Guttenbergs Selbstbild: „Verwegene Charakter- und Lebensmelange“

„Allzu viele mussten meine verwegene Charakter- und Lebensmelange ertragen und ich bin allen überaus dankbar für unbeugsame Gelassenheit. Gleichwohl: Wirkliche Besserung ist kaum absehbar.“

So fasste Karl-Theodor zu Guttenberg im Winter 2008 im Vorwort zu seiner Dissertation den an dieser Stelle üblichen Dank an all diejenigen zusammen, denen er geschuldet wurde. Dass diese Sätze drei Jahre später auch seinen nächsten Lebensabschnitt treffend charakterisieren würden, ahnte er gewiss nicht. „Allzu viele“ hat heute jedoch eine völlig andere Dimension, und der Dank für „unbeugsame Gelassenheit“ im Ertragen der charakterbedingten Verwegenheit darf sich nun an die Spitzen seiner Partei und unseres Staates richten – untrügliches Zeichen für den zwischenzeitlichen Aufstieg des damals frischgebackenen Doktors.

Aber auch die Einleitung zum persönlichen Teil des Vorworts ist von nachgerade prophetischer Qualität:

„Diese Arbeit entspringt einer ungewöhnlichen Verkettung von Glücksfällen. Oder nach anderem (…) Verständnis der vereinzelten Wahrnehmung eines ‚Kairos‘.“

Im November 2008 heisst der Glücksfall Horst Seehofer, Bruder im Geiste und ebenfalls verwegener Lebensmelangekünstler, der ihn zum CSU-Generalsekretär beruft, weil ihn des Freiherrn „Auftritt beeindruckte, die blendende Rhetorik, der Stil“ (so Peter Dausend in der „Zeit“). Bereits drei Monate später, im Februar 2009, schlägt erneut die Gunst der Stunde, und der CSU-Vorsitzende, inzwischen glühender Bewunderer des von ihm entdeckten Polittalents, macht ihn zum Nachfolger von Michael Glos, der als Wirtschaftsminister das Handtuch geworfen hat. Als Kontrastprogramm zum müden, alternden Problembären kommt Guttenberg wie gerufen. Glanz und Glamour halten nun Einzug in die Bundespolitik. Innerhalb kurzer Zeit verwandelt der smarte Adelsmann „sich vom Nachwuchstalent in ein politisches Heilsversprechen (…), in eine Verheißung auf ein besseres Morgen“, dem bereits im Herbst 2010 „immense Macht“ zugewachsen ist (Peter Dausend, a.a.O.).

Aber: der im Vorwort zur Dissertationsschrift mehrfach bemühte Kairos, „der be- und ergriffene Moment“ vermag diesmal „dauerhafte Kräfte (nicht) zu entfalten“. Den Politstar holt die gedankenlose, realitätsferne Verwegenheit seiner Trickster-Persönlichkeit ein. Auch das „Sonnendeck der Titanic“, auf dem der Vater den kleinen KT, das „Sonntagskind“, ahnungsvoll geboren sah, war dem Untergang geweiht.

„Wirkliche Besserung ist kaum absehbar“ lautet die Selbsteinschätzung des damals 37-jährigen. Zumindest nicht, füge ich hinzu, ohne dass eine intensive psychotherapeutische Aufarbeitung des Desasters erfolgt, in das die „verwegene Charakter- und Lebensmelange“ den „Märchenprinzen“ (Biografen Lohse/Wehner, a.a.O.) geführt hat. Sich damit zunächst offen zu konfrontieren und Abschied zu nehmen von Dolchstoßlegenden, Medienschelte und von allen Versuchen, die Verantwortung für eigenes Handeln auf andere zu schieben – das wäre unabdingbare Voraussetzung für eine Nachreifung des „talentierten Mr. Guttenberg“.

(Eine Auseinandersetzung mit dem Sprachstil von Guttenbergs Vorwort findet sich im Editorial zu aktuellen Ausgabe von literaturkritik.de)

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