Mentalität und Ideologie eines rechtsextremen Massenmörders

Anders Behring Breivik, der Massenmörder von Oslo, stellt seine Taten in den Zusammenhang einer rechtsextremen Ideologie, die er in einem 1.516 Seiten umfassenden Manifest und – in Kurzfassung –  in einem Video dargestellt hat.

Es handelt sich dabei um islamophobes Gedankengut, wie es u.a. von dem holländischen Rechtsextremisten Geert Wilders vertreten wird: Das Abendland soll vor einem „kulturellen Marxismus“ gerettet werden, der u.a. auf die 68er-Generation zurückgeht, und der dem allen rechtsextremen Psychopathen verhassten Grundübel, einer multikulturellen Gesellschaft, den Weg bereitet (Multikulturalismus).

Wie entsteht eine „rechtsextreme Mentalität“?

Rechtsextreme Mentalität entsteht nicht aus Einstellungen und Werturteilen der Betroffenen auf der Basis mehr oder weniger rationaler Überlegungen. Den eigentlichen Hintergrund bildet ein komplexes psychisches Regulationsgeschehen, ein dynamisches Zusammenspiel von  psychischen Motiven, Emotionen, Abwehrmechanismen, Werthaltungen und Einstellungen auf der Grundlage von Defiziten in der Persönlichkeitsentwicklung. Die Ansichten und Werturteile, die eine „rechtsextreme Gesinnung“ ausmachen, sind Folge tiefergehender psychischer Motive, und die vermeintlich rationalen Begründungen dieser Ansichten lediglich Rationalisierungen

Vor längerer Zeit habe ich dem Wikipedia-Artikel über Skinheads einen Passus  „Sozialwissenschaftlicher Hintergrund“ hinzugefügt ( Wikipedia-Benutzer „Almeida“), der wesentliche Punkte des psychodynamischen und psychopathologischen Hintergrundes rechtsextremer Fanatiker aller Couleur wiedergibt:

„Soziologische und psychologische Deutungen wesentlicher Teile der Skinhead-Bewegung (insbesondere der Neonazis) knüpfen zum einen an den Untersuchungen zum „autoritären Charakter“ bzw. zur „autoritären Persönlichkeit“ an, die in den 1930er-Jahren vom Institut für Sozialforschung (Fromm, Horkheimer, Adorno u. a.) begonnen wurden, zum anderen an neueren sozialpsychologischen und psychoanalytischen Konzepten zu Gruppenidentitäten (u. a. Vamik Volkan).

Resultat dieser Forschungen sind unter anderem die Erkenntnisse, dass bei derartig strukturierten Persönlichkeiten eine besondere Tendenz vorhanden ist,

  • ihr Identitäts- und Selbstwertgefühl wesentlich durch das Gefühl der Zugehörigkeit zu einer Gruppe zu festigen (Eigengruppe), mit der sie sich identifizieren (Rasse, Volk, Nation, Religion, Subkultur, Sekte, „Gang“ etc.)
  • diese Eigengruppe besonders hoch zu bewerten und von fremden Gruppen abzugrenzen (Fremdgruppe), die nicht nur als „andersartig“, sondern als feindlich oder minderwertig erlebt werden (s. auch Othering)
  • die Eigengruppe vor einer „Vermischung“ mit der Fremdgruppe zu schützen (z.B. „Rassenreinheit“), da eine solche Vermischung als Verunreinigung erlebt wird (bezieht sich auch auf die Verunreinigung der eigenen Kultur).

Diese handlungsleitenden Bewertungen beruhen nicht auf Tatsachen, sondern auf Vorurteilen. Sie erfolgen nicht aus rationalen, sondern aus tief verwurzelten psychischen Motiven und dienen der Stärkung des Selbstgefühls sowie der Emotionsregulation. Dabei kommt der Projektion eigener – auch latenter – Schwächen auf die fremde Gruppe als Mittel zur Bewältigung negativer Gefühlszustände und innerer Konflikte besondere Bedeutung zu (s. Abwehrmechanismus). Negativ bewertete Eigenschaften der eigenen Person werden – unterstützt durch die Zugehörigkeit zur idealisierten Eigengruppe – nicht wahrgenommen und anerkannt, sondern auf die „Anderen“ projiziert und dort bekämpft (s. Feindbild). Dies ist eine der Wurzeln rassistischer Abgrenzungsneigung und Aggression. Zudem verlieren die Gruppenmitglieder – vor allem, wenn sie gemeinsam mit ihrer Eigengruppe auftreten – ihr Einfühlungsvermögen (Empathie) und Mitgefühl den entwerteten „Anderen“ bzw. „Fremden“ gegenüber. Daher kann es unter den beschriebenen psychosozialen Bedingungen zu Akten besonderer Brutalität und Grausamkeit kommen.“

Worin unterscheiden sich psychopathische von nicht-psychopathischen Multikulturalismus- und Islamkritikern? Durch die realitätsverzerrende Dämonisierung bei der mentalen Gestaltung des jeweiligen Feindbildes (Juden, Mohammedaner, Farbige etc.), durch paranoide Persönlichkeitsanteile und in Verbindung damit exzessive Projektion von Aggression auf die betreffende Gruppe, die dadurch als besonders gefährlich erscheint. Außerdem durch Fanatismus bei der Bekämpfung der als Feindbild gewählten Gruppe und den Verlust von Empathie und Mitgefühl den Angehörigen dieser Gruppe gegenüber.

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