Finanzsystemkrise: Es geht wieder los…

Das globale Finanzsystem ist auf eine dermaßen unheilvolle Weise fragil, dass es – wie bereits im Herbst 2008 – gerade wieder einmal im Begriff ist, aus dem Ruder zu laufen. Die warnenden Stimmen von führenden Managern des Systems (Lagarde, Zoelick, Trichet, Ackermann etc.) mehren sich, und die Börsen sind wieder auf Talfahrt.

Die gegenwärtigen Auslöser und längerfristigen Ursachen der Krise in Kürze:

  • Zu wenig Eigenkapital der großen, weltweit operierenden („systemrelevanten“) Banken und zu wenig Rückstellungen im Verhältnis zu den in den Bilanzen schlummernden Risiken (Kredite, die abgeschrieben bzw. wertberichtigt werden müssen)
  • Zu hohe Staatsverschuldung der Vereinigten Staaten und einiger europäischer Staaten
  • Gravierende Systemfehler der Eurozone (Staaten mit extrem unterschiedlicher ökonomischer Leistungskraft werden in das Prokrustesbett einer gemeinsamen Währung gezwängt)
  • bevorstehender Wirtschaftsabschwung

Vor allem droht eine Eskalation der europäischen Schuldenkrise. Griechenland kommt nicht voran und erweist sich zunehmend als unlösbares Problem. Sollten Italien (18 %) und Spanien (12 %) als Geberländer für den europäischen Rettungsschirm ESFS ausfallen (Zahlen in Klammern: Prozentuale Anteile am ESFS)  und stattdessen selbst Mittel aus dem Fonds benötigen, wären Deutschland (27 %) und Frankreich (20 %)  die einzigen verbleibenden „tragenden Säulen“ des ESFS. Ihr Anteil an den aufzubringenden Finanzmitteln müsste weiter steigen – und Frankreich wäre angesichts seiner eigenen wirtschaftlichen Probleme rasch überfordert. Bliebe Deutschland…

Welche Größenordnungen im Fall einer solchen Eskalation der Euro-Schuldenkrise auf uns zukämen, rechnet Prof. Ansgar Belke vor, Forschungsdirektor am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), Berlin:

„Die geplante EFSF-Erweiterung soll dem Rettungsfonds ein effektives Kreditvergabevolumen von 440 Milliarden Euro ermöglichen. Das dürfte nach Expertenansicht aber längst nicht reichen, sollten Italien und Spanien noch tiefer in Turbulenzen stürzen. Nötig könnten dann bis zu 4 Billionen Euro werden, schätzt Ansgar Belke, Forschungsdirektor am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin (DIW), wie er im Wirtschaftsmagazin des Bayerischen Fernsehens „Geld und Leben“ vorrechnete.“ (Stern, „Die Rezessionsangst geht um“, 05.09.2011)

Fazit: Die Euro-Rettungsmaßnahmen stehen auf tönernen Füßen – ganz abgesehen davon, ob sie jemals eine parlamentarische Mehrheit bekommen. Umfassender betrachtet hat man zunehmend den Eindruck, unser globales Finanzsystem könnte eines nicht allzu fernen Tages zusammenbrechen wie ein Kartenhaus.

Siehe auch

  • „Finanzmärkte bereiten Ackermann Albträume“ – Handelsblatt, 05.09.2011
  • „There has been a clear crisis of confidence“ – Spiegel-Interview mit IWF-Chefin Christine Lagarde (engl.), 04.09.2011
  • „Deutsche Spitzenbanker warnen vor neuer Finanzkrise“– Reuters, 05.09.2011
    • „Deutsche Spitzenbanker zeichnen angesichts der heftigen Kursverluste an den Börsen ein düsteres Bild ihrer Branche. ‚Die Lage ist viel dramatischer als 2008‘, sagte der Chef der staatlichen Förderbank KfW, Ulrich Schröder, am Montag auf einer Bankenkonferenz.  (…) Viele Staaten wären heute wegen ihrer eigenen Schuldenprobleme nicht mehr in der Lage, Geldhäuser in einer ähnlichen Krise aufzufangen, warnte Schröder. (…) Auch Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann stellte angesichts der Verluste an den Börsen fest: ‚All dies erinnert an den Herbst 2008.‘
  • „Weltfinanzkrise“ – unter diesem Stichwort (Tag) sammelt Spiegel Online die Artikel zur Finanzkrise 2011.

Interessante aktuelle Hintergrundinformationen finden sich in dem Financial-Times-Blog Alphaville.

Ausgezeichnete Kurzanalysen einiger der weltweit führenden Experten zu den Ursachen und möglichen Bewältigungsstrategien der Finanzsystemkrise sind beim Project Syndicate zu lesen. Wie z.B. diese von Nouriel Roubini zum zunehmend realistischer erscheinenden Untergang des (Finanz-) Kapitalismus, wie wir ihn in den letzten zwei Jahrzehnten  erlebt haben, in einer großen Wirtschaftskrise; oder die Überlegungen von Mohamed A. El-Erian zum bevorstehenden Endspiel in der Eurozone.

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Ein Kommentar

  1. Stefan Thiesen

     /  15. Oktober 2011

    Ich bin nicht sicher, ob die „unterschiedliche Wirtschaftskraft“ im gemeinsamen Währungsraum tatsächlich das Problem ist. Zum einen kann die gemeinsame Währung (und das war sicher als Anreiz und Ziel so gedacht) ausgleichend wirken und Investitionen in weniger wirtschaftsstarke Regionen lenken. Zum anderen sind auch innerhalb anderer Währungsräume Regionen mit extrem unterschiedlicher Wirtschaftskraft zusammengefasst. Das gilt für die USA, aber noch viel mehr für China, Indien, Russland, Brasilien, Indonesien… Selbst innerhalb von Deutschland sind die Unterschiede zwischen der Wirtschaftskraft der Regionen erheblich. Was fehlt ist m.E. viel mehr die gemeinsame Wirtschafts- und Sozialpolitik und eine gemeinsames Steuersystem, die zu einer gemeinsamen Währung gehören. Daß Arme und Reiche (Kontinente, Länder, Regionen, Städte, Unternehmen… es geht die ganze Skala rauf und runter) dieselbe Währung benutzen, scheint mir nicht das Problem. Es sollten nur überall und für alle einheitliche Regeln und Standards gelten. Dann wird das auch mit dem Spekulieren schwieriger und soziale Unruhen halten sich ebenfalls in Grenzen.

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