Obamamania

Beschleicht auch Sie ein leichtes Unwohlsein, wenn Sie von der Massenbewegung hören, die Barack Obama in den Vereinigten Staaten derzeit aus der Taufe hebt, mit seiner einfachen, aber wirksamen Rhetorik? „Hoffnung“ und „Wandel“ heißen die Schlagworte, um die herum er seine Reden strickt. Mit der Attitüde des Erweckers trägt er sie vor – „Ja, wir schaffen es“ lautet der wieder und wieder verwendete Slogan, der seine enthusiastischen Anhänger in Begeisterungsstürme versetzt.

„Der Messias-Faktor – Barack Obama und die Sehnsucht nach einem neuen Amerika“ titelte der Spiegel vergangene Woche und nannte den Senator aus Illinois einen „Menschenfänger“. Ein komplett erneuertes Amerika, auf das sie alle wieder stolz sein können, verheißt er den Amerikanern, und ein wachsender Teil der liberalen Hälfte läuft ihm zu. Die andere, konservative Hälfte schart sich derweil um den 71jährigen Senator John McCain. Einen „American Hero“ nennen sie ihn gern, auch wenn er vielen von ihnen immer noch nicht konservativ genug ist.

Einige Journalisten in den USA beginnen, das Obama-Phänomen kritisch zu hinterfragen. Der Fernsehsender CNN brachte vergangenen Freitag einen kurzen Beitrag dazu:

Der Politblog „Crooks und Liars“ stellte gestern einige Ausschnitte aus den Zeitungsartikeln zusammen, die den Hintergrund des CNN-Beitrags bildeten. Während Blogartikel in „Crooks and Liars“ normalerweise 10 oder 20 Leserkommentare nach sich ziehen, sind es zu diesem bereits jetzt weit über 500, und mehr als 1000 Leser „diggten“ den Artikel.

Einige politische Kommentatoren, so hatte CNN berichtet, empfänden die Szenen, die sich in Obamas Wahlveranstaltungen abspielten, weniger „inspirierend“ – eine von Obamas Lieblingsformeln – als vielmehr „creepy“, also gruselig.  Dies Attribut geht auf einen Beitrag im Time-Magazine zurück, in dem es u.a. heißt,

„[T]he message is becoming dangerously self-referential. The Obama campaign all too often is about how wonderful the Obama campaign is.“

„Obama’s Super Tuesday victory speech“ sei ein klassisches Beispiel für das rhetorische Genre, mit dessen Hilfe man sich zu einer Kultfigur stilisiert, analysierte die Washington Post:

„Its effect was electric, eliciting a rhythmic fervor in the audience — to such rhetorical nonsense as ‚We are the ones we’ve been waiting for. (Cheers, applause.) We are the change that we seek‘.”

„Unglücklich das Land, das Helden nötig hat“ lässt Brecht den Galilei sagen. Allemal nach der Bush-Ära ist Amerika wohl so ein Land. Die republikanische Hälfte seiner Bürger sammelt sich hinter dem Kriegsveteranen McCain. Eine von dessen Lieblingsvokabeln ist „proud“ – es gibt offenbar wenig in seinem Leben, worauf John McCain nicht stolz ist. Der Fernsehauftritt, in dem Arnold Schwarzenegger seine Unterstützung für McCain verkündete, gemeinsam mit dem früheren New Yorker Bürgermeister Rudy Giuliani, war ebenfalls „creepy“, wenn auch mit deutlich komischem Einschlag: Alle drei platzten schier vor Stolz, als sie sich vor laufenden Kameras gegenseitig versicherten, echte „American Heros“ zu sein – jeder auf seine Weise.

Wenn die liberale, demokratische Hälfte der Amerikaner nun mehrheitlich einem Politiker folgt, der sich zu einer Kultfigur mit messianischen Zügen stilisiert, so ist dies ebenso unglücklich. Die massenpsychologische Dynamik ist eine ganz ähnliche. Der visionäre „Menschenfänger“ verspricht, dass alles besser werden wird, wenn man ihm nur folgt. Der „Held“ hat seine außergewöhnlichen Qualitäten nach dem Urteil seiner Anhänger bereits bewiesen. Beide Varianten drängen zur pauschalen, kritiklosen Gefolgschaft. In beiden Fällen wird die tiefe Sehnsucht der Menschen ausgebeutet, sich identifizieren zu können mit ihrem Land, wieder stolz zu sein auf Amerika. Diese Verheißung verkörpert die charismatische Führerfigur.

Die Suche nach politischer Orientierung wird so in die Sphäre mächtiger Gefühlsströmungen hineingezogen. Emotionen sind in Wahlkampfzeiten gewiss immer mit im Spiel. Mit „des Gedankens Blässe“ allein werden Wahlen nicht gewonnen. Aber je messianischer die Rhetorik und je kultfördernder die Kampagne, desto unreflektierter die politische Urteilsbildung. Wenn Menschen massenweise ihren Geist aufgeben und sich von ihren Gefühlen forttragen lassen, und es geht dabei um Politik, so ist dies immer ein Grund zur Sorge.

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  1. “Menschenfänger” vs. “American Hero” - zur politischen Kultur des amerikanischen Vorwahlkampfs « PsychoNeuro

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