Die Steinbrück – Krugman – Kontroverse

Peer Steinbrück, Finanzminister mit Rückgrat, erläuterte in einem Interview mit Newsweek am 6. Dezember die ablehnende deutsche Position zu einem großen kreditfinanzierten und neuverschuldungswirksamen Konjunkturstützungsprogramm.

Paul Krugman, sozialdemokratisch orientierter Ökonom und diesjähriger Wirtschaftsnobelpreisträger, kommentierte am 11. Dezember Steinbrücks Interview in seinem New York Times-Blog – und nahm dabei wahrlich kein Blatt vor den Mund:

There’s an extraordinary — and extraordinarily depressing — interview in Newsweek with Peer Steinbrueck, the Germany finance minister. The world economy is in a terrifying nosedive, visible everywhere. Yet Mr. Steinbrueck is standing firm against any extraordinary fiscal measures, and denounces Gordon Brown for his “crass Keynesianism.”

You might ask why we should care. Germany’s economy is the biggest in Europe, but even so it only accounts for about a fifth of EU GDP, and it’s only about a quarter the size of the US economy. So how much does German intransigence matter?

The answer is that the nature of the crisis, combined with the high degree of European economic integration, gives Germany a special strategic role right now — and Mr. Steinbrueck is therefore doing a remarkable amount of damage.

Here’s the issue: we’re rapidly heading toward a world in which monetary policy has little or no traction: T-bill rates in the US are already zero, and near-zero rate will prevail in the euro zone quite soon. Fiscal policy is all that’s left. But in Europe it’s very hard to do a fiscal expansion unless it’s coordinated.

The reason is that the European economy is so integrated: European countries on average spend around a quarter of their GDP on imports from each other. Since imports tend to rise or fall faster than GDP during a business cycle, this probably means that something like 40 percent of any change in final demand “leaks” across borders within Europe. As a result, the multiplier on fiscal policy within any given European country is much less than the multiplier on a coordinated fiscal expansion. And that in turn means that the tradeoff between deficits and supporting the economy in a time of trouble is much less favorable for any one European country than for Europe as a whole.

It is, in short, a classic example of the kind of situation in which policy coordination is essential — but you won’t get coordination if policymakers in the biggest European economy refuse to go along.

And if Germany prevents an effective European response, this adds significantly to the severity of the global downturn.

In short, there’s a huge multiplier effect at work; unfortunately, what it’s doing is multiplying the impact of the current German government’s boneheadedness.

13. Dez. 2008: In einem Interview mit dem „Spiegel“ legt Krugman noch einmal nach. „Sie (Steinbrück und Merkel) denken immer noch in den Kategorien einer Welt, wie sie vor ein oder zwei Jahren zu sein schien, mit Inflation und Defiziten als größter Gefahr. Die Folge: Sie verkennen den Ernst der Wirtschaftskrise und verschwenden so wertvolle Zeit – für Deutschland und für Europa. (…) Vielleicht fehlt ihnen intellektuelle Beweglichkeit.“

Holger Schmieding, Chefvolkswirt für Europa der Bank of America, äußert in seinem Kommentar in der Financial Times am 8. Dezember erheblich mehr Verständnis für die deutsche Position: „Calls for a German fiscal stimulus defy logic“.

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2 Kommentare

  1. Cinquero

     /  27. März 2009

    Paul Krugman ist ein Idiot.

    Wenn er es nicht wäre, warum sind dann Leute wie Jim Rogers Milliardäre und nicht er? Manchmal sollte man einfach auf diejenigen hören, die seit Jahrzehnten ihre Fähigkeiten erfolgreich unter Beweis stellen.

    Fakt ist: der weltweite Kreditboom in den letzten Jahren (gigantischer M3 Anstieg in USA und EU) hat die Weltwirtschaft angetrieben. Die westliche Welt ist auf dem Höhepunkt ihrer wirtschaftlichen Entwicklung längst angekommen. Wir haben das Rad, das Feuer, die industrielle Produktion und den Computer und die automatisierte Produktion erfunden. Jegliche weitere Effizienz dient nun nicht mehr der Erweiterung der Nachfrage, sondern der Reduktion der Arbeit. Kredite stellen Lasten dar, die vor dem Hintergrund eines ausbleibenden Wachstums schädlich sind. Die will keiner mehr haben in diesem Umfeld (es herrscht KEINE Kreditknappheit — es macht nur keinen Sinn mehr Kredite aufzunehmen oder welche zu vergeben!). Bevor diese Geldmengen nicht abgebaut sind, wird sich die Situation nicht normalisieren! In Q4 2008 hat eine gigantische Vermögensvernichtung in den USA stattgefunden — aber die ausstehenden Kredite sind praktisch gleich geblieben!

    Krugman ist ein Idiot.

    Er hat einfach nicht kapiert, daß jegliche Erhöhung der Staatsschulden in Form von Konjunkturprogrammen die Erholung (Kreditvernichtung) behindern und nichts anderes als Subventionen für lange überflüssige Überkapazitäten darstellen.

    Es gab einmal die Aussage, daß die Autoindustrie eigentlich nur dazu da ist, die Autos zu bauen, damit die Autobauer zum Autobauen fahren können. Die Grundwahrheit, die in dieser Aussage steckt, wurde niemals wirklich ernst genommen. Das liegt einfach daran, daß nur die wenigsten wirtschaftliche Prozesse begreifen können, die über Jahrzehnte hinweg dauern und temporär durch z.B. Kreditexzesse verdeckt werden.

    Wenn Wirtschaftstheoretiker auch nur einen einzigen Pfennig wert wären, wären wir nicht in dieser Situation. Krugman hat selbst vor kurzem zugegeben, daß er es nicht für möglich gehalten hätte, daß wir auf eine weltweite Rezession zusteuern. Ganz offensichtlich hat er nicht die allergeringste Ahnung von den weltwirtschaftlichen Abhängigkeiten gehabt.

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    • Ist er ein Idiot? Ich stelle mir eher die Frage, ob solche Aussagen wissenschaftlich oder nicht vielmehr druch und durch ideologisch sind. Um noch weiter zu gehen: als Naturwissenschaftler (der auch mal VWL studiert hat) behaupte ich seit langem, das Wirtschaftswissenschaft keine solche ist. Siehe auch Binswanger: die Glaubensgemeinschaft der Ökonomen. Man kann „Business“ studieren und das Handwerk der Unternehmensführung erlernen, aber makro- und mikroökonomische Theorie kratzen im Allgemeinen lediglich an der Oberfläche der Wirklichkeit. Das aber dafür mit riesigem Aufwand.

      Beim Thema überkapazitäten und AUtos um zum AUtobauer zu fahren fallen mir noch die Schlagwörter „Grenznutzen“ und „künstlich geschaffene Bedürfnisse“ ein. Und dann ist da noch die für Naturwissenschaftler immer recht schwer verdauliche Sache mit dem ewigen exponentiellen Wachstum…

      Antworten

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