Fernsehmagazin „Kontraste“ gegen Forschungsreaktor in Berlin-Wannsee: ein Medienskandal?

Am 9. Juni berichtete das ARD-Fernsehmagazin „Kontraste“ über ein angebliches „Leck im Kühlsystem“ des vom Helmholtz Zentrum Berlin in Berlin-Wannsee betriebenen Forschungsreaktors. Unterlegt mit Animationen, wie wir sie vom Fukushima-Unfall kennen, führt der Beitrag den Fernsehzuschauern überaus drastisch vor Augen, welch hochgefährliche Zeitbombe hier tickt und zu einem GAU führen kann – was die Reaktorbetreiber jedoch nicht wahrhaben wollen.

Daraufhin veröffentlichte das Helmholtz Zentrum am gleichen Tage unter dem Titel „Böswillige Falschaussagen im ARD-Magazin Kontraste“ eine  Pressemitteilung, in der plausibel erläutert wurde, warum es sich bei dem Leck keineswegs um ein Bestandteil des Kühlsystems handelt, und weshalb die Undichtigkeit keinerlei Sicherheitsrelevanz hat:

„Einen Riss im Kühlsystem, wie von Kontraste behauptet, gibt es nicht. In Wirklichkeit schließt ein Trenntor nicht ganz dicht, mit dem man das Hauptbecken in zwei Beckenteile trennen kann. Dieses Trenntor wird nur bei bestimmten Wartungsarbeiten am abgeschalteten Reaktor gesetzt, wenn man unterschiedliche Wasserstände in den beiden Beckenteilen realisieren möchte. Wasser tropft infolge der Undichtigkeit in solch einer Situation also nur von einem Beckenteil in den anderen.

Ein Störfall-Szenario, wie in Kontraste per Animation gezeigt, gibt es nicht. Der TÜV Rheinland hat in einem unabhängig erstellten Gutachten bestätigt, dass die angesprochene Undichtigkeit in dem Trenntor keinerlei Sicherheitsrelevanz besitzt. Die sichere Kühlung ist jederzeit gewährleistet, sowohl während des Betriebs als auch im abgeschalteten Zustand.“

Als Südberliner von dem angeblich drohenden Geschehen hochgradig betroffen erwartete man in der gestrigen „Kontraste“-Sendung nun eine entsprechende Korrektur bzw. Gegendarstellung.  Doch weit gefehlt: das Magazin wiederholte in einem weiteren Beitrag die Supergau-Animation aus der letzten Sendung und setzte noch einen drauf: der TÜV habe den Riss im Kühlsystem bestätigt.

Wer die Pressemitteilung des Helmholtz-Zentrums vom 9. Juni gelesen hatte, dem blieb der billige Trick der Kontraste-Argumentation nicht verborgen: der TÜV hatte in der Tat einen Riss bestätigt – aber eben nicht im Kühlsystem des Reaktors. Das wurde im Kontraste-Beitrag geschickt verschleiert:

„Der Betreiber des Reaktors, das Helmholtz-Zentrum Berlin, streitet die Sicherheitsmängel ab. So versicherte man gegenüber der Presse:

Zitat

„Es gibt keinen Riss im Kühlsystem.“

Auch die Berliner Umweltbehörde, zuständig für die Kontrolle des Betreibers, behauptet:

Zitat

„Es gibt keinen Riss.“

Doch eigentlich müsste sie es besser wissen.

Denn: der Behörde liegt schon seit Wochen ein Sachverständigen-Gutachten des TÜV-Rheinland vor. In diesem Gutachten – KS-11/6090 – heißt es unmissverständlich, dass es sehr wohl einen Riss gibt und zwar einen:

Zitat TÜV-Gutachten
„…Riss an einer Schweißnaht im Bereich der Trennwand zwischen Absetzbecken und Betriebsbecken…“

Das Zitat aus dem TÜV-Gutachten wird aus dem Zusammenhang gerissen und bewusst sinnentstellend so montiert, dass der Eindruck entsteht, der TÜV habe einen sicherheitsrelevanten Riss im Kühlsystem des Reaktors festgestellt. Tatsächlich war der TÜV in seinem Gutachten jedoch zum genau entgegengesetzten Ergebnis gekommen. „Kontraste“ leitet aus diesem wahrheitswidrig konstruierten Befund nun die real drohende Gefahr eines verheerenden Atomunfalls ab:

„Das Szenario: der Reaktor gerät außer Kontrolle. Es könnte zur Explosion kommen. Bei Westwind würden dann große Teile der Hauptstadt unbewohnbar.“

Ein Gefahrenszenario, das es nach Überzeugung sämtlicher damit befasster Experten nicht gibt. Die ängstliche, atomunfallsensibilisierte Bevölkerung wurde offenbar Opfer einer unsachgemäßen, grob verfälschenden Sensationsberichterstattung. Das ist der eigentliche Skandal.

In einer weiteren Pressemitteilung vom heutigen Tage weist das Helmholtz-Zentrum die Vorwürfe erneut zurück und erläutert, weshalb sie falsch sind. Darüber hinaus veröffentlichte die Senatsverwaltung für Umwelt heute eine ausführliche Stellungnahme, mit der die erhobenen Vorwürfe detailliert und nach meinem Eindruck höchst plausibel widerlegt werden.

Die unglückselige Lust der Journalisten an rücksichtslos skandalisierender Berichterstattung ist uns Medienkonsumenten zur Genüge bekannt. Sie wird nur übertroffen von der Lust an der Häme, die in den betreffenden Beiträgen zumeist ausgeschüttet wird, und von der wichtigtuerischen Arroganz zahlreicher Möchtegern-Enthüllungsjournalisten.

Im Augenblick sieht es so aus, als würden wir mit den beiden Kontraste-Beiträgen einen weiteren Höhepunkt eines schlechten, ungenügend recherchierenden und daher irreführenden investigativen Journalismus erleben. Einem Hans Leyendecker, der seinem eigenen Berufsstand durchaus kritisch gegenübersteht, würde so etwas niemals passieren. Man möchte seinen Berliner Kollegen dringend den Besuch von Fortbildungen des netzwerk recherche e.V. empfehlen, das Leyendecker gegründet hat. Mindestens aber die Lektüre der Dokumentation einer Fachtagung zum Thema „Fact-Checking: Fakten finden, Fehler vermeiden“, in deren Vorwort es heißt (Hervorhebung von mir):

„…der besondere Charme des Fact-Checkings liegt in den zahlreichen indirekten Wirkungen, die von der Überprüfung der Fakten und dem Klären der Sachverhalte ausgehen. Factchecking ist Gift für die grassierende copy and paste-Kultur und Treibstoff für den oft geforderten Qualitätsjournalismus.“

Und: „Hätten die gefürchteten Fact-Checker in den Verlagen diese (zuvor exemplarisch dargelegten) Pannen vermeiden können? Wohl nicht. Denn noch werden sie nicht für vorsichtiges Nachdenken, gründliches Ausleuchten des Terrains und den skeptischen Umgang mit interessengeleiteten Informanten eingesetzt. „Fakten-Checker“ betreiben noch eine Orchideendisziplin, sind für viele Journalisten eher ‚lästige Besserwisser‘ und ’nervende Nachfrager‘.“

Siehe auch „Riss im Berliner Forschungsreaktor“ – DerWesten, 23.06.2011

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3 Kommentare

  1. Markus Wichmann

     /  27. Juni 2011

    Meiner Auffassung nach ist die Kombination von bewusster Falschmeldung und dramatischer Panikmache in der Tat ein Skandal.

    Ich habe daher an den Redaktionsleiter von „Kontraste“ und an die Programmdirektorin des rbb Beschwerden gesandt mit der Aufforderung, die Sache richtigzustellen. Mal sehen, was passiert.

    „Sehr geehrter Herr Borgmann,

    über die beiden Beiträge des Magazins „Kontraste“ zu Sicherheitsmängeln des Forschungsreaktors in Berlin-Wannsee am 09.06. und 23.06.2011 möchte ich mich in aller Form bei Ihnen beschweren. In beiden Beiträgen wird ein Katastrophenszenario konstruiert und dem Zuschauer mit Hilfe von Animationen drastisch vor Augen geführt, das nach übereinstimmender Expertenansicht aus technischen Gründen so völlig ausgeschlossen ist. Insbesondere der Beitrag am 23.06.2011 berücksichtigt nicht den zu diesem Zeitpunkt durch entsprechende Presseberichterstattung bereits allgemein bekannten tatsächlichen Sachstand („Riss“ beeinträchtigt das Kühlsystem in keiner Weise). Anstatt die Darlegungen von Seiten des Helmholtz-Zentrums und der unabhängigen Experten wahrheitsgemäß zu berücksichtigen und zu erläutern, werden Zitate daraus bewusst sinnentstellend so zusammengefügt, dass der Eindruck vermittelt wird, das Reaktorkühlsystem weise eine sogar vom TÜV bestätigte Undichtigkeit auf. Der korrekt interpretierte TÜV-Bericht kommt jedoch zum genau entgegengesetzten Ergebnis.

    Insbesondere angesichts der Tatsache, dass mit den Beiträgen bei Hunderttausenden von Berlinern Angst vor einer real drohenden Nuklearkatastrophe geschürt wurde, halte ich diese bewusst wahrheitswidrige Berichterstattung für völlig inakzeptabel. Ich fordere Sie auf, in der nächsten Kontraste-Sendung einen langst überfalligen richtigstellenden Bericht zu senden, der die vorliegenden Expertenäußerungen korrekt wiedergibt.

    Mit freundlichen Grüßen

    Markus Wichmann“

    „Sehr geehrte Frau Dr. Nothelle,

    die nachfolgend beigefügte Beschwerde an die Redaktionsleitung des Magazins „Kontraste“ möchte ich Ihnen zur Kenntnis bringen und Sie bitten, für eine rasche Richtigstellung zu sorgen sowie geeignete Maßnahmen zu ergreifen, damit sich derartig gravierende Falschberichterstattungen Ihres Senders nicht wiederholen.

    Mit freundlichem Gruß

    Markus Wichmann“

    Antworten
    • Markus Wichmann

       /  7. Juli 2011

      Nachdem ich am 01.07.2011 auf die beiden Mails immer noch keine Antwort bekommen hatte, habe ich der Intendantin geschrieben – mit wenig Hoffnung auf eine Stellungnahme. Die sitzen das aus.

      Sehr geehrte Frau Reim,

      ich möchte Sie von meinen Mails an Herrn Borgmann (Redaktionsleitung „Kontraste“) und Frau Dr. Nothelle in Kenntnis setzen, mit denen ich mich über die in hohem Maße irreführenden „Kontraste“-Beiträge zu angeblichen Sicherheitsmängeln des Wannseer Forschungsreaktors beschwert habe. Eine Antwort habe ich nicht erhalten.

      In den betreffenden Beiträgen am 09. und 23. Juni wurde auf der Grundlage falscher – z.T. wissentlich falscher – Tatsachenbehauptungen die reale Gefahr eines gravierenden Atomunfalls dargestellt. Das entsprechende Katastrophenszenario wurde dem Zuschauer mit Hilfe von Animationen drastisch vor Augen geführt – auch noch im zweiten Beitrag, in dem ein der Redaktion vorliegendes TÜV-Gutachten wahrheitswidrig als Beweis für einen „Riss im Kühlsystem“ zitiert wurde, obwohl das betreffende Gutachten das Gegenteil aussagt.

      Die Kombination von grob fahrlässiger, z.T. bewusster Falschberichterstattung und reißerisch-suggestiver Panikmache halte ich für skandalös. Es kann nicht Aufgabe des öffentlich-rechtlichen Fernsehens sein, die Bevölkerung mit derartigen Methoden in Angst und Schrecken zu versetzen. Ihr Sender sollte die Sache nunmehr im Interesse der vollkommen unnötig verunsicherten Bevölkerung zumindest richtigstellen.

      Mit freundlichen Grüßen

      Markus Wichmann

      Antworten
  2. Hallo Markus,

    vielen Dank für den Hinweis unter dem Beitrag in meinem Blog (Zeit der Wahrheit)! Das ist ja echt ein Unding, dass jetzt sogar schon Leute, die sich als Enthüllungsjournalisten bezeichnen, eine so schräge Nummer abziehen. Leider ist mir das entgangen – habe nicht immer so viel Zeit übrig, um hinter allem her zu recherchieren.. Aber dafür gibt es ja dann so liebe Menschen, die einen dann mal auf sowas stupsen.
    Wünsche Dir noch weiterhin alles Gute!

    Liebe Grüße

    Zoran Nilsson

    (Hervorhebung von mir. MW)

    Antworten

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