Nähere Anmerkungen zur „Wunderheilung“

Die International Herald Tribune brachte gestern einen großen Bericht über die auf wundersame Weise von der Parkinson-Krankheit geheilte französische Nonne, mit Einzelheiten über die Abläufe. Hier ein Auszug:

„Diagnosed in 2001 with Parkinson’s, a degenerative disease of the nervous system, she said that her symptoms grew worse over time. She had difficulty walking, writing and driving a car. She could not sleep and her hands trembled. Her body was wracked with pain.

John Paul became an inspiration for her because of his own very public suffering from Parkinson’s disease in the decade before his death on April 2, 2005. It also became too painful for her to watch him on television, because, she said, „To be honest, I saw myself in the years to come in a wheelchair.“

But her fellow nuns, the Little Sisters of Catholic Maternity Hospitals in Puyricard near the southeastern town of Aix-en-Provence, prayed to the pope for her recovery.

In June 2005, exactly two months after the pope’s death, she asked to be relieved of her duties as supervisor of a 40-bed maternity ward. Her mother superior told her to write the name of John Paul on a piece of paper, but the words were illegible.

Later that night, after her evening prayers, a voice from within told her to pick up a pen and write. She was stunned to see that she could write legibly again.

When she awoke early the next morning, she said, she felt „completely transformed. I felt that my body was no longer the same and that I was no longer the same,“ she said, adding that it was „a bit like a second birth.“

After her recovery, she told one of her fellow nuns: „Look at my hand. It is no longer trembling. Jean Paul II has cured me.“

Nun wird ein von der „Kongregation für Heiligsprechungen“ zusammengestelltes Ärzteteam die Sache genau untersuchen und dann entscheiden, ob die überraschende Genesung der Ordensschwester tatsächlich ein Wunder war.

Nach Angaben der Herald Tribune verlangt Papst Benedikt eine eindeutige Verifikation – und zwar den Beweis eines „physikalischen“, nicht nur eines „moralischen“ Wunders. Die Angelegenheit müsse, so Benedikt in einem Brief an die Kongregation, tiefgehend „im Lichte der kirchlichen Tradition, der modernen Theologie und des anerkannten wissenschaftlichen Forschungsstandes untersucht werden“.

Es wäre gut, wenn der Vatikan auch psychosomatisch und psychodynamisch geschulte Experten in die Untersuchungskommission berufen würde. Vor allem sollte die Sicherheit der ursprünglichen Diagnose überprüft werden. Bereits dem Zeitungsbericht lassen sich mühelos Anhaltspunkte für psychodynamische Zusammenhänge entnehmen.

Die Ordensschwester war erst 40, als die Symptomatik bei ihr begann, also untypisch jung für eine Parkinson-Erkrankung. Offenbar identifizierte sie sich sehr mit dem an dieser Krankheit bekanntlich schwer leidenden Papst. Er sei „eine Inspiration“ für sie geworden wegen seines „öffentlichen Leidens“. Ihn im Fernsehen zu sehen, sei jedoch „zu schmerzhaft“ für sie gewesen – sie habe sich in den nächsten Jahren dann selbst schon im Rollstuhl gesehen.

Am Tag der Heilung eröffnete die Nonne ihrer Ordensmutter ihren Wunsch, wegen der Krankheit von ihren damaligen Pflichten entbunden zu werden. Die Oberin habe sie daraufhin einem Test unterzogen: den Papstnamen habe sie schreiben sollen, der wegen des parkinsontypischen Zitterns jedoch unlesbar gewesen sei. Nach dem Abendgebet habe ihr dann eine innere Stimme gesagt, sie solle erneut einen Stift nehmen und schreiben, was nun plötzlich wieder möglich war. Am nächsten Morgen habe sie sich wie neugeboren gefühlt.

Es wäre unseriös, auf der Grundlage dieser wenigen Informationen Spekulationen über die Art der psychodynamischen Zusammenhänge anzustellen. Gleichwohl: Der „heilige Johannes Paul“ oder der alte Freud, das ist hier die Frage.

Übrigens ist die Parkinson-Diagnose nach einem Bericht der San Diego Union Tribune angeblich in einem Fünftel aller Fälle falsch:

„As many as 200,000 of the estimated 1 million people in North America who learn they have Parkinson’s disease, a progressive disorder marked by tremors and slow movement, may be misdiagnosed because the condition requires special expertise to recognize and treat.“

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