Guttenberg – ein Psychopath? (2)

„Ihr wisst es, dass mein großer Bruder
Kein Schlechter ist und auch kein Guter.
Er ist wie alle hier im Saal
Ein netter Kerl und stinknormal.“

Aus der Knappenrede des Bruders Philipp zu Guttenberg
anlässlich der Verleihung des Ordens „Wider den tierischen Ernst“ 2011
an Karl-Theodor zu Guttenberg

„Überschätzung macht leicht den Menschen, der überschätzt wird, hochmütig.“

Baruch de Spinoza, Ethik, Buch IV, Über die menschliche Knechtschaft oder die Macht der Affekte

Neuerdings steht in der Sache zu Guttenberg auch die Frage nach psychopathologischen Anteilen der Persönlichkeit des Ministers im Raum. Spätestens, als Jürgen Trittin den amtierenden Verteidigungsminister im Bundestag als Hochstapler bezeichnete und ihn mit Thomas Manns Romanhelden Felix Krull verglich, ohne dafür vom Parlamentspräsidenten gerügt zu werden, sah sich die interessierte Öffentlichkeit mit dieser Sichtweise konfrontiert. Jetzt wurde diese Frage erneut von dem Bayreuther Staatsrechtler Prof. Oliver Lepsius aufgeworfen (s. vorheriger Blogbeitrag), dem Nachfolger auf dem Lehrstuhl des Doktorvaters zu Guttenbergs.

Prof. Lepsius geht – wie die meisten der mit wissenschaftlicher Tätigkeit vertrauten Zeitgenossen – angesichts des mittlerweile offen zutage liegenden Umfangs der in der Dissertation enthaltenen Plagiate und weiterer Indizien zweifelsfrei von einer geplanten, absichtlichen Täuschung aus. Er fragt sich, wie der Minister in dieser Situation gleichwohl behaupten könne, er habe nicht bewußt bzw. absichtlich getäuscht. Der Rechtsprofessor kann sich an dieser Stelle nur einen Fall von geradezu absurder „Wirklichkeitsverdrängung“ vorstellen. Guttenbergs Wahrnehmung seines Handelns divergiere dramatisch von seinem tatsächlichen Handeln. Prof. Lepsius zeichnet das Bild eines Menschen, der offenbar nicht weiß, was er tut, dem das Verantwortungsgefühl für seine eigenen Handlungen fehlt. Er zweifelt an Guttenbergs „charakterlichen Fähigkeiten zur Selbsteinschätzung seiner Handlungen“. Dazu würde ihn die Meinung psychologischer Fachleute interessieren.

Dadurch angeregt will der Verfassser dieser Zeilen, seit mehr als 30 Jahren Psychotherapeut und Psychoanalytiker, einige Überlegungen aus psychologischer Sicht beisteuern. Stellungnahmen von fachpsychologischer Seite zu Personen des öffentlichen Lebens sind nicht ungewöhnlich: bereits Freud äußerte sich in einer großangelegten Charakterstudie zur Persönlichkeit des damaligen amerkanischen Präsidenten Woodrow Wilson (Spiegel-Artikel dazu) und im Blog PsychoNeuro des Verfassers findet sich ein Beitrag aus dem Jahr 2008, der den amerkanischen Psychoanalytiker Justin Frank präsentiert – „inside the mind of President Bush“.

Die Frage nach einem psychopathologischen Hintergrund des skandalträchtigen Geschehens ist auch für den Fachmann nicht leicht zu beantworten, und schon gar nicht mit einem klaren „ja“ oder „nein“. An welche Form der Psychopathologie wäre zu denken? Die Begriffe, die im Raum stehen, sind Hochstapler, Blender, Schwindler – jeweils mit der Tendenz zum Realitätsverlust. Lassen sich, auf der Basis dessen, was die Öffentlichkeit über Herrn zu Guttenberg weiß, Persönlichkeitseigenschaften erkennen, die in diese Richtung weisen? Kann man auf seriöse Weise begründete Vermutungen über die Psychodynamik anstellen, die in dem charismatischen Spitzenpolitiker am Werke ist? Und wie könnte es wohl derzeit in ihm aussehen?

Wahrheitsgemäße Selbstdarstellung?

Eine ganz entscheidende Frage ist zunächst, ob dem Minister nicht jederzeit vollkommen bewusst ist, dass er absichtsvoll gehandelt hat, als er seine Dissertation „als Collage“ (Prof. Lepsius) aus fremden, bereits vorhandenen Texten entweder selbst zusammenschrieb oder aber einen Ghostwriter beauftragte, der sich die Aufgabe leicht machte und seinerseits die heute vorliegende Plagiatscollage fabrizierte, in diesem Fall vermutlich hinter dem Rücken des Auftraggebers. In beiden Fällen wäre zu Guttenberg gewiss davon ausgegangen, seine Täuschung würde nicht entdeckt werden.

Prof. Lepsius geht jedoch unausgesprochen von der Annahme aus, die von Herrn zu Guttenberg stereotyp mitgeteilte Selbsteinschätzung, er habe nicht bewußt und absichtlich getäuscht, entspreche als solche der Wahrheit. Die Alternative, dass dem Minister seine Absicht bei seinem Täuschungsversuch selbst bestens bekannt ist und er „lediglich“ aus juristischen und anderen Erwägungen an dieser Stelle gezielt und bewußt die Unwahrheit sagt, diese keineswegs unwahrscheinliche Variante erwägt Prof. Lepsius nicht. In diesem Fall einer – eventuell wohlkalkulierten – Lüge wäre die Wirklichkeitsverkennung aber zumindest nicht von der Art, wie Prof. Lepsius vermutet.

Eine Realitätsverleugnung wäre dann jedoch an anderer Stelle zu vermuten, nämlich bei der Frage, wie Herr zu Guttenberg angesichts der erdrückenden Faktenlage glauben kann, seine Darstellung seines Handelns als unabsichtlich bzw. unbewußt könne längerfristig Bestand haben. Die Wirklichkeitsverkennung würde darin bestehen, die laufende und noch bevorstehende Verschärfung der Vorwürfe – Prof. Lepsius‘ Interview ist ein erstes Beispiel – nicht bereits jetzt zu antizipieren, die ein Verbleiben im Amt immer problematischer machen wird. Schon jetzt werden weitere Plagiatsvorwürfe gegenüber Herrn zu Guttenberg erhoben, und die investigative Presse ist auf der intensiven Suche nach dem vermuteten Ghostwriter. Zudem wird die Angelegenheit bereits unter dem Blickwinkel einer möglicherweise vorliegenden Persönlichkeitsstörung des Ministers behandelt, also – volkstümlich ausgedrückt – der Geisteszustand des Herrn zu Guttenberg untersucht.

In diesen Zusammenhang ist an ein in den letzten Tagen häufig konstatiertes Merkmal des Handelns von zu Guttenberg zu erinnern, eine deutlich erkennbare Dreistigkeit, wie sie von Prof. Lepsius auch hinsichtlich der Täuschungen in der Dissertation festgestellt wurde. Diese Dreistigkeit kontrastiert auf den ersten Blick mit der gleichzeitig zur Schau getragenen Demutshaltung. Wenn der Minister das Bekennen seiner Fehler und seine Entschuldigung jedoch gleich im nächsten Zuge als geradezu vorbildlich hinstellt, wie in einer Bundestagsrede geschehen, so erkennt man hier wieder die Chuzpe, die Guttenberg eigen ist. Wikipedia führt zu diesem aus dem Jiddischen stammenden Begriff aus, man spreche „insbesondere von Chuzpe, wenn jemand in einer eigentlich verlorenen Situation mit Dreistigkeit noch etwas für sich herauszuschlagen versucht“. (Zum Charakterzug der sozialen Dreistigkeit später mehr.)

Die gegenwärtige Konfliktlage des Herrn zu Guttenberg

Zunächst sollte man sich jedoch vor Augen führen, dass Herrn zu Guttenbergs Entscheidung, nicht zurückzutreten, von ca. drei Vierteln unserer Bevölkerung unterstützt wird, quer durch alle Parteien, vermutlich im wesentlichen von den Nichtakademikern in unserer Gesellschaft und von denjenigen, die Guttenbergs gravierende wissenschaftliche Entgleisung mit dem „Schummeln“ bei einer Klassenarbeit vergleichen, sich damit gern identifizieren und sich die wahre Dimension dieses „Schummelns“ als Diebstahl geistigen Eigentums zum Zwecke der Erschleichung eines Doktortitels gar nicht bewusst machen, vielleicht infolge mangelnder Vertrautheit mit akademischen Gepflogenheiten auch nicht bewußt machen können.

Man mache sich einen Moment lang klar, in welche Lage diese überwältigende Zustimmung in der Bevölkerung nicht nur Herrn zu Guttenberg, sondern auch alle anderen CDU/CSU-Granden bringt, die ihn jetzt stützen. Ein Rücktritt würde derzeit gegen die erklärte Willensbildung von ca. drei Vierteln der Wähler erfolgen. Jeder, der ihm in dieser Situation zum Rücktritt raten würde, nähme in Kauf, dass die Partei ihren nach wie vor herausragenden Sympathieträger verlieren würde. Würde die Kanzlerin ihn gar entlassen, würde sie nicht nur den Unmut dieser großen Mehrheit auf sich ziehen, sondern geradezu als Verräterin dastehen.

Herr zu Guttenberg selbst dürfte sich derzeit psychisch in einem konfliktreichen Spagat zwischen Schuld- und Schamgefühlen einerseits und der Wahrnehmung dieser fortbestehenden Unterstützung seiner Person durch die Masse der Bevölkerung andererseits befinden, die ihm suggeriert, den Skandal überstehen zu können.

(Wird fortgesetzt nach Lektüre der voraussichtlich am 21. März 2011 erscheinenden aktualisierten Neuauflage der Guttenberg-Biographie von Lohse/Wehner)

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2 Kommentare

  1. Dr. Salli Kline

     /  28. Februar 2011

    Entweder ist er ein Psychopath (was ich persönlich glaube) oder er befindet sich „psychisch in einem konfliktreichen Spagat zwischen Schuld- und Schamgefühlen.“

    Antworten
    • Markus Wichmann

       /  28. Februar 2011

      „… einerseits und der Wahrnehmung dieser fortbestehenden Unterstützung seiner Person durch die Masse der Bevölkerung andererseits“ – sonst macht es keinen Sinn. Die von Ihnen aufgezeigte Alternative hat allerdings einiges für sich, ist es doch oft ein wesentliches Kennzeichen für Psychopathie, Schuld- und Schamgefühle eben gerade nicht zu empfinden, wenn sie eigentlich am Platz wären.

      Antworten

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