Guttenbergs Zapfenstreich: „Smoke on the water, fire in the sky“

Deep Purples „Smoke on the water“, einen der berühmtesten Rocksongs aller Zeiten, wird das Stabsmusikkorps der Bundeswehr heute abend auf Wunsch des Ex-Verteidigungsministers zu dessen militärischem Abgesang, dem Großen Zapfenstreich, intonieren. Dieses uralte, pompöse Militärzeremoniell ist wahrlich nicht mehr zeitgemäß, und in diesem Fall fragt man sich zudem besorgt, was das Traditionsblasorchester der Bundeswehr wohl aus dem ihm völlig artfremden Musikstück machen wird, das doch so ganz auf elektrische Gitarren zugeschnitten ist.

Der Text des Songs, der auf einer wahren Begebenheit beruht, lädt zu einer schmunzelnden Betrachtung darüber ein, welcher Schalk, welche bewußten oder unbewußten Motive den bekennenden Rockliebhaber wohl gerade dieses Prachtstück der Rockgeschichte haben wählen lassen, das – versteht man den Text in einem übertragenen Sinn – voller Bezüge zu Guttenbergs eigener Geschichte ist. Beim zweiten Musikwunsch des Freiherrn, dem Marsch „Ludwig II.“, liegt dies auf der Hand: dessen Namensgeber war bekanntlich der schillernde bayerische „Märchenkönig“, mit dem der fränkische Freiherr oftmals verglichen wird.

„Smoke on the water“ erzählt die Geschichte einer ziemlichen Katastrophe (ausführlicher hier), die über die Rockband Deep Purple hereinbricht, als sie Anfang Dezember 1971 ihr Album „Machine Head“ aufnehmen will – am Tag darauf wird übrigens Karl Theodor das Licht der Welt erblicken. Mit einem von den Rolling Stones geliehenen mobilen Tonstudio ist die Band eigens an den Genfer See gefahren, um die Konzerthalle des Kasinos von Montreux als Aufnahmeort zu verwenden. Dort, im „best place around“, gibt zunächst Frank Zappa mit den „Mothers of  Invention“ ein Matinee-Konzert. „Irgendein Idiot“ ballert dabei vor lauter Übermut mit einer Leuchtpistole herum und setzt den gesamten Komplex nachhaltig in Brand („…some stupid with a flare gun burned the place to the ground“). Deshalb gibt es so reichlich „smoke on the water, fire in the sky“.

„They burned down the gambling house, it died with an awful sound“ – „sie brannten das Spielkasino nieder, es endete mit einem entsetzlichen Geräusch“ – „unter grauenhaftem Getöse“, findet man auch in den Übersetzungen. „Funky Claude“Claude Nobs, der spätere Gründer und Leiter der Jazzfestspiele Montreux, der die Band bei ihrem Besuch betreut  – versucht zunächst zu retten, was zu retten ist, schafft vor allem die Kids da raus, und sucht den Rockmusikern dann einen neuen Aufnahmeort.  Die Zeit läuft jedoch davon, und es sieht so aus, als würden sie das Rennen verlieren („Swiss time was running out, it seemed that we would lose the race“). Nach einer Zwischenstation landen sie schließlich im Montreux Grand Hotel, das zwar „leer, kalt und kahl“ ist, aber mit der mobilen Aufnahmestation kann das Projekt dort zu einem guten Ende gebracht werden. Als Sahnehäubchen verarbeiten die Musiker das Erlebte noch zu ihrem späteren Welthit.

Alles halb so wild, am Ende wird’s gut ausgehen – ob das die Botschaft ist? Die ganze Affäre nur eine weitere Zutat zur „verwegenen Charakter- und Lebensmelange“? Easy come, easy go, easy come back – Funky Horst wird’s scho richten?

„No matter what we get out of this, I know… I know we’ll never forget” – „egal, was wir da herausbekommen“, endet der Rocksong, „ich weiß, vergessen werden wir es nie“.

Wir auch nicht. Ob wir es irgendwann einmal verzeihen werden, ist eine andere Frage.

Der Originaltext der drei Strophen:

We all came out to Montreux on the Lake Geneva shoreline
To make records with a mobile – We didn’t have much time
Frank Zappa and the Mothers were at the best place around
But some stupid with a flare gun burned the place to the ground

They burned down the gambling house, it died with an awful sound
Funky Claude was running in and out, pulling kids out of the ground
When it all was over, we had to find another place
Swiss time was running out, it seemed that we would lose the race

We ended up at the Grand Hotel, it was empty, cold and bare
But with the Rolling Truck Stones thing just outside making our music there
With a few red lights an‘ a few old beds, we made a place to sweat
No matter what we get out of this, I know… I know we’ll never forget

S. auch „Smoke on the Bendlerblock“ – Eine Stilkritik von Ralf Klassen (stern.de, 10.03.2011) und „Guttenberg tritt seine ‚Zeit der Reue und Buße‘ an“ von Torsten Krauel (Welt, 10.03.2011)

11.03.2011: Das Bundesministerium der Verteidigung hat auf seiner Webseite die Abschiedslaudatio von Thomas de Maiziere und die Dankesrede Karl Theodor zu Guttenbergs als Hörbeitrage veröffentlicht (hier eine Transkription der Dankesrede).

„Eine notwendige Zeit der Reue, wahrscheinlich auch der Buße“ folge für ihn jetzt, sagte Guttenberg unter anderem. Na, das wär doch schon mal was. Und zu seinen Musikwünschen: „Einige werden sich wundern über die Titelauswahl beim Großen Zapfenstreich. Ich rufe der überschaubaren Zahl der Ironiebegabten unter den Kommentatoren zu, dass sie diese Ironie mal einsetzen sollten oder als solches sehen sollten.“ Das spricht für meine Interpretation (und gegen die von Herrn Klassen (Stern, s.o.)).

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