„Vor dem Absturz noch ein paar Millionen mitnehmen“: Aus dem Innenleben von Wall Street

Am 11. Okt. 2008 veröffentlichte die FAZ unter dem Titel „Soll und Haben“ einen autobiografischen Bericht eines Wall Street Bankers, in dem dieser Denkweise und Lebensstil eines typischen Investmentbankers beschreibt, aber auch den gewaltigen Veränderungsprozess, den diese Branche derzeit durchmacht. Ich empfehle diesen Insiderbericht wärmstens. Nachfolgend einige Ausschnitte:

„Ich arbeite an der Wall Street, und ich will dort auch weiterarbeiten. Darum kann ich Ihnen weder meinen Namen noch den meines alten oder neuen Arbeitgebers nennen. Jetzt schon gar nicht, da jeder froh sein kann, wenn er noch einen Job hat. Aber auch in den allerbesten Zeiten, als die Kurse stiegen, die ganze Welt bei uns investierte, wäre keine Firma entzückt gewesen, wenn ein Angestellter aus dem firmeneigenen Nähkästchen geplaudert hätte. Was an die Öffentlichkeit dringen soll, wird heute wie damals genau kontrolliert. (…)

Der Glaube an die eigene Allmacht

Manchmal sehe ich die Kinder die ganze Woche nicht. Morgens, wenn ich um fünf Uhr aufstehe, schlafen sie noch, und abends, wenn ich um elf Uhr nach Hause komme, schlafen sie schon. Das ist das bei weitem Schlechteste an meinem Job. Das Gute ist, dass ich die Wochenenden frei habe. Ich handle seit zwanzig Jahren mit high yields, also mit Hochzinsanleihen, und die rund zwanzig Finanzinstitute, mit denen ich ständig in Kontakt bin, sind von Freitagnachmittag bis Montagmorgen geschlossen. Dafür muss ich werktags um sieben Uhr im Büro sein und nach Büroschluss an drei, vier Tagen in der Woche Geschäftspartner ausführen. (…)

Es herrschte in der Tat eine Atmosphäre, wie man sie aus dem Film „Wall Street“ und Tom Wolfes Roman „Fegefeuer der Eitelkeiten“ kennt, mit Finanzgenies, die sich für allmächtig halten, dicke Zigarren anzünden und die Hosenträger klatschen lassen.

Die Schraube noch ein bisschen weiter drehen

Im Jahr 2006 hatte diese Euphorie wohl ihren Höhepunkt erreicht. Anfang 2007 dachten wir schon, die Party könne nicht so weitergehen, aber sie ging weiter, und weil sie immer ausgelassener weiterging, weil die Gewinne immer fabelhafter wurden und der Druck, Gewinne zu machen, immer stärker, feierten die meisten weiter mit. Obgleich jeder sehen konnte, dass auch die Risiken im selben Maße wie die Gewinne zunahmen. Jeder war sich bewusst, dass irgendwann ein Rückschlag kommen musste, aber jeder dachte sich auch: Vielleicht können wir die Schraube noch ein bisschen weiterdrehen und vor dem Absturz noch ein paar Millionen mitnehmen. (…)

Keiner hat es geahnt

Allesamt hatten wir an der Wall Street keine Zweifel, dass uns eine Korrektur, wahrscheinlich sogar ein dramatischer Abschwung bevorstünde. Keiner, wirklich keiner hat geahnt, dass eine solche Katastrophe eintreten, dass der Wirtschaftszyklus völlig außer Kontrolle geraten könnte. Wir sahen zwar, wie immer mehr Leute, mit denen wir noch nie etwas zu tun hatten, auf die etablierten Märkte drängten und nach schnellen Deals Ausschau hielten: morgens kaufen, nachmittags mit einem Riesengewinn verkaufen. Das machte viele altgediente Finanzleute nervös. (…)

Die Regierung schob mit an

Die Regierung war es aber auch, die vor Jahren den Startschuss zu der aufregenden Rally gegeben hat. Washington wollte, dass mehr Leute sich ein Haus leisten können, und begann, die Zinssätze enorm zu drücken. Dadurch stiegen die Hauspreise, gingen Käufer immer größere Risiken ein und erzielten viele Finanzhäuser, die Darlehen zu undurchsichtigen Paketen zusammenschnürten und so neue Finanzinstrumente schufen, sagenhafte Gewinne. Es war ein System, das nur funktioniert hätte, wenn die Häuserpreise auf immer und ewig in die Höhe gegangen wären. (…)

Wenig Risiko, wenig Gewinn

Die großen Finanzhäuser, die noch überleben, sind jetzt gezwungen, sich wie Handels- und Geschäftsbanken zu verhalten und nach den entsprechenden Gesetzen zu verfahren. Die Risiken, die sie eingehen dürfen, sind weitaus geringer als jene, die sie in ihren Glanztagen auf sich nahmen. Das heißt, dass fast unweigerlich auch die Gewinne schwächer ausfallen. Wenig Risiko, wenig Gewinn. Zumindest darauf kann sich jeder an der Wall Street bis heute verlassen. Aber sonst ist von der Wall Street, wie ich sie über die Jahrzehnte kennengelernt hatte, nicht viel übriggeblieben.

Firmen haben sich bis zur Unkenntlichkeit verwandelt, manche sind verschwunden, praktisch über Nacht. Vom Draufgängertum, wie es gang und gäbe war, keine Spur mehr. Vorsichtig geworden sind unter meinen Kollegen selbst die Abenteurer, die sich einst einen Spaß daraus machten, einander im Spiel mit fremdem Geld zu übertreffen. Sie tapsen jetzt herum wie im Dunkeln. Sie zittern nach jedem neuen Börseneinbruch vor den Ereignissen, die der folgende Tag bringen könnte. Sie rätseln über neue Regeln, die sie noch nicht kennen, aber schon fürchten. (…)

Es gibt noch Hoffnung

Boutiquen wie die, für die ich arbeite, begreifen die Krise sogar als Chance. Sie glauben noch an Wachstum, ihr eigenes inbegriffen. Von den Leuten, die ihren Job verloren haben, stellen sie die Besten ein, und wer noch Geld flüssig hat, hält Ausschau nach unterbewerteten Firmen, wie es Warren Buffett tut. Ich will damit nicht behaupten, dass wir die Talsohle erreicht oder gar durchschritten hätten. Ich will nur andeuten, dass die Hoffnungslosigkeit sich nicht bis in den letzten Winkel der Wall Street ausgebreitet hat.

Keine Frage, es sieht trotzdem düster aus. Bis Ende des Jahres werden Zehntausende von Kollegen allein in New York ihren Job verlieren. Was das für eine Stadt bedeutet, die von der Finanzindustrie entscheidend geprägt wird und auf deren Steuerzahlungen angewiesen ist, wage ich gar nicht, mir auszumalen. Ob Restaurants oder Theater, ob Taxifahrer oder Immobilienmakler, ob Friseure, Masseure oder Schuhputzer, alle klagen schon über schlechtere Geschäfte und schauen noch ängstlicher in die Zukunft. (…)

Ich war froh, als Regierung und Kongress sich vor ein paar Tagen endlich geeinigt und ihre 700-Milliarden-Dollar-Rettungsaktion in Gang gesetzt haben. Meine Geschäftspartner werden dadurch wieder liquide. So weit die gute Nachricht. Um mich herum sehe ich aber nach wie vor nur besorgte Gesichter. Die Leute sind in Panik. Sie können sich keinen Reim mehr auf die Vorgänge auf den Finanzmärkten machen. Wer seinen Job verliert, muss mit einer langen Arbeitslosigkeit rechnen. Die vergangenen Tage haben die Lage nur noch verschärft.

Am Ende dieser Woche ist klar: Die Regierung hat viel zu lange gezögert, einzugreifen. Das Resultat ist, dass es noch länger dauern wird, bis wir wieder Fuß fassen. Es ist total deprimierend. (…)

Ungewissheit bis zum Frühjahr

Frühestens in sechs bis acht Monaten könnte, wenn wir Glück haben, der Wendepunkt erreicht sein. Aber das ist nichts als Spekulation. Wer das nächste halbe Jahr auf Kredite angewiesen ist, wird garantiert nicht viel Spaß haben. Danach könnte es wieder etwas freundlicher aussehen. So hoffe ich es wenigstens. Bis zum Frühjahr werden wir wissen, wohin die Reise geht. (…)

Unser Finanzsystem wird der Krise nicht zum Opfer fallen. Ich sehe jeden Tag, wie viel Geld bereitliegt, draußen in Amerika und draußen in der Welt. Nur sind die, die es haben, nicht länger willens, es anzulegen. Sie haben Angst, es zu verlieren. Was niemanden verwundern kann. Es ist doch klar, dass jeder vor dem Hurrikan, der zurzeit durch die Wall Street tobt, in Deckung geht. Nichts wird sich daran ändern, solange die Gefahr besteht, dass der Sturm noch beträchtlich an Stärke gewinnt und mit der Zerstörungskraft von „Katrina“ die gesamte amerikanische Finanzlandschaft verwüstet. (…)“

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