Persönlichkeitsstörung, unterlegt mit treffenden Kommentaren des norwegischen Psychologieprofessors Svenn Torgersen:
      • „Eitelkeit ist ganz typisch für jemanden mit starken narzisstischen Tendenzen. Ein wichtiger Aspekt ist die totale Ichbezogenheit. Vieles dreht sich um das Selbst, das Aussehen kann unheimlich viel bedeuten. (…) Solche Menschen fühlen sich einzigartig, hochwertig und anders – als jemand, der über allen anderen steht. (…) Menschen mit einer solchen Störung glauben das Recht zu haben, Dinge zu tun, die andere nicht dürfen.
  • „Breivik ist hochgradig abnorm“
    • Interview mit dem Psychiater und Neurologen Reinhard Haller, Experte für Kriminalpsychiatrie („Die Seele des Verbrechers“) – Kölner Stadt-Anzeiger, 28.07.2011
  • „Vampirische Ruhmsucht“
    • Der Münchener Psychoanalytiker und Autor Wolfgang Schmidbauer („Psychologie des Terrors“) ergänzt seinen Hinweis auf das Bedürfnis von Attentätern, Ruhm zu erlangen, durch den Aspekt eines „Vampirischen Begehrens“ (etwas befremdlich und schwer nachvollziehbar) – Neues Deutschland, 27.08.2011
  • „Ist Anders Breivik böse?“
    • Interview mit dem Hirnforscher Prof. Gerhard Roth (Bremen) über den Begriff des Bösen, über Befunde der Hirnforschung zu Psychopathen und Konsequenzen für das Strafrecht, und über Anders Breivik – diesseits.de (Online-Magazin für weltlichen Humanismus), 01.09.2011

Literatur zum Thema:

Ziemlich daneben:

  • „Eine Diagnose ergibt wenig Sinn“
    • Erkenntnisverbot des emeritierten Regensburger Psychiatrie-Professors Helmfried Klein: „Jeder Versuch, das Massenattentat von Norwegen auf psychopathologische Art zu interpretieren, ist mir zutiefst zuwider.“ Dafür gebe es auch keine passende Diagnose. (…) Nur wer leide, sei krank. Den psychiatrischen Krankheitsbegriff auf Verhalten auszuweiten, das nur anderen unendliches Leid zufügt, aber eigenes Leid nicht erkennbar ist, sei abwegig. Innerhalb der forensischen Psychiatrie werde sehr kontrovers diskutiert ob Persönlichkeitsstörungen unter psychiatrische Krankheiten zu subsummieren sind. – (Mittelbayerische Zeitung, 24.07.2011)
  • „Lasst das Fragen sein“
    • „Jedes Warum ist hier ein Warum zuviel“; „Wir wollen begreifen, was sich nicht greifen lässt“; „Das Böse war und ist und wird sein“ – das sind die Kernsätze eines Beitrags von Dr. Alexander Kissler, Literaturwissenschaftler und Kulturjournalist (Cicero, Süddeutsche, Focus), für das Internet-Magazin „The European“(26.07.2011)
      • Außerdem: „Allein, kein einziger Satz wird die Antwort enthalten auf das große Warum. Kein Experte wird je sagen können, aufgrund welcher familiären oder neuronalen oder weltanschaulichen Besonderheit der blonde Einzelgänger die bestialische Tat letztlich ins Werk setzte. Nicht nur Kausalketten nämlich machen unser Leben aus, sondern auch Sprünge. Nicht nur Gründe, auch Abgründe führen zu Taten. Und jenseits aller kleinteiligen Erklärungsmuster gibt es immer auch das große Ganze, das ewig Gute und das unrettbar Böse.“ Eine Erkenntnisverweigerung – von einem, der Sprachspielereien liebt, wie sein Beitrag erkennen lässt. Sprachspieler tun sich mit analytischem Denken, Forschen und Entdecken auf der Grundlage sorgfältiger wissenschaftlicher Begriffsbildung zumeist eher schwer.
  • „Das war pure Mordlust“
    • Focus führte ein Interview mit der Kriminalpsychologin Karoline Roshdi (Institut für Psychologie und Bedrohungsmanagement), in dem diese die Tat auf „pure Mordlust“ zurückführt. Die Ideologie bzw. „extremistische Erklärungswelt“ des Täters dienten nur der Legitimation „nach außen“. Wahrscheinlich werde er „auch einer Störung unterliegen. Psychotisch sein, wahnkrank, eine sehr schwere Persönlichkeitsstörung haben.“ Man könne „das nicht unter einem bestimmten Krankheitsbild zusammenfassen. Seine Kaltblütigkeit (sei) in jedem Fall mit fehlendem Mitgefühl zu erklären – bei ihm (habe) ein Empathieabbau stattgefunden, usw. — Soziale Angst hat man aufgrund fehlender Selbstsicherheit, wegen des Abbaus von Selbstwertgefühl… : „Erklären nullter Ordnung“ nannten wir das im Marburger Psychologiestudium – durch Vergabe einer Bezeichnung.
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