Guttenberg – ein Psychopath? (4) – Weitere Aufklärung ist geboten

„Die Chance zum Comeback“ überschreibt der Focus seine neuste Titelgeschichte – vier Tage nach dem Rücktritt des Ministers. 71 Prozent der Deutschen wünschen sich laut einer Umfrage des Magazins eine Rückkehr des Freiherrn in die Politik. Zahlreiche Unionspolitiker befürworten ebenfalls ein baldiges Comeback, und für Horst Seehofer gehört der fränkische Überflieger gar weiterhin „fraglos zu den genialsten Köpfen, die wir jemals hatten und haben.“

In der Tat könnte Guttenberg sich bereits bei den nächsten Bundestagswahlen 2013 wieder ins Parlament wählen lassen. „Wird er wieder in den Bundestag gewählt, kann er sagen, der Wähler habe ihm verziehen“, meint Dana Schülbe in der Rheinischen Post. Dann seien „auch wieder höhere Ämter für den einst und noch heute hochgelobten Politstar möglich“. Schon jetzt sei „kaum noch ein Wort über seine Glaubwürdigkeit (…) zu vernehmen“, stattdessen gehe es „vielen nur noch um seine Fähigkeiten als Minister“.

Auch die Bundeskanzlerin erläuterte in einem Interview mit den Stuttgarter Nachrichten noch einmal ihre Haltung zu Guttenberg. Er sei ein „hochbegabter Politiker“ und ein „ausgezeichneter Minister“ gewesen. Seine „wissenschaftlichen Fehler“ hätten „nicht mit seinem Amt in Verbindung“ gestanden. Sie sei „in der Abwägung von Fehlern und Leistungen“ zu der Auffassung gekommen, „dass er weiter ein guter Minister hätte sein können“. In der politischen Bewertung zähle für sie „seine wertvolle Arbeit für die Bundeswehr, die begonnene Bundeswehrreform, sein Engagement für die Soldaten, seine klaren Worte zum Afghanistaneinsatz – das alles bleibt richtig und wichtig.“ Guttenberg habe sich „mit seiner Auffassung einer modernen Bundeswehr (…) um unser Land verdient gemacht.“ Und: „Wie groß dieses Verdienst ist, wird vielen vielleicht erst später bewusst werden.“

Diese Bewertung und die oberflächlichen Vorstellungen Frau Merkels von den Fähigkeiten eines Ministers machen betroffen. Die fachlichen Kompetenzen Guttenbergs für seine bisherigen Ministerämter sind in Wahrheit höchst umstritten und vermutlich begrenzt; für eine Auszeichnung mit dem Prädikat „ministrabel“ fehlen ihm vor allem aber wesentliche Persönlichkeitseigenschaften, jenseits des schönen, populistischen  Scheins. Als Beispiel sei hier nur die Entlassung zweier altgedienter Spitzenbeamter erwähnt, die kurz nach Amtsaufnahme Guttenbergs als Verteidigungsminister als Sündenböcke für dessen impulsive, unausgegorene Spontankommentare herhalten mussten, für die er selbst nicht die Verantwortung übernehmen mochte. Dass die deutsche Bevölkerung sich durch die boulevardgestützte Inszenierung eines geschickten Selbstdarstellers mehrheitlich blenden lässt und seiner Idolisierung anheimfällt, ist schlimm genug, wenn auch sozialpsychologisch erklärbar. Dass gestandene Politiker und sogar die Bundeskanzlerin der gleichen Fehleinschätzung erliegen, macht fassungslos. Diejenigen, die im politischen Alltag täglich mit ihm zusammengearbeitet haben, hätten die Diskrepanz zwischen Charisma und Substanz wahrlich bemerken müssen, die nüchternen externen Beobachtern bereits länger aufgefallen war. Es sei denn, man bewertet auch auf dieser Ebene nicht nach Leistung, sondern allein nach Maßgabe von Popularität und Umfragewerten.

Der kometenhafte Aufstieg des fränkischen Freiherrn zum beliebtesten deutschen Politiker ist einzigartig in der Nachkriegsgeschichte. Er zeigt die Sehnsucht der Bevölkerung nach der Droge Charisma – und die Gefahren, die dieses Verlangen mit sich bringt. Weitere Aufklärung über die Funktionsmechanismen der Persönlichkeit eines Blenders ist daher „geboten“ – um einen Begriff aus Guttenbergs Vokabular für seine „Souveränitätsshow“ zu verwenden. Für die Bevölkerung, vor allem für die verbliebene Fangemeinde, aber auch für diejenigen Unionspolitiker, die ihm ebenfalls auf den Leim gegangen sind und daran immer noch festkleben.

Siehe auch:

Unter dem Titel „Guttenberg – Schön gefärbt und hoch gestapelt“ hat Roman Seda im oberstübchen eine 6-teilige Artikelserie veröffentlicht, in der die Lebensgeschichte des Freiherrn sowie Wirken und Wirkung des Phänomens Guttenberg detailliert durchleuchtet und ebenso stil- wie treffsicher der endgültigen Entzauberung zugeführt wird.  Spitze! Glückwunsch!

Der Denkraum wird sich mit dem Thema nicht weiter befassen, nachdem es im November 2011 (si tacuisses…) endgültig zur Posse geraten ist. Mit tragischem Akzent, den Hauptakteur und seine Familie betreffend.

Ich empfehle den famosen Vater. Haben Sie die Einleitung zu Haydns „Jahreszeiten“ (Hörprobe) je so packend, so dramatisch intoniert gehört?

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