„Zeittotschlagmaschine für die Ungebildeten“ – zu RR’s Medienkritik

Zur Abwechslung ein wenig Medienkritik.

Reich-Ranickis wunderbare Attacke gegen den „Blödsinn“ der gegenwärtigen Fernsehunterhaltung ist Gegenstand einer ausgedehnten Debatte in den Feuilletons. „Der Tagesspiegel“  brachte heute einen klugen Artikel von Harald Martenstein über den „Partyschreck“, den „Zeit Online“ übernahm. Einige Auszüge:

„Der alte Mann brachte einen Mut auf, den nicht viele besitzen. Wer schafft es, Hunderten von Leuten geradeaus ins Gesicht zu sagen, dass man für dumm hält, was sie gerade stundenlang bejubelt haben? Während Reich-Ranicki redete, zeigten die Kameras Gesichter aus der Zuschauermenge, Ferres- und Kernergesichter. Das Dauergrinsen, das sie an diesem Abend trugen, ging nicht ab. Sie lächelten weiter. Anders können sie offenbar gar nicht. (…) Die Party ging weiter. In den Nachrichten machte man mit dem Eklat Werbung für die Sendung, die vorab aufgezeichnet worden war. „Topquote“, meldete stern.de, und: „Besser konnte es für das ZDF nicht laufen.“ Das System verdaut alles. (…)

Das größte Problem bestand allerdings in der Zeremonie des Verleihens. Die Zeremonie sollte auf keinen Fall nach „Kultur“ aussehen, nach Ernst, pathetisch gesagt, nach Wahrheit. Egal, wie ernsthaft, witzig oder engagiert die Sendungen im Einzelnen tatsächlich waren, es wurden fast immer dümmliche oder reißerische Passagen zusammengeschnitten. In Thomas Gottschalks Präsentation und in den Reden der Laudatoren verwandelten sie sich alle in harmlose Unterhaltung, in Partystimmung und Small Talk. Selbst die Oscar-Zeremonie, kein Ort, an dem ästhetische Revolutionen stattfinden, wirkt intellektuell, frech und selbstkritisch, verglichen mit dem Deutschen Fernsehpreis. (…)

Es ist kein Zufall, dass Reichs Nachfolgerin Elke Heidenreich nur noch lobt und niemals kritisiert. So hätten sie es gerne überall. Nicht meckern, nur feiern. Der Fernsehpreis soll den kritischen und deshalb lästigen Grimme-Preis in den Hintergrund drängen. So, wie Heidenreich Nachfolgerin Reich-Ranickis ist, wie die Filmindustrie den Deutschen Filmpreis auf Mainstream zu trimmen versucht, wie die hübsche Katharina Wagner statt der intellektuellen Nike Wagner Bayreuth übernimmt, wie das Wort Bestsellerautor den Begriff Schriftsteller verdrängt, wie fast überall seit Jahren die Bilder größer werden und die Texte kleiner. Man hat das Gefühl, als solle das Publikum umerzogen werden, hin zur Anspruchslosigkeit von Maden. (…)

Aber Kultur kann mehr, im Fernsehen, in der Literatur, überall. Es ist möglich, die Welt aus einem anderen Blickwinkel zu sehen, es ist möglich, etwas zu durchschauen, es ist möglich, erschüttert, entzückt oder wütend zu sein. Kitsch schafft das nicht, Kalauer schaffen das nicht. Ein Fernsehen, das sich so präsentiert, als sei es nicht statthaft, über Kitsch und über Kalauer hinauszudenken, schafft sich als kulturelle Institution selber ab. Es wird zu einer Zeittotschlagsmaschine für die Ungebildeten, die anderen wandern ins Internet ab. Dort gibt es alles.“

Dazu ein FAZ-Interview mit Reich-Ranicki nach seinem Auftritt und Elke Heidenreichs sehr persönlicher Bericht über die Veranstaltung.

Gute Gelegenheit, mal wieder auf Neil Postman hinzuweisen, mit seiner Warnung, dass wir uns noch zu Tode amüsieren – ein Klassiker der Medienkritik.

„Problematisch am Fernsehen ist nicht, dass es uns unterhaltsame Themen präsentiert, problematisch ist, dass es jedes Thema als Unterhaltung präsentiert“, so ein berühmtes Diktum von Postman. Hier eine Zusammenfassung seiner Thesen.

15. Okt. 2008: „Götz George springt Reich-Ranicki bei“ (Focus)

17. Okt. 2008: „Reich-Ranicki-Talk – Gottschalk erwartet keinen Effekt“ (Spiegel)

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